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Once in a lifetime
- Niemals wiederkehrend -

Von Julia Hartmann


Prolog
Oft habe ich mir gewünscht, Träume könnten wahr werden und bis heute weiß ich nicht, ob das wirklich ein so guter Gedanke wäre. Die Realität selbst kann oft grausam sein, aber in manchen Momenten steht sie den Träumen in nichts nach. Ich denke, jeder Mensch sollte seine Träume lieben und in Erinnerung behalten. Sie sind etwas ganz Besonderes, was niemand anders genauso nachempfinden kann. Träume machen ein ganzes Leben aus. Was man daraus macht, liegt an einem selbst...

1. Kapitel
I was falling into love. Yes, I was crashing into love. All the words that you sang to me, about life, the truth and being free... How you sang to me...
Ich sehe ein kleines Dorf um mich herum. Kleine Häuser aus Holz. Viele kleine Häuser, die alle im Kreis um die große Kirche stehen. Diese ist aus wunderschönem Stein erbaut, der golden in der Sonne glänzt. Sie bildet das Zentrum des Dorfes. Auch wenn sie menschenleer ist. Neben ihr befindet sich die Taverne. Sie ist klein, doch von innen riesig. Es ist Sommer. Die Kinder spielen draußen mit dem Ball und die Frauen reden und lachen über jedes Wort, das sie sprechen. Die Männer sitzen wahrscheinlich alle bei ihrem Bier. Links neben der Kirche liegt ein junger Hund. Sonst ist er immer verspielt, aber heute liegt er faul im Schatten und wartet auf den kühlen Abend.
Ein Mädchen geht die Straßen durch das Dorf entlang. Ich weiß nicht, wer sie ist, aber ich habe ein wunderschönes Bild von ihr in meinem Kopf. Sie ist groß gewachsen und hat goldenes langes Haar, das ihr offen über die Schultern fällt. Sie ist eine Elfe und sie ist eine Ausnahme in ihrem Dorf. Ebenso wie ihre Mutter. Aber die ist tot. Der Bruder und ihr Vater sind solche Menschen, die sich nur um sich selbst kümmern. Ich weiß nicht, wie das Mädchen heißt, noch wie alt es sein mag. Ich würde schätzen, es sei 17, aber bei Elfen kann man das nie genau sagen. Doch sie trägt einen frohen Schimmer in ihren Augen. Sie ist verliebt, das sieht man auf den ersten Blick. Leise singend geht sie beinahe tanzend durch die Gassen. Jedermann, der sie sieht, blickt sie verwundert an und spürt die Wärme in ihrem Herzen. Vielleicht mag sie ein naives Kind sein, doch herzensgut. Neidisch bin ich auf den guten Mann, der es vermochte, ihr Herz zu erobern. Ich verlasse das Dorf um nach wenigen Tagen wiederzukehren.

***
Die Glocken der Kirche läuten und es tut mir weh im Herzen dort am Altar die hübsche Elfe mit ihrem Geliebten stehen zu sehen. Ich sehe in seinem Kopf Bilder, die mir nicht behagen. Am liebsten möchte ich schreien. Kaum hat er ihr den Ring an ihren zierlichen Finger gesteckt, da misshandelt und schlägt er sie schon in Gedanken. Doch sie spürt gar nichts. Sie lächelt ihn aufrichtig an und er lächelt kalt zurück. Es bricht mir beinahe das Herz. Doch ich kenne sie nicht. Ich kann nicht wissen, was sie glauben lässt, Liebe für diesen Menschen zu empfinden. Wahrscheinlich war es der Vater. Vielleicht hat er sie ja verkauft. Ich kann nur für sie beten und an sie denken. Es ist wie ein Alptraum. Die Zukunft sehe ich schon vor meinen Augen. Ich verschließe sie und verlasse das Dorf. Niemals mehr gedenke ich hierhin zurückzukommen. Straße ohne Wiederkehr.

***
Ich kann sie nicht vergessen. Es ist als rasen diese Bilder immer wieder durch meinen Kopf. Sie lassen mich nicht in Frieden und es hat dennoch keinen Sinn darüber nachzudenken. Was kann ich schon ausrichten? Ich hab mein eigenes Leben zu führen. Es ist schon merkwürdig. Dieses seltsame Gefühl. Sonst befällt es immer bloß Dummköpfe. Aber mich? Wie sehr ich jede Nacht meinen Kopf leeren muss um nicht wieder diese Alpträume zu haben. Wenn dies nur nicht die Gegenwart wäre...
Er schlägt sie, wenn sie nicht tut, wie ihr befohlen. Weit weg ist sie nun von ihrem Dorf. Irgendwo in einem großen Schloss. Sie glaubte, es wäre ihr Märchenschloss, doch für sie wurde es das Schloss ihrer Furcht. Wie ihre Schönheit dahin floss... Traurigkeit machte sich in ihrem unbeschwerten Herzen breit. Hass und Furcht stiegen auf. Von Tag zu Tag mehr...

***
Sie ist fortgelaufen. Das spüre ich mehr als deutlich. Die Freiheit um sie herum, die Angst verfolgt zu werden...
Der innere Kampf, ob sie heimkehren soll...
Es ist mehr als bloß eine Qual. Ich weiß nicht, wie ich das länger ertragen soll. Ich werde mir eine Ablenkung von meinem Alltag suchen müssen. Etwas, das mich fesselt ohne gefangen zu nehmen. Vielleicht besteht ja noch Hoffnung. Ich bete jede Nacht für sie, doch das muss nun ein Ende haben. Ich denke, sie wird es schon schaffen. Der Hass hat sie stark gemacht.

***
Monate sind verstrichen. Ich habe sie vergessen. Ich kenne sie nicht mehr und will ihr Gesicht niemals mehr vor meinen Augen sehen.
Eigentlich kann ich stolz sein, auf das, was ich in so kurzer Zeit geschafft habe, aber es will mir nicht so recht gefallen.
Vor 3 Monaten habe ich zu einer Widerstandsgruppe gewechselt und stelle meine Kräfte nun in ihre Dienste. Söldner - Magier. Es klingt fremd. Aber ich bin gut. Ich bin der Beste und sie bewundern mich. Es ist das erste Mal, daß mein Alter nicht zählt. Sie schätzen mich und über das Gehalt kann ich mich auch nicht beklagen. Manche mögen sagen, ich würde mich verkaufen. Dagegen kann ich nichts sagen. Nichts als die Wahrheit; habe ich mir geschworen, und dies ist die Wahrheit. Aber es half mir zu vergessen. Mehr als alles andere. Und das reicht, wenn es mich nur um die schmerzende Erinnerung bringt.
Niemals mehr werde ich daran zurückdenken. Ich vergaß zuerst ihr Gesicht, dann ihre Stimme und zuletzt ihre Liebe. Ich werde niemals mehr zurückdenken. Und wenn es mein Leben lang dauert. Alles andere wäre gegen jeglichen Funken Vernunft, der noch in mir liegt.

***
Hier halten wir kurz ein und wechseln in die Perspektive der geheimnisvollen Elfe. Auf diese Art und Weise erfährt man mehr als aus der alleinigen Verzweiflung.

***
Meilen von zu Hause fort. Ich war alleine. Ich war einsam. Ich hatte Angst. Wohin würde mich mein Schicksal denn noch führen...wenn es denn tatsächlich Schicksal war. Doch jetzt tut es nicht mehr weh. Es ist vorbei. Ich bin frei! Vogelfrei! ...und doch fehlen mir Flügel, die ich ausbreiten und fort fliegen kann. Der Mond und die Sterne über mir in einer ewigen Nacht, die über mir einzustürzen droht. Kann ich noch weitergehen? Sollte ich mein Leben hinweg werfen, nun, da es seinen Sinn verloren hat und ich meine Liebe verloren habe. Nichts als Hass empfinde ich noch. Hass für alle Männer, egal welcher Rasse. Hass, der mich vor ihnen warnt, nicht noch einmal einen solchen Fehler zu begehen...einen Fehler...war es ein Fehler? Es war alles so perfekt...und ich liebte ihn mehr als alles andere. War ich glücklich... in seinen Armen vergaß ich die Welt um uns herum. Wenn ich verloren war, war er derjenige, der mir aufhalf. Er war immer für mich da... und ich wollte es ihm danken. Ich dachte, es wäre etwas ganz Besonderes, unsere Liebe. Ich wollte ihn auch glücklich machen... Anfangs schien es auch, er wäre es und er hatte stetig dieses Lächeln auf den Lippen... Verdammt, dieses Lächeln... ich kann es nicht vergessen... Aber er ist schuld! Verdammt sei er! Es ist aus und vorbei...vergessen aber nicht verziehen! Sollte ich jemals die Gelegenheit haben, ich würde keine einzige Sekunde zögern und ihm dasselbe Leid zufügen, was er mir antat... Aber soviel Leid kenne ich gar nicht... Wie kann es nur solche Menschen geben... Ich hasse sie alle! Menschen, Männer, - alles Verfluchte! Warum auch nicht? Sind doch alle gleich, - alles Betrüger und Monster!
Wenn ich nur wüsste, was ich aus meinem Leben machen soll. Ich irre schon seit Monaten durch den Wald und suche irgendwen oder was, der mir helfen könnte. Anfangs dachte ich noch, er sei mir auf den Fersen, aber das ist er nicht. So viel kann ich ihm also doch nicht bedeutet haben, dass er mich nichtmals mehr zurück haben will...- dummer Mensch! Er weiß ja gar nicht, was er an mir gehabt hätte. Für ihn war ich doch bloß Fleisch und ein Instrument seiner Lüste...- auch, wenn er mich stets als seinen "Schatz" oder sein" Ein und Alles" bezeichnet hat. Ich ahnte ja nicht, wo ich tatsächlich stand. Er zeigte mir sich nicht. Er sang mir etwas von einem Leben, das es nicht gab. Er sang mir von der Sonne und den Blumen. Aber die sah ich nie. Er sprach von seiner unendlichen Liebe. Und ich glaubte ihm. Und als es dann aus war, sah ich verzweifelt in seine Augen und sie waren leer. Ich glaubte, das nächste Mal würde ich wieder die Liebe in ihnen finden; aber ich fand sie nicht. Er hatte mich belogen. Und ich hatte ihm vertraut.
Und nun? Wohin mit mir in diese verdammten Welt, die es nicht wert ist, für sie zu leben? Die es aber auch nicht wert ist, für sie zu sterben...

***
Da lag nun die große Stadt vor mir. Mein Vater hatte mir oft von ihr erzählt. Mein verhasster Vater, - auch nur ein Mann, ein Mensch. Eine Stadt aus Stahl. Aus Metallgeweben und Strängen, die bis ins Unendliche führten. Dort, wo die Luft nach Öl und Abgasen roch und die Menschen so hart wie die Stadt waren. Wo niemand Gefühle zeigte und alle so kalt waren, wie die Luft, die sie umgab. Megakonzerne regierten dort. Konzerne, die jeder für sich, ihre alleinige Macht durchsetzen wollten und die Menschen auf verschiedene Weisen abhängig machen wollten. Einzelne Widerstandsgruppen hatten sich gebildet, die es sich als Ziel gesetzt hatten, diese Konzerne zu stürzen. Sie zu ruinieren und die Stadt wieder zu "befreien". Typisch Menschen! Wer sonst käme auf so lächerliche Ideen, seine Gesellschaft in solch einer Art und Weise zu spalten? Wer sonst wäre so töricht, die Welt zu zerstören, so wie Menschen es tun? Alles, das von Menschenhand geschaffen ist, ist schlecht und zerfällt mit dem Wind. Alleinig Werke der Unsterblichen sind zum existieren bestimmt. Nichtmals das Werk der Elfen oder Zwerge könnte lange bestehen. Vielleicht Jahrhunderte, vielleicht länger. Aber Menschenwerk besteht nicht einmal Jahre. Es ist fehlbar und zum Scheitern verurteilt. Ich denke, ich werde mich in diesem Missgeschick von Menschenwerk näher umsehen um Ablenkung von meinem Dasein zu finden...

***
Man beginnt die Parallelen zu finden. Ablenkung vom Leben. Wir betrachten das weitere Geschehen einfach einmal aus einer neutralen Sicht weiter.

***
Die Elfe stolzierte durch die dunklen Strassen der Großstadt. Die Leute starrten sie mit ungewöhnlich bösen Blicken an. Dunkle Gestalten spionierten dieser seltsamen Erscheinung neugierig hinterher und folgten ihr bis zu dem riesenhaften Gebäude der verlassenen Universität. Es war halb eingestürzt und wurde nur noch von einigen Stützpfeilern aufrecht gehalten. Sie blieb stehen und betrachtete einige Minuten lang den Trümmerhaufen. Dann blickte sie um sich und streifte mit ihrer Rechten die Wände des Gemäuers. Dann ging sie unverhofft hindurch. Die Wenigen, die diesem Schauspiel beiwohnen durften sahen einander verwundert an und näherten sich vorsichtig den Wänden. Doch dort war nichts. Kein Eingang, kein Loch, kein Tunnel. Nur Trümmer ohne Durchkommen. Die Gestalten verschwanden verwirrt in das Dunkel, aus dem sie hervor gekommen waren.
Doch die Elfe verschwand in die Gemäuer und suchte nach dem Leben, was sie hier gespürt hatte. Da war eine Seele, die ihr vertraut war. Etwas, das sie vor Jahren schon einmal gefühlt hatte und danach nie wieder.
Zur gleichen Zeit bemerkte der Magier eine Veränderung. Im ersten Moment glaubte er, es sei der Feind, der ihr Versteck bemerkt hatte. Gleich lief er um dem Anführer Bericht zu erstatten, doch auf halbem Wege drehte er um. Hatte er sich etwa geirrt? War seine Annahme falsch? Er versuchte der Sache auf den Grund zu gehen und verschmolz für einige Sekunden mit der Wand. Und noch bevor er richtig zu vernehmen mochte, wer oder was dieses Gefühl ausgelöst haben könnte, überkam ihn ein plötzlicher Schmerz, der ihm die Tränen in die Augenwinkel trieb. Tränen rannen über dein Gesicht, tropften seinen grauen Bart hinab. Er versuchte sie von sich zu schütteln, - sie, die Emotionen, die in ihm hochkamen. Doch er konnte sie nicht stoppen und sank auf den Boden. Und mit einem Mal wusste er, dass dies nicht das Ende, sondern erst der Anfang vom Ende war. Sie war wieder in sein Leben getreten. Und er könnte dieses Mal nicht mehr vergessen. Er richtete sich langsam auf und verzog sich in seinen Raum um zu meditieren. Vielleicht würde sie ihn ja gar nicht finden.

***
Es herrschte ein feuchtwarme Luft in dem Gemäuer, die den Sauerstoff in meinen Adern auf seltsame Weise zum Kochen brachte. Je weiter ich durch dieses Labyrinth aus Trümmern ging, um so mehr spürte ich eine bekannte Präsenz. Mehrmals drehte ich mich um und suchte nach einem Verfolger. Jedes Mal lief mir ein kalter Schauer den Rücken hinab, als ob sich ein eisiger Schleier über mich würfe. Das war keine Angst aber irgendwie ein Gefühl, als begegnete ich meiner Vergangenheit und müsste ihr in die Augen blicken. Etwas hielt mich zurück und schrie mir nach ich solle umkehren bevor es endgültig zu spät wäre. Doch ich bahnte mir unbeirrbar meinen Weg durch die Ruinen zum Irgendwo. Langsam verlor ich die Orientierung und zweifelte daran, dass mich die Gänge überhaupt zu einem Ziel brachten. Aber ich hatte doch Leben gefühlt. Hier mussten Leute leben, die sich versteckt hielten. Und eben diese wollte ich finden. Warum? Ich weiß es nicht, aber etwas zog mich förmlich weiter. Immer weiter und weiter, ohne, dass ich wusste, wohin. Je länger ich ging, desto müder wurde ich. Ich sehnte mich nach Schlaf. Meine Füße trugen mich kaum noch voran, ich schleppte mich schwerfällig weiter. Dann wurde ich schwach und meine Füße gaben nach. Mit meinen Händen hielt ich mich an einer Wand fest und rutschte hinab auf den kalten harten Boden.

***
Life's a dream - we are dreaming...
Du bist geflohen und gerannt. Du hast vergessen und verdrängt. Dein Leben liegt hinter dir. Du kannst es nicht zurück erhalten. Vergessen heißt einen Teil seines Lebens einzubüßen. Und außerhalb der Liebe zu leben bedeutet nicht mehr länger zu leben. Wie handelst du, wie sprichst du, wie lebst du, wenn nicht aus Liebe? Nutze die Nacht, nutze den Tag; mag kommen was will. So wird es dich daran erinnern, dass auch du einst lebtest...
Und wenn du wieder liebst, so kannst du auch wieder leben.

***
Sie fanden sie in einer Gasse des Labyrinthes. Sie lag ganz ruhig auf dem Boden. Unverletzt. Wahrscheinlich war sie einfach nur eingeschlafen. Man brachte sie hierher ins Lager. Aber niemand kannte sie und man fragte sich, wie sie uns gefunden haben konnte. Dann sah man unter ihrer blondes Mähne ihre spitzen Elfenohren und jeder wusste, was Sache war. Ich war nicht dabei. Ein aufgeschreckter Bursche erzählte es mir. Völlig durcheinander kam er in meine Räume gestürmt und berichtete von einer Elfe, die hierher gebracht worden war und immer noch im Tiefschlaf lag. Aber er musste mir nicht wirklich erzählen, was vor sich ging. Ich hatte es Stunden vorher gewusst und förmlich auf ihr Erscheinen gewartet. Meine Hoffnung, ich könnte mich doch irren, war somit mit einem Mal davon geweht. Man wollte mich sehen. Man glaubte, ich könnte ihnen helfen, die Elfe unter einen Bann zu stellen, dass sie uns nicht gleich angriff wenn sie wach würde. Ich wusste, dass ich es nicht konnte. Ich ahnte, dass es unmöglich sein würde. Aber ich musste es versuchen. Ich musste zumindest versuchen die Elfe unter Kontrolle zu halten. Kontrolle.... Wie weit war ich gegangen in all den Jahren...? War ich überhaupt noch ich selbst? Doch mir blieb keine Wahl. Und so musste ich dem Schicksal begegnen und verließ meine Gemächer.
Als ich in die Haupthalle trat, lag sie da auf dem großen Holztisch. In ihrem seidenen Kleid, die Haare strähnig um sie herum. Ihre Augen waren geschlossen. Ihr Gesicht weiß wie Marmor und zerbrechlich wie Glas. Da lag sie vor mir und die Vergangenheit flammte mit einem Mal wieder auf...

***
Da stand er nun wie angewurzelt. Er, - der große Magier, der sie alle in den Schatten stellte. Und plötzlich war er gar nicht mehr groß. Sein strenger und gefasster Blick schlug in Unglauben und Angst um. Seine Hände zitterten leicht als er ihr Gesicht berührte. Er wollte es verbergen, doch er schaffte es nicht. Vorsichtig strich er über ihre eisige Haut und berührte ihre Augen. Dann senkte er seinen Kopf wie zu einem Gebet und flüsterte ein paar unverständliche Worte. Nichts geschah. Er blickte wieder auf uns schüttelte den Kopf.
"Dann weck sie trotzdem auf!" drang aus der Menge eine dunkle Stimme. Eine gewaltige, in feinste Kleidung gehüllte Person kam hervor. "Ich will wissen, wer sie ist und was sie hier will!" Er deutete mit seiner Linken auf 4 stark gerüstete und mit Gewehren bewaffnete Söldner und winkte sie her. "Bewacht die Kleine. Dem Magier wird schon nichts passieren. Der kann auf sich selber aufpassen!" Ein Lachen ging durch die Menge, was sofort verstummte, als der Magier seinen wieder gefassten Blick auf den Riesen richtete. "Na los, fang an, alter Mann!" "Nenn mich gefälligst nicht alter Mann, alter Söldner." Ein erneutes Lachen und dann völlige Stille. Der Riese setzte eine vorwurfsvolle Mine auf und gab dem Magier zu verstehen, er solle endlich anfangen.
Dieser murmelte eine Formel, legte die Hände verschränkt über seine Brust und ging ein paar Schritte beiseite. Die Söldner standen um die Elfe herum formiert, bereit jederzeit abzudrücken, falls dies erforderlich sei. Da öffnete sie ihre Augen und erhob sich vorsichtig und ganz langsam. Sie blickte fasziniert in die Runde. Niemand brachte ein Wort hervor. Die Söldner standen mit ihren finsteren Minen da, der Riese setzte ein hämisches Lächeln auf und der Magier verschwand irgendwo in der Menge um sich einen Weg zu seinen Räumen zu bahnen. Totenstille herrschte....bis der Riese schließlich das Wort ergriff und in einem dunklen Ton zu der Elfe sprach: "Was suchst du hier, Elflein? Hast du dein Zuhause verloren oder was? Hä? Sprich!" Doch die Elfe sprach kein Wort. Aus ihren Augen sprach ein trauriger Schein. Ihre Lippen bewegten sich, doch kein Ton drang daraus hervor. So saß die da und rang mit der Realität. Der Riese wurde ungeduldig. "Sprich endlich." Als sie auch dann nicht antwortete, richteten die Söldner ihre Gewehre auf sie, den Finger bereit am Abzug. "Verdammt, ich werde dich töten, wenn du nicht antwortest was dich hierher führte!"
Sein Gesicht lief vor Zorn rot an. Da öffnete sie ihren Mund und sprach mit einer goldenen Stimme und einer Melodie als würde sie singen. Aber die Melodie war traurig und leise. Es war das Lied einer Sterbenden. "Ich kam hierher auf der Suche. Ich kam hierher, geflohen aus meiner Heimat. Aus Hass, Verachtung und Rache. Und nun bin ich hier und weiß nicht wohin ich noch gehen soll..." Da hielt sie inne.
Der Riese wirkte gefesselt. Gefesselt von den Worten und dem Klang der Stimme. Nun brachte auch er kein Wort mehr hervor und es war die Elfe, die weiter sprach: "Nun da ich hier bin wünschte ich mir, ich würde aufgenommen werden. Ich wünschte mir, ich könnte hilfreich sein und mir könnte geholfen werden. Dass ich eines Tages in der Lage sein werde mich zu rächen..." Von allen Seiten wurde sie mit großen Augen angestarrt. Selbst die Söldner waren gebannt von ihren Worten. Der Riese machte einige Schritte auf sie zu. Er musterte sie von oben bis unten. Ganz genau. Dann reichte er ihr seine metallene Hand und sie nahm an. Ein Lächeln huschte kurz über ihre Lippen als sie vom Tisch aufstand und zu dem Riesen hinauf schaute. Erst jetzt stieg die Abscheu in ihr auf. Er war ein Mensch. Zumindest halb, denn hier und da ersetzten künstliche Gelenke seine eigenen. Er trug kein Haar und am Hinterkopf bedeckte eine Titaniumplatte seine Schädeldecke. Ob aus reiner Eitelkeit oder ob Verletzungen daran Schuld trugen konnte sie nicht sagen. Aber das war auch nicht der eigentliche Grund, warum sie solchen Ekel empfand. Er war ein Mann. Das reichte.

***
...und mit einem Mal war auch sie aufgenommen. Ich brauche mich gar nicht fragen, was ihn dazu brachte, sie sofort zu uns zu nehmen. Er hätte sie ebenso gut wieder hinaus werfen können, was wohl die bessere Lösung gewesen wäre. Aber er konnte es wahrscheinlich nicht. Wenn man zum ersten Mal in seinem Leben eine Elfe zu Gesicht bekommt, raubt sie einem die Sinne. Man kann nicht mehr klar denken und handelt nach ihrem Willen. Auch er war dagegen nicht gefeit. Ich hatte Glück. Mehr konnte man das nicht nennen. Ich kannte Elfen. Ich hatte Studien über dieses Volk betrieben. Daher wusste ich mehr als jeder andere hier über sie. Und deshalb vermied ich jeglichen Kontakt mit ihr. Elfen waren ein aufrichtiges Volk. Gutmütig, liebevoll und ehrlich. Alles, was sie taten war von Liebe erfüllt. Und ihre Stimme war eine Melodie die aus dem Herzen entsprang. Glückseligkeit und Freude. Aber bei ihr war das anders. Es war geschrieben, dass, wenn Elfen einmal ihre Liebe verlieren, sie nicht mehr sind, was sie einst waren. Die Ehrlichkeit schlägt in Teilwahrheiten um, die Freude in plötzliche Momente des Glücks, die Gutmütigkeit in Eigennutz. Und ihr freudiges Lied verstummt und wechselt in ein Trauerlied. Dieses Lied habe ich in ihrem Herzen gehört.

***
Wieder einmal hatte es sich bewährt eine Elfe zu sein! Sie hatten mich tatsächlich in ihre Gruppe aufgenommen. Vielleicht hätte damit die Einsamkeit und die stetige Angst ein Ende. Vielleicht könnte ich ja des nachts wieder die Augen schließen und in Friede schlafen. Und wenn ich dann soweit wäre, könnte ich mich rächen. Ha, - meine Rache würde zu meinem Leben werden, denn wofür sonst sollte ich so fortfahren wie ich es bereits tat?
Ich wünschte ich könnte es ungeschehen machen, mich herum drehen und mich weinen sehen. Da gibt es so viel, was ich noch einmal sehen möchte, so viele Gründe warum. Ich kenne mich nicht länger. Es gibt nichts mehr als die Erinnerung , und die habe ich mir freiwillig genommen. Das ist alles, woran ich noch glauben kann. Dass ich eines Tages die Macht haben werde, es ungeschehen zu machen. Das ist alles, warum ich weiter lebe.

2. Kapitel
How can I just let you walk away? You're the only one who really know me at all. How can you just walk away from me? But you coming back to me is against the odds and that's what I've got in faith...
"Es gibt nichts mehr, an das ich mich erinnern möchte. Ich kann nicht sagen was geschah wenn ich es nicht wahrhaben will..." Kurz seufzte sie auf und sah ihm dann genau in die Augen. Er räusperte sich. "Dann ist es wohl sinnlos zu fragen, warum du dich rächen willst?" Er nickte. "Ich denke, ich verstehe..." Nichts verstehst du! Du glaubst doch nicht im Ernst mich zu verstehen...? Nicht mich - ich verstehe mich ja selbst nicht mehr...
"Ja... vielleicht... Ich danke Ihnen, dass sie mich aufgenommen haben." - "Danke nicht zu früh. Harte Arbeit wartet auf dich. Es wird der Tag kommen, da wirst du mich dafür verfluchen dich aufgenommen zu haben."
Ich verfluche dich doch jetzt schon, Mensch. Merkst du das denn nicht?
"Vielleicht. Ich habe nichts anderes als harte Arbeit erwartet... Söldnerarbeit... was genau wird mich erwarten?" - "Vieles. Zuallererst eine Ausbildung. Magisch und kämpferisch." Er grinste. "Wir haben nur sehr wenige Zauberer hier. Du kommst uns gerade recht."
Das hättest du wohl gerne. Warte nur ab...
"Nach der Grundausbildung wirst du dann für kleiner Aufträge zugeteilt. Später, wenn du besser wirst, kommen die wichtigeren, bedeutenderen Aufträge."
Na bitte, genau das, was ich will!
"Wer werden meine Ausbilder sein?" - "Kämpferisch wirst du vom dem General , so nennen wir ihn hier, ausgebildet. Und zu deiner Zauberausbildung steht dir unser Magus zur Verfügung..." - "Wann kann ich mit dem Training beginnen?" - "Sobald du willst. Kannst dir ja schon mal deine Ausbilder angucken..."
Und ob ich das werde...
"Gut."
Sie stand abrupt auf und verließ den kleinen Raum durch die dicke Eichentür.

***
Früher oder später wird sie zu mir kommen. Ganz sicher. Dann werde ich ihr in die Augen blicken und mich verlieren. Sie wird mich nicht kennen; sie wird mich anstarren als habe sie einen Geist gesehen. Doch sie wird mich nicht erkennen. Vielleicht wird sie ja den Schimmer in meinen Augen bemerken...oder sie übersieht ihn, wie sie mich früher übersehen hat.
Wie eine Fremde wird sie mir gegenüber stehen. Eine perfekte Fremde. Wie eine Fremde, deren ganzes Leben ich kenne...oder glaubte zu kennen...und vergaß. Wie lange kann man vergessen? Wie lange kann man sich selbst verleugnen? Wie lange kann ich mich selbst verleugnen?
Aber wenn das nun die einzige Lösung war, muss ich mich daran festklammern. An dieser letzen Hoffnung in dieser hoffnungslosen Welt. So lange ich noch hoffe...

***
Es kam, wie es kommen musste. Sie klopfte eines Abends an die hohe Eisentür, in die ein Pentagram eingearbeitet war, und wartete bis ihr die Tür geöffnet wurde. Der Magier stand ihr gegenüber. Groß und irgendwie...mächtig. Aber ernst und eine Traurigkeit warf einen grauen Schleier über ihn. Er trug eine lange, weite purpurne Robe, die schmuckvoll bestickt war und eine goldene Sonne in ihrer Mitte trug. Sein Gesicht war etwas von den Jahren (und vielleicht auch von den Kämpfen) gezeichnet, doch die Haut war braun gebrannt. Wie ungewöhnlich. Dieses Gesicht wurde von einem schwarzen kurzen Vollbart geziert, der schwarz umrandet war. Er trug jedoch keine Haare auf dem Kopf. Seine Augenbrauen waren ebenso nachtschwarz wie seine Augen selbst. Er wirkte um einiges jünger als er tatsächlich war. Was von seinem muskulösen Körperbau her aber weniger zu erkennen war. Doch den konnte man unter der Robe nur erahnen.
"Ehrfurchtgebietend" dachte die Elfe und überlegte, ob sie ihm wirklich Respekt entgegen bringen sollte. Doch den Gedanken verwarf sie gleich als sie ihn gefasst hatte.
Mit einer knappen Handbewegung gebot er ihr einzutreten. Kein einziges Wort sprach er. Mitten in dem schlichten Raum stand ein kleiner, kunstvoll gearbeiteter Holztisch, an den sie sich setzten. Er nahm bewusst ihr gegenüber Platz. Auch jetzt ergriff er nicht das Wort.
Eine Ewigkeit schien zu verstreichen und die Anspannung wuchs. Nicht sichtlich. Aber die war da. Zumindest die Gedanken hätten sie verraten.
Die Elfe begann nervös mit ihren Fingernägeln auf dem Tisch zu trommeln. Der Magier sah fragend auf. Sie blickte ihn an. Und ihre Augen waren...leer. Nichts. Kein Ärger. Keine Freude. Keine Überraschung...einfach nichts. Doch das täuschte.
In einem zornigen Ton (sie versuchte erst gar nicht ihn zu ändern als sie sich selbst reden hörte) fuhr sie ihn mit einem Mal an: "Ich bin hier wegen meiner Ausbildung. Man hat mich hierher verwiesen, doch ich kann mir nicht vorstellen wie das wortlos funktionieren soll..." Da unterbrach sie sich selbst und blickte den Magier (diesmal erwartungsvoll) an.
Er ging weder auf ihre Provokation, noch auf ihre versteckte Frage ein. "Name?"
Völlig verstört blickte sich die Elfe um. "Wozu?"
Wieder prallte ihr provokanter Ton an ihm ab. In ebenso gefasster Stimmlage wie zuvor sprach er weiter. Und eben diese Ruhe brachte sie völlig aus der Fassung. "Willst du nun ausgebildet werden oder nicht?"
Ihr Gesicht lief leicht rot an und in ihren Augen funkelte der blanke Hass auf. Ihr Versuch ihn zu verbergen schlug kläglich fehl. "Wozu?" sie schrie beinahe.
Er gab keine Antwort. Sie hätte am liebsten los getobt. Es war wie ein stilles Kräftemessen. Doch irgend etwas in ihr sagte ihr, es sei sinnlos jetzt die Beherrschung zu verlieren. Dann hätte sie ihre Chance verspielt.
"Shayarielle."
Der Magier nahm scheinbar aus dem Nichts eine Feder und eine Rolle Pergament und begann zu schreiben.
"Ich nehme an, du bist eine vollwertige Elfe?"
Er wusste, dass es nicht so war, doch er wollte sie testen.
Sie schüttelte den Kopf. Anscheinend hatte sie sich wieder beruhigt. Zumindest nach Außen hin.
"Halb-...mein Vater..."da zögerte sie und schluckte. Er hatte ihren wunden Punkt berührt.
"...mein Vater war ein Mensch."
Wieder schrieb der Magier ein paar Zeilen auf das Pergament.
"Alter?"
Mittlerweile antwortete sie immer bereitwilliger.
"19."
Wieder schrieb er. Doch sehr langsam und niemals hob er seinen Kopf. Sonst hätte man seine plötzliche Verwunderung gesehen, die ihm ins Gesicht geschrieben stand. Wie konnte sie noch dermaßen jung sein? Sie war ja noch ein Kind... und er sollte sie zu einer blutrünstigen Söldnerin ausbilden, die für Geld ihre Kampfkünste verkaufte. Jemand, der weder Moral noch Rückrad besaß? Die Ehre und Treue nie kennen gelernt hatte? ...so wie er? Wie konnte er? Sie wusste doch gar nicht, worauf sie sich da einließ.
Er versuchte nicht länger daran zu denken. Es war nun mal seine Arbeit und er hatte sie zu verrichten.
Er reichte ihr das Pergament entgegen. "Kannst du lesen und schreiben?"
Sie nickte und verkniff sich jegliche Bemerkung. Eine Weile saß sie über den Bogen gebeugt und füllte ihn aus. Oft fragte sie sich welchen Sinn all die Fragen erfüllten, doch niemals traute sie sich ihre Frage danach auszusprechen. Da gab es mittlerweile doch so etwas wie Respekt, das sie für diesen Mann empfand. Auch wenn sie nicht genau wusste warum...
Er nahm das ausgefüllte Pergament wortlos entgegen und las es sich kurz durch. "Du kannst gehen. Komm wieder, wenn ich dich rufen lasse." Daraufhin wandte sie sich ab und ging hinaus.
Erleichtert atmete er auf.

***
Nun, da sie aus der Tür und aus diesem Zimmer hinaus ist, weiß ich nicht mehr, was ich denken oder glauben soll. Es ist so leer hier...aber sie zeigte bloß Kälte. Mir ist als erwache ich aus einem Traum und musste feststellen, dass ich weiter träumte.
Tatsächlich hat sie mich nicht erkannt. Wie könnte sie auch? Es waren ja nur Sekunden. Vielleicht, - nein- sogar sehr wahrscheinlich hat sie mich damals nicht gesehen. Aber das ist auch besser so.
Ich habe so wenig wie möglich gesprochen. Keine Ahnung, ob das richtig war. Aber mit wenig Worten kann man auch wenig Schaden anrichten. Mag sie auch noch so kalt und voller Zorn sein, so ist sie doch auch aufrichtig und ehrlich. Am meisten jedoch hat mich ihr Alter verwundert...damals kann ich mich wohl kaum geirrt haben.
Tief in meinem Inneren schreit etwas einen Schritt weiterzugehen und rebelliert bei dem Gedanken sie zu einer Söldnerin auszubilden. Zu einer billigen Söldnerin!
Sie ist etwas ganz Besonderes und darf nicht eingehen! Der Führer wird sie sicherlich nach seinem Abbild formen. Zu einem besseren Abbild von sich selbst. Aber da habe ich auch noch ein Wörtchen mitzureden! Von Magie versteht er immerhin nichts. Und die magische Ausbildung geht der kämpferischen in jedem Falle voraus...
Wir werden sehen. Wie immer werde ich mein Bestes geben. Auch wenn ich scheitern sollte.

***
Gibst du der Versuchung nach? Kannst du verzeihen? Was waren denn das für Fragen? Der Alte wusste, wie man Leute auf die Probe stellte!
Eigentlich hätte mir das auch klar sein sollen. Ob ich sein erster Lehrling war? Das war vielleicht ein seltsamer Kauz. Die Statur eines Kämpen, die Kleidung eines Magiers. Aber er ist viel älter als er aussieht. Sehr viel älter.


... Fortsetzung folgt




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Eingereicht am 06. Februar 2004.
Herzlichen Dank an der Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.