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Der Feind auf meinem Balkon

Eine Glosse von Rosemarie C. Barth


Vor drei Monaten hatte ich einen Heimtrainer gekauft. Seitdem stand er wenig geliebt auf meinem Balkon und musste erst den Ortswechsel verkraften. Ehe er bei mir eingezogen war, hatte er nicht gewusst, was Wind, Schnee und Regen sind. Er sollte sich an die Umgebung anpassen, bodenständig werden.
Eines Tages fragte mein Sohn René, als er uns besuchte: "Sag Mutter, wie kommst du denn mit dem Heimtrainer klar?"
Sicher hab' ich geguckt, als hätte es mir die Petersilie verhagelt, als ich erwiderte: "Gut. Wieso fragst du?"
"Ich habe den Eindruck, du musst mal Staub putzen auf dem guten Stück." René schmunzelte vielsagend.
"Ach?" Mir saß ein Kloß im Hals, als ich sacht zum Balkon trabte. "Gute Idee", antwortete ich brav. Als ich den Radsitz berührte, zog sich eine helle Spur mitten durchs Lederpolster.
Abends hatten wir üppig geschmaust. Der Tisch war voller leckerer Köstlichkeiten. Schweinfleisch, Kartoffelsalat, delikater Soßen, Weizenbier und mundiger Liköre. "He, der Tisch platzt", kreischte ich, "wo soll ich die Fleischplatte abstellen?" Vier süße Fruchtliköre hatten mich total in Stimmung versetzt.
Mein holder Gatte sah mich weniger süß an und rief spitz: "Auf deine Hüften, Liebes."
René spürte, dass Vater mich an einer sensiblen Stelle ertappt hatte und versöhnte: "Lass gut sein, sie hat doch schon Staub gewischt auf dem Rad."
Ich nickte bekräftigend, war puterrot angelaufen.
Meine bessere Hälfte zischte: "Wer's glaubt wird selig."
"Ab morgen!", rief ich und verschluckte mich. René klopfte kräftig auf meinen Rücken. Ich erholte mich, aß aber keinen einzigen Bissen mehr.
In dieser Nacht träumte ich, zwei Zentner pralles Körpergewicht bescherten mir ein jähes Ende. Ich schrie im Schlaf...
Am nächsten Morgen lächelte mich mein Heimtrainer lieb an. Ich stieg in den Shorty, zog Turnschuhe an und murmelte: "Ab heute täglich. Sei mutig". Dann trat ich in die Pedale und fühlte mich nicht schlecht. Nach einer Minute gefiel es mir. Nach zwei Minuten sah ich genussvoll in den Himmel. Nach drei Minuten fühlte ich mich jung und dynamisch. Nach weiteren Minuten tropfte Schweiß in meinen Rücken, ich fuhr tapfer weiter... Zehn Minuten später fehlte mir die Luft und ich kippte vom Rad. René wartete schon eine Weile hinter mir und fing mich sorgsam auf. Ich japste, als hätte meine letzte Stunde geschlagen. Er führte mich untergehakt zur Dusche, wo schon ein Glas Soda stand.
Morgens greife ich nach meinen Beinen, hebe sie behutsam aus dem Bett. Alles tut weh. Ich werde den Tag nicht überleben. Ächzend krauche ich zum Balkon. Da steht er - mein Feind! Ich will ihm einen Tritt verpassen, als mein Mann plötzlich hinter mir ruft: "Toll, dass du gleich weiter machst."
"Natürlich! Wieso auch nicht?", frage ich schmerzlich lächelnd, "hab' nicht mal Muskelkater."
Mein Göttergatte bleibt wie angewurzelt stehen und ich muss wieder rauf - auf meinen Feind. Ja, ich bin jung und dynamisch!



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Eingereicht am 10. Januar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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