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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Als Karl zum Fenster hinaus schaute

Eine Kurzgeschichte von Nils Markwart


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Karl war mit seinem kleinen, aber feinen "Fiat Uno" auf dem Weg zu seinen Eltern, die ihre Silberhochzeit feiern wollten. Er schaute immer kreuz und quer durch die Landschaft und konzentrierte sich daher nicht so stark auf das Autofahren, obwohl er wusste, dass die Straße von vielen Bahnübergängen gekreuzt wird.
Währendessen saß Sheryll noch immer im ICE, der gerade eine langsame Stelle passiert hatte. Beide waren noch völlig unbekümmert und ahnten nicht, in welcher Weise sich ihre Wege noch kreuzen würden. Plötzlich wurde der Zug nach dem normalen Anfahren immer schneller, wodurch Sheryll immer nervöser wurde. Durch das zu hohe Tempo war der Zug zu früh an einer Weiche, an welcher normalerweise ein entgegenkommender ICE auf ein anderes Gleis geleitet wird. Daher kam es zur Katastrophe: Die Züge stießen mit hoher Geschwindigkeit zusammen und entgleisten logischerweise.
Dies geschah direkt an einem Bahnübergang, an welchem Karl gerade mit seinem Fiat stand. Er war zunächst völlig geschockt, dass genau vor seinen Augen so etwas passiert war. Doch dann überwand er nach einigen Minuten diesen Schock, stieg sofort aus und suchte nach Überlebenden. Zuerst fand er nur Leichen, doch dann hörte er ein Wimmern aus dem letzten Waggon. Nachdem er dorthin gespurtet war, stellte er voller Entsetzen fest, dass es Sheryll, seine Tante war, die ebenfalls zur Silberhochzeit wollte. Er holte sie sofort aus dem Waggon, da der Zug jeden Moment explodieren konnte. Karl legte seine Tante einige Meter vom Unglücksort entfernt auf den Boden, wo sich ein inzwischen eingetroffener Notarzt um sie kümmerte. Karl hörte aber plötzlich einen lauen Schrei aus Richtung der Züge, woraufhin er sich noch einmal in die Flammen stürzte. Er rettete noch drei Kinder und eine hochschwangere Frau, bevor er ein letztes Mal in einen der beiden Züge ging, nachdem er ein Jammern gehört hatte. Doch in diesem Moment explodierten beide Züge mit einem schrecklichen Knall und Karl wurde mit großer Wucht herausgeschleudert. Durch den harten Aufprall zog er sich mehrere Knochenbrüche zu, mit denen er erst mal von Sanitätern erstversorgt wurde, bevor er von einem herbeigerufenen Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen wurde. In der Klinik wurde er sofort notoperiert, da er sehr viel Blut durch seine gerissene Milz verlor. Karl kam durch den hohen Blutverlust noch während der Operation ums Leben.
Der Notarzt kämpfte am Unglücksort noch immer um das Leben von Sheryll. Sie hatte zunächst einmal überlebt. Dann setzten bei der schwangeren Frau plötzlich die Wehen ein, wodurch der Notarzt dann auch noch zur Hebamme wurde. Die Frau brachte noch ein gesundes Kind zur Welt, bevor sie starb. Karls Tante bekam den Tod ihres Neffen gar nicht mehr mit, da sie die Aufregung nicht verkraftete und an Herzversagen starb.
Zur gleichen Zeit warteten Karls Eltern vergeblich in Frankfurt am Bahnhof, als durch die Lautsprechanlagen durchgesagt wurde, dass der ICE Köln - Frankfurt verunglückt sei und es nur vier Überlebende gibt: Die drei Kinder und eine Frau, die Karl allesamt gerettet hatte, bevor er starb. So wurde Karl zum tragischen Held und aus einer bevorstehenden Silberhochzeitsfeier wurde eine ziemlich große Trauerfeier. Und so kreuzten sich Karls und Sherylls Weg noch einmal: auf dem Friedhof!



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Eingereicht am 16. September 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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