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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Wenn die Nacht am tiefsten ist …

Von M.O. Braun


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse betrug die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Alles war absolut normal. Ein völlig normaler Arbeitstag in einer völlig normalen Welt. Der ständige Wechsel von Orten war im Leben der beiden auch schon völlig normal geworden. Es gab nichts zu bedenken. Zu einem Job hinfahren, ihn so gut wie möglich machen, dann mit Auto, Zug oder Flugzeug nach Hause. Selbst die Buchungen der Flüge machten sich schon wie von selbst. Ganz zu schweigen vom Aufreißen des eingeschweißten Plastik-Essens im ICE oder im Flieger. Dagegen waren die Gespräche mit den Kunden eine wirkliche Abwechslung. Eine Abwechslung die beide in ihrem Leben mehr als alles andere zu brauchen schienen.
Karl war als Immobilienmakler tätig und verscherbelte für "seine" Firma, die ihn, einen leidenschaftlichen Workaholic, seit Jahren unterbezahlte, Bürogebäude in allen wichtigen Standorten Deutschlands. Seine Familie waren die Kunden, sein Zuhause die wechselnden Innenansichten der Gebäude, seine Liebe seine modern-spartanisch eingerichtet 4-Zimmerwohnung in Frankfurt. Er war eigentlich völlig zufrieden, dennoch wusste er beim Blick aus dem von außen verspiegelten Fenster, dass in seinem Leben nicht so viel zusammen passte, wie bei dem alten Turm da, der dem heutigen Gebäudestandort, fest und tönern gegenüber stand.
Die Kunden kamen und gingen. Die Innenansichten änderten ihre Farbe von Tag zu Tag. Selbst seine Liebe war einem ständigen Wandel unterworfen und war in seinen ehrlichen Momenten nicht mehr als eine kalte Decke, die sich um ihn legte, wenn alle Berufstätigen schlafen gingen. Aber sie war eben nett anzuschauen und ließ sich präsentieren.
Sheryll wusste, dass von diesem Projekt viel für sie abhing. Sie hatte eine leitende Stelle angeboten bekommen, jedoch noch etwas Bedenkzeit erbeten. Dieses Projekt forderte sie bis zu ihren persönlichen Grenzen. Wie da eine Entscheidung treffen, die womöglich das komplette weitere Leben auf den Kopf stellen würde? Sie war Unternehmensberaterin mit ganzem Herz. Doch ab und zu kam es ihr so vor, als hätte ihr Unternehmen "Leben" Beratung nötig. Oft war es einfach zu viel für sie. Das ständige hin und her. Die Geschwindigkeit.
Die zu Streifen verschwommenen Bäume des Westerwalds, an dem der Zug in seiner alles überkommenden Modernität vorbei raste, zeichneten ein riesiges, verschwommenes Gemälde aus grünem Glas über das gesamte Abteil. Sie sah sich um. Einige Leute redeten, einige Leute schliefen. Andere, die keinen Platz reserviert hatten, waren auf der verzweifelten Suche nach einem solchen und fanden ihn nicht. Sie saß auf ihrem Einzelsitz. Wach. Stumm. Sie saß und war dennoch auf der Suche nach ihrem Platz, während das Leben da draußen ohrenbetäubend an ihr vorbeirauschte. "Unternehmensberaterin". Wie sich das anhörte. So rational, obwohl sie doch eigentlich ein sehr emotionaler Mensch war und ständig im Geheimen über sich und andere philosophierte. "Unternehmensberaterin".
Nachdem Karl auf dem Sofa im Wohnzimmer seiner Wohnung Platz genommen und die Flasche Wein und das volle Glas vor sich auf den niedrigen Japan-Tisch gestellt hatte, griff er automatisch nach der Fernbedienung seines Fernsehers und drückte den Einschaltknopf.
Er zappte durch das Überangebot an Sendern, die alle mit ihren bunten Shows und knalligen Werbespots nach Daseinsberechtigung schrieen, konnte sich nicht wirklich entscheiden und blieb bei einer eher mittelmäßigen Quizshow hängen. Karl ließ sich berieseln. Hörte nicht richtig zu. Schaute nicht wirklich hin. Und war auf eine sonderbare Art und Weise froh, etwas Menschliches zu sehen und zu hören. Zweidimensional aber immerhin in 16:9.
Die Müdigkeit die auf seinen Augen lastete schien ihn zu erdrücken. Es war einfach zu viel geworden. Er hatte das Gefühl auf mehreren Hochzeiten mit verschiedenen Bräuten, die nicht seine waren zu tanzen. Über die Konsequenzen war er sich durchaus bewusst. Der Krach mit ihrern Ehemännern war vorprogrammiert, aber er konnte das Umherwirbeln beim besten Willen nicht mehr stoppen. Immer weiter, wie in einer Zentrifuge, schien er an den Rand des Möglichen gedrückt zu werden. "Du musst raus!" dachte er. Einfach abhauen, das wäre die Lösung gewesen. Einfach alles hinter sich lassen. Aber die Verpflichtungen! Das konnte man nicht machen. Das ging einfach nicht.
Karl erkannte, dass seine Leidenschaft für seinen Beruf, eine wortwörtliche war. Im Grunde genommen hatte es nichts mit Freude oder besser noch Sinn zu tun. Es war … Es war so, wie es war. Und nicht mehr. Er machte seine Arbeit so gut, wie er konnte, weil er es von frühester Jugend an so eingebläut bekommen hatte. Er hatte immer nur funktioniert.
Was dachte er da? Und warum ausgerechnet jetzt? Alles lief gut. Warum jetzt? Die Antwort war ihm mit einem Schlag völlig klar. Es gab mehr. Er wollte Leben. Raus aus der Plastikverpackung, die sein Leben umgab.
Karl stand ruhig und völlig bewusst vom Sofa auf. Nein, er war nicht betrunken. Und er hatte sich schon gar keine "Flausen" in den Kopf setzen lassen. Es war alles völlig klar.
Karl ging ruhig und völlig bewusst zur Türe. Ja, er würde sie jetzt öffnen. Und ja, er würde jetzt, jetzt und keinen Moment später hinausgehen und leben. Wie kitschig sich das anhörte. Aber das war was er gesucht hatte. Seine Kollegen hätten ihn für verrückt erklärt. Nein, hätten sie nicht. Wenn es Kollegen gewesen wären, hätten sie ihn in seinem Tun bestärkt. Sie waren in Wirklichkeit nicht mehr als ein Haufen Hühner. Sie hätten ihn mit ihren Schnäbeln tot gehackt, um im überfüllten Käfig Firma an seinen Platz zu kommen.
Karl verließ die Wohnung.
Viel schneller als sie geträumt hatte, war Sheryll in Frankfurt angelangt. Aus dem Zug ausgestiegen. Hatte sich im Gewirr des Bahnhofs, der nun schon langsam im Abend dahindämmerte, umgesehen. Und so wie der Bahnhof, so schienen auch die Menschen langsam dahinzudämmern. Sheryll fühlte sich taub. Kein Geräusch schien sie zu vernehmen, obwohl sie wusste, dass das Getöse der Bahnen, das Getöse der Menschen und Maschinen (oder waren sie dasselbe) nicht aufhören wollte. Taub, so taub. Warum?
Sie träumte. Sie träumte mit offenen Augen und wusste gleichzeitig, wie wach die anderen um sie herum waren. Sie schwebte über den Dingen. "Verlass die Welt nicht zu sehr", dachte sie. Sie hatte dieses Träumen schon seit sie klein war. Sie war eine Träumerin. Manchmal schien es den andern wie eine Krankheit. Sie war eine hoffnungslose Träumerin.
Nein. In Wirklichkeit war sie "Unternehmensberaterin". Mit ganzem Herzen. Doch, das war sie. Oder?
Ja! Sie musste es sein. Das war ihre Berufung. Ihr machte der Beruf Spaß. Denk an deine Karriere, Sheryll! Denk an deine Karriere!
Sheryll ging, wie so oft wieder in ihrer Funktion angekommen, zum Stand der Autovermietung. Angaben machen. Warten. Unterschreiben. Schlüssel annehmen. Bedanken. Zum Auto gehen. Einsteigen. Anwerfen. Losfahren.
Karl atmete tief ein. Das war es! Er fühlte sich so gut, wie schon lange nicht mehr. Er würde nicht mehr zurückgehen. Niemals. Einfach weggehen und etwas Neues aufbauen. Das war's.
Alles hinter sich lassen. Seine "Familie". Endlich frei und ungebunden. Niemand, der ihn zu unmöglichen Zeiten mit völlig unpersönlichen Problemen belästigte, die ihn überhaupt nicht interessierten, nicht zu interessieren hatten.
Alles hinter sich lassen. Sein Zuhause. Raus gehen. Außenansichten. Die Luft, den Wind, den Sturm in sich aufatmen. Außenansichten. Außenansichten!
Alles hinter sich lassen. Seine Liebe. Ich such mir eine Neue, dachte er. Du warst zu kalt zu mir. Ich will eine Liebe mit Leben! Liebe aus Leben! Liebe im Leben! Leben mit Liebe!
Karl rannte. Er wusste nicht genau warum. Er musste einfach rennen. Alles wollte aus ihm raus. Am liebsten hätte er geschrien. Er rannte an den abendlichen Passanten der Stadt vorbei. Er war zufrieden. Es war doch so kurze Zeit, seitdem er rannte. Aber es wurde besser. Er rannte und rannte. Das war es! Das Leben!
Sheryll war sprachlos. Sie war sehr lange gefahren. Sehr lange. Es war Nacht. War es deswegen? Warum ausgerechnet mir? Warum jetzt? Ausgerechnet jetzt? War es das? Das Leben!
Sie schaute in die Augen. Sie schaute in das Gesicht, das vor ihr dalag und sie anstarrte. Sie war entsetzt. Sie war sprachlos.
Sheryll stieg aus dem Wagen und starrte auf den reglosen Körper des Mannes. Woher war er gekommen? Warum jetzt? Es war doch alles gut. Bis eben war doch alles gut.
Sheryll stand da. Sie stand stumm. Die Menschen um sie herum waren hektisch. Aufgebracht. Besorgt um sie. Mehr besorgt um ihn.
Sie hörte Sirenen. Sie sah Blaulicht, dass ihre Träume mehr untermalte, als das es sie erschreckte. Sie war plötzlich taub. Völlig taub.
"Kennen Sie den Mann?", fragte eine Stimme aus dem Off. Sheryll war taub und stumm. "Kennen Sie den Mann? Hallo? Hallo … Kennt irgendjemand den Mann? Er hat keine Papiere dabei.", fragte die Stimme erneut. "Ich habe ihn eben gesehen. Der ist durch die Fußgängerzone gerannt, wie ein Verrückter. Wenn Sie mich fragen, der tickte nicht mehr richtig." Sheryll sagte nichts.
Alles war taub und stumm. Die Nacht hatte für sie ihren tiefsten Punkt erreicht. Für Karl war mit einem Mal der Tag am nächsten.



Eingereicht am 18. Dezember 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.



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