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Legenden- und Sagen aus dem Zweiten Zeitalter von Erdland.
Böse Nacht
Aus den Chroniken der Zauberer (Alwen-Mythos)
Zweites Zeitalter, 346er Zyklus, Frühjahr.

Von Dirk Müller


Ein schlimmes Unwetter tobte durch die nasskalte und finstere Nacht des nördlichen Erdlands. Gelegentlich zuckten grelle und sehr lange Blitzäste gefolgt vom tosendem Donner durch dichte Wolkenmassen am pechschwarzen Himmel: Sie tauchten den Norden für kurze Augenblicke in fahles Lichtgeflacker und präsentierten einen weiten Blick auf die herrliche Landschaft. Regen und Hagel ergossen sich in Flutwellen hernieder und beschallte die Atmosphäre der Namenlosen-Region in ein heilloses Tosen und Dröhnen. Immer wieder wurden die Niederschläge dabei von den rauen und starken Winden ergriffen und mal hier und mal dorthin gepeitscht.
Eine dreiköpfige Reisegruppe stapfte mühsam eine schmale Furt hinauf, die zum Haupttor von Bruggendorf führte. Durchnässt bis auf die Haut, verharrte die kleine Gemeinschaft vor dem massiven Eichenholztor des kleinen Dorfes, das auf dem Höchsten der vielen flachen Hügel in der umliegenden Landschaft seinen Platz fand. Umgeben war Bruggendorf von einem hohen Wall aus Stein und Holz. Es glich einer kleinen Festung, so wie es alle Dörfer der Menschen taten, die fernab der neun Königreiche angesiedelt waren. Eine Siedlung ohne Schutzwall hätte in den wirren des jungen Zweiten Zeitalters nicht lange bestehen können, denn nach dem Ende der Hochelben des Ersten Zeitalters; krochen in den letzten Jahrhunderten immer mehr Kreaturen und Geschöpfe aus Erdlöchern und Berghöhlen hervor, und breiteten sich in Erdland aus. Orks, Kobolde, Oger, Gobliens, Warge, Alwen und noch andere, viel scheußlichere Kreaturen wurden zunehmend zu einer Bedrohung für die Freien Völker.
Der Größte der drei vermummten Wanderer polterte mit seinem knorrigen Wanderstock gegen das massive Holztor. Eine Sichtluke klappte in Bauchhöhe halb auf und ein bärtiges Gesicht, verborgen unter einem Stahlhelm, kam vorsichtig zum Vorschein. Überrascht schauten die Wanderer von der oberen Sichtluke zur unteren, und erkannten, dass es sich bei der Torwache um einen Zwerg handelte. Sehr ungewöhnlich.
»Was gibt es und was ist euer begehren zu so später Stunde?« Fragte er grimmig und schaute die Drei von unten herauf, aus hellbraunen Augen an, die im Fackellicht flackerten. Er schien nicht nur ungehalten über die späte Ruhestörung zu sein, sondern machte auch einen sehr angespannten Eindruck auf die Besucher. Der Große Wanderer lachte leise, beugte sich tief nach vorne herab und schaute dem Zwerg direkt in die weitgeöffneten Glupschaugen. Unter der tropfenden Hutscherbe des Spitzen Hutes hinweg, schauten zwei kristallblaue Augen, die tiefliegend unter buschiggrauen Augenbrauen lagen, den Zwerg scharf an.
»Hagedorn der Blaue, aus dem Orden der Zauberer wünscht für sich und seine beiden Begleiter ein trockenes Dach über dem Kopf, und eine warme Mahlzeit im Bauch.« Obwohl der Alte in einem freundlichen Ton sprach, zuckte der Zwerg auf der anderen Seite der Türschwelle merklich zusammen. Ein Zauberer! Die Torwache blieb skeptisch.
»Was garantiert mir, dass Ihr nicht gemeinsame Sache mit den verfluchten Alwen macht, die dieses Land tyrannisieren?« Sagte der Zwerg mürrisch und starrte die beiden Begleiter des Langen skeptisch an. Einer der Vermummten aus dem Hintergrund trat schnell nach vorne, klappte seine durchnässte Kapuze zurück und streifte das grüne Halstuch von der Nase herab. Das schmale Gesicht eines grünäugigen und blonden Elben mit spitzen Ohren kam zum Vorschein. Der Zwerg murmelte etwas unverständliches in seinen Bart und machte ein sichtbar entspannteres Gesicht. Das Elbenvolk galt als Todfeind der verhassten Alwen, und seit Beginn des Zweiten Zeitalters jagten die Elben den blauhäutigen Blutsaugern mit den blauen Haaren und den Katzenhauern hinterher, um sie zur Strecke zu bringen. Warum sie es taten, das mochten die Weisesten der Weisen wissen, der Torwächter hatte nicht den allergeringsten Schimmer. Die Luke klappte zu, und hinter der Tür wurde polternd und klirrend ein Schloss entriegelt. Dann klappte eine schmale, beinahe unsichtbare Tür im Tor nach innen auf und der Zwerg bat die Wanderer herein.
»Entschuldigt bitte meine Vorsicht, aber uns wurde erzählt, dass einige Alwenrudel durch die nahegelegnen Wälder und Moore umherstreunen. Verdammte Blutsauger!« Die drei Gefährten traten schnell ein und der Zwerg verriegelte hastig die Tür hinter ihnen.
»Eure Vorsicht ist angemessen, da es stimmt was erzählt wird! Wir sind seid drei Monden auf der Jagd nach einem der größeren Alwenrudel. Dreizehn konnten wir bereits töten, doch vor einigen Tagen haben wir nach dem einsetzten des Unwetters die Spuren der Letzten verloren. Und nun sind wir zu müde und erschöpft um weiterzuwandern, und vor allem Nass bis auf die Knochen.« Sagte Hagedorn und sah sich im schwachen Lichtschein um.
»Wie kommt es, das ein Zwerg am Haupttor einer Menschensiedlung die Nachtwache hält?« Fragte der noch immer Vermummte, der jetzt ebenfalls sein Gesichtstuch von der Nase streifte. Im schwachen Fackellicht erkannte der Zwerg, dass er es mit einem Menschen zu tun hatte, der die Kleidung der Elben trug: Vermutlich einer der Waldläufer aus Western.
»Die Bewohner dieser Gemeinde haben mich und meine acht Kameraden gut dafür bezahlt, die Wachmannschaft zu verstärken. Bruggendorf wird seid sechs Monden regelmäßig von Alwen angegriffen, und da dachten sich die Einwohner; dass sie den Scheusalen durch unsere Anwesenheit eine böse Überraschung bescheren könnten, indem sie den Bestien eine Zwergenkriegerschar auf den Hals hetzen. Doch seitdem wir hier Stellung bezogen haben, lassen sich diese ruchlosen Blutsauger nicht mehr blicken. Als könnten sie die scharfen Schneiden unserer Streitäxte von weither wittern. Verfluchte Blauhäuter, mögen die Elben sie alle vor dem Ende des Ersten Millenniums erschlagen haben!« Der Torwächter schob polternd die Letzen zwei Türriegel in ihre Schlösser und wendete sich wieder den Fremden zu.
»Mein Name lautet Torkoron Don Bombul, nennt mich einfach Tork, das machen alle.« Der Zauberer nickte und deutete auf den Elben.
»Das ist Erdogon aus dem Volk der Waldelben des Westwaldes und das ist Memot, einer der Waldläufer aus Western.« Der Zauberer lächelte und klopfte dem Zwerg freundschaftlich auf die rechte Schulter.
»Danke das ihr uns das Gastrecht gewährt, doch nun sagt uns bitte, wie wir schnellstmöglich zur nächsten Gaststätte gelangen, um unsre Kräfte neu zu Stärken.« Tork zeigte nach vorne.
»Geht einfach die Hauptstraße hinunter und folgt der zweiten Straße nach rechts, das dritte Haus auf der linken Seite ist das Gasthaus zur Quiekenden-Sau. Es ist das Einzige hier; das auch Betten für die Nacht bereitstellt.« Mit einem kurzen Abschiedsgruß wendete sich die kleine Gruppe von Tork ab und ging der Wegbeschreibung nach. Nach einigen Minuten standen sie vor der Tür des Gasthauses und sahen auf das schiefhängende Werbeschild über dem Eingang: Ein lachender Schweinskopf am Spieß war darauf abgebildet. Die Wanderer betraten eine rauchige, schlechtausgeleuchtete Stube, die von Stimmengewirr durchsetzt war. Augenblicklich kehrte totenstille ein, und die drei Fremden wurden von den wenigen, umhersitzenden Gästen begutachtet. Nur das prasseln und knacken des Feuers im Kamin war noch zu hören. Einen weiteren Augenblick später unterhielten sich die Gäste wieder, als wäre nichts gewesen. Ein kleiner, untersetzter Mann mit grauem Haar und weißer Schürze kam herbeigeeilt, baute sich vor den neuen Gästen auf und beäugte sie durch halbmondförmige Brillengläser. Offenkundig der Wirt des Gasthauses. »Guten Abend die Herrschaften, was kann ich für euch tun?«
Hagedorn setzte seinen Hut ab, »ein Lager für die Nacht und eine warme Mahlzeit für drei hungrige Wanderer. Lässt sich das Einrichten, Herr...« der Wirt räusperte sich.
»Toffelstampfer. Natürlich lässt sich das Einrichten. Sucht euch einen freien Platz am Kamin, damit eure Kleidung besser trocknet. Und hängt die Übermäntel und Hüte über die Anrichte des Kamins, da werden sie viel schneller trocknen. Was möchten die werten Herren Trinken?« Fragte der Wirt höfflich.
»Bringen sie uns einfach drei große Krüge ihres besten Butterbiers. Und bitte schön heiß, danke sehr!« Sagte Hagedorn und ging mit seinen beiden Begleitern hinüber zu einem der freien Tische am Kamin. Nachdem sie ihre Sachen über die anrichte gehängt und Platz genommen hatten, kam auch schon der Wirt mit den Bestellten Bierkrügen herbeigeeilt. Sie dampften und verströmten einen wohltuenden Biergeruch. Mit der weiteren Bestellung für das Essen schwirrte er in Richtung Küche hastig davon. In einer der dunkleren Ecken des Gasthauses saßen fünf Zwerge und unterhielten sich, während sie aus Bierkrügen tranken und Pfeifenkraut aus langstieligen Pfeifen rauchten. Das mussten die Kameraden von Tork sein, dachte Hagedorn und wand sich wieder Erdogon und Memot zu. Nach einer knappen Dreiviertelstunde kam der Wirt mit dem Essen herbeigeeilt. Während sie aßen kam in der Schenke Stimmung auf. Einer der Gäste stimmte ein altes und allerorts bekanntes Schanklied an. Erdogon, für den sich das Lied fremd und unmelodisch klang, hörte seinen beiden Begleitern mit spitzen Ohren zu und lachte hin und wieder erheitert über die tölpelhaften Textpassagen.
*****
Was war denn heute Nacht los, dachte Tork ärgerlich als er das zweite Mal die Sichtluke öffnete. Entsetzt riss er die Augen auf als er in zwei grässliche und rotglühende Augen blickte. Blitzschnell warf er sich zur Seite, was ihm das Leben rettete. Denn der heransirrende Pfeil der auf ihn ausgerichtet war; durchschlug nicht wie vorgesehen seinen Dickschädel, sondern bohrte sich brennendheiß durch Hals und Schulter. Während Tork stöhnend am Boden umherwälzte und sich vor schmerzen beugte und krümmte, streckte sich ein nackter, langer blauer Arm durch die Sichtluke und machte sich an den Verriegelungen zu schaffen. Zweimal machte es Klack, dann kam Tork mühsam auf die Beine zurück und fluchte lautstark. Seine rechte Seite von der Schulter bis zu den Fingerspitzen war vollständig taub. Mit der Linken packte der Zwerg das Signalhorn und setzte es an die Lippen. Mit aller Kraft presste er die Luft aus seinen Lungen durch das schmale Mundstück. Dann ließ er das Horn einfach fallen, griff nach seiner Streitaxt und rannte los. Aus dem Augenwinkel hatte er nämlich das Unheil gesehen, die blaue Krallenhand, die den letzten Riegel zu lösen versuchte, stand kurz vor ihrem Ziel! Während dem Zwerg sein heißes Blut über die nackte Haut am Rücken und Brust zur Hüfte heruntersickerte, stürzte er sich mit einem verzweifelten Kampfschreie nach vorne und schlug zu. Ein weiterer Pfeil sirrte auf Tork zu und zerbarst auf seinem stählernen Brustpanzer. Bevor ein dritter Pfeil ihn erreichte, hatte Tork zugeschlagen. Unterhalb der Schulter trennte er dem verfluchten Alwen den blauen Arm ab. Genau in dem Moment erreichte der dritte Pfeil den Stahlhelm und prallte zur Seite ab, er hatte es geschafft! Erschöpft, mit bebenden Beinen stand Tork da und war erleichtert darüber; dass er den Alwen den Weg versperrt hatte. Zu seinem entsetzen sah er jedoch, wie der abgehackte Arm den Gesetzen der Schwerkraft folgend nach unten sank, und die Alwenfaust den Riegel noch immer fest umklammert hielt. Aus einem Reflex heraus wollte Tork das Unheil mit der gewohnten tauben Führungshand stoppen, doch er schaffte es nicht einen Finger zu rühren. Als er die kampffähige Hand von der Axt gelöst hatte, um endlich nachzugreifen, war es bereits zu spät. Es gab ein kurzes Klicken, und die Tür wurde brutal nach innen aufgetreten. Tork wurde nach hinten geworfen und von einer Meute Alwen überrannt.
*****
Das weithinschallende Horn ließ nicht nur die wachen Gäste in der Quiekenden-Sau zusammenfahren, sondern trieb auch alle Bewohner aus dem Schlaf. Erdogon sprang auf.
»Alwen! Ganz nah, ich kann sie riechen Blauspitz.« Hagedorn, den die Elben Blauspitz nannten, stand langsam auf, sah den Elben eindringlich an und fragte erregt: »Wie viele?«Im Gesichtsausdruck des Elben, erkannte Memot, dass die Lage Ernst war; er zog rasch sein Schwert aus der Scheide, das am Kamin lehnte und rief auf Zwergisch: »Wir bekommen es gleich mit einer großen Horde Alwen zu tun, sie sind bereits hier im Dorf.« Die Zwerge sahen den Waldläufer verdutzt an und kamen aus ihrer Ecke hervorgestürzt.
»Wer seid ihr?« Fragte der Stämmigste unter ihnen, der tiefschwarzes Haar und die meisten gezwirbelten Bartzöpfe hatte.
»Wir sind Alwenjäger, ehrenwerter Herr Zwerg, und es kann gut sein, das dieser Angriff nicht alleine dem Dorf gilt, sondern vor allem uns, da wir hier in der Gegend eine ganze Reihe dieser Gottlosen Kreaturen getötet haben.« Sagte der Zauberer in der Menschensprache, und die Zwerge sahen ihn aus funkelnden Augen an.
»Dann habt ihr sie hergelockt? Das ist Gut! Wir haben schon viel zu lange hier auf diese verruchte Brut gewartet.« Der Stämmige klang kämpferisch, als habe er wirklich nur darauf gewartet, dass ihm Alwen vor die Klinge sprangen. Die anderen Zwerge sahen ebenfalls zufrieden drein. Währenddessen kamen einige weitere Zwerge die Treppe heruntergepurzelt und riefen irgendetwas in Zwergisch. Die Zwerge aus der Ecke machten einen zufriedenen Eindruck. Memot lachte nervös und übersetzte für Erdogon:
»Die Zwerge haben oben durch die Fenster einige Alwen im Dorf beobachtet, und diese Herren hier wünschen, dass wir ihnen einige Alwen übrig lassen.« Der Elb grinste verschmitzt.
Gemeinsam stürmten die drei Wanderer an der Seite von acht Zwergen und fünf mutigen Männern mit hinaus auf die Straße und rannten den Weg in Richtung Dorftor zurück. Auf den Straßen trafen sie auf einige der Dorfwächter, die ihnen sofort folgten. Als sie um die Ecke zum Haupttor abbogen, sahen sie das weitgeöffnete Haupttor, bei dem sich eine große Alwenscharr aufhielt. Einige Wächter und Dorfbewohner standen ihnen ohne Rüstung gegenüber und versuchten die Bestien zurückzudrängen. Doch viele der Männer lagen bereits blutüberströmt am Boden.
Die heranstürmende Truppe aus dem Dorf zählte mehr als dreißig Mann, und sah sich der fünffachen Überlegenheit an Alwen ausgesetzt. Die meisten der Blutsauger machten sich bereits über ihre ersten Opfer her und saugten ihnen das Blut aus. Offensichtlich waren sie sich ihrer Sache sehr sicher, da nur wenige der Alwen weiter ins Dorfinnere vordrängten. Als die Blauhäuter jedoch die Zwerge mit ihren schwingenden Streitäxten und die vielen kampfbereiten Männer erblickten; brach auf dem Vorplatz zum Haupttor die Hölle los. Erdogon und Memot zogen während des Laufens Pfeile aus ihren Köchern und schickte sie gegen die Ungeheuer mit den rotglühenden Augen. Hagedorn schleuderte kleine tödliche Blitzkugeln gegen die Brut, sodass die Bestien in Panik gerieten. Doch es rückten immer mehr Alwen nach. Die Zwerge rannten an den beiden Laufenden vorbei auf das Tor zu; auf kurzen Distanzen waren Zwerge die schnellsten Läufer in ganz Erdland. Nach wenigen Augenblicken waren die acht Zwerge in die Flut aus Alwen hineingetaucht und nichts mehr, war von ihnen zu erkennen. Hier und da beugten sich noch immer einige Alwen über die gefallenen Gegner, und saugten ihnen das verbliebene warme Blut aus erkaltenden Venen. Doch schnell wurden sie von den Pfeilen der Verteidiger niedergemacht. Im Hintergrund brannten bereits die ersten Häuser, und viele Dorfbewohner liefen Hals über Kopf auf die Straße und suchten nach sicherer Zuflucht. Sehr schnell herrschte ein gewaltiges Chaos in Bruggendorf. Zum Glück regnete es nach wie vor in strömen, sodass sich die entfachten Brände nicht zu schnell ausweiteten. Wie konnte es Möglich sein, dass sich so viele Alwen auf einmal zusammengefunden hatten, um einen Angriff in dieser Größenordnung durchführten. Normalerweise jagten Alwen ihre Opfer nur in kleinen Rudeln, ähnlich wie es Wölfe taten, doch von einem Angriff von diesem Ausmaß hatte Hagedorn bis heute noch nichts gehört. Wenn er diese Schlacht heil überstanden hatte, würde er auf der Stelle Kontakt zum Orden aufnehmen und den Hohn-Rat davon in Kenntnis setzten. Dank des Zauberers, fanden nur wenige der Alwenpfeile ins Ziel, da sie sich zumeist in der Luft in Feuer und Rauch auflösten. Nachdem vier der acht Zwerge regungslos am Boden lagen, eilten ihnen Erdogon und Memot zur Hilfe. Hagedorn verschloss das Tor mit Zauberkraft und versiegelte es magisch. Genau in diesem Moment wurde der Waldläufer plötzlich von den Beinen gerissen und lag mit einem Pfeil im Schädel auf dem durchweichten Boden. Hagedorn, der die Richtung des Pfeils ausmachte, schickte einen wütenden Feuerstrahl auf den verborgenen Schützen, der brennend von der Brüstung herabstürzte. Die letzten überlebenden Alwen merkten, dass sie den Kampf um ihre Nahrung verloren hatten, flüchteten sie Hals über Kopf in alle Richtungen davon. Die es nicht schafften über die hohen Wälle des Dorfes zu entkommen, wurden bis zum Morgengrauen aufgespürt und erschlagen.
*****
Im Morgengrauen karrten die Leute achtundsiebzig Alwenkadaver zur Stadt hinaus, um sie auf einem hohen Scheiterhaufen am Fuß des Hügels zu verbrennen. Vierzehn erschlagenen Dorfbewohner und die gefallenen Soldaten der vergangenen Nacht wurden im Lauf des nächsten Tages auf dem Dorffriedhof beigesetzt. Der Anführer Atokan, Durag, Legol und Worg, hatten als einzige Zwerge, die Schlacht überlebt. Der Zauberer und Erdogon blieben vorerst in Bruggenau, bis die königlichen Truppen von Estengod eintrafen, nach denen einige Boten ausgesendet worden waren. In den folgenden fünf Nächten blieben die Verteidiger des Dorfes sehr wachsam, doch das Dorf wurde kein zweites Mal angegriffen. Als die Hilfstruppen am Mittag des sechsten Tages eintrafen, bereiteten Hagedorn und Erdogon alles für ihre Abreise vor. Kurz vor ihrem Aufbruch, betrat Erdogon das Zimmer des Zauberers. Der Elb trug ein zusammenbeknüpftes, schwarzes Halstuch oberhalb des rechten Ellebogens: Ein Zeichen der Trauer um den verlorenen Freund. Hagedorn stand regungslos vor dem Kamin, und eine Stimme sprach aus den lodernden Flammen zu ihm: »...auch wir haben versucht diesen ungewöhnlichen Angriff der Alwen nachzuvollziehen mein Freund, doch sind wir hier zu der Ansicht gelangt, dass die Alwen nach wie vor keine wirkliche Bedrohung für die Freien Völker darstellen.«
»Großmeister Zarumak, ich bin davon überzeugt, dass ihr die Lage vollkommen falsch einschätzt...« Hagedorn klang verbittert.
»Macht euch doch nicht lächerlich Hagedorn, Alwen die ein Heer aufstellen, ich bitte euch.«
»Aber was ist, wenn sie einen Anführer gefunden haben, der das Handeln der Alwen lenkt und leitet...«
»Dann bleiben sie dennoch hirnlose Blutsauger, die nicht zu mehr taugen, als der Jagd im Rudel. Wir haben euch unsere Ansichten mitgeteilt, und es gibt wesentlich wichtigere Dinge. Befolgt den Auftrag des Hohn-Rates und begebt euch unverzüglich nach dem eintreffen der Königlichen Truppen zum Nordwestgebirge. Die Zwerge dort benötigen eure Anwesenheit viel dringender, als das ihr einem Phantom nachjagt.« Die Flamme in dem Kamin verlosch.
Hagedorn drehte sich verärgert um, und sah Erdogon verbissen in die Augen.
»Verdammte Narren.«
»Was sagen sie?« Fragte der Elb leise.
»Sie sind der Überzeugung, dass sich mehrere Alwenrudel rein zufällig durch das Unwetter zusammengefunden haben, und der Angriff ein dummer Zufall sei.« Der Elb zuckte arglos mit den Schultern, eine ähnliche Vermutung hatte er auch.
»Nein! Ich sage dir, hinter der Vorgehensweise ist ganz klar ein Plan zu erkennen. Und daher sollten wir in Zukunft ein wenig mehr auf der Hut sein, mein Freund.« Erdogon wirkte nachdenklich.
»Ich hoffe für Erdland, dass ihr unrecht habt Blauspitz, denn wozu Alwen mit einem gerissenen Anführer fähig sind, könnte für dieses junge und noch viel zu schwache Zeitalter das frühzeitige Ende bedeuten. Die Hochelben des Ersten Zeitalter, haben so manches mal unter der Tyrannei eines solchen Herrschers gelitten, und sie waren das stärkste und mächtigste Volk in ganz Erdland.« Hagedorn nickte bedächtig, ihm war die Geschichte des Ersten Zeitalters sehr gut bekannt, doch ärgerte es ihn fürchterlich, dass gerade Zarumak der Graue offenkundig zu wenig darüber wusste.
»Von dieser Stärke sind die Völker der Neuzeit noch sehr weit entfernt, und gerade deswegen müssen die Wanderer ein besonderes Auge auf die Welt haben. Ich werde unseren Brüdern eine entsprechende Nachricht zukommen lassen, ob es dem Hohen-Rat in den Kram passt oder nicht.« Erdogon nickte, verließ den Raum und bereitete alles weitere für ihre Abreise vor.
So verabschiedeten sich der Zauberer und Erdogon am späten Nachmittag von der Dorfgemeinschaft, die sich mittlerweile im klaren darüber war, dass sie ohne die Magie des Zauberers den heimtückischen Angriff der Blutsauger nicht überstanden hätten. Zu Dritt waren sie die schmale Furt bei einem Unwetter hinaufgekommen, zu Dritt schritten sie die Furt im Licht der wärmenden Frühjahrssonne wieder hinab. Denn Durag, der seinen Bruder Tork gegen die Alwen verloren hatte, schloss sich dem Zauberer und dem Elben an. Er wollte sie Begleiten, wenn sie durch die Ebene von Western zogen, um ihnen bei der Jagd nach den Alwen beizustehen. Bei ihrem nächsten Abenteuer trafen sie jedoch nicht auf Alwen, was in einer anderen Kurzgeschichte niedergeschrieben steht.



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Eingereicht am 03. April 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.