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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Killer-Moné

© Frank Moné


Ein altes Sprichwort sagt: Selbst ein Moné kann nicht in Frieden leben, wenn er einen bösen Nachbarn hat. Meiner hieß Herr Van-der-Nüssen. Ein undankbarer, kleinkarierter und unverbesserlicher Choleriker mit einem Riecherker im Gesicht, der jedem Gargoile als Schlafplatz hätte dienen können.
Er wohnte mir, durch noch viel zu kleine Koniferen getrennt, direkt gegenüber. Ein absoluter Miesepeter und ein adliger dazu. Denkt er jedenfalls. Wahrscheinlich hatten ihm seinerzeit die Bürgerlichen Tinte in die Adern gepumpt, damit sie endlich sagen konnten, er sei keiner von Ihnen.
Ist in der Politik ähnlich. Sobald die nur noch Müll lügen, also von Geburt an, werden sie befördert. So lange, bis sie auf einem Posten landen, wo sie nichts mehr anrichten können. Oder waren das die Beamten? Ist auch egal.
Auch heute Morgen ging es wieder los. Ich schaffte den Mülleimer raus auf die Straße, wo er später von den orangenen Jungs abgeholt werden würde. Bei uns jedenfalls sind die alle orange angezogen. Wahrscheinlich holländische Gastarbeiter. Keine Ahnung. Mit denen verstand sich der Van-der-Nüssen ganz prima. Sicher eine Seelenverwandtschaft.
Ich stellte das Ding also ab und schon öffnete sich das Nüsse-Fenster: "Herr Moné, nein, so geht das nicht. Wenn Sie das Ding so stehen lassen, komm ich mit dem Auto nicht mehr durch."
Überrascht über diese Aussage schätzte ich die Dimensionen seiner Ausfahrt ab und stellte fest, dass gute vier Meter seinem dämlichen Smart doch wohl reichen mussten. Außer, er hatte sich neuerdings einen amerikanischen Sherman-Panzer zugelegt.
Mein innerer Gewaltpegel, ansonsten immer auf fast Null, machte einen unkontrollierten Hüpfer nach oben und kam in Null , Nichts bei ca. 35% zur Ruhe.
"Guten Morgen, erst mal. Herr Van-der-Nüssen", erwiderte ich überscheißfreundlich. "Sie kommen hier nicht durch?" Aber si..."
"Herr Moné, nein, nein. Ihr Müllkübel muss da weg. Außerdem sieht er unschön aus", kreischte die Oranje-Schwuchtel mit Fistelstimme.
Ahaaa! Daher wehte der Wind. Van-der-Nüssen, ick hör dir trapsen. Du Landeplatz für Federvieh!
Meine nächsten Worte hatten schon leichte Schwierigkeiten, sich durch meine mahlenden Zähne durch zu quetschen und mein Zornpegel schoss auf über 70 %.
"Herr Von-den-Nüssen. Mein Müllkübel ist genauso kackbraun wie der Ihre und ..."
"Nein! Nein! Nein! Herr Moné. Das geht so nicht!", geiferte der Fleisch gewordene Pinoccio lautstark. "Und sprechen Sie meinen Namen richtig aus."
Wenn ich Eines absolut nicht ab kann, ü b e r h a u p t nicht ab kann, ist, wenn ich nicht ausreden darf. Das war ja wie zuhause bei Mama.
"Herr Ohne-Nüsse, wenn Sie es noch einmal wagen, mich nicht aussprechen zu la..."
Kreissägekreischen: "Ah, jetzt drohen Sie mir auch noch. Na schön, das wird Folgen haben!"
Sagte es und entschwand hinter der Butzenscheibe.
Meine interne Killerbereitschaftsskala meldete ERROR und versetzte mich in Alarmstufe Schreiend-Rot. Sämtliche Kapitäne aller Enterprise-Raumschiffe hätten jetzt die sofortige Selbstzerstörung befohlen.
Aaaaaaaaaaaaahhh.
Das war zu viel. Es reichte. Mit wenigen Sätzen hatte er gleichzeitig meine Flucht- und Angriffsdistanz unterschritten. Ich spürte den metallischen Geschmack des Testosterons auf meiner Zunge. Hitzewallungen durchströmten meinen Körper. Blitze zuckten durch mein Hirn und ich bekam diesen stählernen Blick: Dich mach ich alle. Dich mach ich kalt.
Zitternd wie ein Leprakranker auf dem Sprungbrett marschierte ich wieder ins Haus zurück und machte mich an die Vorbereitungen ...
Teuflisch fluchend ging ich meine Möglichkeiten durch, diese Geißel der Menschheit vom Antlitz der Erde zu tilgen:
Erschießen?
Wenn er wieder mal den hässlichen Schädel zum Fenster raushängt, trete ich hinter ihn und blas ihm seine leere Hirndose weg.
Aber dann verteilte sich womöglich die ganze Sauerei über mein Blumenbeet und die Primeln kotzten sich zu Tode. Nein. Meine armen Blümchen.
Der Zornesschweiß durchnässte meine Kleidung und mein Atem fing an unregelmäßig zu werden.
Erhängen?
Jawoll. Baumeln soll er. Ich hörte schon das erotische Knarren des Seiles, wenn der Wind seine vermodernde Leiche, an der Eiche, sanft hin und her wiegt. Dann steh ich daneben und pfeif mir das Lied vom Tod.
Halt. Hängende haben eine echt eklige Angewohnheit. Sobald sie im Hades eingecheckt haben, werden die Schließmuskeln undicht und fangen an übelst zu tropfen. Dann stinkt es im ganzen Garten und verdirbt einem das Grillen.
Mein Blick kreuzte sich, deutlich erkennen konnte ich schon länger nichts mehr und mein Gekeuche hallte durchs leere Haus.
Besser Ersäufen.
Ich will den Tunnelblick in seinen Augen sehen. Wenn er nach Luft schnappt. Mit dem ersten maritimen Atemzug literweise Entengrütze in seine Lungen zieht.
Wobei, was passiert, wenn er, aufgebläht wie ein Ochsenfrosch mit Blähungen, wieder an die Oberfläche kommt? Wenn er, wie ein Niveaball, zwei Meter über die Wasseroberfläche ploppt und beim Rücksturz sein ranzig gewordenes Inneres über den See verteilt? Dann musste ich mich noch um einen neuen Fischbestand kümmern.
Ich hörte ein Heulen. Wie ein Werwolf mit Liebeskummer im animalischen Herzen und Hunger im gepeinigten Bauch, beim ersten Vollmond. Nur langsam bekam ich mit, dass ich dieser Hundvorfahr war.
Überfahren.
Drei Mal drüber, vier Mal drüber und weil's Spaß macht, immer wieder. Das war gut. Reimte sich sogar. Oder ätzte sich Nüssli am Ende gar durch meinen Unterbodenschutz? In der Autowaschanlage würde man sich vielleicht über die Fleischstückchen wundern, die blutig aus dem Reifenprofil hingen.
Großer Gott, es musste doch einen Weg geben. Fahrig wischte ich mir den Schaum vom Mund und erbrach mich über den Wohnzimmertisch.
Säure.
Eine Badewanne voll Thermo-Nuclein-Säure. Aah, wie könnt´ er dann schäumen. Im boshaftesten Sinne des Wortes. Dann wären seine Exzellenz richtig gehend in Auflösung begriffen. Blubbernd und gurgelnd würde ihn der Badewannen-Neer in die Kanalisation entsorgen. Die aggressivste aller Säuren würde allerdings auch die Wanne und die Abflussrohre entsorgen. Und das fiele auf.
Irgendwas explodierte in meinem Kopf. Jedenfalls sah ich nur noch rote Schleier und dann nichts mehr ...
Im Krankenhaus kam ich wieder zu mir. Ein äußerst besorgt dreinblickender Weißkittelträger begrüßte mich mit sanfter Stimme:
"Hallo, Herr Moné. Na? Wieder unter den Lebenden? Sie hatten unverschämtes Glück. Wenn Ihr freundlicher Nachbar, ein Herr Van-den-Nüssen, nicht auf ihr Schreien aufmerksam geworden wäre und sofort mit Wiederbelebungsversuchen angefangen hätte, wäre es wohl zu spät gewesen. Er hat sie auch hierher gebracht. Wie gesagt, es war verdammt knapp. Ruhen Sie sich aus und bedanken sie sich bei Herrn Van-den-Nüssen. Er wird nachher kommen, um zu sehen wie es Ihnen geht."
Van-der-Nüssen? Oh, diese brave, alte Seele. Ich hatte ihn wohl völlig falsch eingeschätzt. Mein Leben hatte er gerettet. Der Gute. Besuchen wollte er mich. Wie nett.
Doch dann überkam mich die Erkenntnis. Oh, nein, dieser, dieser Herr Voll-Mit-Nissen kam nicht um zu sehen wie es mir geht. Nein! Er kam um mich leiden zu sehen. Um mir zu sagen, dass ich meinen Müllkübel entfernen muss.
Entschlossen packte ich meinen Nachttopf am Henkel.
Erschlagen.



Eingereicht am 30. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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