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Auszeit

Eine Kurzgeschichte von Serena


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Sie beschloss, sich für den nächsten Tag frei zu nehmen.
"Endlich Zeit für mich!" Schlaftrunken gehe ich in die Küche, dem Geruch von frischem Kaffee folgend, um mir in Ruhe ein Frühstück zu genehmigen. Während das Spiegelei in der Bratpfanne brutzelt, nehme ich den Kaffee und setzte mich ans Fenster. In Gedanken versunken starre ich auf die Leute. "Es wird immer schlimmer! Die Menschen sind nur damit beschäftigt so schnell wie möglich von A nach B zu gelangen. Es bleibt ihnen überhaupt keine Zeit sich Gedanken über die Mitmenschen, die Umwelt oder sich selbst zu machen. Sieht so ein erfülltes, glückliches Leben aus?!? Jeder wünscht sich mehr Ruhe im Alltag, in dem er Zeit für sich und seine Familie hat. Jedoch zwingt uns der Machtgedanke immer mehr und mehr zu erreichen und zu leisten. Wir finden nie Ruhe, wir beschäftigen uns immer mit dem Gedanken der Arbeit. Sogar im Schlaf werden wir von Stressgedanken geplagt. Das Streben nach Mehr wird sogar auf die jüngeren Generationen übertragen. Immer öfter trifft man Kinder, die Englischkurse besuchen und auch das Wort "Juniormanager" wird immer öfters in Zeitungen erwähnt." Nach einem Schluck Kaffee knüpfe ich an meinen Gedanken an: "Der Fortschritt ist nicht zu bremsen!" Mein Blick schweift über den Horizont und ich sehe nichts weiter als Beton, Staub und verschmutzte Strassen. Von überall her ertönt Lärm, sei es von schreienden Kindern, Bauarbeiten oder dem Verkehr.
Ich denke an den Fernsehbericht über die geplanten Meeresüberbauungen und überlege mir, dass wir mehr und mehr die schöne Natur zerstören nur damit wir uns weiterentwickeln können. Nach dem Motto: "Nach mir die Sintflut!" Nur denken wir nicht daran, dass wir uns so immer mehr selbst zerstören, da wir die gestauten Depressionen nicht mehr ausleben können. Somit bekämpfen wir uns gegenseitig und merken nicht, dass es sich negativ auswirkt.
Der Geruch eines verbrannten Spiegeleies reisst mich aus meinen tiefgründigen Gedanken. Ich renne in die Küche und probiere einen möglichen Rest des verkohlten Eies zu retten. Das Telefonklingeln unterbricht jedoch meine hektische Rettungsaktion. Genervt greife ich zum Hörer und melde mich mit einem gestressten: "Hallo!" Die Stimme der Sekretärin meines Chefs meldet kleinlaut, dass ich unbedingt die Unterlagen für die -- ach so wichtige -- Präsentation so schnell wie möglich vorbei bringen muss. Mit einem grossen Seufzer knalle ich den Hörer auf die Gabel. Der Alltagsstress hat mich wieder! Hastig suche ich die notwendigen Unterlagen, ziehe mich an, greife nach dem Schlüssel und stürze die Stufen hinunter. Meine pessimistisch eingestellte Nachbarin will gerade ein Gespräch mit mir anfangen, als ich an ihr vorbeieile. Mit einem hastigen Kopfschütteln und einem zwingenden Lächeln verweise ich sie in den Garten.
Nach zehn Minuten ist immer noch kein Taxi in Sicht! Wütend entscheide ich mich, den Weg zur Arbeit zu Fuss hinter mich zu bringen. Während des Zurücklegens des Weges meldet sich laut knurrend mein Magen. Beim Überqueren einer Strasse entdecke ich einen überfüllten Imbissstand. Keuchend bestelle ich ein Sandwich und esse es während ich weitereile. Menschen hasten an mir vorbei ohne mich eines Blickes zu würdigen. Der Ursprung meines Stresses erscheint langsam in meinem Blickfeld. Mein Chef empfängt mich mit einem genervten Ausdruck im Gesicht.
Nach langen, unruhigen vier Stunden stolpere ich erschöpft durch die Türe nach draussen. Um mich herum immer noch der Lärm des Alltags. Ein Blick auf die Uhr lässt mich erkennen, dass mein freier Tag fast vollends an mir vorübergezogen ist. Obwohl ich mir vorgenommen hatte, eine Auszeit zu nehmen, rutschte ich trotzdem wieder in meinen herkömmlichen Alltag hinein. Die Gedanken des Morgens wurden, wie alles andere auch, vom Stress verdrängt. Langsam frage ich mich, ob die Menschheit irgendwann zur Vernunft kommen wird, um dies zu ändern!?
Mit einem Lächeln im Gesicht entschliesse ich mich zu meinem geliebten, alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert zu gehen, um dort meinen Tag zu Ende gehen zu lassen. Dort angekommen, entdecke ich einen weiteren Geniesser, der sich wahrscheinlich ebenfalls eine Auszeit gönnt.



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Eingereicht am 03. September 2003.
Herzlichen Dank an die Autorinnen.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorinnen.