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Begegnung in der Kurve

© Raiko Milanovic


Ich sah den schwarzen BMW nicht. Im Radio lief gerade die neue Spieleraufstellung: Wallach und Polski waren im Angriff, aber Hahn stand nicht im Tor. In Gedanken bei der Aufstellung, erblickte ich das unverhoffte Geschenk einer Parklücke am Frankfurter Hauptbahnhof - gerade in dem Moment, als ein schwarzer BMW rückwärts aus der Kurve auf die Parklücke zuschoss. "Mist", schoss es mir noch durch den Kopf, bevor es krachte. Dieser Gedanke half weder etwas, noch erleichterte er mir den Aufprall, der kurz und fast schmerzlos vorüber ging.
Ich blieb sitzen und wartete auf den Airbag. Wann geht er los? Wann kommt er? Der Wagen war Schrott - jetzt fehlte nur noch, dass der Airbag mir nutzloserweise das Trommelfell zerriss. Aber er regte sich nicht und irgendwann stieg ich mit zitternden Knien aus. Der BMW hatte mich voll erwischt: die Front war eingedrückt und es gluckerte leise. Eine ölige Schliere lief träge in den Rinnstein und ich wunderte mich, dass ich es mitten in der Stadt hören konnte.
Dann stand der Typ neben mir und sagte: "Shit." Erst da hob ich den Kopf.
"Shit! Jawohl, shit. Das bezahlen Sie mir. Der Wagen ist neu. Ganz neu und Sie rasen mir einfach rein. Sind Sie blind? Wie ein Wahnsinniger rückwärts gefahren sind Sie. Ich hab ja Vorfahrt und die anderen sollen aufpassen, nicht? Wird schon gut gehen, was?"
Der Typ, dunkelhaarig und mit Ferrari-Kappe, blickte mich nur stumm an.
"Na, was war? Keine Zeit gehabt, oder was?"
Er schaute mich etwas merkwürdig an und sagte dann ruhig und ohne Feindseligkeit: "Du bist mir hinten druff."
"Was? Wie können Sie?"
"Nein, Sie!" Er wiederholte: "Du bist mir hinten druff gefahren."
Ich schüttelte meinen Kopf und er tippte mir mit seinem Zeigefinger geradewegs auf die Brust: "Du bist mir hinten druff - Arschloch!", setzte er noch hinzu.
"Lügner", quetschte ich nach ein paar Sekunden hervor. Und weil er dazu nur spöttisch grinste schrie ich ihn an: "Ich bin Anwalt! Ich hol die Polizei!"
"Andrea", rief er über die Schulter und noch ein dunkelhaariger Typ stieg aus.
"Du bist mir hinten druff. Ich habe Zeuge - und du?"
Andrea nickte nur dazu.
"Aber das ist gelogen! Das ist nicht wahr!", schrie ich und dachte daran, ihm sein Grinsen aus der Fresse zu hauen. Aber ich beherrschte mich und rief die Polizei. Er lehnte sich an seinen Wagen.
Als die Polizei endlich erschien wiederholte er stoisch: "Er ist mir hinten druff gefahren - ich habe Zeuge."
Ich protestierte, ich argumentierte, ich widerlegte, aber am Ende blieb es dabei. Es fand sich kein Zeuge für den Vorfall und Roberto und Andrea blieben bei ihrer Aussage. Ich hatte den Tatort mit meinem Handy photographiert, Linien gezogen und alles, einschließlich der Personalien, protokolliert. Es nutzte alles nichts und den Beamten passte es nicht, dass ich sie wegen eines Blechschadens gerufen hatte; sie knöpften mir noch zwanzig Euro wegen Verkehrsbehinderung ab.
Irgendwann saß ich in meinen Wagen und schaute über die verbeulte Haube zum BMW. Roberto grinste mich im Rückspiegel an und hob den Stinkefinger. Na warte, dachte ich und griff nach dem Zündschlüssel. Jetzt fahr ich dir rein - so richtig mit Schmackes, damit es sich auch lohnt. Aber mein Motor bockte und der BMW fuhr davon.
Der Rest des Tages in der Kanzlei war hart, denn ich hatte nur die Sekretärinnen, an denen ich mich auslassen konnte. Ich verzichtete sogar aufs Mittagessen, um mich an einem Klienten schadlos zu halten.
Was hätte ich denn tun sollen? Ihm eine runterhauen? So richtig schön nach § 223 STGB? Das hätte doch nur Ärger mit der Polizei gegeben. Vielleicht hätte ich selber noch eine abgekriegt und außerdem hatte ich ja heute Mittag den Termin. Dieser Arsch! Oh, ich wünsche dir, dass deine Karre stückweise verreckt. Deine Kolben sollen fressen, dein Kühler kochen und leiden und wenn dir der Riemen durchhängt, soll deine Mistkarre in die Presse sobald du die letzte Rate bezahlt hast.
Nachmittags rief Günther an. "Treffen wir uns an der Trinkhalle?"
"Nee, lass mal."
"Was ist denn?"
"Ich hatte einen Autounfall."
"So, so. Aber du kommst doch, oder?"
"Wie? Ich meine ja, natürlich." Ich hatte das Spiel ganz vergessen. Heute Abend war ja das Spiel.
"Ja klar", rief ich und Günther grunzte zufrieden ins Telefon.
"Neunzehn Uhr?"
"OK, um sieben am Waldstadion. Aufgang C."
"Welcher, C, OK, OK!", jubelte ich und legte auf.
Meine Laune schlug vom mörderisch-depressiv in hysterisch-geil um. Den Sekretärinnen war das noch unheimlicher als meine Mordslaune vorher und die, die mir nicht aus dem Weg gehen konnten, schlossen demonstrativ den obersten Blusenknopf. Mir egal, heute gab es Fußball.
Das Taxi war pünktlich. Ich stieg ein und der Fahrer fragte: "Waldstadion?"
"Stimmt", sagte ich.
"Wer spielt denn?", fragte er und schaute in den Außenspiegel.
"Na, Deutschland. Gegen Italien." Hatte er etwa nicht vom Viertelfinale gehört?
"Aha." Er gab Gas und überholte scharf.
"Es ist das Viertelfinale."
Ich sah ihn nicken.
"Deutschland steht im Viertelfinale gegen Italien. Die Italiener haben keine Chance."
Er nickte wieder und beobachtete den Außenspiegel.
"Danach stehen wir im Endspiel. Nur Holland oder die Ukraine kommen ins Endspiel. Aber die sind keine Gegner."
"Hmm", machte der Taxifahrer und bremste.
"Wir haben Wallach, wir haben Wahn. Unsere Elf hat eine überlegene Strategie und ist seit vier Spielen ungeschlagen; wir werden Weltmeister."
Er wiegte zweifelnd den Kopf:
"Ich weiß, dass diese Ampel gleich von Rot auf Grün umspringen wird. Ich weiß aber nicht, ob ein silberner Rolls-Royce gleich von rechts über Rot rast und uns die Vorfahrt nimmt."
Der Wagen rollte langsam an, die Ampel sprang auf Gelb um und er gab genau im richtigen Moment Gas. Ich lehnte mich vor und fragte: "Sie mögen wohl kein Fußball?" als es quietschte. Ich flog gegen den Vordersitz. Wo war der Gurt? Ich war nicht angeschnallt. Dann vergaß ich den Gurt: ein silberner Rolls-Royce schoss an uns vorbei verschwand um die Kurve. Wir schauten uns entgeistert an.
Der Rest der Fahrt verlief schweigend. Irgendwie war mir nicht mehr nach Fußballphilosophie.
Als ich zahlte, fragte ich den Fahrer: "Hätten sie nicht noch eine Prophezeiung für mich?"
Er lachte und schüttelte den Kopf.
"Nur wer gewinnt? Muss ja nicht das Ergebnis sein."
"Nee, nee", und schüttelte wieder den Kopf.
"Warum denn nicht?"
"Ich bin doch kein Spielverderber", sagte er und gab Gas.
Ich schaute dem Taxi nach bis es verschwand. "Komischer Kauz", dachte ich und, "was für ein Tag", als Günther rief. Er winkte mit den Karten.
Es war ganz schön was los beim Einlass. Haufenweise Leute, überall bunte Flaggen, die Menge wogte vor und zurück vor lauter Ungeduld.
Wir wurden abgetastet und abgepiepst, die Karten geprüft, gelocht und abgerissen und wir schließlich eingelassen. Aber dann war der Weg frei. Der Gang hinein war schon klasse, aber drinnen, im Freien, wurden wir von noch mehr Stimmung empfangen. Die Leute schwenkten Schals und Flaggen, ließen Tröten, Pfeifen, Schellen und Trommeln ertönen und grölten dazu. Hier war das Leben und hier stand der Bauarbeiter Schulter an Schulter mit dem Studienrat. Deutschland wird gewinnen, die Laune konnte besser nicht sein und die Kurve gehörte uns. Es war klasse, es war geil!
Günther zog los um Bier zu besorgen und ich vertrieb mir die Zeit mit dem Betrachten der Fans. Insbesondere diese dunkelhaarige Gazelle in weißem Trainingsanzug, die sich in die Reihe vor uns schob, war eine Augenweide. Sie blieb vor mir stehen, inmitten einer Gruppe von lederbejackten Typen. Sie bemerkte geschmeichelt meine Bewunderung und lächelte kurz. "Zum Anbeißen", dachte ich und lockerte meine Krawatte; ihr Blick blieb an dem teuren Stoff hängen.
"Aha", erkannte ich. "Damit krieg ich dich. Mit Seide kann man dich fesseln." Wir tauschten noch ein Lächeln.
Günther kehrte zurück und drückte mir einen Plastikbecher mit Cola in die Hand. "Gab kein Bier", entschuldigte er sich.
Nun denn, dachte ich. Man kann nicht alles haben und nippte an der Cola. Die Schöne hatte sich wieder umgedreht.
Als das Spiel begann, wurde die Cola schon schal. Die Italiener hatten den Anstoß und legten gleich los. Wollten uns wohl kalt erwischen, aber das ließ Dings nicht zu. Er ging dazwischen und Bardolini musste abgeben. Der Ball ging zu Rossi, er wich auf die linke Flanke aus und gab zu Nicolleto weiter, der viel zu früh aufs Tor abzog. Aber der Ball war ernst; Mildebrand zeigte eine schöne Parade und die deutsche Abwehr verhütete ein Nachsetzen. Ha! Nicht mit uns, Senior!
Die deutsche Elf konterte gleich. Hansen lieferte einen langen Pass, zu Dings, auf die andere Seite des Feldes. Er umspielte gekonnt die italienische Abwehr, ließ den Eingriff Massimos an sich abtropfen und zog einen wunderschön langen Ball auf das Tor ab. Pfosten, die Italiener stolperten übereinander, dem Ball nach, aber Polski rettete Ball wie Gelegenheit und legte einen Kopfball, durch die Unordnung der italienischen Reihen, nach. Tor!
Die Kurve kochte über. Tor, Tor, Toor! Wir grölten und rissen unsere Fahnen hoch. Tor! Die Hymne klang auf und ich sang aus voller Kehle mit. Die Kurve tanzte und jubelte. Tor nach nur einer Minute. Jawoll, so wird Fußball gespielt!
Ich fiel in die Gegenwart zurück, als, direkt vor mir, eine wohlbekannte Stimme schrie: "Idiota!"
Ich konnte es nicht fassen. Das war er. Direkt vor mir, neben der Schönen. Der Arsch, der mir in die Karre gefahren war. Roberto. Meine Gedanken purzelten durcheinander, so wie die italienische Abwehr eben. Und ebenso wie Polski die Lücke in der Abwehr der Italiener gesehen hatte, erkannte ich die Gelegenheit.
Er musste mein Starren bemerkt haben, denn er blickte mich plötzlich an.
"Hallo, Geisterfahrer", begrüßte ich ihn.
Robertos Blick war unbezahlbar; ein ungläubig kindliches Staunen wie vor einem Gespenst. Ausgerechnet mich, den er so fies reingelegt hatte, hier zu treffen, das hatte er wohl nicht erwartet. Aber er fing sich schnell; hatte wohl kein Gewissen. Ich lächelte harmlos.
"Läuft die Karre noch?", wollt er wissen.
Ich nickte. "Der Kühler ist hin. Hab ihn morgen wieder."
Er zuckte mit den Schultern.
"Wer gewinnt?", fragte ich, als er sich abwenden wollte.
"Italia", erwiderte er.
Ich schüttelte den Kopf. "Ihr habt doch keine Chance", und wies zur Anzeige.
Er schnaubte nur.
"So wie ihr Fußball spielt? Das glaube ich kaum."
"Aber ich glaube", grinste er.
"Ihr behaltet doch keinen Ball."
Jubel brandete auf, als Koslowski Massimo den Ball abnahm und sich davonmachte.
"Siehste", sagte ich mit der Gelassenheit eines Propheten.
Roberto guckte böse.
"Lust auf eine Wette?"
"Was?" fragte er und schaute mich abschätzend an.
Etwas misstrauisch unser Freund, das brauchte er wohl in seinen Kreisen.
"Lass uns wetten."
Er zuckte mit den Schultern.
"Ich wette, dass ihr verliert", beharrte ich "lass uns darum wetten, wer das Spiel gewinnt."
Er schwieg und schaute mich prüfend an.
"Traust du dich nicht oder kannst du nicht?"
Er schwieg und ich lächelte seine Freundin an. Er legte seinen Arm um sie. Sie fragte ihn etwas auf Italienisch, aber er schüttelte unwirsch den Kopf.
"Warum sollte ich mit dir wetten?", fragte er schließlich.
Ich hob meine Linke, nahm meine Uhr ab und griff nach ihrer Hand.
"Weil", und legte die Uhr in ihre Hand, "es um eine echte Rolex geht."
Die Schöne und er, beide starrten auf die goldene Uhr in ihrer Hand.
"Wenn Deutschland gewinnt, zahlst du mir die Reparatur. Wenn Italien gewinnt, kriegst du meine Rolex."
Roberto starrte auf die Hand seiner Freundin.
"Na komm schon, so ein netter Köder", dachte ich. "Du willst deiner Schönen doch was bieten, nicht? Sie ist sicher anspruchsvoll - nicht wahr, Roberto?"
Anscheinend hatte er ähnliche Gedanken gehabt. Er nickte. "Ist gut."
Innerlich klopfte ich mir selbst auf die Schultern. Jetzt habe ich dich, du Arsch. Scheißegal wer gewinnt. Nimm doch meine Rolex - ich nehme mir deine Freundin!
Das Spiel ging weiter. Ziemlich ausgeglichen - war nicht abzusehen, wer gewinnen würde. Als ob es darauf ankäme, dachte ich und beäugte ihren Hintern.
Wallach startete einen schönen Angriff durch die Mitte, der Ball ging an Freud, der gleich retour gab. Wallach hatte freie Bahn. Er rannte wie der Teufel, getragen vom Jubel. Vorbei an Massimo, vorbei an der Abwehr. Los doch, rein damit, schieß doch. Sein Bein holte weit aus, das wird ein Prachtschuss, gleich is er drin, los schieß doch, da raste der Torwart raus und rannte ihn um.
"Nein", brüllte alles und die Kurve sprang auf wie ein Mann. Es riss mich um und die Cola spritzte raus und quer über die Schöne vor mir.
Gazelle erstarrt im klebrig kalten Griff der Cola. Gazelle dreht sich langsam um; meine Hand lässt den Becher fallen. Gazelle lässt einen wütenden Schwall los und mein Blick bleibt an ihr haften. Auf dem dunklen Fleck, der weiter kriecht und das Weis einnimmt. Kann nicht wegsehen von der Gazelle; von dem Fleck. Die Cola klebt den Stoff an ihren Busen.
Erst auf Robertos Fluchen reagiere ich.
"Das war ich nicht. Das war jemand anderes. Er ist Zeuge", und stoße Günther an.
"Was?", grunzt Günther gereizt und dreht sich um. Sein Blick fällt auf die Schöne: "Oh Shit."



Eingereicht am 07. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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