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Na, also... wirklich!!!

Von Gaby Schumacher


Ehrfürchtigen Auges ließ ich mich auf den Stuhl vor meinem Arbeitstisch nieder. Wieso ehrfürchtig? Was gibt es an einem blöden, Fleiß fordernden Schreibtisch denn so Anbetungswürdiges? Da stapelten sich doch nur Mengen von Unterlagen, Dokumenten und anderer Papierkram. Überall flogen Notizblättchen in allen möglichen Regenbogenfarben herum. Zwischen den einzelnen Blättern des Aktenordners vor mir lugte ermahnend, ihn endlich einzusetzen, ein Bleistift hervor. Leider auch noch superordentlich angespitzt, so dass sich mir keinerlei noch so primitive Ausrede anbot, ihn nicht zur Hand zu nehmen. Immerhin erweckte ich dann, in den Fingern dieses beeindruckende Schreibutensil, bei meiner Familie den Eindruck einer immens fleißigen Frau. Sie zu täuschen, war eine Kleinigkeit. Mit übertrieben nachdenklicher Miene kritzelte ich beliebige, undefinierbare Hieroglyphen auf eines der vielen weißen Schreibmaschinenblätter. Niemand konnte mir nachweisen, dass ich den Arbeitseifer nur simulierte. Alle bewunderten mich. Hoffte ich zumindest!
Warum aber wanderte denn mein Blick so fasziniert über den Tisch, auf dem es doch aussah, als hätte dort eine Hühnerschar eine fröhliche Party gefeiert. Ein perfektes Chaos. Allerdings nicht eines der Art: "Geordnete Unordnung!" Nein, das liefe eher unter: "Wo, zum Teufel, ist denn bloß....!!" Und das mir, wo ich ansonsten unbedingt zu den Ordnungsfanatikerinnen zählte. Zum großen Ärger meines vierfachen Nachwuchses im Pubertätsalter, den diese meine Eigenart regelmäßig von Zeit zu Zeit verzweifelt aufstöhnen ließ. Aus Liebe zu meinen Kindern sowie aus Sorge, sie könnten eines Tages ihre Bettstatt in dem Durcheinander nicht mehr ausfindig machen, legte ich nämlich akkurat aus Pappe gebastelte Pfeile auf dem Teppichboden aus mit den unterschiedlichsten Aufschriften. Zum Beispiel: "Zum Bett bitte geradeaus halten, zum Kleiderschrank vier Schritte nach rechts. Vorsicht, nicht über zerknüllte Jeans fallen, besser drüber steigen!" Ihnen den Vorschlag zu machen, diese heißgeliebten Hosen doch besser aufzuheben und sie, wenn schon nicht in den Kleiderschrank mit seinen hilfsbereiten Bügeln, dann wenigstens über eine Stuhllehne zu hängen, unterließ ich. Ebenfalls aus Zuneigung zum Nachwuchs! Er hätte ja dieser Anmerkung wegen vor Schreck einem Herzanfall zum Opfer fallen können. Als liebende Mama riskiert man das nicht. Damit aber nicht mir ebensolches blühte, schloss ich meistens die Augen, betrat ich (ausschließlich aus schrecklichem Versehen heraus!) eines der Jugendzimmer. Oder fragte schüchtern an: "Kann ich gucken, oder bekommt mir das besser, mich schlafend zu stellen?" Die Antwort: Erleichtertes Aufatmen! Mama schien bereit zu sein, blind durch die Gegend zu tapsen. Daraus schlossen meine Töchter, das Aufräumen hätte noch Zeit. Im günstigsten Falle bis zum nächsten Tag, im schlechtesten immerhin noch bis zum Abend. Das Schlimmste, was passieren konnte, war die strenge, mütterliche Aufforderung, der ganze Mist hätte gefälligst in den nur wenigen noch verbleibenden Stunden des Nachmittags endgültig dorthin zu verschwinden, wo er hin gehörte. Sonst träte nämlich ein entzückender, blauer Müllbeutel in Aktion. Praktischerweise hat ein solches Säckchen ein ungeahnt enormes Fassungsvermögen. Ein paar rasche Griffe meinerseits: Liebesbriefchen plus abgöttisch verehrte Filmstars landeten total zerknittert, letztere mit mehr Falten im Gesicht als je vorher im reellen Leben, in der Plastikversenkung. Teenager sind entsetzliche Mimosen: Das über ihnen schwebende Damoklesschwert erschien ihnen vergleichbar mit der elterlichen Erinnerung an noch unerledigtes Lernpensum. Mit dem Wissen, welcher Gefahr sie sich also ihres Trotzes wegen aussetzten, rissen sie sich notgedrungen am Riemen und pickten zu guter Letzt tatsächlich ihre Lieblingshose vom Boden auf. Damit allerdings endete die Kompromissbereitschaft meiner zweifelsohne reizenden Töchter. Durch diese mit einer eigentlich unzumutbaren Kraftanstrengung verbundenen Aktion hatten sie ja wohl mehr als genug des guten Willens gezeigt! Und ihre unersetzlichen Schätze waren gerettet. Denn, übernahm ich da rigoros die Regie, verabschiedeten sich diese Sammlungen auf Nimmerwiedersehen in die verhasste Tüte. Was für meine Mädchen eine schlaflose, durchheulte Nacht bedeutete. David Hasselhoff - schluchzz! Daniel Kübelböck - brüll!!
Nein, das Letztere vergessen Sie bitte sofort wieder! Das traf nicht zu!!
Zu den dämlichen Hühnern, die "Daniel Drüsentriebs" wegen (wie ich ihn insgeheim nannte!), los kreischten, als ob man sie schlachtete, gehörten meine Töchter gottlob nicht. Deren Kommentar zu jenem Journalistenschreck: "Bescheuert und stockschwul!!"
Ach, was waren meine Gedanken so herrlich außer Kontrolle geraten! Es gab Wichtigeres als einen dermaßen misslungenen Anteil der menschlichen Schöpfung, wofür es sich mehr lohnte, Kopfschmerzen in Kauf zu nehmen. Ja, es wurde äußerst grotesk, was sich an jenem Tage um und auf meinem Schreibtisch abspielen sollte! Ich hätte einen saftigen Schock zu verkraften. Frühmorgens noch fast im Halbschlaf, setzte ich mich voller Tatendrang an meinen Fleißtisch und stierte auf ein großes, weißes Etwas, dass sehr selbstbewusst mindestens ein Drittel der Arbeitsfläche in Anspruch nahm. Etwa 40 cm hoch, ungefähr 45 cm breit, auf einem rechteckigen Standfuß stehend, der einen ebenfalls rechteckigen Schirm trug. Vierkantiger Schirm? Und - (tz, tz!) auf dem Schreibtisch? Fing ich an, durchzudrehen? Ouatsch, doch kein Regenschirm! Meinen Grips fordernd, sah mir da stattdessen keck ein Monitor entgegen. Mit sauberem, gerade mit einem Staubtuch bearbeiteten weißen Rahmen, der eine grauschwarze Fläche umschloss, die entsprechend gereinigt vor sich hin blitzte.
Was dann? Mit klopfendem Herzen stierte ich auf dieses Ding. Einerseits war ich zu allen Schandtaten bereit. Andererseits fühlte ich mich wie eine Kuh vorm Eierlegen. Ich hatte von Tuten und Blasen nicht die geringste Ahnung. Jedoch zieht der Homo sapiens sapiensis grundsätzlich aus allem Selbstfabrizierten den größtmöglichen Nutzen. Selbst mir "Freundin aller Technik" war klar, wozu Computer da waren! Mit Zweifeln im Herzen betrachtete ich dieses Wunder der Technik. Eigentlich machte es einen Vertrauen erweckenden Eindruck, dieses so geduldig und still vor sich hin wartende Gerätchen. Doch zum Still-und-Ruhig-da-Stehen war es nicht in mühsamer Feinarbeit von Menschenhand geschaffen worden. Ganz offensichtlich wartete es seiner distanziert-nüchternen Veranlagung entsprechend höflich darauf, endlich seiner Bestimmung zugeführt zu werden.
Welch ein berauschendes Gefühl für mich! Ausgerechnet ich war dazu ausersehen, ihn zur Arbeit zu animieren. Weshalb denn besser nicht irgendein Internetfan? Oh, je! Ich - und die liebe Technik! Plante da unser Herrgott etwa ein Wunder wahrlich "universellen" Ausmaßes? War er sich überhaupt darüber im Klaren, worauf er sich einließ? Das allerdings hatte ich voraus zu setzen. Denn, nach dem, was die gläubige Christenheit behauptete, war er des totalen Durchblickes in allen Dingen und absoluter Voraussicht mächtig. Also, beruhigte ich mich, gäbe es für mich auf Grund dessen keinerlei Verpflichtung, auch nur ansatzweise die Verantwortung für zukünftiges, grobes Fehlverhalten meinerseits zu übernehmen. Das hätte er dann zu richten, nicht ich!
Vielleicht jedoch verlieh er mir ungeahnte Fähigkeiten für die nachfolgenden Minuten bzw. Stunden, damit sein göttliches Herz vor Schmerz bei dem, was sich an Ungereimtheiten und unlogischem Verhalten einstehlen würde, nicht bräche. Es hing allein von seinen(!) diesbezüglichen Entscheidungen ab, ob der gesamten Menschheit ein schrecklicher, nicht ersetzbarer Verlust drohte!
Doch offenbar durchlebte selbst der liebe Gott während seiner kreativen Phasen schwache Sekunden. Denn genau das(!) hatte er bedauerlicherweise vergessen: Schnellstens mir zum Wohle und zum Schutze seiner eigenen psychischen Gesundheit dafür Sorge zu tragen, dass sich dann urplötzlich Talente bei mir bestätigten, die mir niemand jemals ernsthaft zugetraut hätte. Dieses schwerwiegenden taktischen Fehlers wegen musste er in der nachfolgenden halben Stunde eben zusehen, wie er seelisch unbeschadet davon kam. Ich allerdings erst recht! Im Gegensatz zu ihm besaß ich keinerlei übernatürliche Kräfte, die mir eine Vorahnung dessen bescherten, was mich erwartete. In Erinnerung an diese tragische Episode in meinem Leben, die ich wider eigener Vermutung gesund an Leib und Seele überstand, schaue ich rückblickend mit hämischen Gedanken gen Himmel und bemerke ironisch: "Lieber Gott - das war Spitze!!"
Also: Versetzen Sie sich nochmals in meine verzweifelte Lage! Vor mir dieser Apparat. Beinahe ein Außerirdischer. Für mich ein unbekanntes Wesen voller Geheimnisse! Bloß, wie ich derer Herr bzw. Frau werden sollte, blieb mir ein Rätsel mit -zig Unbekannten. Irgendwer hatte mal behauptet, es gäbe selbst bezüglich eines solch komplizierten technischen Objektes die Möglichkeit, all seinen Raffinessen mit Hilfe einer Bedienungsanleitung auf die Schliche zu kommen. Ausschließlich durch äußerst stures Nachhaken erfuhr dann ich bis dato total sachunkundige, aber lernwillige zukünftige Computerfreundin, dass es sich bei dieser entzückenden Broschüre nicht etwa um ein Exemplar mit dem Umfang eines üblichen DIN5 Schulheftchens handelte, sondern im Gegenteil ein Werk von der Dicke "Brockhaus" zu bewältigen war. Solch eine Erkenntnis baute enorm auf. Es versetzte Anfänger wie mich in extrem euphorische Stimmung. Die Freude auf das Unbekannte wuchs ins Unermessliche. Gepaart mit der Gewissheit, sämtliche Erklärungen dort wären im Fachjargon aufgeführt. Um als "blindes Computerhuhn" wenigstens ab und zu ein "Korn" zu finden, benötigte ich zusätzlich weitere "Lexika" zwecks ungefährer Entschlüsselung der vorliegenden Bedienungsanleitung. Einfach super, so machte das Lernen Spaß!
Da zog ich doch die sich mir anbietende, weitaus bequemere Methode vor. Wozu hatte ich denn vier Töchter, die schon von Kindesbeinen an mit Computern vertraut waren? Jetzt bot sich ihnen die Gelegenheit, ihre Liebe zur Mama zu beweisen. Sich Zeit, unendlich viel Zeit zu nehmen, ebensolche Geduld aufzubringen und um dann, während sie spielerisch in irrem Tempo durchs Internet jagten, (wie deprimierend!) in auffallend gnädigem Tonfall ihrer Mutter vorzuhalten: "Mama, ist doch alles kinderleicht! Du drückst einfach da drauf, dann da drauf, danach gehst Du ins Programm Soundso und lädst dir alles runter, was du brauchst. Hast Du alles verstanden, liiiebe Mama??" Allein der Tonfall schon brachte mich auf die Palme. Dermaßen überheblich, so gönnerhaft, so wissend! Motto: Unfassbar, dass ein menschliches Wesen kein Fitzelchen Ahnung davon mitbrachte, wie man:
1. "...in ein Programm ´rein kam...,"
- und(!)...
2. "dann... wieder raus!"
Ich vermied es tunlichst, auch nur einen einzigen flüchtigen Blick zu riskieren, wenn deren Finger in Fluggeschwindigkeit über die Tastatur huschten. Die vertippten sich noch nicht einmal dabei. Oder nur äußerst selten!!
Doch um mein angeknackstes Image ein wenig aufzumöbeln, teile ich Ihnen hiermit mit: Nach Ablauf nur eines einzigen kurzen Jahres der Auseinandersetzung mit jenem reizenden, technischen Hausgenossen standen Computerchen und ich als fast(!) dicke Freunde vor der diesen Umstand misstrauisch beobachtenden Familie. Meine Töchter mochten dem nicht so ganz Glauben schenken: Ihre(!) Mama und - Internet! Schneller, als ich es vermutet hatte, entschlüsselten sich mir immerhin 20 kleine seiner mindestens 100000 größeren Geheimnisse. Zugegeben, zwischenzeitlich gab es öfter wütendes Bildschirmflimmern des Computers. Der Grund: Natürlich hatte ich zum x-ten Male die falsche Taste erwischt, mit Triumph im Herzen erteilte Befehle dadurch für ungültig erklärt und so auf extrem dämliche Weise ein mühsam erstelltes Programm innerhalb des Bruchteils einer Sekunde erfolgreich gelöscht. Blöd: Garantiert brauchte ich in solchen Minuten genau dieses oder jenes "Fenster" ausgesprochen dringend. Frustgefühl kam auf. Bei mir flossen die Tränen. Ich war kurz davor, diesen teuren Apparat einfach hoch zu hieven und zärtlich an die Wand zu schleudern. Allein der nicht unerhebliche Kostenaufwand für einen neuen hielt mich davon ab.
Aber irgendwann rafft es selbst das technisch unbegabteste Wesen, doch wenigstens die Grundregeln zu beherrschen. Stolz ordnete ich meine Texte unter "Dateien" sowie unter "Dokumente", verbesserte sie selbstständig und druckte sie tatsächlich sogar ohne fremde Hilfe aus. Eines Tages wagte ich dann den entscheidenden Schritt! Mir fehlte eine Literaturinformation, die ich aber in keiner Buchhandlung erfuhr. Was tun? Gottlob war meine Tochter Nr. 3, Tina, sehr versiert in Sachen Internet. So zog ich sie zu Rate und lernte dann recht schnell, dessen Funktionen zu nutzen. Sicher, manchmal landete ich in einem völlig falschen Programm. Suchte ich z.B. ein Bücherangebot, erschien auf dem Bildschirm die Reklame für Damenunterwäsche. War ja hübsch anzusehen und auch sehr reizvoll. Das tröstete mich aber dann keineswegs über die bis dato erfolgreich ins Unterbewusstsein verdrängte Einsicht hinweg: "So ganz Fachmann bist´e doch nicht!" Tina gewährte mir Unterstützung und setzte mich wieder auf die richtige Fährte. Ich saß staunend daneben und kam mir so unendlich klein, so geistig minderbemittelt vor. Doch fischte ich mich selbst aus jenem seelischen Durchhänger heraus, indem ich mir einredete, dass es wahrscheinlich sehr vielen Müttern so erginge wie mir. Den Vätern(!) natürlich nicht. Männer haben ja von Natur aus den richtigen Draht zur Technik!!
Dann kam der Tag X. Der Tag, an dem "Computerchen" sich für alle bisher erlittenen Fehlmanipulationen von meiner Seite aus rächte. Wahrscheinlich hatte er mir mit vollster Absicht eine längere Schonfrist gegönnt, um mir dann einen umso wirkungsvolleren Denkzettel zu verpassen.
Nichtsahnend marschierte ich an jenem denkwürdigen Tag in den Keller, um am Computer einen Text zu bearbeiten. Voller Freude auf die vor mir liegende Arbeit setzte ich mich an den Tisch. Denn wie meistens trug ich in meinem Kopf eine amüsante Geschichte spazieren. Sie wünschte sich sehnlichst ein schickes literarisches Kleid!
Auf "los" ging´s los! Einmal tief durchgeatmet, mit Wonnegefühl im Herzen. Jetzt würde es Wirklichkeit. Gleich bannte ich ein schriftstellerisches Werk noch nicht abzuschätzender Bedeutung auf diesen Bildschirm, der mich (noch!) in geheimnisvoller Schwärze ansah. Fest entschlossen, die technischen Gehirnzellen meines Computers zu aktivieren, hob ich den Arm, streckte, mir des historischen Augenblickes sehr wohl bewusst, andächtig den Zeigefinger der rechten Hand vor und wagte den entscheidenden Druck auf den Startknopf des PCs. Nun war es soweit. Alles Weitere - nur eine Sache der Intuition! Ich wartete. Es würde einige wenige Sekunden dauern, bis flimmernde Helligkeit das Dunkel auf dem Monitor vertriebe. So dachte ich und blieb gelassen. Ein Fehler, wie es sich herausstellen sollte. Denn es tat sich nichts. Weder das übliche Piepsen, das das korrekte Einschalten des Gerätes bestätigte, noch verlor der Schirm die sich deprimierend aufs menschliche Gemüt legende Dunkelheit. In mir krampfte sich alles zusammen. Ich erstarrte. Mist, nicht schoon wieder! Ausgerechnet heute, wo ich mir soviel vorgenommen hatte. Mein mechanischer Kollege hüllte sich trotz meines flehenden Blickes weiterhin in Schweigen und Dunkelheit. Dessen elektrische Kaltherzigkeit brachte mich in Rage. Dem würde ich es zeigen. Mit mir nicht! "Ruhe bewahren", suggerierte ich mir ein, "bloß nicht gleich kopflos werden. Bestimmt nur eine Kleinigkeit, die ruckzuck zu beheben ist!" Noch dachte ich so. Ich ahnungsloser Engel! Vielleicht sollte ich das Gerät neu starten? Überlegt, getan. Ein fester Druck auf den Knopf. Die Lämpchen des PCs, nach deren Bedeutung mich um Himmels willen bitte niemand fragen sollte, weigerten sich erneut, mir mit strahlendem Licht entgegen zu blinken. Auch der Monitor dachte nicht im Traum daran, seine schwarze Farbe gegen taghelles Weiß einzutauschen. Bereits ein wenig knatschig, starrte ich nacheinander hypnotisierend den PC-Knopf, dann den dunklen Bildschirm an. Verdammt, immer dieses Theater!
Meine Miene verdüsterte sich. Die Gedanken schlugen Purzelbäume. Den Töchtern oder gar dem Papa meiner Kinderschar meine Ratlosigkeit zu zeigen, sträubte sich alles in mir. Ich müsste nur Schritt für Schritt vorgehen, um dann mit Sicherheit selbst den Grund für des Computers Arbeitsverweigerung zu finden. Statt, wie wenige Minuten zuvor, in stolzer, kerzengerader Haltung auf dem Schreibtischstuhl zu thronen, hockte ich jetzt mit herabhängenden Schultern vor diesem meinem schwarz - weißen Geheimnis, dass sich ohne intensivste Erste-Hilfe-Leistung meinerseits garantiert nicht lüftete.
"Ist doch alles ganz einfach, Mama!" Da kam mir dieser für mich natürlich in jenen Minuten schwerlich nachzuvollziehende Ausspruch meines Quartetts in den Sinn. Doch ich wehrte mich, verbannte die Erinnerung daran schleunigst in den weit entferntesten Winkel meines Unterbewusstseins. Dort dürfte er bleiben. Dort richtete er keinen allzu großen Schaden an. Dessen war ich mir sicher. Und ich hatte meine Ruhe vor dem peinigenden Gedanken, diesem Wunder der Technik total hilflos gegenüber zu stehen. Auf jene simple Weise vermied ich es, letztendlich noch einer Depression zum Opfer zu fallen. Das Wissen um diesen geglückten Schachzug stärkte gottlob mein angeknackstes Selbstbewusstsein, änderte aber absolut nichts an der weiterhin bestehenden Tatsache, dass ich, was die Handhabung dieses Computers anging, noch immer nicht die geringste Idee hatte, wie ich das Problem lösen könnte. Nein, ich hatte mich trotzig dagegen entschieden: Meine Familie zöge ich nicht zu Rate - noch nicht! Wie agierte immer Miss Marple? Sie durchforschte energisch-gründlich alle Möglichkeiten, bis sich das sie umgebende Faktendunkel allmählich verzog, und sie am Ende (selbstverständlich immer(!)), mit Triumph im Herzen ihren Sieg verkündete. Der Fall war gelöst, sie in den Augen der faszinierten Zuschauer der absoluter Star!
Ich entschied: Auch ich würde zur Heldin! Ich würde es diesem Biest von Gerät heim zahlen. Meiner Familie beweisen, dass ich auch ohne die geringsten Vorkenntnisse dem unverschämten Fehlverhalten des Computers Einhalt geböte. Wäre diese Leistung vollbracht, nahm ich mir fest vor, bombardierte ich den Kerl anschließend zur Strafe derart mit Befehlen, dass sein elektrisches Gehirn heiß liefe. Zwar versperrten augenblicklich noch massive Felsbrocken in Gestalt fehlender Ideen den Weg zum Ruhm. Doch ich würde mein Ziel zäh verfolgen!
Betrachtete ich allerdings das furchtbare, teilweise aus Gründen der Ästhetik hinter dem Rücken des Gerätes versteckte Kabelgewirr, verließ mich beinahe wieder der Mut, überhaupt mit der eingehenden Untersuchung zu beginnen. Doch mein einsetzender Ehrgeiz hielt mich davon ab, einfach aufzugeben. Ohne aufzustehen, konnte ich nichts ausrichten. Unlustig erhob ich mich mit leisem Seufzen vom Stuhl, begab mich in die Hocke, um dann auf allen Vieren krabbelnd (wie mein kleiner Hund Quinny, wenn er auf dem Boden eine einsame Salzstange entdeckt hatte!), unter dem Arbeitstisch zu verschwinden. Langsam kroch ich zwischen den Tischbeinen hindurch auf die Rückwand des Gerätes zu. Der Tisch war nicht eben sehr hoch. Zack! Ich hatte nur kurz den Kopf gehoben, um meine gebeugte Haltung ein bisschen zu entkrampfen. "Scheiße! Aua!" Sauer rieb ich mir die Stirn. Ob das eine Beule gäbe?? Für mich aber kein Grund, meine Aktion abzubrechen. Nein, jetzt hielte ich durch. Tapfer kringelte ich mich noch kleiner zusammen. So war es mir möglich, sämtliche Verbindungen Kabel - zugehörige Buchse zu prüfen. Waren sie alle ordnungsgemäß eingesteckt? Oder hing eines von ihnen vielleicht an dem berühmten seidenen Faden, so dass die Stromzufuhr gestört war? Leider stimmte alles. Ich hätte weiter zu suchen. Doch, wie kräftig ich auch an den Schnüren herum drückte bzw. zog - nirgends zeigte sich eine Fehlerquelle. Frustriert angelte ich mich gerade mühsam an der Tischplatte wieder hoch, als ich eine merkwürdig metallisch klingende Stimme vernahm. Erschrocken starrte ich ungläubig auf den Computer. Spielte mir mein strapaziertes Gehirn jetzt einen Streich? "Sag´ mal, musst Du unbedingt so heftig an meinen Kabeln ziehen?" brummte es da. Nein, das war keine Einbildung aus Übermüdung heraus. Der redete wirklich mit mir. Aber, wie funktionierte das denn? Er war doch gar nicht eingeschaltet. Egal, auf dessen dämliche Frage wusste ich die passende Antwort: "Wenn du dich zu arbeiten weigerst, kann ich das leider nicht vermeiden!" Knurrte ich zurück. Bildete ich mir das ein, oder intensivierte sich die Schwärze seines Bildschirmes vor Ärger? Seine dann folgende patzige Antwort wertete ich als Bestätigung jenes Eindruckes: "Soll ich auch einmal so an deinen Drähten ziehen? Dann merkst du einmal, wie weh das tut!" Ob der jetzt durch zu lang andauernde Unterbrechung der Stromzufuhr einen Knacks hatte? Dieser(!) unverfrorene Tonfall - und überhaupt! Welch beleidigende Äußerung!" Ich war wütend. Was bildete der sich eigentlich ein? Er war doch nur ein relativ kleiner Teil des technischen Inventars meines Hauses. Gefälligst hatte der sich jeglicher Meinungsäußerung zu enthalten und wie jedes normale Haushaltsgerät seine metallische Klappe zu halten. Genau das hielt ich ihm in der nächsten Sekunde vor. Ich war ja im deutlichen Vorteil. Mir konnte nicht viel passieren, wenn ich ihm einen solchen Schlag versetzte. Dieser meiner mehr als berechtigten Vorhaltung wegen stünde der dann unter Schock und wäre keiner weiteren Frechheit mehr fähig. Ich hätte ihn ausgetrickst!
Was hatte dieser Kunststoffkasten da gesagt: "Ich ... und Drähte?" Sauer überlegte ich fieberhaft, wo an meinem Körper ich wohl...?!"Lange brauchte ich leider nicht nachzugrübeln. Recht fix ging mir ein Licht auf. Nun, ja, besonders dick war ich ja nicht gerade ausgefallen. Verschämt sah ich heimlich an mir herunter. "Drähte::?!!!" dröhnte es unaufhörlich in meinem Kopf. Mein Blick wanderte über meinen Oberkörper: "Platt wie ein Brett, ja...hm!" Gestand ich mir frustriert ein. Aber das konnte er mit "Drähte!" nicht gemeint haben. So viel Verstand, optische Unterschiede richtig wahr zu nehmen und zu bezeichnen, hatte ich ihm zuzugestehen. Denn er erkannte ja auch seine eigenen Programme, sogar in sämtlichen Details. Und führte menschliche Befehle folgerichtig durch. Mein Auge streifte meinen Bauch und wanderte zu Armen und Beinen. Mein Bauch erschien mir in seinem Umfang einer sehr zierlichen Person entsprechend durchaus normal. Das war es auch nicht. Doch dann erweiterte sich meine Pupille vor lauter Schreck: Meine Arme...meine Beine!! Innerlich musste ich diesem Flegel Recht geben. Die(!) hätte man mit viel Häme tatsächlich "Drähte" nennen können!
Jetzt war es soweit. Ich ließe mich doch von einem technischen Gerät nicht in einer solch unflätigen Art und Weise kränken. Was fiel dem ein?!! Da ich nicht auf den Kopf gefallen war, kam mir aus Wut heraus die richtige Antwort. Die würde ihn zerschmettern. Die nähme ihm die Kraft für weitere bösartige Bemerkungen.
Hinterhältig grinsend stellte ich mich vor meinen Computer. Der sollte sich wundern: "Du metallene Großschnauze! Du hast dich als typisch männliches Wesen geoutet! Sofort werdet ihr gemein, wenn ihr euch in eurem Prestigedenken verletzt fühlt. Und wehe, es ist sogar ein weibliches Wesen, das euch mal die Meinung geigt. Und das auf unverschämte Äußerungen obendrein noch gut zu kontern weiß!" Gereizt ließ ich seinen Bildschirm nicht aus den Augen. Könnte ich irgendeine Veränderung der Farbintensität feststellen und dann daraus für mich erfreuliche Schlüsse ziehen? Hach, war das ein Triumph: Der Schirm war doch tatsächlich inzwischen so schwärz wie die schwärzeste Nacht! "Juhuuh, getroffen!" Klopfte ich mir auf die Schulter. Zu meiner Enttäuschung war dieses Wortgefecht damit leider keineswegs ausgestanden. Ich hatte meinen technischen Hausgenossen bei weitem unterschätzt: "Du eingebildete Kuh!" Tönte es mir blasiert entgegen. "Speicherst du in deinem Minigedächtnis so viele Fakten gleichzeitig wie ich? Und das noch in Sekunden? Hast du ein dermaßen umfangreiches Allgemeinwissen??" "Lieber Gott, bitte schick mir jetzt ganz fix die passende Antwort, die den endlich mundtot macht!" flehte ich meinen Schöpfer an. Wohl nur aus purem Mitleid, nicht Solidarität(!) gab er mir eine Idee ein, was ich in etwa erwidern könnte. Allerdings war es nicht das Gelbe vom Ei, was er mir da vorschlug: "Das klappt ja nur, weil wir Menschen dich programmiert haben. Brauchst dir also nichts darauf einzubilden. Ohne unser Einwirken bist du ein Nichts!" So niederschmetternd fand ich diese Anti-Prestige-Schleuder nicht. Da hätte dem lieben Herrgott etwas viel Fieseres einfallen dürfen. "Doch", so überlegte ich, "kann ich das denn von ihm erwarten? Der ist ja auch bloß ein Mann. Und die halten bekanntlich immer zusammen!!" Also machte ich innerlich gewisse Abstriche, was dessen augenblickliche Hilfsbereitschaft anging. Aber - nanu!? Kein Kommentar dazu von meinem blöden Kasten? War ihm wider Erwarten das elektrische Restdenkvermögen ausgegangen? Ich frohlockte!!
Was mir zu meinem Schaden geriet. Hatte der Herrgott meine Schadenfreude als unangebrachte Selbstüberschätzung gewertet, einen Dämpfer für notwendig befunden? Unnütz, darüber nach zu sinnen. (Das hätte nie und nimmer zu einer Verbesserung der für mich sich anbahnenden, äußerst blamablen Situation geführt.!!).
Es grenzte an ein Wunder: "Computerchen" gab weiterhin keinen noch so zaghaften Ton von sich, wie aufmerksam ich auch in seine Richtung lauschte. Absolut nichts! Sollte diesem "Wesen" etwa die ihm auf drastische Weise von mir vermittelte furchtbare Erkenntnis, sich zu den "Niemands" zählen zu müssen, endgültig die Sprache verschlagen haben? Mir tatsächlich seelische Ruhe bringen? Wunderlich wurde mir. Mich beschlich ein Gefühl wie zwischen Tag und Traum; in jener Minute aber eher noch: Tag. An den Traum müsste ich mich, träte er denn wirklich ein, erst noch gewöhnen. Die anhaltende Stille beunruhigte mich, wirkte auf mich unnatürlich, machte mich nervös und misstrauisch. Es entsprach einfach nicht der Logik, dass dieser rechteckige Kerl sich so schnell geschlagen gab. Wieso machte ich mir jetzt noch Kopfzerbrechen deswegen? Schließlich hatte eben das ich mir sehnlichst gewünscht, sogar darum noch die Hilfe des Himmels in Anspruch genommen! "Mensch, fang jetzt bloß nicht an, auch noch auseinander dividieren zu wollen, warum dieser Frechdachs so überhaupt keinen Muckser mehr von sich gibt! Sei einfach froh, das dem so ist!!" Meine innere Stimme überzeugte mich. Schwindende Nervösität machte gesteigertem Denkvermögen Platz. Ich erinnerte mich schlagartig des eigentlichen Problems. Nämlich, mein Gerät endlich zu starten. Wonnegefühl ob seines Schweigens - ade! Frust ob meiner Ratlosigkeit - hello again!!
"Gaaabyy!" Das war doch mein Name, der da so durchdringend durchs Haus schallte. Verstört schreckte ich auf. Wo war ich, wer hatte mich da gerufen...? Benommen schüttelte ich ein paar Male den Kopf. Was war geschehen, hatte ich einen Tagtraum durchlebt? War es der Versuch gewesen, mich wenigstens in der Traumwelt zu behaupten, da es mir in der Realität momentan nicht beschieden zu sein schien? War das der Auslöser gewesen? Eine sichere Antwort fand ich nicht. Doch endlich, endlich den Ansatz für meiner Hilflosigkeit in Bezug auf technische Problemlösungen wegen einzig vernünftiges, konsequentes Vorgehens. Ich bat Alex, den Papa meiner Kinder, um Rat. Er schaute kurz, kontrollierte, ebenfalls wie ein kleiner Hund auf allen Vieren krabbelnd, sämtliche Kabelanschlüsse, stieß sich aber im Gegensatz zu mir nicht den Kopf, brauchte denn auch nicht die Gefahr einer Beule einzukalkulieren und kam trotz seiner Größe ebenfalls ohne Schwierigkeiten unter dem Tisch hervor. Wenigstens den(!) Triumph kostete ich aus: Zu meiner Ehrenrettung sei erwähnt, dass selbst er, dieser Computerfan, kein einziges undiszipliniertes, da nur am seidenen Faden hängend mit seiner Buchse verbundenes Kabel ausfindig machte!
Recht nachdenklicher Mimik stand Alex vor dem Tisch. Doch nach nur dem Bruchteil einer Sekunde glitt ein Leuchten über sein Gesicht. Für mich das eindeutige Zeichen: "Der hat´s gleich!" Zu meiner Beruhigung, was die Denkfähigkeit meiner Gehirnzellen anging, hatte ich das erstaunlich schnell erfasst. Was untersuchte prüfte der denn per Blick die rechte Seite des Monitors? Und dann tasteten Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand auffallend zögerlich über die Seitenwand nach hinten, bis zum Rücken des Gerätes. Noch ein Zentimeter an diesem entlang. Die Bewegung stoppte. In den letzten Sekunden mit angehaltenem Atem seine Aktion verfolgend, waren meine Nerven zum Zerreißen gespannt: Was ...um Himmelswillen, geschähe nun?? Ich hörte ein leises Klicken. Alex zog sichtlich amüsiert die Hand wieder zu sich. Sprachlos sah ich ihn an. "Ja - hast du den Fehler entdeckt? Ist etwas kaputt!?"
Seine Antwort werde ich so schnell nicht vergessen: "Ja, vielleicht solltest du in Zukunft den PC mit diesem Kippschalter auch anstellen!" Der(!) Tonfall kam mir verdächtig bekannt vor. Richtig! Genau so dermaßen überheblich, so gönnerhaft und wissend hatten doch meine Töchter versucht, ihrer ahnungslosen Mutter die Geheimnisse des geliebten Computers unter Einhaltung des Zeitlupentempos zu erklären. Nur: Das Zeitlupentempo hatte Alex weggelassen. Dafür blieb bei der Betätigung des Kippschalters nicht genügend Zeit!
Der Leser, der nach all dem vermutet, damit hätte diese Episode ein Ende, irrt ganz gewaltig. Das I-Tüpfelchen sollte noch folgen!
Ich fühlte mich dem Papa meiner Kinder gegenüber doch arg unterlegen. Mit anderen Worten: Ich hatte das wohl nicht ganz falsche Empfinden, mich bis auf die Knochen blamiert zu haben. Wie sollte ich bloß mein Entsetzen darob überspielen? Ich sagte mir: "Cool, bleib cool! Lach einfach selbstbewusst los, und gebe ihm mit folgenden souveränen Worten zu: "Das muss einem doch gesagt werden!" Ich glaube, ich bekam aus Rücksichtsnahme heraus keine diesbezügliche Antwort. Stattdessen verließ der Papa meiner Kinder mit sichtlich verstärktem Selbstwertgefühl den Hobbyraum. Leise prustete ich befreit los. "Ach, du meine Güte! Und deswegen die ganze Aufregung!"
Innerhalb weniger Sekunden saß ich wieder in kerzengerader Haltung vor dem Gerät. Ein herrliches Gefühl. Jetzt könnte ich mit meiner Arbeit beginnen, mich an dem entstehenden Text erfreuen und dabei den ganzen Ärger vergessen! Logisch - und trotzdem verkehrt! Euphorisch betätigte ich den besagten Kippschalter, um mir zu beweisen, wie lernfähig ich doch sei! War ich offensichtlich auch, denn sofort erhellte sich der Bildschirm und flimmerte mir lustig etwas vor. Keine schwarze bzw. schwärzeste Fläche, keine unverschämten Bemerkungen meines Apparates. Wir beide boten ein Bild absoluter Harmonie. So dachte ich. Ich dachte falsch. Zwar hatte ich das Gerät erfolgreich zum Arbeiten animiert. Doch noch war ich nicht im richtigen Programm. Um das zu erreichen, mussten ich noch fleißig auf einigen Tasten herum hämmern. Sagenhaft!! Wie jeder normalveranlagte, gut erzogene Computer dieser Welt gehorchte auch mein rechteckiger Freund aufs Wort und präsentierte mir das gewünschte Programm. Meine Augen sogen sich an diesen wunderschönen Großbuchstaben fest, die im oberen Drittel des Bildschirmes deutlichst lesbar erschienen. Im Glückstaumel ließ ich voller Wonne meinen Blick in jede Ecke wandern. Pech für mich, dass ich auf dieser optischen Reise auch das oberste Bildviertel nicht vergaß! Dort nämlich verflüchtigte sich dann Knall auf Fall die ganze Euphorie. Aus dem 6 ½. Himmel stürzte ich (bildlich gesprochen!) in rasantem Falle in eine mindestens 12 Meter tiefe Erdspalte. Um des tieferen Erlebens wegen noch angefüllt mit scharfkantigem Felsgestein. Damit ich das wenigstens auskostete und niemals vergessen könnte.
Verständlicherweise fragen Sie mich, was denn nun schon wieder passiert wäre!? Für ein einziges Computer date reichte es doch inzwischen wahrhaftig an Überraschungen. Ja, die Meinung vertraten Sie zu Recht. Ich teilte sie mit jeder Faser meines Herzens. Der Einzige, der sie nicht teilte, war mein Computer. Bei dem(!) Schriftbild, dass er mir ein paar Sekunden später zumutete, fiel ich dessen Aussage wegen beinahe in Ohnmacht. Mein Mund stand sperrangelweit offen. Und blieb so stehen. In dem(!) Gemütszustand, in den ich jetzt geschliddert war, war an "Wiederverschließen" nicht zu denken. In aller Ruhe hätte ich vor einem Spiegel meine Zähne nachzählen können. Der Schock hinderte mich daran, meinem Gesicht fix wieder einen halbwegs intelligenten Ausdruck zu verleihen. Ich konnte nicht anders. Ich starrte, stierte und war fassungslos:
Im obersten Bildviertel kroch eine süße kleine, sympathische Schnecke, stolz ihr hübsches Häuschen vorführend, ganz langsam - eben nach Schneckenart - von links nach rechts. "Das ist doch nichts Schreckliches!" Werden Sie sehr zutreffend anmerken. Nein, das(!) natürlich nicht. Ich liebe Tiere! Das Furchtbare folgte ihr in geringem Abstand. In Gestalt einer Reihe zitternd über die Bildschirmbreite hopsender schwarzer Figuren. Ebenfalls von links nach rechts. Mein Verstand arbeitete auf Hochtouren. Ich identifizierte sie als allerdings ungewöhnlich zappelige Anteile des uns allen bekannten ABCs. Auffällig für mich: Die Sprungkraft der Kleinbuchstaben war keinen Deut geringer als die ihrer großen Freunde. Und das trotz deren enormer Gewichtigkeit (s. Wort- bzw. Satzanfang). Keck fettgedruckt hampelten sie da vor meinen Augen in ungehemmter Lebensfreude über den Monitor, Unbekümmert um die Tatsache, dass man als Buchstabe gefälligst ordentlich in Reih und Glied, zudem außerdem absolut unbeweglich, auf seinem Platz zu stehen hatte. Das interessierte die nicht die Bohne. Es hätte mich überhaupt nicht gewundert, wenn ihre Kapriolen in "Rolle vorwärts" und "Rolle rückwärts" ausgeartet wären. Doch die dafür dann benötigte Energie hatten sie sich für ihren eigentlichen Auftrag aufgespart. Denn sie sollten mir nicht "Spaß am Leben" demonstrieren. Sie waren Computers Werkzeuge für seinen unglaublichen Rachefeldzug gegen mich. Den hatte er sorgfältigst geplant..
Deshalb das langanhaltende, scheinheilige Schweigen seinerseits! Darum die vorgetäuschte Arbeitsbereitschaft!
Für mich gab es kein Entrinnen. Er hielt mich mit eben dieser ver-rückten Buchstabenarmee in Schach. Ich wäre gezwungen, mich mit ihnen auseinander zu setzen. Ob ich wollte oder nicht! Neugierde, nein absolute Panik fesselte mich an deren Anblick. Ich ahnte es, ich spürte das Verderben auf mich zukommen. Eine eiskalte Klammer umschloss mein Herz. Unfähig, mich zu wehren, las jeden Unheil bringenden Buchstaben einzeln für sich, stellte dann kleine Grüppchen zusammen, die sich zu Worten formten. Die einzelnen Worte schockten mich noch nicht. Sie schienen mir relativ harmlos in ihrer Aussage. Jetzt half alles nichts mehr. Den ersten Schritt hatte ich getan. Der nachfolgende sollte mich psychisch in die Knie zwingen, seine Wirkung nicht verfehlen. Ich verlöre auf einen Schlag alle mühsam erkämpfte Selbstsicherheit!
Fraglich, ob auch mein Computer sich um Hilfe an den Herrgottgewandt hatte. Zudem der mit dessen Solidarität garantiert hatte rechnen können; s.: "Männer halten immer zusammen!"
Mit bebender Stimme hub ich an zu lesen: " Haben...Sie...?"
Meine Furcht wuchs: "...noch...?? Wie bedrohlich dieses kleine Wörtchen mir ins Auge stach! Sollte ich mich nicht besser weigern, mir den Rest dieses mir bisher nur halbentschlüsselten Satzes zum eigenen Wohle "schenken"? Nein, mein Gerät sollte sich wunden! Weibliche menschliche Wesen sind keine Feiglinge, lassen sich nicht auf so primitive Art und Weise übertölpeln!
Um genau dafür den Beweis anzutreten, robbte ich mich, wenn auch zögerlich, an das nächste Wort heran: "...alle...(hm - wieso hatte ich davor Angst gehabt. "Alle" war eine allgemeine, daher harmlose Ausdrucksform. Vielleicht käme es überhaupt nicht zur Katastrophe, wie es meine Phantasie mir vorzugaukeln versuchte?
Fast ein wenig beruhigt, nahm ich den Rest des Satzes in Angriff. Der allerdings machte dann meine letzte, mich aufbauende Überlegung innerhalb einer Sekunde zunichte. Kehrte sie ins absolute Gegenteil.
Ich entzifferte: "...Tassen..im..Schrank!!!???" Ich fühlte mich sozusagen in einen dunklen Tunnel gezogen, in dem mir ein noch(!) in seiner Grausamkeit nicht einzuschätzendes Schicksal auflauerte.
Ich bebte am ganzen Körper. Was erwartete mich? Explodierte etwa mein Computer, um mir für alle Zukunft die Möglichkeit zu nehmen, ihn mit Befehlen zu traktieren, ihn zu beherrschen?
Den Sprung ins kalte Wasser konnte ich nicht mehr vermeiden. Sie kennen den Spruch:" Wer `A` sagt, muss auch ´B` sagen!" Dachte ich darüber nach, hatte ich zu registrieren, dass ich wohl inzwischen mehr als konsequent auf alle Gefahren eingelassenen hatte. Nein, kneifen käme nicht in Frage. Da müsste ich jetzt durch. Und das sogar offenen Auges!
Mein Untergang nahte. Doch wenigstens wollte ich ihn bewusst erleben. Nicht bereits am Boden liegend. Also atmete ich, eventuell zum letzten Male in diesem Leben, ganz tief durch. Richtete todesmutig meinen Blick auf die Satzfetzen und fügte sie zu einer Aussage zusammen. Mit bibberndem Herzen las nahm ich sie in mich auf. ich die absolute Es war die(!) Provokation schlechthin. Sie kam der Einweisung ins Irrenhaus gleich: Eine absolute Abwertung meiner Persönlichkeit!
Da stand in aufdringlicher Schrift zu lesen:
" Haben ....Sie....noch....alle....Tassen....im....Schrank!!!!????"
Ich schnappte nochmals nach Luft. Diesmal nicht in Panik, sondern aus einer unbändigen Wut heraus. Wie konnte er es wagen? Woher nahm er den Mut, mir, einem weiblichen Homo sapiens Homo sapiens sapiensis so entgegen zu treten? War er wirklich so kaltherzig? Sah so der Charakter von Computern aus? Oder war mein Apparat nur ein sog. "Montagsgerät", damit alle seine "Artgenossen" entschuldigt?
Dermaßen verletzte mich niemand. So kränkte mich keiner in meiner Würde. Der Zeitpunkt war gekommen, meinerseits furchtbare Rache zu nehmen. Ähnlich deftig wie er. Das letzte Wort in dieser Geschichte hätte ich, der Mensch!!
Angestrengt überlegte ich. Wie könnte ich diesen unmöglichen Ausbund an Frechheit endgültig in seine Schranken verweisen?
Nicht lange, da kam mir die passende Eingebung. Mein Selbstbewusstsein erlebte einen gehörigen Aufschwung. Ein zweites Mal frohlockte ich! Diesmal aber in dem sicheren Gefühl, dass der Herrgott gegen meine Handlungsweise keinerlei Veto einlegen würde.
Mit einem ungeheuren Siegesgefühl im Herzen schleuderte ich dieser kunststoff-metallenen Großschnauze folgenden Satz entgegen, ebenfalls in fettgedruckter, aufdringlicher Schrift:
"Du hast nicht nur eine(!) Schraube locker. Bei Dir fehlt ein ganzer Werkzeugkasten!!"
Irgendwie reichte mir das noch nicht als Bestrafung eines dermaßen schmählichen Verhaltens. Da bedurfte es mehr!
Eine Minute später grinste ich vor mich hin: Ja, das gäbe ihm den Rest. Das war die Lösung! Nie mehr würde ich belästigt, nie mehr verspottet. Ich würde zum Star. Ich wäre Sieger! Und das auf ewig!!!
Mein inneres Gericht tagte. Noch kaltherziger als der Computer agierte nun ich. Wessen war er für würdig zu befinden? Unterbewusstsein und Bewusstsein waren einer Meinung, fällten einstimmig das Urteil:
Todesstrafe!!!!!
Das Urteil sollte sofort vollstreckt werden. Mit der Durchführung betraute man mich.
P.S.:
Verurteilen Sie mich nicht. Bitte bewahren Sie Stillschweigen!
Ich schnappte mir meinen technischen Hausgenossen, riss ihm im Siegestaumel sämtliche Kabel auf brutalste Art und Weise aus den Buchsen, kappte die Verbindung zur Steckdose und hievte ihn hoch. Verflixt, war der schwer! Der Zorn, der sich meiner bemächtigt hatte, verhalf mir zu ungeahnter Kraft. Ohne viel Anstrengung nahm ich Schwung wie ein Tennisspieler beim Aufschlag und knallte dieses Geschöpf des technischen Fortschrittes mit Vehemenz gegen die Wand. Der Todesschrei blieb mir erspart. Er ging unter in einem mächtigen Scheppern und Geklirre. Der Computer zerfiel in seine Einzelteile und verabschiedete sich so aus seinem nicht sehr rumvollen Leben.
Als ich nach dieser Aktion besänftigt, das von mir verursachte tödliche Chaos auf dem Boden eingehender betrachtete, entdeckte ich regelrechte Berge von Schrauben.
Einige der fehlenden Metallteilchen fand ich dann neben dem Tischbein hinten rechts!




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Eingereicht am 19. März 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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