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Angel

Von Camilla Sitte


Ich bin Miku. Ich bin ein Engel. Aber nicht mit Flügeln und Heiligenschein und so. Ich sehe aus wie ein ganz normales Mädchen. Und ich lebe in einer ganz normalen Familie. Ich habe mich sozusagen dort eingeschlichen. Die Gehirne meiner Eltern wurden manipuliert. Sie glauben, ich bin ihre Tochter. Sie glauben, sie haben mich gezeugt. Aber ich bin nicht ihre echte Tochter. Ich bin anders. Anders, als die Anderen. Aber niemand darf es wissen. Es ist mein Geheimnis. Äußerlich unterscheidet mich nichts von anderen Menschen. Aber ich habe alle Eigenschaften eines Engels: ich weine keine Tränen sondern Seifenblasen. Ich brauche jede Nacht nur 4 Stunden Schlaf und bin trotzdem topfit. Ich liebe die Nacht mit ihren Schatten. Mein Herz ist rein und frei von Hass. Ich habe eine wunderschöne sanfte Stimme und kann gut singen.
Diese Eigenschaften haben alle Engel. Und ich bin ein Engel der Liebe. Ich besitze ein kleines rotes Fläschchen, kaum größer als meine Handfläche. Darin sind Rosenblätter. Und mithilfe dieses Fläschchens bringe ich die Liebe in die Herzen der Menschen! Das ist meine Aufgabe. Ich kann zusammenbringen, wen immer ich will! Außer mich selber! Bei mir selber wirkt das Fläschchen nicht!... Und jetzt erzähle ich euch meine Geschichte....
Ich saß auf meinem Fensterbrett und beobachtete träumerisch die Wolken. Die Wolken am Himmel. Das war meine wirkliche Heimat! Auf samtig weichen Wolken war ich aufgewachsen! Mit meiner echten Familie (die natürlich auch alle Engel sind). Jeder Engel hat ein Talent in eine bestimmte Richtung, bei seiner Geburt. Man wird nicht einfach geboren, und sucht sich dann aus, ob man ein Engel des Friedens, der Hoffnung, usw. sein will. Man wird schon als bestimmte Engelart geboren. Ich bin die Jüngste in meiner Familie. Und ich hatte das Pech, ein Engel der Liebe zu sein. Sie sind sehr selten, und deshalb wird jeder Engel der Liebe sofort auf die Erde geschickt, um mehr Liebe zu verteilen. Meine 2 älteren Schwestern sind Engel der Freude. Von ihnen gibt es genug und so können sie im Himmel bleiben und müssen nicht auf die Erde. Meine Mutter, ein Engel des Glücks und mein Vater, ein Engel der Freundschaft sind auch im Himmel.
Ich wurde mit 5 Jahren auf die Erde geschickt. Jetzt bin ich 15. Seit 10 Jahren habe ich meine wahre Familie also nicht mehr gesehen. Engel dürfen nur auf die Erde, wenn sie eine Aufgabe haben. Deshalb kann meine Familie mich auch nicht besuchen. Aber ich freue mich schon über die kleinen Nachrichten, die sie mir schicken, zum Beispiel ein Wolkenherz am Himmel und daneben der Buchstabe M.(für Miku)
Der Wecker neben meinem Bett klingelte. Aber ich war schon seit 3 Stunden wach. Es war 7 Uhr morgens. Ich schaltete ihn ab, sprang vom Fensterbrett und verließ mein Zimmer. Ich ging in ein anderes Zimmer und rüttelte das Kind, das da im Bett lag und schnarchte. "Aufstehen, Dominik! Der Schulbus wartet nicht!" Der kleine Junge öffnete die Augen und gähnte. Sie fielen ihm schon wieder zu, aber als ich ihn abermals anstupste, krabbelte er verschlafen aus dem Bett. "Ich verstehe nicht, wie du so früh aufstehen kannst, Schwester! Was bist du für ein Energiebündel?" Dominik war natürlich nicht mein richtiger Bruder, sondern nur mein Erdenbruder! Wir waren nicht verwandt, aber ich mochte ihn irgendwie. Dominik ist 8 Jahre alt.
Wir rannten die Stiegen runter und setzten uns zum Tisch, um schnell unsere Jause zu essen. Als wir uns die Schuhe anzogen, schauten unsere Eltern verschlafen aus dem Schlafzimmer. "Viel Glück in der Schule!", riefen sie uns zu und winkten. Plötzlich merkte ich, dass etwas fehlte..... Mein Fläschchen!!! Ich hatte es sonst immer bei mir! Schnell rannte ich die Stiegen noch mal rauf und schnappte mir das kleine rote Fläschchen mit den Rosenblättern, das für Menschen unsichtbar ist.
Als ich das Fläschchen in der Hand hielt und mit Dominik in den Schulbus stieg, bekam ich plötzlich richtig gute Laune. Das kleine Fläschchen war ganz warm in meiner Hand. Dominik setzte sich zu seinen Schulkameraden. Ich saß alleine und mir gegen über saßen ein Mädchen und ein Junge. Allerdings redeten sie nicht gerade viel. Ich würde wohl etwas nachhelfen müssen! Ich lächelte und öffnete mein rotes Fläschchen. Kleine Rosenblätter, die nur ich sehen konnte, flogen heraus und schwebten auf die Zwei zu. Sie flogen direkt in ihre Herzen, und der Bub und das Mädchen begannen sofort zu flirten. Behutsam schloss ich das Fläschchen wieder und beobachtete die Zwei aufmerksam. Nach kurzer Zeit küssten sie sich. Irgendwie mochte ich meinen Job.
Ich strich mir die blonden Haare aus meinem Gesicht und betrat die Klasse. Langsam steuerte ich auf meinen Platz zu. Meine Freundin Anna war schon da. Ich schrieb schnell die Mathematikaufgabe von ihr ab. Es wurde ein Schultag wie jeder andere.
Ich ging zu Fuß nach Hause. Ich könnte auch mit dem Bus fahren, aber manchmal, wenn die Sonne scheint, gehe ich lieber. Plötzlich sah ich vor mir ein kleines Mädchen, das auf eine Ampel schaute und auf Grün wartete, um die Straße überqueren zu können. Ein paar Schritte entfernt stand ein Junge. Ein sehr gutaussehender Junge! Ich musterte ihn neugierig. Er hatte wunderschöne braune Augen. Sie strahlten richtig. Und er hatte wilde, braune Haare. Er schaute ziemlich geheimnisvoll aus. Und sein Lächeln! Ich hatte noch nie zuvor ein schöneres gesehen! Plötzlich erschrak ich. Der Junge hielt ein kleines Fläschchen in der Hand!!!!
Er musste ein Engel sein! Seit ich auf der Erde bin, habe ich noch nie einen Engel gesehen! Allerdings war sein Fläschchen nicht rot, sondern todschwarz! Er öffnete es. Ein Totenkopf fuhr heraus und raste auf das kleine Mädchen zu! "Nein!", schrie ich. Der Junge drehte sich zu mir um. Erst jetzt hatte er mich bemerkt. Blitzschnell öffnete ich mein rotes Fläschchen. Rosenblätter schwebten heraus und holten den Totenkopf ein. Als sie ihn berührten, lösten sich Totenkopf und Rosenblätter auf. Das Mädchen überquerte die Straße unversehrt.
Wütend starrte ich den Jungen an. Er schaute mir in die Augen und lächelte. Mir wurde ganz heiß. Dieses Lächeln..... es war so beruhigend, so freundlich..... in seinen Augen war nichts Böses zu erkennen..... und doch hatte er eben versucht, ein kleines Mädchen umzubringen. "Hallo", sagte ich schließlich, nach einer Ewigkeit. "Hallo! Du bist auch ein Engel, wie ich sehe?", fragte er. "Ja. Du wolltest dieses Mädchen töten... bist du ein Todesengel?", fragte ich ihn. "Ja, ich bin ein Todesengel. Und du..." "Ich bin ein Engel der Liebe. Und ich bin anscheinend gerade rechtzeitig gekommen, um dich von dieser schrecklichen Tat abzuhalten.", sagte ich.
Ich hatte von Todesengeln gehört, aber noch nie einen getroffen. Die "Rasse" der Engel ist in 2 Arten geteilt: die eine Art, die den Menschen Gutes bringt (Engel der Liebe, Engel der Freude, usw.) und die andere Art, die den Menschen Schlechtes bringt (Todesengel, Engel der Traurigkeit, Engel der Einsamkeit, usw.). Diese 2 Arten verstehen sich nicht besonders gut. Mein Vater hat mir mal über Todesengel erzählt: Sie sind gemeine Wesen, die töten, soviel sie können, ihre Herzen voller Hass.... Und mein Onkel, ein Engel der Einsamkeit, hat mir über Todesengel erzählt: Sie sind vielleicht die edelsten aller Engel, voll Mut und Tapferkeit, und ohne sie wäre die Erde längst an Überbevölkerung zugrunde gegangen.....
"Ich erfülle nur meine Aufgabe", verteidigte sich der Junge, "und ich habe mir nicht ausgesucht, ein Todesengel zu sein!" "Du bist es aber! Du... bist... ein... Mörder!", meinte ich. "Nenn mich nicht so! Was verstehst du denn davon?", rief er aufgebracht, "ich tue, zu was ich zu tun geboren wurde" "Ich muss gehen...", sagte ich und drehte mich um. "Warte!", rief der Junge, "Wie heißt du? Können wir uns wiedersehen?" Erstaunt drehte ich mich um. "Wieso willst du mich wiedersehen?" "Weil du der erste Engel bist, den ich treffe, seit ich auf der Erde bin. Die Menschen sind anders. Anders als wir .Ich will mich mal wieder mit meinesgleichen unterhalten! Verstehst du?", fragte er. Und ob ich ihn verstand. Mir ging es genauso. "Okay. Heute, um 2 Uhr in der Nacht?", fragte ich ihn. "Ja, bis dann!"
Dominik schlief schon tief und fest. Genau wie meine Eltern. Ich schaute auf meine Uhr. Es war ein Uhr dreißig. Leise schlich ich mich die Stufen hinunter und huschte zur Haustür raus. Dann ging ich dorthin, wo ich den Jungen kennen gelernt hatte. Er war schon da.
"Hallo!", sagte er. "Hi" "Wie heißt du eigentlich?", fragte mich der Junge. Ich grinste. "Miku" Er lächelte:" Schöner Name! Ich bin Chiaki" Ich schaute ihn an. Seine Augen leuchteten geradezu. Der Mond stand hoch am Himmel. Ich merkte, dass ich mir zu wenig angezogen hatte. Mir war eiskalt. Ich zitterte. Chiaki bemerkte es. "Hier, nimm meine Jacke!", sagte er und reichte sie mir. Er hatte jetzt nur noch ein T-Shirt an. "Nein, dann ist dir doch kalt!", sagte ich. Er zuckte mit den Schultern. "Spielt keine Rolle" Ich nahm seine Jacke. "Danke" Ich nahm seine Hand in meine. "Lass uns spazieren gehen!", sagte ich. Hand in Hand gingen wir die Straße entlang und bogen dann ab in einen Wald.
"Ich liebe die Nacht!", sagte er, "mit ihren Schatten,...." "Auch mit ihren Gefahren?", unterbrach ich ihn. Er schaute mich an. "Auch mit ihren Gefahren", sagt er schließlich und lächelte.
Chiaki zog mich zu einem umgefallenen Baum. Wir setzten uns und ich starrte verträumt den Mond an. "Chiaki?" "Ja?" "Wie...wie wählst du deine Opfer eigentlich aus?" Die Frage schien ihm unangenehm zu sein. Es verging eine halbe Ewigkeit, bevor er antwortete. "Ich wähle sie gar nicht aus. Manche Menschen, die ich sehe, sind von einer roten Aura umgeben. Dann weiß ich, dass ich sie töten muss...." Ich schwieg und starrte zu Boden. "Und wenn du jemanden tötest, den du nicht töten sollst, weil er keine rote Aura hat?", fragte ich ihn nach einer Weile. "Dann werde ich bestraft. Im schlimmsten Fall muss ich ein Jahr länger auf der Erde bleiben. Todesengel müssen im Normalfall 15 Jahre ihre Aufgabe auf der Erde erfüllen. Ich bin mit 5 Jahren auf die Erde gekommen. Jetzt bin ich 17. Mir fehlen jetzt noch 3 Jahre. Dann kehre ich zurück in den Himmel. Zurück zu meiner Familie." "Weißt du, wie lange ein Engel der Liebe auf der Erde bleiben muss?", fragte ich ihn. "Ja, auch 15 Jahre", antwortete er mir. Ich seufzte. "Kopf hoch! Das vergeht schnell", versuchte er mich aufzumuntern. "Du gehst in die gleiche Schule wie ich, oder?", fragte ich Chiaki. "Ja, woher weißt du das?" "Ich habe es gehofft....", meinte ich verlegen. Eine ganze Weile lang sagte niemand etwas. Dann schaute ich auf meine Uhr. "Mist, in einer halben Stunde müssen wir in der Schule sein!", stellte ich fest. Die Sonne war bereits aufgegangen und hatte die Nacht mit ihren Schatten verscheucht.
Ich schaute Chiaki an. "Ich hab heute keine Lust, in die Schule zu gehen!" Chiaki grinste. "Ich will auch nicht zur Schule! Ich bin ein Engel und ich lasse mir von niemandem etwas vorschreiben!" "Du hast Recht", sagte ich und lachte, "hier ist deine Jacke. Ich brauche sie nicht mehr. Danke."
Plötzlich kam uns ein Wanderer entgegen. Er grüßte uns freundlich, aber Chiaki riss entsetzt die Augen auf. "Chiaki? Was ist los? Alles in Ordnung?", fragte ich und trat zu ihm. "Nicht. Komm nicht näher", sagte Chiaki leise. Er starrte den Wanderer an. Dann zog er vorsichtig sein schwarzes Fläschchen aus seiner Hosentasche. "Chiaki......." Er öffnete es.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Der ganz natürliche Instinkt eines Liebeengels: Rette den Wanderer! Aber andererseits der Gedanke: Chiaki tut nur seine Arbeit! Greif ein! Greif nicht ein! Greif ein! Tausend Gedanken schwirrten durch meinen Kopf. Hilf dem Mann! Lass Chiaki! Sonst bekommt er vielleicht Ärger! Greif endlich ein! Tu nichts! Warte ab! Nun hilf ihm endlich, sonst stirbt er! Nein, es muss sein! Greif ein! In dieser einen Sekunde der Entscheidung schien mein Kopf zu platzen. Aber schließlich gewann eine Stimme in meinem Kopf die Überhand.
"Stopp!", schrie ich, holte mein rotes Fläschchen heraus und fing den Totenschädel von Chiaki im letzten Moment ab. Der Wanderer ging weiter, nichts ahnend, dass er den Tod um Millimeter verpasst hatte. Chiaki drehte sich zu mir um und schaute mich an. Nicht wütend. Nicht böse. "Tut mir Leid, Chiaki, ich konnte nicht, ich... ich konnte ihn nicht so einfach sterben lassen!", mit diesen Worten drehte ich mich um und lief weg. "Warte Miku! Renn nicht in diesen Teil des Waldes!", rief mir Chiaki erschrocken nach.
Ich rannte schnell, um ihn hinter mir zu lassen. Ich hatte ihm erneut in die Arbeit gepfuscht! Plötzlich blieben meine Füße stecken. Sie rannten einfach nicht mehr weiter. "Ahhh!", schrie ich, als ich merkte, dass ich bereits knietief im Treibsand steckte. Ich schaute mich um. Nirgendwo war ein Ast, an dem ich mich hätte festhalten können. Ich würde im Treibsand untergehen! "Miku!" Das war Chiaki. "Ich komme", schrie er. Er kam so nah heran, wie er konnte, erreichte meine Hand und zog mich mit aller Kraft aus dem Treibsand. Keuchend und zitternd lag ich am kühlen Waldboden. Chiaki kniete neben mir. "Alles okay?", fragte er mich. "Ja", keuchte ich erschöpft, "das hätte böse geendet, ohne dich! Danke!" Engel sind während ihrer Zeit auf der Erde nämlich sehr wohl sterblich. Langsam richtete ich mich auf. "Ich gehe jetzt besser nach Hause und ziehe mich um", sagte ich zu ihm und machte mich auf den Heimweg.
Zuhause in meinem Zimmer musste ich noch sehr viel über Chiaki nachdenken. Irgendwie ging er mir nicht mehr aus dem Kopf.
Am nächsten Morgen ging ich wieder zur Schule. Ich hoffte, Chiaki zu treffen. In der Pause traf ich ihn auch. "Wie geht's dir?", fragte er mich gutgelaunt. "Ganz gut. Und dir? Hast du... wegen gestern Ärger bekommen?" Er schaute zu Boden. "Wenn es wieder vorkommt, muss ich ein Jahr länger auf der Erde bleiben", sagte er. "Tut mir Leid. Ich.. ich werde nicht mehr dazwischengehen", ich hoffte, dass ich dieses Versprechen würde halten können. Plötzlich trat meine Freundin Anna zu uns. "Hi!", sagte sie fröhlich. "Anna, das ist Chiaki, Chiaki, das ist", ich verstummte mitten im Satz. Chiaki hatte wieder diesen seltsamen Gesichtsausdruck. Er starrte Anna an. "Hallo Chiaki", meinte Anna ahnungslos. Ein ungutes Gefühl beschlich mich. "Nein", flüsterte ich, "nein" Chiaki sah mich unsicher an. Er musste es tun. "Chiaki!", sagte ich voll Panik. Anna begriff gar nichts. Hastig ergriff ich Chiakis Hände. Ich schaute ihm tief in die Augen. Er wusste schon, was kommen würde. "Chiaki, ich.. ich habe dir versprochen, nicht mehr dazwischenzugehen, aber ich bitte dich, sie ist meine beste Freundin, meine einzige Freundin, und, ich flehe dich an, tu es nicht"
Ich weiß nicht, was ihn schlussendlich dazu brachte, waren es meine flehenden Augen, mein bettelnder Blick, aber Chiaki ließ sein Fläschchen in seiner Hosentasche. Anna verschwand wieder. Als sie weg war, fiel ich Chiaki um den Hals. "Danke! Danke, danke, danke!" Er schaute mich an. "Ich mag dich sehr", sagte er, "und ich würde alles für dich tun. Aber bitte verlange so etwas nie wieder von mir." "Okay....."
Als ich diesen Nachmittag in meinem Zimmer saß, musste ich über vieles nachdenken. Ich musste mir über meine Gefühle zu Chiaki im Klaren sein. Irgendwie war er so süß! Und er war aus meinem Leben kaum mehr wegzudenken. Er war immer so nett und einfühlsam gewesen. Ich fühlte mich wie magisch zu ihm hingezogen, aber ob er dasselbe empfand? Ach, wenn ich ihn doch nur küssen könnte. Wenn ich doch nur wüsste, was er über mich dachte. Plötzlich plumpste irgendwas gegen mein Fenster. Ich drehte mich um und schaute das Fenster aufmerksam an. Kleine Kieselsteine krachten immer wieder gegen die Scheibe. Ich rannte hin und schaute hinaus. Unten, neben der Straße, stand Chiaki und winkte mir. Ich lächelte und rannte zu ihm hinaus. "Hi!", sagte er. "Hallo. Hast du mich so vermisst?", fragte ich ihn. Er gab keine Antwort. Sehr verdächtig. "Komm mit!", sagte er und zog mich an der Hand. "Wohin willst du denn?" "Irgendwohin... ans Ende der Welt" Ich lachte und folgte ihm. Wir gingen einen kleinen Bach entlang. Dann kamen wir an einem großen Apfelbaum mit saftigen, roten Äpfeln vorbei. "Chiaki! Holst du mir einen Apfel vom Baum?", fragte ich ihn. "Na klar!", sagte er und begann, auf den Baum zu klettern. Er kletterte höher und immer höher. "Pass bloß auf!", sagte ich. Mir war etwas mulmig, weil er fast nicht mehr zu sehen war. "Fang!", schrie Chiaki auf einmal, und schon fiel ein Apfel vom Baum. Ich fing ihn auf. "Kommst du jetzt wieder runter?" "Nein, komm du doch hinauf!", rief er zurück. "Wieso denn?", fragte ich. "Ich muss dir was sagen" "Dann komm doch runter!", meinte ich. "Komm du doch herauf!", sagte er noch einmal, "hier ist du Aussicht wunderschön." "Ich wüsste nicht, wieso...", fing ich an, als Chiaki plötzlich vor mir vom Baum sprang und vor mir auf den Knien landete. "Ich liebe dich", sagte er. Er sagte nur diese drei Worte, aber sie brachten mich aus der Fassung. Gleichzeitig schaute er mich mit großen Augen an. Da musste ich lächeln. Sanft strich ich mit meiner Hand über seine Wange. "Ich liebe dich auch", flüsterte ich ihm ins Ohr. Er umarmte mich und zog mich langsam näher an sich heran. Unsere Gesichter näherten sich, ich konnte seinen Atem spüren, und dann trafen unsere Lippen aufeinander. Zärtlich hielten wir uns umschlungen, vertieft in die Liebe. Um mich herum verschwand alles, der Baum, die Landschaft, alles war wie weggeblasen, ich nahm nichts anderes mehr wahr, konzentrierte mich voll und ganz auf diesen Kuss, Chiakis sinnliche Lippen und das starke Gefühl der Liebe um uns herum. In diesem Moment hätte genau neben uns eine Bombe einschlagen können, ich hätte es nicht bemerkt, sosehr war ich von diesem Kuss fasziniert. Ein Gefühl des Glücks überschwappte mich, und ich hoffte, dieser Moment würde nie enden. Es war wie in einem Traum, den ich hatte, den Traum von der großen Liebe meines Lebens. Ich hatte sie gefunden. Ich hatte mein Ziel erreicht. Und zum ersten Mal in meinem Leben war ich richtig glücklich. Ich wusste, solange Chiaki bei mir war, würde mich die Traurigkeit nie wieder einholen.
Mitten in der Nacht, wachte ich plötzlich in meinem Bett auf. Ein grelles Licht erleuchtete mein ganzes Zimmer. Ich kniff die Augen wieder zu. Dann war mir, als ob ich schweben würde. Als ich nach ein paar Minuten meine Augen vorsichtig wieder öffnete, staunte ich. Diese Umgebung kannte ich nur zu gut, obwohl ich sie seit 10 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Meine Füße waren den sanften Wolkenboden, auf dem sie standen, gar nicht mehr gewohnt. Mein Herz wurde von Wärme erfüllt. Ich war im Himmel. Ich war zuhause. Ich kniete mich nieder und berührte mit meinen Händen den Wolkenboden. Er war ganz weich und fühlte sich so behaglich an. "Miku" Jemand rief mich. Ich blickte auf. Meine ganze Familie kam auf mich zu. Mein Vater, meine Mutter, meine Schwestern Mizuno und Minto. "Mum!!! Daddy!!!" Ich umarmte zuerst meinen Vater, dann meine Mutter. Ich war so glücklich, dass mir ein paar Seifenblasen entfuhren und in die Luft empor stiegen. Dann umarmte ich Minto, meine 18jährige Schwester, und als ich auch Mizuno umarmen wollte, fiel mir auf, dass sie ein kleines Baby im Arm trug. "Wer ist denn das?", fragte ich sie lächelnd. "Mein Sohn", sagte sie" er ist gerade mal 5 Monate alt. Ich habe ihn Hizuki genannt" "Er ist so süß", meinte ich und ergriff seine kleinen Fingerchen. Dann umarmte ich auch Mizuno. "Du bist jetzt 21 Jahre, oder?", fragte ich sie. "Ja. Ich hätte nicht gedacht, dass du das noch weißt", sagte sie und drückte mir Hizuki in die Hand. "Willst du ihn mal halten?", fragte sie mich. Ich nahm ihn vorsichtig entgegen. Er hatte ganz blonde Haare, so wie Mizuno und ich. Minto und Dad waren die Einzigen in unserer Familie, die braune Haare hatten. Meine Mutter schaute mich an. "Du bist ein sehr hübsches Mädchen geworden, meine kleine Miku Suave-Tender." Sie lächelte glücklich. Mir war im ersten Moment gar nicht bewusst gewesen, dass sie mich gemeint hatte. 10 Jahre lang war ich Miku Müller gewesen. Aber meine richtiger Nachname war tatsächlich Suave-Tender! (Klingt eh hübscher als Müller) Dann gab ich Mizuno Hizuki zurück. "Er ist wirklich niedlich" "Danke. Gefällt dir der Name Hizuki? Ich habe schon überlegt, ob ich ihn vielleicht Sakkataki oder Chiaki nennen sollte, aber ich bin bei Hizuki geblieben", erzählte mir Mizuno. Als sie den Namen Chiaki erwähnte, zuckte ich zusammen. Hatte er nicht gesagt, dass Engel der Liebe 15 Jahre auf der Erde bleiben müssen, bevor sie zurück in den Himmel dürfen? Ich war doch erst 10 Jahre auf der Erde gewesen...
"Mami! Was ist los? Wieso bin ich hier?" Diese Frage schien meiner Mutter unangenehm zu sein. "Nun ja. Der Rat des Himmels der positiven Engel hat dich hierher geholt. Es geht um deinen Freund. Sie ähm .. schätzen es nicht, wenn ein Engel der Liebe mit einem Todesengel zusammen ist", meinte meine Mutter zögernd. "Was? Ich glaube ich hör nicht recht? Wie können die es wagen, sich in mein Leben einzumischen? Ich allein entscheide, wen ich liebe und wen nicht! Und ich liebe Chiaki nun einmal!", schrie ich wütend. "Wir stehen hinter dir, Miku. Es ist deine Entscheidung, und wir sind sicher die letzten, die dich von Chiaki fernhalten", sagte mein Vater beschwichtigend. "Wir wollen nur, dass du glücklich bist. Und wenn ein Todesengel dein Auserwählter ist, dann werden wir das akzeptieren", sagte Minto und legte mir ihre Hand auf die Schulter. "Das müssen wir nur noch dem Himmelsrat erklären", sagte meine Mutter und nahm meine Hand. "Komm, es geht gleich los."
Ich saß am weichen Wolkenboden. Hinter mir saß meine Familie und vor mir war der Himmelsrat, der aus drei hohen, weisen und strengen Engeln bestand. Nachdem man mir erklärt hatte, dass ich auf keinen Fall mit Chiaki zusammensein konnte, wurde ich zu meiner Meinung befragt. "Ich liebe Chiaki! Das müsste eigentlich genügen! Und ich werde nicht zulassen, dass mir irgendjemand vorschreibt, wen ich zu lieben habe", meinte ich wütend. "Miku, wir verbieten dir, Chiaki je wiederzusehen! Es geht einfach nicht, Gut und Böse kann nicht zueinander finden, begreif das doch endlich" ,meinten der Rat des Himmels. "Ich liebe ihn, und es ist mir egal, was ihr drei dazu sagt", meinte ich stur. "Miku! Er wird dich töten! Früher oder später bringt er dich um! Erkenne es endlich, bevor es zu spät ist!" "Wieso sollte er mich töten? Er liebt mich, da bin ich mir sicher", sagte ich. "Miku, er bringt dich durch seine Aufgabe um. Er muss Menschen töten, und wenn du mit ihm zusammen bist, wirst du immer wieder zusehen müssen, wie Menschen sterben! Das zerreißt dich! Du bist ein Engel der Liebe, du bist gutmütig, allein deswegen kannst du es auf Dauer nicht ertragen! Du kannst nicht zusehen, wenn Menschen sterben, es wird dich früher oder später umbringen! Miku, Chiaki bringt dir den Tod, nichts als den Tod. Glaube uns, bevor es zu spät ist!" "Das... das mag stimmen... aber, solange er lebt, werde ich ihn immer lieben. Und wenn ich nicht mit ihm zusammen sein kann, wird mich das früher oder später auch umbringen", schluchzte ich, unzählige Seifenblasen flogen herum. "Miku, es gibt nur einen Weg, dich zu retten...", der Himmelsrat reichte mir eine Pistole. "Töte ihn! Töte Chiaki, und du wirst wieder frei sein!" Ungläubig starrte ich den Himmelsrat an. Vom edlen Himmelsrat zu einem Mord angestiftet. Ich konnte es nicht fassen. Dann ließ der Himmelsrat Chiaki auftauchen. Er stand ein paar Meter entfernt von mir und blickte sich um. "Was soll das? Miku! Was ist hier los?"
"Chiaki, ich liebe dich. Leb wohl!" Ich hielt mir die Pistole an meine Schläfe. Meine Familie kreischte auf. "Tut doch was!" Chiaki stürzte auf mich zu. Aber der Himmelsrat war schneller. Ein blauer Strahl traf mich.
Hier muss ich weitererzählen, da Miku nicht kann. Ich bin Chiaki. Ihr kennt mich ja. Miku hat sich nicht erschossen. Der Himmelsrat hat ihr Gehirn manipuliert. Sowie er es mit ihren Erdeneltern getan hat, damit sie glauben, Miku wäre ihr Kind. Er hat Miku eingeredet, dass sie mich erschießen soll. Und jetzt steht sie vor mir, und zielt mit ihrer Pistole auf mein Herz. Sie hat keinen freien Willen mehr. Aber ich werde uns nicht aufgeben. Ich werde Miku und unsere Liebe retten!
"Miku! Hör mir zu! Das bist nicht du! Du willst mich nicht erschießen! Kämpfe um deinen freien Willen! Lass dich von denen nicht manipulieren", sagte ich zu ihr. Aber sie stand unbeweglich vor mir, ihre Hände zitterten am Abzug. Ihre Finger bewegten sich, sie würde schießen! "Miku, hör mir zu, ich liebe dich! Ich liebe dich mehr als alles andere. Du gehörst zu mir, du bist ein Teil von mir! Erinnere dich an unsere Liebe, bitte. Du bist für mich so wertvoll, und ohne dich, ist sowieso alles verloren", gestand ich ihr. Meine Worte kamen aufrichtig und aus meinem Herzen. Aber Miku ließen sie kalt. Kein Wunder, sie war nicht sie selbst. "Gut. Wenn du mich erschießen willst, dann bitte, tu es! Aber ich will, dass du selber es tust, und nicht irgendein Himmelsrat, der keine Ahnung von der Liebe hat." Ich lächelte und holte aus meiner Jackentasche einen roten Apfel heraus. "Erinnerst du dich? Ich habe dir einen Apfel geschenkt, als ich dir meine Liebe gestanden habe!" Ich hoffte, das würde was nützen. Miku griff sich mit ihrer Hand an den Kopf. "Auh...was?", fragte sie, als sie merkte, dass sie mit der Pistole auf mich zielte. Klonk!!! Sie schepperte zu Boden.
"Chiaki!", rief ich und rannte zu ihm. Ich fiel ihm um den Hals. "Danke! Du hast uns gerettet. Ohne dich hätte ich mich nie von der Manipulation befreien können" Ich zog ihn an mich heran und wir küssten uns. "Ich liebe dich, egal was kommt", flüsterte ich ihm zu. Der Himmelsrat schaute etwas verlegen drein. "Das ist echte Liebe", murmelten sie. "Da kann man wohl nichts dagegen machen. Wir werden euch etwas schenken! Das Kostbarste, das wir euch geben können. Die Freiheit. Ihr müsst nicht mehr eure restlichen Jahre auf der Erde bleiben, sondern ihr könnte gleich hier und jetzt im Himmel bleiben. Und eine Familie gründen." "Na, das sind doch mal gute Nachrichten!", grinste ich. "Ja, das ist einen Kuss wert", meinte Chiaki lächelnd. Wir küssten uns........
Das war meine Geschichte, die Geschichte von Miku Suave-Tender!



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Eingereicht am 29. März 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.