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Das verschaukelte Spiel

© Friedrich Buchmann


Das Jahr 1966. Ich spielte in meinen Heimatverein Fußball. Der Verein hieß "Aktivist". Er war eine Betriebssportgemeinschaft. Als Träger hatten wir eine Kohlezeche.
Jede Betriebssportgemeinschaft in der DDR, die eine Zeche als Träger hatte, hieß "Aktivist". Vereine mit Träger Schwermaschinenbau, hießen "Motor". Wo die Polizei Träger war, hieß der Verein "Dynamo". Die von der Armee hießen "ASK". "Traktor" hießen die mit dem Träger Landwirtschaft, also LPG. Das Prinzip hatte sich die DDR von der Sowjetunion, abgeschaut. Die alten Vereinsnamen wurden ignoriert. Es sollte nichts an alte Zeiten erinnern. Die Sowjetunion wurde als großes Vorbild hingestellt. In der DDR-Oberliga spielten nur Bezirksstädte. Es wurde staatlich so gelenkt. Das beste Beispiel war Aktivist Brieske Senftenberg. Dieser Verein spielte 13 Jahre, bis 1963, in der DDR-Oberliga. Dann wurde der Sportclub Cottbus gegründet und viele Spieler aus Brieske wurden dorthin delegiert, so nannte man es damals. Sie mussten dort spielen. Natürlich wurden die Spieler von den Trägerbetrieben des Sportclubs erheblich finanziell unterstützt und Betriebsangehörige. Das war das Prinzip, um den Status Profi, vor dem westlichen Ausland, zu umgehen. Brieske war ein kleiner Ort im Kreis Senftenberg und es ging nicht an, dass ein kleiner Ort in der Oberliga spielt und die Bezirksstadt Cottbus nicht. Übrigens heißt jetzt der Fußballclub Cottbus, Energie Cottbus. In den unteren Klassen war es ebenso. In der DDR-Liga, das war die zweite Liga, spielten die Städte mit Großbetrieben als Träger des Fußballvereins und die zweiten Vereine der Fußballclubs der Bezirksstädte. In der Bezirkliga spielten meistens die Kreisstädte. Ab Bezirksklasse spielten dann alle anderen Städte und Dörfer, auch wir.
Jetzt fängt meine Geschichte erst richtig an.
Es war Ende April, mit richtigem Aprilwetter. Sonnenschein, dunkle Wolken, Regengüsse und wieder Sonnenschein. Wir hatten unser letztes Punktspiel, ein Nachholspiel. Uns konnte nichts mehr passieren. Der Gegner, eine Mannschaft aus der Kreisstadt des Nachbarkreises, mit Namens Motor. Eigentlich eine gute Mannschaft. Sie war das letzte Jahr aus der Bezirksliga abgestiegen. Doch die Spannung an dem Spiel war, dass Motor nicht verlieren durfte, um wieder aufzusteigen. Sie standen nach Pluspunkten gleich mit dem Tabellenführer. Sie hatten nur weniger Tore geschossen. Darum mussten sie bei uns wenigstens einen Punkt holen. Am Tag vor dem Spiel übersandte uns der Tabellenführer, ein Dorfverein, ein Telegram. Darin stand:
"Wenn Aktivist, Motor schlägt und wir aufsteigen, dann laden wir euch zum Pflaumenkuchenfest unseres Dorfes ein und machen ein riesiges Schlachtfest"
Unterzeichnet. "Traktor"
Traktor, war ein Verein, wo die LPG Träger war. Ein Bauernverein!
Am Spieltag waren viele Zuschauer gekommen. Die Fußballfans von Motor waren da, die von Traktor, unsere Fans und Fußballbegeisterte aus der Umgebung. Zum Spielbeginn waren so viele Zuschauer gekommen, soviel auf einmal hatte ich hier, auf unseren Sportplatz, noch nie gesehen. Ich schätzte so 3000 Zuschauer. Ein schöner Tag für den Kassierer. Das Wetter, war entsprechend der Jahreszeit, Aprilwetter.
Die Sonne schien und an Horizont sah man dicke schwarze Wolken.
Das Siel begann. Nach 15 Minuten schossen wir das 1:0. Zwei Minuten später fiel das 2:0 und eine Minute vor der Halbzeit fiel für uns sogar noch das 3:0. Für Motor zogen im wahrsten Sinne, Gewitterwolken auf. Auch über unserem Sportplatz machten sich dunkle Wolken breit. Wie üblich im April.
Die zweite Halbzeit begann. Nach 10 Minuten bekamen wir einen Elfmeter zugesprochen. In diesem Augenblick fing es mörderisch an zu blitzen und zu donnern. Sintflutartiger Regnen fiel. Auch hatte sich unter den Regen, Hagel gemischt.
Der Schiedsrichter unterbrach das Spiel. Da am Horizont die Sonne wieder schien, warteten wir in der Kabine. Ich dachte in der Kabine an die vielen Zuschauer auf dem Sportplatz. Aber irgendwie konnte der Regen keinen verdrängen.
In der Kabine zogen wir uns um, trockene Trikots. Unser Platzwart brachte auch den Verein Motor trockene Trikots. Doch die Spieler von Motor plädierten auf Abbruch des Spieles. Es war doch klar bei diesem Spielstand. Nach 20 Minuten regnete es nur noch ganz wenig und auch die Sonne kann zum Vorschein. Der Schiedsrichter kam in unsere Kabine und erklärte, dass das Spiel weitergeht. Zuversichtlich verließen wir unsere Kabine. Doch wer nicht kam, das waren die Spieler von Motor. Dann ging ein Herr in schwarzem Anzug zum Schiedsrichter. Wie ich später erfahren habe, war es der Vorsitzende des Bezirksfußballauschusses. Nach einem kurzen Wortwechsel zwischen Schiedsrichter und dem Vorsitzendem des BFA, pfiff der Schiedsrichter und teilte uns den Spielabbruch mit. Die vielen Motor-Fans waren sehr glücklich, dass das Spiel noch einmal wiederholt wurde. Mir taten nur die Fans von Traktor leid. Sie feierten schon ab der zweiten Halbzeit den Aufstieg ihrer Fußballmannschaft. Und jetzt das. Ich konnte ihren Frust verstehen, aber der hielt sich in Grenzen. Sie schimpften zwar auf den BFA und auf unser Fußballregime. Doch es half nichts, das Spiel wurde wiederholt. Als Termin der Wiederholung wurde der erste Sonnabend im Mai festgelegt.
Der erste Sonnabend im Wonnemonat Mai war da. Wunderbares Wetter, Sonnenschein und über 20 Grad Temperatur. Zum Fußballspielen beste Voraussetzungen. Wiederum waren sehr viele Zuschauer gekommen. Ich hatte das Gefühl, es waren noch mehr als beim abgebrochen Spiel.
Ich stand vor unseren Sportlerheim und schaute auf das Vorspiel. Unsere Schülermannschaft spielte gegen Motors Schülermannschaft. Die Motormannschaft war viel zu stark. Ein sehr einseitiges Spiel. Als ich da so stand, sah ich den Herrn vom BFA in schwarzen Anzug wiederkommen. Er hatte mehrere Blumensträuße in der linken Hand. In der rechten Hand trug er eine rote Ziermappe. Wahrscheinlich war dort die Urkunde für den Staffelsieger der Bezirkskasse drin. Neben den BFA-Vorsitzenden ging das Schiedsrichterkollektiv. Ich bekam dies aber erst beim Anpfiff unseres Spieles mit. Es war eine Riesenstimmung auf unseren kleinen Dorffußballplatz. Ich hatte vor so vielen Zuschauern noch nie gespielt. Einfach toll. Es fing auch wiederum für uns sehr gut an. In der zweiten Minute schossen wir das Führungstor. Nach 10 Minuten erhöhten wir auf 2:0. Die Motor-Fans waren schon wieder am Boden zerstört.
Kurz vor der Halbzeit, ein herrlicher Weitschuss von Motor nur noch 2:1.
So ging es in die Halbzeit. Nach der Halbzeit schoss Motor ein klares Abseitstor, doch der Schiedsrichter gab das Tor, trotz der Fahne des Lienenrichters. Dann machte unser Libero ein kleines Faul an der Mittellinie. Der Schietsrichter lief wie von einer Tarantel gestochen auf ihn zu und stellt ihn von Platz. Als unser Spielführer nachfragte, warum er unseren Libero herunter gestellt hatte, durfte er auch noch gehen. Die Traktor-Fans und unsere Fans protestierten, doch es half wie üblich nichts. Nun waren wir nur noch 9 Spieler in unserer Mannschaft. Aber wer dachte, dass Motor jetzt Übergewicht bekam, hatte sich gewaltig getäuscht. Wir schossen das 3:2. Dieses Ergebnis hielt bis 2 Minuten vor Schluss, als ich ungefähr 3 Meter vor dem Strafraum ein taktisches Faul machte. Der Motorspieler ließ sich fallen und rollte in den Strafraum. Der Schiedsrichter lief sofort zum Punkt, Elfmeter. Unglaublich für mich, für uns, für alle Fans, auch die von Motor. Der Elfmeter wurde verwandelt und trotzdem, dass wenigsten noch 2 Minuten zu spielen waren, pfiff der Schiedsrichter das Spiel ab. Motor, die Mannschaft aus der Kreisstadt, war aufgestiegen. Als wir uns in der Mitte des Feldes versammelten, war auch sofort der BFA-Vorsitzende da, er gratulierte dem Spielführer der Motormannschaft zum Aufstieg mit der Urkunde und mit Blumen. Und dann kam für mich der blanke Hohn. Den zweiten Blumenstrauß bekam der Schiedsrichter. Er wurde geehrt, als bester Schiedsrichter des Bezirkes und erhielt die Qualifikation, um in der DDR-Liga zu pfeifen. Er war jetzt die goldene Pfeife des Bezirkes. Für mich im wahrsten Sinne. Wer jetzt an Manipulation denkt, dem muss ich sagen, er hat Recht. Es war noch nicht einmal eine Manipulation um Geld, wie der jetzige Fall Holzer, nein diese Manipulation wurde staatlich vorgegeben. Es durfte, aus politischen Gründen, kein Bauernverein aus einem Dorf in die Bezirkliga aufsteigen.
Übrigens bekam unser Libero 6 Pflichtspiele Sperre wegen grobem Faul und unser Spielführer 4 Pflichtspiele Speere wegen Schiedsrichterbeleidigung. Ich stand neben dem Schiedsrichter und habe nichts, aber auch gar nichts, von einer Schiedsrichterbeleidigung gehört. Wegen dieser ungerechten Strafen war das nächste Spieljahr für uns sehr schwer, doch wir schafften den Klassenerhalt.
Zum Pflaumkuchenfest wurden wir doch eingeladen, wir machten ein Spiel gegen Traktor und uns feierten die gesamten Dorfbewohner. Abends war dann Spanferkelessen für uns. Traktor feierte mit uns ihren symbolischen Aufstieg.



Eingereicht am 21. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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