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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Alles nur ein dummer Zufall

© Michael Morgenstern


Unser Buchtipp
Schaurig gut!

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-3-6

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Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Aber wie das Schicksal nun mal seinen Lauf nahm, begegneten sie sich noch am selben Abend. Es war eine Kneipe in der Altstadt Frankfurts. Er schlenderte so durch die Straßenzeilen und Wohngegenden nach sinnlosen Vergnügungen. Sie ruhte sich von der Zugfahrt bei einem Glas Wein aus. Er sah sie sitzen. Er sah ihren Mund, ihre Lippen, ihr Gesicht, ihre Beine und ihren schmalen Körper.
Und er wusste ganz plötzlich, dass dies das Mädchen seiner Träume war.
Denkt man nun, dass Liebe auf den ersten Blick etwas mit Gemeinsamkeiten und gleichen Interessen zu tun hätte, dann irrt man sich gewaltig. Denn Liebe ist nicht eine geistige Angelegenheit, sondern eine körperliche. Am besten ist noch die alte Volkswahrheit, die besagt, dass man sich liebt, weil die Chemie stimmt.
Es ist das reine Gefallen zweier Körper aneinander, die mit Hilfe einer Geheimsprache miteinander kommunizieren. Während sich die Köpfe gegenseitig abstoßen können, verschmelzen die Körper. Jeder kennt doch das Gefühl: du trittst in einen Raum mit vielen Gästen und da ist die eine die dir gefällt. Ihr habt noch nie ein Wort miteinander gewechselt, aber du hast schon das Gefühl du kennst sie. Du spürst ihre Nähe. Du spürst, wenn sie den Raum verlässt. Du spürst, dass sie atmet. Euere verschämten niedergeschlagenen Blicke treffen sich im Bruchteil einer Sekunde, als wenn die Augenpaare schon vorher gewusst hatten, dass sie sich treffen werden. Da leider unsere menschliche Sprache dazu da ist, die Unterschiede zwischen den Menschen zu bekunden, ist jedes Wort ein Risiko. Das Bewusstsein ist voll von Wissen, Vorurteil, Schablone und Maßstab.
Die reine Empfänglichkeit für die körperlichen Reize des anderen wird durch die Sprache verschmutzt. Liebt man aber rein nach seinen körperlichen Gefühlen, dann ist es nicht wichtig was die Geliebte tut oder sagt. Es wäre nur wichtig, dass die Geliebte da ist, dass sie in der Nähe ist. Es ist diese Nähe, die uns glücklich macht. Sie betritt den Raum und du fühlst dich gleichsam im siebten Himmel.
So fühlte Karl sich in diesem Augenblick. Obwohl er sie nicht kannte war er hingerissen. Sie saß an der Bar und sein Herz pochte.
Aber wie sie anreden. Das Anreden ist ja gerade der wichtigste Akt, aber leider auch das größte Wagnis. Trotz seiner Angst fand er die Worte:
"Verzeihen Sie, dass ich Sie so unvermittelt anrede, aber ich würde mich gerne auf den freien Platz neben Sie setzen."
"Ja, sicher", sagte sie kurz und lakonisch, mit der selben Gleichgültigkeit mit der uns leider unsere Mitmenschen heutzutage begegnen, dabei müsste doch jede Begegnung zwischen den Menschen wie ein schönes Geschenk aussehen.
Karl war das bereits gewohnt. So waren die Leute eben. Deswegen glich er ihr introvertiertes Verhalten durch ein hohes Maß von Eloquenz aus.
"Ich hatte wirklich Angst Sie nach dem Platz zu fragen. Ich meine, das klingt so aufdringlich. Nicht dass Sie noch etwas denken von mir."
"Ich habe mir nichts gedacht."
"Gut jeder Mensch denkt doch etwas. Ich denke mir ja auch was," sagte er um weiterhin das Gespräch nicht zum Verstummen kommen zu lassen.
Sie wandte ihre Aufmerksamkeit ihm zu. Manche Frauen lassen sich gerne in eine Diskussion verwickeln. Man muss dann nur den geeigneten Köder finden.
Karl wartete nicht, bis sie etwas erwidern konnte.
"Ich habe mir zum Beispiel gedacht, was tut so eine attraktive junge Frau alleine hier in der Kneipe. Erwarten Sie vielleicht jemanden?"
"Nein, ich erwarte niemand. Ich komme aus Köln, bin aber zwei Tage in Frankfurt um mein Projekt vorzustellen."
"Oh ein Projekt. Sicherlich beruflich. Dann sind Sie ja ganz alleine in Frankfurt? Sie kennen sicherlich Frankfurt noch gar nicht richtig. Wie wär´s mit einer Stadtbesichtigung? Ich werde ihr Tourguide sein."
"Sie sind aber schnell im Kennlernen. Wir kennen uns ja noch gar nicht."
"Mir aller Erlaubnis eine Stadtbesichtigung ist ja kein intimer Beischlaf. Ich wollte nur freundlich sein."
"OK, Entschuldigung. Sie sind freundlich. Aber bei Männern weiß man als nie."
"Sie haben also schlechte Erfahrungen mit den Männern gemacht? Aber nein, antworten Sie nicht. Ich will nicht unhöflich sein und mich in Ihre Privatsphäre einmischen. Nicht, dass Sie noch schlecht von mir denken."
"Ich denke nicht schlecht von Ihnen."
"Also haben Sie keine Lust sich ein bisschen die Füße zu vertreten?"
Sie lachte. Schließlich, nach einigen Hin und Her gab Sie nach und sagte ja zur Stadtbesichtigung.
Da er schon immer ein gewisses Interesse an altertümlichen Bauwerken hatte und ja auch den Vormittag damit zugebracht hatte auf den alten Turm einer Kirche aus dem 14 Jahrhundert zu blicken, fiel es ihm nicht schwer seine Stadtbesichtigung wie ein professioneller Reiseleiter zu gestalten.
Damit konnte er sich prächtig bei ihr profilieren. Denn Frauen ist es ein Bedürfnis, dass der Mann der mit ihnen verkehrt Geist und Charme besitzt.
Dann musste Karl nur noch ein Kompliment über ihre Kleider und ihren Intellekt machen und schon fühlte sie sich wohl in seiner Nähe.
Bis zur körperlichen Vereinigung, seinem eigentlichen Ziel, war es allerdings noch ein weiter Schritt. An dem gleichen Abend kehrte sie alleine in ihr Hotel zurück. Denn so einfach macht es keine Frau einem Mann. Obwohl manche Frauen schon eine körperliche Empfänglichkeit spüren, ziehen sie sich zurück um nicht ihre Selbstachtung zu verlieren. Sheryll wäre der Gedanke mit einem Mann, am ersten Tag des Kennenlernens ins Bett zu gehen, nie gekommen. Sie war ja auch verheiratet und suchte deshalb kein Abenteuer. Und am nächsten Tag musste sie wieder nach Köln zurückfahren. Telefonnummer und Anschrift wollte sie Karl nicht geben, aber sie gab ihm ihre Emailadresse.
So fing er an, ihr Emails von privatem Charakter zu schreiben. Sie ging darauf ein und schrieb ihm Details von ihrem Leben. Dann ging er dazu über pikanter zu werden. Er fragte sie, ob sie so etwas hätte wie sexuelle Vorlieben. Sie verneinte, fragte aber ihrerseits an, was er denn für Neigungen besitze. Er behauptete, er hätte manchmal schon so gewisse Vorstellungen was besonders erregend sein könnte und dass gerade die gegenseitigen Emails ihn schon betörten.
Das war wie Feuer auf die Wunde. Denn tatsächlich wurde ihr Emailverkehr immer intimer und intimer. Die Sprache in den Emails war wie ein Spiel. Sie war nicht richtig ernst gemeint. Man konnte niemand festnageln und zur Verantwortung ziehen. Dann war es nur noch ein kleiner Schritt, dass sie ihre intime Freundschaft vertiefen sollten. Karl lud Sheryll wieder nach Frankfurt ein und sie nahm die Einladung an.
Er wusste, dass sie verheiratet war, aber wenn störte das schon. Ihn sicherlich nicht.
Als sie sich wiedersahen wurde ihnen die Peinlichkeit ihres Emailverkehrs bewusst.
Sie schauten verschämt auf den Boden über ihre eigenen Albernheiten.
Aber da sie beide von den geschriebenen intimen Geständnissen berauscht waren, war es eigentlich nur noch ein kleiner Schritt bis zur ersten Berührung. Dann war es auch nur noch ein kleiner Schritt von der ersten Berührung zum ersten Kuss. Und vom ersten Kuss bis zum ersten Sex war es dann auch nur noch ein kleiner Schritt, wie es ja auch für Armstrong ein kleiner Schritt von der Mondlandefähre bis zum Mond war, wenn er überhaupt je dort gewesen ist.
Beide kannten sich nicht in ihrem echten alltäglichen Umfeld. Vielleicht war es dies was diese Beziehung so erfrischend machte.
Auch Karl hatte eine feste Partnerschaft. Aber er suchte Ruhe von der Ernsthaftigkeit und der Verantwortung. Sie wollte der Banalität ihres Alltages entfliehen.
Ihre Treffen erschienen ihnen wie eine Oase in der Wüste ihrer wirklichen Welt.
Da Sheryll nicht über Nacht in Frankfurt bleiben konnte, ansonsten hätte ihr Ehemann etwas gemerkt, mietete sie sich kein Zimmer. Sie trieben es also nicht in einem Hotel, sondern in Karl´s Auto.
Da sie aber nirgendwo einen Abstellplatz fanden, der unbeobachtet und einsam war, kam Karl auf die wahnsinnig gute Idee eine Plane zu kaufen, um sie über das Auto zu stülpen.
Danach brauchten sie nur noch einen geeigneten Parkplatz zu finden, der nicht ganz so voll war von den Menschenmassen. Natürlich war das peinlich, wenn man die Plane festmachte und dann zu zweit ins Auto stieg. Oder auch wenn beide völlig zerzaust und ermattet aus dem zugedeckten Auto wieder hervorkamen. Aber dieses ganze notwendige Vorspiel lohnte sich.
Es steigerte nur noch mehr ihre Lust.
Bei ihr konnte Karl sich sexuell so richtig gehen lassen, da er sich in seiner festen Partnerschaft meist selber im Wege stand. Er sagte, dass er sich trotz allem pudelwohl fühle. Sheryll bezeichnete ihr gemeinsames Vergnügen als ein Bad in Champagner. Beide experimentierten mit ihrer Lust. Ihre Beziehung war reiner Sex.
Sie waren so zärtlich zueinander wie noch nie in ihrem Leben mit anderen. Bei allem was sie taten ließen sie sich Zeit bis zur Erschöpfung. Die Küsse, das Zungenspiel, das sanfte Betaschen, die obszönen Unartigkeiten, das grobe Berühren, die ermunterten Gebärden und das zarte Beißen - alles verschmolz ineinander, es war wie ein Fließen, das ihre Körper berauschte und sie in einem Wind der Glückseligkeit gefangen nahm.
Sie hatten nie das Gefühl, dass sie etwas Unmoralisches taten. Das Wort Fremdgehen mit all seinen negativen Assoziationen kam nicht in ihr Bewusstsein. Es hätte sie verwirrt. Sie hätten sich unnötige Fragen gestellt. Vielleicht sogar Vorwürfe gemacht.
Während Karl in ihr drin war, stammelte er:
"OH, ich bin so froh, dass ich dich damals angeredet habe."
Was sollte Sheryll denn darauf antworten. Sicherlich war auch sie froh, dass er nicht so schüchtern war wie die meisten Männer. Denn auch sie hasste die alltägliche Anonymität der Menschen, obwohl sie ja auch nicht über ihren Schatten springen konnte.
Ihr Zusammentreffen erschien Ihnen wie ein großer Zufall. Wäre Sheryll oder Karl nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen, dann hätten sie sich nie kennen gelernt. Sie hätten sich aber auch nie geliebt, wenn nicht ihr intensiver Gedankenaustausch auf dem heimischen Computer stattgefunden hätte. Und dieser Austausch erschien ihnen so unwirklich wie ihr Zusammentreffen, denn die virtuelle Welt ist gar nicht richtig greifbar. So fingen sie schließlich an darüber intensiver nachzudenken.
"Alles was uns im unserem Leben begegnet oder was unsere Wege kreuzt, ist doch in uns schon vorherbestimmt", bemerkte Karl als er sie nackt im Arme hielt.
"Wie kommst du auf so einen Gedanken", meinte sie spöttisch.
"Ich möchte unserer Beziehung nur einen höheren Sinn geben, denn immerhin verhalten wir uns nicht ganz richtig."
"Wieso verhalten wir uns nicht ganz richtig?"
"Ich meine mit ganz richtig, dass wir unsere Partner betrügen, aber trotzdem glücklich mit ihnen zusammenleben."
Karl wollte eigentlich nie über dieses Thema reden, denn zu leicht könnte es ihre Beziehung zerstören.
"Wieso nehmen wir die Dinge nicht so wie sie sind. Wir lieben uns, weil unser Alltag weit weg von uns ist. Das sollte reichen. Ich brauche dazu keinen höheren Sinn."
"Ich bin zu religiös um nicht von einem höheren Sinn zu sprechen. Ich glaube Gott will uns ein Rätsel aufgeben."
"Was meinst du damit?"
"Könnte es sein, dass man die Liebe nicht in einer Partnerschaft einkerkern darf, dass man sie geradezu dadurch zerstört."
"Nein, das glaube ich nicht. Es ist eher so, dass durch die gebundene Partnerschaft die Liebesfähigkeit oder die Bereitschaft zu lieben gesteigert wird. Man wir empfänglicher gemacht für die Liebe. Vielleicht wäre ich mit dir nie zusammengekommen wenn du keinen Partner gehabt hättest. Ich hätte nämlich gespürt, dass du nicht empfänglich bist."
"Du meinst also, jemand der viele Partner hat ist liebesfähiger als derjenige der keine Partner hat?"
"Ja, genau das glaube ich".
"Aber spricht das nicht genau für meine These, dass Gott uns ein Rätsel aufgibt. Denn die Prinzipien allen menschlichen Lebens gehen doch immer auf die der gegenseitigen Hilfe und Liebe zurück. Und indem wir uns lieben sind wir in Harmonie mit den ewigen Gesetzen."
Er kam sich plötzlich reichlich dumm vor, dass er so geredet hatte. Was sollte man denn auch nach dem Geschlechtsverkehr groß philosophieren. Das wirkt doch immer etwas albern. Das stößt sich doch irgendwie ab. Vielleicht war es ja so wie Sheryll gesagt hatte und sie liebten sich einfach ohne darüber groß nachdenken zu müssen. Karl musste aber darüber nachdenken, denn er empfand ihre Zärtlichkeit als ein zu großes Geschenk.
Spätestens als sie ihm eines Tages eine Email schickte um ihrer Beziehung ein Ende zu bereiten, da sie zu große Gewissensbisse gegenüber ihrem Ehemann bekommen hatte und ihr auch die Gefahr eines Verdachtes oder eines Entdeckwerdens zu groß wurde, spätestens dann glaubte auch er, dass es nur ein Zufall war, dass sich ihre Lebenswege gekreuzt hatten.
Er versuchte sie natürlich umzustimmen. Er erzählte ihr von den Vorteilen ihrer Liebe. Er erzählte ihr von der Befriedigung die sie ihm gab. Aber sie reagierte nicht mehr auf seine Mails. Karl war verzweifelt, aber ihm wurde klar, dass alles was gewesen war nur eine Schimäre, eine Einbildung war. Nichts konnte er davon festhalten. Sogar die berauschenden Mails löschte er aus seinem Account, weil sie ihn verraten könnten.
Irgendwann stellte er fest, dass sie eigentlich nur in seinem Kopf existierte, denn er sollte sie leider nie wiedersehen. "Also war alles doch nur ein Zufall", sagte er sich.




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Eingereicht am 02. Juli 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.