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Idiot ... her, Knall ... zurück!

Gaby Schumacher


Ein schepperndes Türeknallen.
Vor lauter Schreck hätte ich fast den restlichen Stapel der Akten, abgesehen von der, die ich eine Minute zuvor im Abfall entsorgt hatte, auch noch mit einem lauten Plumps auf den Boden gleiten lassen. Im letzten Moment zuckten meine Arme in einer den Papierwust rettenden Bewegung nach vorne, umklammerten meine Hände in Zangenhaltung die relativ wichtigen Dokumente.
Ich arbeitete in einer Rechtsanwaltskanzlei und hatte Akten zu prüfen. Dies tat ich schon seit geraumer Zeit mit mehr oder weniger einschlagendem Erfolg. Bearbeitete Verbrechen, beurteilte Fakten auf ihrer Stichhaltigkeit hin, und verwarf dann und wann. So wie gerade eben. Nach einem flüchtigen Blick auf die vorderste Seite stand meine Entscheidung: Die könnte weg. Mindestens 200 g zu bearbeitendes Material weniger und dementsprechende Arbeitserleichterung mehr. Klasse.
Doch die Erleichterung durfte ich nicht allzu lange auskosten. Mir stand ein deftiger Schock bevor. Noch ahnte ich ja nichts.
"Sind Sie von allen guten Geistern verlassen? Wie konnten Sie es wagen, ausgerechnet diese Mappe weg zu werfen? Das Verfahren war noch gar nicht abgeschlossen. Sie Idiot!!" Idiot! Oh, das saß.
"Soo, haben Sie das Dokument überprüft oder ich??" Brüllte ich zurück. So mit mir nicht. Alles hätte man mir in ruhigem Ton unter die Weste drücken dürfen. Doch solch eine Frechheit...
Dieser Herr Rechtsanwalt hatte ja wohl einen Vogel. Und - in der nächsten Minute teilte ich ihm genau das schwersauer mit. Leider nicht in dem von mir umgekehrt geforderten höflichen Modus:
"Was bilden Sie sich eigentlich ein? Sie haben doch wohl einen Knall! Wer macht denn schon seit Monaten für Sie die Drecksarbeit? Sie sind sich doch dafür zu schade. Also würde ich an ihrer Stelle ´mal lieber die Klappe halten!" So, dem hatte ich es aber gegeben. Und ihn offensichtlich doch ein weinig beeindruckt. Nein, dass einer seiner Angestellten das gewagt hatte, an seinem Arbeitsfanatismus zu zweifeln...! Und tatsächlich doch seine Kompetenz in Frage zu stellen...!! Das erforderte "Fast-Blutrache", so ging das nicht!
"Wie reden Sie mit ihrem Vorgesetzten? Ist Ihnen nicht klar, dass ich Sie fristlos vor die Tür setzen könnte, Sie Vollidiot, Sie?" Herrlich, das wurde ja immer schöner. Wenn der glaubte, mich beleidigen zu dürfen, dann...
"Dann entlassen Sie mich doch, aber gerne! Dann sehen Sie doch ´mal zu, wie Sie mit dem ganzen Kram klar kommen, Sie Knallkopp!" Vor Wut fing der an zu stottern, wand sich wie ein Aal in dem Bewusstsein, ohne mich, seine rechte Hand, total aufgeschmissen zu sein. Der kannte nämlich höchstens die Hälfte seiner Akten. Alles Andere machte ich.
"Wie können Sie es...?" Zu seinem Glück für ihn setzte gerade noch rechtzeitig da sein Denkvermögen wieder ein. Blitzartig wurde dem klar, dass seine Kanzlei ohne einen so tüchtigen und arbeitswilligen Mitarbeiter wie mich ihre Türe getrost hätte schließen können. Deshalb riss er sich zähneknirschend am Riemen und schlug in Punkto Schimpferei eine langsamere Gangart an:
"Ääh", meinte er, immer noch dunkelrot angelaufen im Gesicht, "nichts für ungut. Nehmen`s den Idioten nicht persönlich. Entschuldigung!" Das letzte Wort quetschte er noch soeben mit äußerster Willensanstrengung heraus.
Doch brachte ihm das in meinen Augen auch nichts mehr. Ich war sauer. Ich war gekränkt. Und nicht zu knapp. Und sollte der meinen, "Entschuldigung" allein hülfe, dann hätte er gefälligst ´mal gründlichst darüber nachzudenken, wie er sich soeben aufgeführt hatte.
Einen Idioten in den Raum zu stellen, der nicht persönlich war!! Vorher hatte er mir wenigstens noch die Persönlichkeit eines Idioten zugebilligt. Doch das jetzt war der absolute Hammer: Ich war zu einem unpersönlichen Idioten, damit eindeutig zu einer Sache erklärt worden.
Nein, das ließe ich nicht auf mir sitzen. Dem gebührte Ähnliches:
"Ihre Entschuldigung nehme ich dankend an. Und entschuldige mich ebenfalls für den Knall. Wissen Sie, Sie haben nämlich keinen Knall. Sie haben einen absolut unpersönlichen Knall...!" Und setzte dann hämisch hinzu: "Entschuldigung!!"
Einige Tage später schloss unser Büro seine Türen für immer.
Denn:
Der Anwalt mit dem absolut unpersönlichen Knall als auch der absolut unpersönlicher Idiot sahen sich leider außerstande, weiterhin gemeinsam eine absolut persönlich zu leitende Kanzlei in absolut erforderlich vernünftiger Weise zu führen.


Eingereicht am 29. November 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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