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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Es lebe Marrakesch!

© Dagmar Meyer


"Bitte sehr, die Herrschaften!" Beflissen sich verbeugend führte der Ober Dagmar und Günther zu ihrem reservierten Tisch im Restaurant des renommierten Skihotels. Sie ließen sich zufrieden auf den bequemen Stühlen nieder, schauten sich kurz im gemütlichen Raum um und vertieften sich bald in die Speisekarte. Nach einem sonnigen Tag auf den glitzernden Schneehängen bei nur wenig Betrieb kurz vor Ende der Saison war die Vorfreude auf ein gutes, genussvolles Essen bei beiden groß.
"Die Herrschaften haben gewählt?" Diensteifrig beugte sich der Ober zu Günther hinunter, um die Bestellung entgegen zu nehmen. "Zweimal Steak mit großem Salat. Sehr wohl, die Herrschaften. Ich empfehle, den Salat vom Büfett nicht vorweg, sondern zum Steak zu holen. Sie haben ja nur ein kleines Gericht." Seine laute, leicht erhobene Stimme, deren vorwurfsvoller Unterton nicht zu überhören war, zog über die Köpfe der anderen Restaurantgäste hinweg und ließ sie erstaunt zu Dagmar und Günther hinüber schauen. Zackig machte er auf den Hacken kehrt und stürzte auf die Gäste eines anderen Tisches zu.
"Nur ein kleines Gericht!" Das saß. Wie von einem elektrischen Schlag getroffen zuckte Dagmar zusammen und wurde puterrot, Günther zog unwillkürlich den Kopf etwas tiefer zwischen die Schultern. Ganz bewusst hatten sie ein leichtes und nicht so umfangreiches Essen gewählt, wohl wissend, dass schon so manches Mal opulentes Speisen am Abend mit nächtlichem Unwohlsein bestraft worden war. Ein leichtes, schmackhaftes Essen, ein guter Wein und ein interessantes Gespräch gehörten für sie zu einem gelungenen Urlaubsabend.
Und nun dies. "Nur ein kleines Gericht!" Das kleine Wörtchen "nur" hat sie in Ungnade fallen lassen, sie eingestuft in die verachtete Schar der Gourmetbanausen. "Nur ein kleines Gericht", zischelte die elegante Dame im weißen Blazer ihrem vornehmen Begleiter empört zu und schickte einen kurzen Blick des mitfühlenden Einverständnisses zu Günther hinüber, der ihr schräg gegenüber saß, und einen verachtungsvollen gegen den Rücken des davoneilenden Obers.
Nach wenigen Minuten führte dieser ein jüngeres, hoch gewachsenes Paar zum Tisch hinter Dagmar, der dem der Dame in Weiß gegenüber stand. Man kannte sich offensichtlich, der Plauderton zwischen den Neuankömmlingen und dem Ober war leicht und einvernehmlich, man redete und lachte über dies und jenes im gesellschaftlichen Einverständnis. Es war nicht zu übersehen und überhören, hier kamen die erwünschten Gäste, die das Abendmenü gründlich mit ihm diskutierten, sich von ihm beraten ließen, seine Meinung hören wollten, mit der er dann auch nicht zurück hielt. Sie breitete sich wie eine Wolke über die Köpfe aller Anwesenden aus und niemand konnte sich dieser den Raum beherrschenden Stimme entziehen.
Der Ober begann unübersehbar und geräuschvoll die Vorbereitungen zu einem aufwendigen Menü zu treffen, indem er einen Serviertisch heranrollte und ein Flambiergerät aufbaute, so ganz nebenbei weiterplaudernd. "Im Hafen von Marrakesch… das kleine Cafe…der Name war …"Gesprächsfetzen verteilten sich im Raum und signalisierten gemeinsame Weltgewandtheit vom Ober und dem Gästepaar. "Es lebe Marrakesch", bemerkte Günther kurz und trocken, so dass nur Dagmar es hören konnte, und beide brachen in ein leises Gelächter aus. Das Essen war gut gewesen, der Wein ausgezeichnet, sie harrten der weiteren Vorkommnisse wie in einem komödiantischen Theaterstück.
Es nahm seinen vorhersehbaren Verlauf.
Der Ober hantierte an seinem Flambiergerät mit konzentrierter Hingabe, der bewundernden Beobachtung seines favorisierten Gästepaares sicher. Dabei bemühte er sich, die Unterhaltung keineswegs abreißen zu lassen - diese Fähigkeit zeichnete in seinen Augen einen exzellenten Ober aus - und merkte nicht, dass er mit seinem Rücken und Gesäß den vornehmen Begleiter der Dame in Weiß derart bedrängte, dass dieser nur mit eng angelegten Armen und an die Balustrade gedrückt seinen Fisch essen konnte. Sich zu beschweren ließ seine ihm eigene Zurückhaltung offensichtlich nicht zu. "Achtung, Feuer!" Dagmar drehte sich auf Günthers Zuruf hin schnell um und sah eine Stichflamme fast bis zur Balkendecke hochsteigen, der Geruch von gebratenem Fleisch und Alkohol breitete sich aus und zog die Aufmerksamkeit aller Gäste nun restlos auf sich. "Die beiden tun mir leid", flüsterte Dagmar Günther zu. "Sie haben ihren Fisch doch noch gar nicht zu Ende gegessen." Das gepflegte Gesicht der weißen Dame schien eingefroren, sich redlich um Haltung bemühend aß sie ihr Fischgericht zu Ende, während ihr Tischherr sein Besteck schon zusammengelegt hatte und vor sich hinstarrte. "Vorsicht, Topf hinter dir", tuschelte Günther zurück, nachdem der Ober seinen Flambiertopf mit einem lauten Knall auf dem Verbindungsstück zwischen den Tischen abgestellt und seine Geräte abzuräumen begonnen hatte.
Die Vorstellung schien zu Ende, die Zuschauer wandten sich wieder ihren eigenen Tischpartnern und Gesprächen zu, während der Geruch von flambiertem Fleisch sich nur langsam verzog.
Der Wein war ausgetrunken, die Rechnung beglichen.
Während Dagmar und Günther sich erhoben, hörten sie den Herrn hinter sich zu dem vornehmen Paar gegenüber fast entschuldigend sagen: "Er ist zwar etwas laut, aber doch sonst ganz in Ordnung."
Das Erstere zumindest stimmte.



Eingereicht am 21. November 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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