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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Als Karl zum Fenster hinaus schaute

Eine Kurzgeschichte von Nils Büsing


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Um 8.23 Uhr kam sie in Frankfurt an und fuhr wie gewöhnlich mit der S-Bahn zur Arbeit ins Büro. Um 12 Uhr war Mittagspause. Sie ging mit ihrer Arbeitskollegin ins gegenüberliegende Restaurant. Sie bestellte einen großen Schnitzelteller mit Pommes und Salat. Dazu trank sie einen Saft.
Zur gleichen Zeit saß Karl immer noch am Fenster. Plötzlich fuhr Katie Price oben ohne in einem Cabriolet vorbei und Karl lehnte sich sehr, sehr weit aus dem Fenster, um Katie hinterher zu schauen. Plötzlich löste sich der Fensterrahmen aus der Mauer und Karl verlor das Gleichgewicht. So fiel er, samt Rahmen, aus dem 5. Stock auf den harten Straßenasphalt, direkt vor das Fenster des Restaurants, in dem Sheryll saß. Diese rief einen Krankenwagen, der auch wenige Minuten später eintraf. Die Sanitäter nahmen sofort die Erstversorgung vor und warten dann auf den Notarzt. Dieser traf innerhalb einer viertel Stunde ein. Karl hatte inzwischen ca. einen Liter Blut verloren. Der Notarzt stellte dazu noch einen Oberschenkel-Halsbruch fest. Karl musste sofort in das Krankenhaus. Zwei Tage später hatte sich Karls Zustand stabilisiert. Er lag im künstlichen Koma um seine Gesundheit zu schonen. Sheryll besuchte ihn zweimal am Tag, da sie sich in ihn verliebt hatte, als sie sich drei Wochen zuvor bei einem ersten Zusammentreffen im Zug unterhalten hatten. Sie redete mit ihm. Ständig. Zweieinhalb Monate später, Sheryll war gerade wieder bei ihm, um mit ihm zu reden, zuckte er plötzlich mit dem linken Auge. Sheryll brach in Freudentränen aus. Karl öffnete die Augen und schaute Sheryll entgeistert an. Er hatte sich im Zug schon von der Art Sherylls genervt gefühlt. Sie umarmte ihn, doch Karl konnte nicht wegrennen. Er konnte auch nicht schreien. Er wird für immer stumm sein. Weitere zwei Monate später durfte Karl sich schon wieder fortbewegen, wenn auch nur mit einem Rollstuhl. Sheryll war ständig bei ihm und quatschte in voll. Karl wäre weggelaufen, wenn er hätte können. Dann kam ihm eine Idee. Er machte Sheryll kenntlich, dass er ein letztes mal auf den Alten Turm wolle, bevor die Firma, in der auch Sheryll arbeitete, einen Wolkenkratzer baut, der dann die Sicht einschränken würde. Der Turm hat keinen Fahrstuhl und so trug Sheryll ihn alle 120 Stufen hinauf. Oben angekommen war dort eine Plattform mit Geländer. Karl tat so, als wolle er Sheryll etwas zeigen und so lehnte diese sich ans Geländer. Karl nutzte seine Chance und warf Sheryll den Turm runter. Diese schlug mit einem lauten Klatsch unten auf. Karl hingegen hatte nicht daran gedacht, dass er auch wieder runter muss, doch niemand holte ihn vom Turm wieder herunter. So schmiss er den Rollstuhl die Treppenstufen herunter und rutschte danach Stufe für Stufe selbst hinunter. Unten hatte sich schon eine große Menschentraube um den Fleck, der einmal Sheryll gewesen war, gebildet.
Am nächsten Tag musste Karl mal wieder nach Frankfurt, wohin er mit dem Zug fahren wollte. Doch er hatte nicht eingerechnet, dass er im Rollstuhl sitzt und nun nicht so schnell vorankommt. Er kam gerade erst am Bahnsteig an, als der Zug schon anfuhr. Wieder hatte er nicht berechnet, dass er im Rollstuhl sitzt und kam so mit soviel Schwung an, dass er direkt vor den anfahrenden Zug fiel und plattgefahren wurde. Auf dem Friedhof, gab es dann ein aus des toten Karls Sicht, grässliches Wiedersehen. Sein Grab liegt genau neben Sherylls Grab.



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Eingereicht am 16. September 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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