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Der Kokser

© Horst Rucksack


Über dem Kabinengang trommelten die Fans. Früher hatte Kokser dieses dumpfe Grollen motiviert. Und er hatte sich wie ein Gladiator gefühlt. Doch heute hatte er Angst. Er hatte schlecht geschlafen und er nahm instinktiv wahr, dass sich sein Leben heute verändern würde.
Langsam blickte Kokser zum Gegner. "Nur nichts anmerken lassen", dachte er sich und kaute lässig auf seinem Kaugummi. In seinem mit Gel überfrachteten Haaren hatte er zusätzlich ein Haarband eingeflochten. Wahrscheinlich, weil das im Moment alle so trugen. Lässig bewegte er sein Kaugummi von der rechten in die linke Backe. Hin und her und her und hin. Cool sah das aus. Schließlich hatte er das schon als B-Jugendlicher vor dem Spiegel trainiert. Koksers rechte Hand vergrub sich in seinem Schritt und hob seinen Sack langsam und rhythmisch drei bis vier Mal nach oben. "Na also, geht doch", dachte Kokser. Die Angst schien besiegt. Er begann zu lächeln ohne den entschlossenen Zug um seine Mundwinkel zu gefährden. "Yeah". Das war professionelle Coolness in Reinkultur. Langsam drehte Kokser sich zum Gegner, löste die nach wie vor am Sack kraulende Hand und reichte sie dem Gegner. "Good Game", zischte er durch Kaugummi und Lächeln und befürchtete, dass er für eine Zehntelsekunde seine zur Schau getragene Entschlossenheit verloren hatte. Sofort prüfte Kokser die Wirkung beim Gegenüber. Der war jung, neu dabei und hatte offensichtlich nichts gemerkt.
Jetzt brachten die Verantwortlichen diese verfickten kleinen Gören, die seit Jahren zum Einlaufritual gehörten. Unhörbar zischte er "You're welcome! Bloody bastard" zu dem kleinen blonden Mädchen. Das schien zu verstehen und schaute noch verstörter drein als zuvor, als Kokser ihr lächelnd seine linke Hand reichte ohne die rechte vom linken Ei zu lösen. Spätestens jetzt hatte er den Olymp der Coolness erreicht. Koksers Übungsstunden auf der Schultoilette hatten sich bezahlt gemacht.
Der Schiri pfiff an und gemächlich schritten die Teams in die Arena. Die Champions League Hymne ertönte, wurde aber schon bald vom wütenden Gebrüll der englischen Fans zerpflückt. "Offensichtlich sind wir hier nicht erwünscht, sagte Kokser leise und lächelte wie der kaltblütige Killer eines mittelprächtigen Mafiastreifens. "Jaaaaaaa", sie hassten Kokser und er liebte sie dafür.
Mit dem ersten Schritt auf den heiligen Rasen kehrte überraschend die Angst zurück. Kokser verunsicherte es diesmal, dass sich alle Augen auf ihn richteten. Er schrumpfte zusammen und versuchte dies mit einer ungelenken Bekreuzigung zu kaschieren. Als Kirchensteuerchrist, der die Kirche zum letzten Mal zu seiner Kommunion gesehen hatte, konnte dies nicht gelingen. Kokser spürte das und sehnte sich nach allem. Nur nicht nach Fußball. Aber es gab kein zurück. Professionell spulte er nun den zweiten Teil des Coolness-Programms ab. Mit nach wie vor gelangweilt kamelartigen Kaubewegungen versuchte er die ohnehin angeklatschte Gelfrisur noch exakter um den Kopf zu drapieren. Die eleganten Streichbewegungen der linken Hand (die rechte befand sich noch immer am linken Ei) wurden durch leichte Kreisbewegungen des Kopfes unterstützt. In unendlichen Sitzungen vor den Hotelspiegeln dieser Welt hatte Kokser diese Bewegung bis zur Vollendung einstudiert.
Mit sanften wiegenden Schritten bewegte er sich weiter und ließ immer wieder Teile seiner Haarstreich-Choreographie einfließen. Dass Kokser sich hierbei vom Chorgesang der verhassten Manu-Fans inspirieren ließ, störte ihn nicht. Auch fand er es nicht verwunderlich, dass er nach zehnminütiger Dauersackmassage dem nach wie vor nebenher trottenden blassen Mädchen jetzt doch die rechte Hand gereicht hatte.
Während sich die letzten Takte der Champions League Melodie gegen die grölende Fanmasse im Stadionrund durchgesetzt hatten, ging Kokser nochmals in sich. Jetzt, das wusste er aus zahlreichen Schlachten, war der Zeitpunkt um sich auf die anstehenden Aufgaben vorzubereiten. Mit geschlossenen Augen und nach hinten geneigtem Kopf wirkte er konzentriert und entschlossen. Sicher würden die meisten der anwesenden Reporter beim Kameraschwenk seinen Ehrgeiz, seine Entschlossenheit und seine Konzentrationsfähigkeit huldigen. Leider, aber das wusste nur Kokser selbst, versuchte er verzweifelt mit den nach hinten verschränkten Armen diese verdammte Hose aus der Kimme zu zerren. Kurz nachdem ihm dies gelungen war und sich eine kurzzeitige Erleichterung in seinem Körper ausgebreitet hatte, blickte Kokser in das lächelnde Sprossengesicht des gegnerischen Spielmachers. Scheiße, diese Entgleisung hätte nicht passieren dürfen. Nicht bei dem. Der Handshake schien unendlich anzudauern und dieser dumm grinsende Tommy schien seine Schwäche bemerkt zu haben. Das Schwein nutzte seine Verlegenheit aus. Nachdem Kokser im Geiste den Zeugwart wegen der verfluchten Hose abgewaschen hatte, startete Kokser sein Hardcore-Programm. Mit leicht nach vorn gebeugten Kopf näherte er sich bis auf wenige Zentimeter der britischen Kickerdiva, drückte mit der rechten Hand kräftig zu, ließ das Kaugummi lässig auf die goldenen Schwuchteltreter der Diva fallen und sagte: "Meine Name ist Drago und ich muss dich vernichten! Asta la vista". Dann ging er langsam zum nächsten. "Oh Scheiße, zwar geklaut aber cool", dachte Kokser. Einige Sekunden lang feierte er seinen verbalen Schachzug und fühlte sich genial und unbesiegbar. Noch während er die restlichen Manu-Spieler abklatschte versuchte er sich an diese Klassiker der Filmgeschichte zu erinnern. Doch leider gelang es Kokser nicht, eine Symbiose von Schwarzenegger- und Lundgren-Mimik herzustellen. Und so erstarrten die Manu-Cracks eben nicht vor Angst.
Nachdem der Schiri mit einem kräftigen Pfiff das Spiel eröffnet hatte, konnte Kokser sein Coolness-Programm beenden und mit dem beginnen, war er eigentlich nicht wirklich konnte: Fußballspielen.
Bereits nach wenigen Minuten durfte Kokser allen zeigen, was er drauf hatte. Bei einem Konter hatte sich Goldschuh die Kugel geschnappt und war leichtfüßig auf der rechten Seite entwischt. Doch zehn Meter hinter der Mittellinie musste er das Tempo drosseln, um auf seine Mitspieler zu warten. Sein Pech, denn von hinten näherte sich Kokser mit rasendem Tempo. Etwa fünf Meter vor Goldschuh nahm er die Hackel'sche Rodelstellung ein und driftete mit unverminderter Geschwindigkeit in Richtung Goldschuh. Und genau so hatte sich Kokser immer gesehen. Das Wasser spritzte rechts und links neben seinem stahlharten Körper auf und bildete kurzzeitig einen Regenbogen im Flutlicht. Die polierten Alustollen funkelten dazu als sich zwei Schuhe der neuesten adidas-Generation unaufhaltsam in Richtung des spielmachenden Fahrgestells bewegten.
Nach einem fürchterlichen Aufprall blieb Kokser einige Zeit benommen liegen. Er blickte in einen azurblauen Himmel und betrachtete Bäume, die sich sanft im Wind bewegten. Kokser hatte keine Schmerzen und versuchte sich zu erinnern. Langsam wanderte sein Blick vom Himmel über die Bäume nach unten. Dann blickte auf den Boden und sah diese verdammten goldenen Schwuchtelgaloschen neben sich stehen. Kokser war sofort wach und versuchte erneut sein Coolnessprogramm zu starten. Doch er hatte kein Kaugummi. Dann erinnerte Kokser sich an das ungute Gefühl und er hörte eine Stimme sagen: "Junge, langsam, dat iss nur Freundschaftskick inne B-Klasse".



Eingereicht am 10. Februar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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