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Der Schlüssel deiner Träume

Von Bianca Kronsteiner


Avalon, die sagenumwobene Insel, Apfelbäume wo hin man blickte, Vögel sangen fröhliche Lieder, Novizinnen, Priesterinnen, sogar die Hohepriesterin gab sich die Ehre am Fest teilzunehmen. Alle tanzten sie, lachten, dachten nicht an heute oder morgen nur an den Augenblick, auch das kleine Volk sah man feiern: Elfen, Feen, Kobolde, Zwerge trugen dazu bei, dass es nicht langweilig wurde. Die Kobolde geizten nicht mit ihren Tanzkünsten, Elfen leuchten in allen möglichen Farben, angefangen bei leuchtendem Kirschrot über Grasgrün bis hin zu zartem Violett, auch Zwerge feierten ausgelassen, Feen zauberten gelegentlich Äpfel, Orangen, Weintrauben und Wein auf den Tisch, oder ließen Flöten in der Luft eine bezaubernde Melodie spielen, schon fast schrille, helle Töne, aber war auch eine tiefe, fast erdrückende Musik herauszuhören. Alle hatten sie sich versammelt, alle magischen Wesen, alle die noch an ihre Träume glaubten. Jeder wusste, weshalb dieses Fest gefeiert wurde es würde vielleicht für immer das Letzte sein. Die Nebel wurden dichter, schlossen die Insel immer mehr ein, wie ein Vorhang. Die Nacht brach herein, das Fest jedoch ging weiter, der Nebel zu einer undurchdringbaren Mauer herangewachsen. Alle feierten sie, als ob es das Letzte wäre was sie tun würden, vielleicht war es auch so. Die Insel zog sich immer mehr zurück aus der irdischen Welt. Um Punkt Mitternacht verschwand Avalon, nur mehr eine Legende in den Köpfen der Menschen, die aufgehört hatten an ihre Träume zu glauben. Nur Einer konnte die Insel der Apfelbäume zurückholen. Doch würde diese Person es auch wirklich versuchen?
"Der Flug nach Irland, Dublin, geht in 20 Minuten wir bitten die Passagiere an Bord zu gehen. Der Flug nach Irland, Dublin, geht in 20 Minuten." In 5 Minuten würde der Lautsprecher am Wiener Flughafen die Worte wiederholen. Das wird knapp, dachte Chantal. Die 20-jährige Journalistin hetzte über den Flughafen sie konnte ja nichts dafür, dass ein LKW genau dann einen Unfall bauen musste, wenn sie sowieso schon viel zu spät dran war. Es war das erste Mal, dass die junge Journalistin einen Auftrag außerhalb bekam und das, obwohl sie erst 4 Monate bei der Redaktion arbeitete. Sie musste diesen Flug einfach noch erwischen. Fast wäre Chantal gegen den Schalter geknallt, wo sie ihr Ticket hektisch der Stewardess auf den Tresen schleuderte.
"Guten Tag, darf ich Sie bitten Ihre Koffer bei dem entsprechenden Schalter abzugeben?" fragte die Frau hinter dem Tresen mit gespielter Freundlichkeit. Verwirrt starrte Chantal die Stewardess an, dann fiel ihr Blick auf den Koffer, den sie hinter sich herzog. "Der Flug nach Irland, Dublin, geht in 15 Minuten wir bitten die Passagiere an Bord zu gehen. Der Flug nach Irland, Dublin, geht in 15 Minuten." Chantal huschte nur ein Gedanke durch den Kopf: Hilfe! Nicht ohne der Stewardess einen Wenn-ich-zu-spät-komme-bist-du-Schuld Blick zuzuwerfen und schon war sie unterwegs. Der Schalter für die Kofferabgabe schien endlos weit entfernt, endlich erreichte sie ihn, warf ihren Koffer auf das Förderband, zückte kurz ihr Ticket und war schon wieder auf dem Rückweg. Chantal stürmte nach draußen zu dem Flugzeug, stolperte die Treppen hinauf. Erleichtert atmete sie tief durch. Geschafft. Kaum zu glauben! Ein neuer Weltrekord! Dachte Chantal lächelnd. Erschöpft ließ sie sich auf ihren Sitz nieder.
"Wir werden in wenigen Minuten landen, schnallen Sie sich bitte wieder an. Herzlichen Dank, dass Sie mit uns geflogen sind und wir wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt in Dublin." Verabschiedete sich der Flugkapitän von den Passagieren, doch Chantal nahm dies gar nicht mehr wahr. Sie war schon ganz aufgeregt. Irland! Dort wo Elfen, Feen, Kobolde, Zwerge und viele andere Geister leben sollen! Für Chantal ging ein Traum in Erfüllung als sie endlich aus dem Flugzeug stieg und ihr der frische Wind die kinnlangen dunkelbraunen Haare zersauste. Sofort durchströmte Chantal dieses Gefühl von Freiheit, am liebsten wäre sie vor Freude in die Luft gesprungen, doch das ältere Ehepaar, hinter ihr, beäugte die junge Journalistin jetzt schon ziemlich misstrauisch. Chantal störte das eher weniger, aber sie wollte nicht gleich nach der Landung Ärger bekommen. Außerdem konnte sie ihrer Freude in ihrem kleinen Häuschen, das extra für sie gemietet worden war, noch immer freien Lauf lassen. Einen Monat sollte sie in Dublin bleiben, Recherchen über Irlands Traditionen und geheimnisvollen Wesen führen.
Nach einer dreiviertel Stunde im Taxi erreichte Chantal endlich ihre lang ersehnte Unterkunft. Das Ferienhäuschen, lag nicht weit entfernt von einem - noch ziemlich altertümlichen - Dorf. Vor ein paar Minuten, als sie mit dem Taxi durch dieses Dorf gefahren war, dachte Chantal, sie wäre in die Vergangenheit gereist: Putzige Häuser aus Lehm, mit Strohdächern, Bauern, die mit dem Pflug auf dem Feld arbeiteten, Frauen, die Kühe melkten, Kinder die Ball spielten ... fast schon hätte Chantal an eine tatsächliche Zeitreise geglaubt, wenn sie nicht einen Jungen gesehen hätte, der mit seinem Gameboy spielte und einen modernen Traktor, der zu einem größeren Bauernhof gehörte.
All dies ging ihr noch einmal durch den Kopf, als sie den Taxifahrer bezahlte um sich nun endlich voll und ganz ihrem Häuschen zu widmen es sah genauso aus, wie Chantal es sich vorgestellt hatte: Sogar noch etwas kleiner, als die Häuser aus dem Dorf. Die weiße Wand, die wahrscheinlich erst vor kurzem neu gestrichen worden war, leuchtete hell in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne Für die Maßstäbe des Häuschens, war die Tür ziemlich groß, zwei dicke Balken überkreuzten sich zu einem X, das der Tür wohl mehr halt geben sollte, Chantal wusste es nicht, sie war ja auch kein Architekt. Das Strohdach, das fast bis zum Boden reichte, beeindruckte Chantal besonders. Wie viel Arbeit es wohl kostete, so etwas zu machen? Die Fenster passten perfekt zu dem Häuschen: Klein, helles Glas, das trotz allem nicht in das innere des Hauses blicken ließ.
Überall im Garten, der sich rund um das Haus legte, blühten wilde Blumen machten es zu etwas ganz Besonderen. Chantal genoss diesen Augenblick.
Endlich hatte sie sich sattgesehen, mit fliegenden Fingern fischte sie den Hausschlüssel aus ihrer Handtasche und schloss die Tür auf. Die Innenausstattung machte einen ebenso altertümlichen Eindruck: Im Schlafzimmer und Wohnzimmer standen viele alte Möbel, nur die Küche und das Bad waren auf einen etwas neueren Stand gebracht worden, ohne dass es, im Gegensatz zu den älter Eingerichteten Zimmern, protzig wirkte. Chantal fühlte sich sofort wohl, irgendwie hatte sie auch hier das Gefühl ein paar hundert Jahre zurückgereist zu sein, trotz der moderneren Zimmer. Den heutigen Tag wollte sie noch genießen, morgen würde dann die Arbeit beginnen. Noch wusste die übereifrige Journalistin nicht, dass sich ihr Zeitplan etwas verschieben würde ...
Ein Hahn krähte und kündigte die ersten Sonnenstrahlen an, man bekam fast den Eindruck, als ob der Hahn die Sonne aufwecke. Die wiederum blinzelte durch Chantal´s Schlafzimmerfenster und kitzelte die Journalistin aus dem Schlaf. Chantal öffnete etwas widerwillig die Augen, kuschelte sich noch mal ihn ihr Kissen und ließ ihre Gedanken zurück zu ihrem Traum schweifen. Er war schon etwas merkwürdig gewesen: Lichter wechselten sich immer wieder, in den verschiedensten Farben ab. Flöten schienen von unsichtbaren Fäden in der Luft gehalten worden zu sein und spielten wunderschöne Melodien. Überall Apfelbäume, Gesichter die sie nicht erkennen konnte, manche waren ziemlich klein so wie Kinder oder Zwerge ...
Chantal beschloss den Traum auf sich beruhen zu lassen und endlich aufzustehen, sie reckte sich, warf die Decke zurück, ging in Richtung Küche um sich einen Kaffee zu machen, doch bevor sie auch nur in die Nähe der Kaffeemaschine kam, erschrak sie heftig, wäre fast gegen den Wandspiegel geknallt. Auf dem Tisch saß ein kleines blau leuchtendes Etwas mit durchsichtigen, zarten Flügeln! Bei genauerem Hinsehen bemerkte sie kleine, hellblaue Blütenblätter, die sich um den Körper dieses Dinges schmiegten, für Chantal sah es so aus, als würden die Blütenblätter ein ärmelloses Kleid bilden. Hätte Chantal es nicht besser gewusst, hätte sie gesagt dort auf dem Tisch säße eine kichernde Elfe. Chantal schallt sich in Gedanken einen Narren. Sie schüttelte den Kopf so heftig, dass ihr schwindlig wurde. Ich muss wohl gestern irgendwas falsches gegessen haben. Eine Elfe, nein, niemals die gibt es doch nicht wirklich! Doch ihr seltsamer Gast blickte sie nur verwirrt an.
"Hast du was?" wurde Chantal gefragt.
"Äh ... nein ... mir geht's gut ... es ist nur ich hab noch nie jemanden wie dich gesehen." Kam die Antwort zögernd, wenn nicht sogar stotternd. Erst jetzt fiel ihr auf, dass die Haare und die Augen, des Wesens die gleiche Farbe hatten: Dunkelblau. Auf ihrem Kopf lag ganz sanft ein zarter Blumenkranz.
"Ich hab auch noch nie jemanden wie dich aus der Nähe gesehen." Die Stimme der Elfe war so wie man sich die Stimme einer Elfe eben vorstellt etwas piepsig vielleicht, aber auch stark und sicher. Chantal spürte, dass sie nicht mehr träumte also gab es nur eine einzige logische Erklärung dafür: Ich bin verrückt geworden, liegt es vielleicht an der Luft?
"Du bist nicht verrückt, wie kommst du denn auf diese Idee?" Die Elfe stieß sich vom Tisch ab und flog auf Chantal zu, dabei hinterließ sie für einen kurzen Augenblick eine blau leuchtende Spur. Elfenstaub?
"Kannst du Gedanken lesen?" brachte die immer verwirrtere Chantal schwer hervor. "Nein, du hast nur laut gedacht." Stellte die Elfe richtig. Langsam schwebte sie immer näher an Chantals Gesicht heran, die Haut der Elfe war weiß, schimmernd, plötzlich zwickte sie ihr in die Nase. "Was soll das?" Die Gezwickte rieb sich die Nase. "Ich wollte dir nur zeigen, dass du weder träumst noch verrückt bist."
"Wie heißt du eigentlich?" fragte Chantal um das Thema zu wechseln.
"Adina."
"Chantal."
"Schöner Name."
"Danke, deiner auch." Was mach ich hier überhaupt? Fragte sich Chantal. Ganz einfach: Ich rede mit einer Elfe. Sie war sich noch immer nicht sicher, ob sie vielleicht doch nicht nur spinne.
Nach einer Stunde war Adina noch immer da, sie hockte wieder auf dem Tisch und erzählte von ihrer Welt, während Chantal ihren Kaffee trank.
"Sag mal: Stimmt das mit Avalon, dass es wirklich hinter den Nebeln verschwunden ist, mein ich?" Diese Frage lag Chantal schon lange auf der Zunge.
"Ja, natürlich, was glaubst du denn? Meinst du ...?" Plötzlich glitzerten in den Augen der Elfe Tränen und schon fing sie an zu heulen wie ein Schlosshund.
"Was ist denn Adina? Hab ich etwas Falsches gesagt?"
"Nein. Es ist nur, am Tag bevor Avalon verschwand, feierten alle ein großes Fest. Elfen, Zwerge, Kobolde, Feen. Und ich hab verschlafen! Ich bin zu spät weggeflogen, als ich endlich dort ankam, war die Insel schon fast verschwunden. Niemand außer mir blieb hier jeder wusste, dass unsere Welt langsam zu schwinden begann und wir mit ihr. Ich hab nie mehr etwas von ihnen gehört." Adina schluchze. Chantal reicht ihr ein Taschentuch, dankend nahm sie es an und schnäuzte sich kräftig. Als die Elfe sich wieder etwas beruhigt hatte, begann sie zu erzählen, der Grund warum sie überhaupt zu Chantal kam.
"Es heißt es gibt jemanden, der unsere Welt wieder zurückbringen kann, der UNS wieder in die Wirklichkeit führt. Ich glaube, dass du diese Person bist. Rein Zufällig hab ich dich gesehen, deine Phantasie, deine Träume ich habe sie GESEHEN." Chantal starrte verdutzt auf die kleine Elfe, die sie voll Hoffnung ansah. Eins wusste Chantal ganz sicher: Sie konnte und wollte es einfach nicht übers Herz bringen ihr zu sagen, dass sie nicht dieser Jemand wäre. Also sagte sie, wider besseren Wissens: "Wenn du dir ganz sicher bist ich sei euer Retter, dann werde ich dir natürlich helfen. Sag mir einfach was ich tun soll." Die letzten Tränen der Elfe trockneten, sie lächelte wieder. Danach sprudelten aus ihr die Worte nur so heraus, sie müsse einen Schlüssel finden, den Schlüssel der Träume. Auf die Frage, wo dieser Schlüssel denn sei, antwortete die Elfe in einem versteckten See, dieser See wiederum sei in einem versteckten Wald, den nur Elfen sehen. Doch Adina konnte nicht in diesen See tauchen, weil Elfen von Haus aus nicht schwimmen können. Außerdem lebe im Wald ein Riese, ein gemeiner Riese, wie Adina meinte. Chantal wollte noch sagen, na wenn das alles ist ...
"Ach ja, bevor ich es vergesse: Du musst hellseherische Fähigkeiten besitzen, sonst kommen wir nicht weit."
"Hellseherische Fähigkeiten? Wozu?" Chantal war sich auf einmal nicht mehr so sicher, ob ihr Vorhaben auch gelingen würde.
"Weiß ich doch nicht. Komm jetzt wir müssen gehen." Drängte die Elfe.
2 Stunden später hatte Chantal vollkommen die Orientierung verloren. Adina führte sie durch Wälder, über Flüsse, durch unterirdische Gänge, im Gegensatz zu ihr wusste die Elfe ganz genau, wo es lang ging. Chantal hatte sich einen Rucksack mit allen möglichen Dingen mitgenommen, Verpflegung, einen Schlafsack, eine Taschenlampe, ein Seil, sogar ihr Diktiergerät war rein aus Gewohnheit mit in den Rucksack gekommen. "Wir sind gleich da." Meinte Adina. Kurz darauf traten sie aus einer Höhle, vor ihnen erstreckte sich eine endlos weite Wiese es würden noch Stunden vergehen, bis sie endlich auch nur eine Spur von einem Waldrand entdecken würden. Zumindest waren das Chantal´s Gedanken, doch Adina sagte "Was sagst du dazu, das ist der versteckte Wald!" ihr Stolz war kaum zu überhören. "Ich seh´ doch gar nichts."
"Er ist ja auch versteckt, Dummerchen."
"Und wie soll ich dann Bitteschön einen See finden, wenn ich nicht einmal den Wald SEHEN kann?" langsam glaubte sie die Elfe spiele nur ein Spiel, um sich die Zeit zu vertreiben.
"Ich kann dir nicht helfen, nur einen Tipp darf ich dir geben: Konzentriere dich nicht auf das was du siehst, sondern auf das was du erst noch sehen wirst. Erinnere ich an deine Träume, die du schon seit Jahren in dir trägst, deine Phantasie. Verstehst du?" Adina flatterte aufgeregt vor Chantal´s Gesicht hin und her.
"Nein, ich verstehe gar nichts mehr." Meinte Chantal müde, sie waren so lange gegangen, alles was sie wollte war etwas zu essen und sich ausruhen, doch Adina ließ ihr keine Ruhe. Chantal schloss die Augen, dachte an den Traum von letzter Nacht, an den Wald von dem Adina schon seit über 2 Stunden schwärmte, dann dieses kribbeln im ganzen Körper. Sie begann zu schwanken, fiel auf die Knie, hielt jedoch die Augen geschlossen, vor ihrem inneren Auge lag ein See, darin glitzerte etwas, Nebel, ein Boot ...
Erschrocken riss Chantal die Augen auf. Nun konnte sie den Wald auch sehen, Adina erstrahlte in noch hellerem Licht als zuvor.
Adina flog wieder voraus. Chantal kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, der Wald schien zu glänzen, überall so unterschiedliche Farben, Knallrot, dezentes Grün, leuchtendes Orange, ... die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen, die Vögel sangen mit merkwürdigen Stimmen, manchmal erschienen sie Chantal beinahe menschlich und dann wiederum so ... unbeschreiblich schrill, dass die junge Journalistin von Zeit zu Zeit überhaupt nichts mehr hören wollte. Die Blumen kamen Chantal immer häufiger vor wie Bäume, so groß waren sie, andere hingegen schienen gerade mal Adinas Größe zu haben.
Eine weitere Stunde wanderten sie durch den Wald, bis der See endlich sichtbar wurde. Er war riesig, Chantal konnte sein Ende nicht erkennen. Und hier soll ein Schlüssel versteckt sein? Da kann ich ja lange suchen, dachte Chantal als sie den See lang genug bewundert hatte.
"Du weißt nicht rein zufällig, wo der Schlüssel ungefähr liegt, oder?" frage sie Adina.
"Doch, komm mit." Antwortete die Elfe knapp. Nach ein paar hundert Schritten, blieb sie ohne Vorwarnung in der Luft stehen Chantal wäre fast in sie reingerannt.
"Dort unten liegt er. Du musst da hinein." Adina gab sich nicht einmal Mühe ihr schelmisches Grinsen zu unterdrücken. Der Schlüssel lag genau dort wo der See - seltsamerweise - einem kleinen Moor wich, überall war das Wasser klar nur hier nicht.
Chantal gab nur einen Seufzer von sich, nahm den Rucksack vom Rücken, spießte Adina, die immer mehr zu lachen begann, mit Blicken auf, holte tief Luft und sprang in das ekelhafte Moor. Es war so kalt, dass Chantal das Gefühl hatte, jemand würde ihr ins Gesicht schlagen. Sogar hier unten konnte man den Grund nicht sehen, nur das Glitzern des Schlüssels, ließ Chantal die Orientierung nicht verlieren. Endlos lang schien sie in die Tiefe zu schwimmen, bis ihre Finger den Schlüssel berührten. Jetzt nur mehr das ganze zurück, mit kräftigen Stößen schwamm sie Richtung Oberfläche, die jedoch nur sehr langsam näher kam, zu langsam.
Plötzlich dieses Gefühl, dass sie es nicht mehr rechtzeitig schaffen würde, schon verloren ihre Bewegungen an Kraft, Arme und Beine wurden immer schwerer, so wie Zement, ihre Lunge schien platzen zu wollen. Nein! Hat sie geschrien? Vielleicht, über ihr verflüchtigten sich kleine Luftbläschen. Das Wasser erschien ihr noch dunkler als zuvor. Oder legte sich nur eine Schwärze über ihre Augen? Sie hatte das Gefühl, als ob sich eine große Hand mit unwahrscheinlich starken Fingern, um ihren Körper schloss. Quatsch! Niemand hatte so große Hände, wahrscheinlich spürte sie nur den Druck des Wassers, der ihre Lunge zu zerquetschen suchte. Ihr letzter Gedanke, bevor die Ohnmacht endgültig gewann war: Nur ein Riese könnte mich jetzt noch rausfischen.
Schwer atmend erblickte Chantal den Himmel über sich. Die Nässe durchdrang ihre Haut, sie fror erbärmlich. "Na, da hattest du aber noch einmal Glück, wenn Garlef nicht gewesen wäre, wärst du ertrunken, Dummerchen." Drang Adinas Stimme in ihren Kopf. Mühsam öffnete Chantal die Augen, als sie Garlef erblickte hätte sie am Liebsten wieder die Augen geschlossen. Vor ihr saß ein Riese mit langen schwarzen Haaren, Hemd und Hose waren etwas schmutzig, die Stiefel ... so groß wie ein Autobus. Er hat mich aus dem See gerettet, kam es Chantal in den Sinn.
Nach einer Zeit, freundete sich Chantal auch noch mit dem Riesen an, der eigentlich gar nicht so gemein war, wie Adina behauptet hatte.
"Ja, ich weiß wir Riesen werden immer so schrecklich dargestellt, doch wir sind nicht so gemein oder hinterlistig, wie vielleicht so manche Elfe behauptet." Seine brummende Stimme hatte etwas ungemein beruhigendes. Doch bei den letzten Worten hatte er sie etwas erhoben, Chantal´s Ohren klingelten schmerzhaft bei diesem hohen Ton. Adina grinste nur. Garlef erhob sich plötzlich, wobei es fast einem kleinen Erdbeben glich, und meinte
"So, dir geht es gut. Ich hoffe dein Vorhaben gelingt und wir sehen uns wieder." Schon war er weg. Chantal wandte sich zu Adina
"Wie geht's jetzt weiter?" wollte sie wissen.
"Keine Ahnung." gestand die Elfe "Eigentlich müsstest du es wissen." Chantal verdrehte die Augen, ihr Blick schweifte zum See. Ohne ihr Tun erklären zu können, ging sie ans Ufer und blickte in das Wasser. Zuerst sah sie nur ihr Gesicht, doch dann verschwammen die Umrisse, ein anderes Bild entstand: Chantal hielt den Schlüssel in den Händen und tauchte ihn bis zur Hälfte in den See ein. Dann verschwand das Bild wieder. Sofort versuchte Chantal, was sie gesehen hatte in die Tat umzusetzen. Als der Schlüssel bis zur Hälfte im Wasser war, begann er Funken zu sprühen, Nebel stieg aus dem See hervor, hüllte alles ein. Adina hüpfte aufgeregt hin und her. Dicht neben Chantal blieb sie ruhig stehen, nur ihre Flügel flatterten nervös. Konzentriert spähte Chantal in den Nebel vor ihr. Plötzlich tauchte ein kleines Boot auf. Ohne zu zögern stieg sie hinein. Adina folgte. Schon fuhr das Boot wieder Richtung Nebel davon.
Später vermochte Chantal nicht zu sagen, wie lange sie auf dem See dahinglitten. Minuten? Stunden? Tage? Endlich erreichten sie das Ufer, der Nebel begann sich immer mehr aufzulösen. Dann geschah etwas seltsames: Als Chantal aus dem Boot stieg, hatte sie ein knöchellanges weißes Kleid an, wie früher die Novizinnen der Insel. Überhaupt geschah alles wie in Trance: Die Hohepriesterin empfing sie, Adina stürmte regelrecht zu ihren Freunden. Auch sie selbst wurde sofort freundlich aufgenommen.
Am nächsten Morgen wurde sie zur Hohepriesterin gebracht. Im Gemach der Hohepriesterin, Zoe, brannten Kerzen und Räucherstäbchen. Chantal setzte sich auf eines der großen Kissen, die am Boden lagen, und begann von ihrer Reise mit Adina zu erzählen. Als Zoe nach dem Schlüssel fragte, reichte Chantal ihn ihr. "Weißt du, Chantal." begann Zoe "Manche nennen mich Zoe, Hohepriesterin, Magierin, oder Hexe von Avalon. Doch bei all meiner Macht, die ich besitze bin ich nicht in der Lage meine Insel wieder in die Wirklichkeit zu führen. Nur jemand aus der Realität kann unsere Welt wieder zurückbringen, er muss versuchen Träume und Phantasie den Menschen wieder näher zu bringen. Egal wie. Angeblich soll der Schlüssel der Träume ihn dabei unterstützen."
Die ganze Zeit als sie sprach, drehte sie den Schlüssel in den Händen, dabei machte sie einen traurigen Eindruck. "Würdest du mir versprechen es zumindest zu versuchen?" schloss die Hexe von Avalon. "Ich werde sehn was ich tun kann." Antwortete Chantal. Zoe lächelte
"Bleib so lange du willst, sag mir einfach wenn du gehen willst. Doch bedenke: Was bei uns ein Tag ist, ist bei euch eine Woche." Chantal nickte und nahm den Schlüssel der Träume wieder entgegen. Drei Tage und Nächte blieb sie auf der Insel Avalon in dieser Zeit lernte sie einiges von den Priesterinnen vor allem von Cäcilia, eine blinde noch junge Priesterin, bei ihr verbrachte sie die meiste Zeit. Als sie Zoe sagte sie wolle gehen, lächelte die nur, küsste sie auf die Stirn und sprach "Versuch so vielen wie möglich die Hoffnung an ihre Träume zurückzugeben."
Als Chantal am nächsten Morgen aufwachte, fand sie sich in ihrem kleinen Häuschen, auf ihrem Bett wieder, wo alles eigentlich begonnen hatte. Hab ich nur geträumt? Der goldene Schlüssel in ihrer Hand sprach ein ganz eindeutiges NEIN.
Freudentränen rannen ihr über die Wangen, als sie an Adina dachte, die endlich bei den Ihren war. Sofort machte sie sich an die Arbeit, der Bericht musste noch fertiggestellt werden, dazu verwendete sie einfach alles was ihr Adina, Garlef, Zoe, Cäcilia und all die anderen Priesterinnen erzählt hatten. Der Zeitungsbericht wurde nach Hause geschickt, doch Chantal blieb wo sie war. In Irland. Dort begann sie nun, ihr Versprechen einzulösen und zwar auf ihre Weise: Sie schrieb ein Buch: Der Schlüssel deiner Träume. In diesem Buch beschrieb sie ihr kleines Abenteuer, erfand jedoch noch einiges dazu, die Menschen sollten ja wieder anfangen zu träumen.
Zu Chantals Überraschung wurde das Buch zu einem vollen Erfolg, weitere folgten. In jedem Buch das Chantal schrieb, brachte sie viel Phantasie ein. Auch in ihren Zeitungsartikeln ging es um Träume und über die Dinge, die es normalerweise nicht geben dürfte. Die Journalistin und Autorin war zufrieden mit sich selbst, richtig glücklich wurde sie aber erst als sie ein Jahr später jemand besuchte: Adina kam mit ein paar Freunden zu ihr. Adina erzählte, dass die Elfen, Feen, Kobolde und Zwerge nun wieder öfter aus den Nebeln kamen, die Menschen begannen wieder an ihre Träume zu glauben. Immer wieder besuchten Kinder, Jugendliche, aber auch Erwachsene Avalon, die Nebel würden eines Tages ganz verschwinden und die Insel freigeben.
"Ach ja, bevor ich es vergesse" meinte Adina grinsend "Schöne Grüße von Zoe, Cäcilia und Garlef. Der dicke Riese meinte er schaue vielleicht demnächst auch mal vorbei."




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Eingereicht am 14./19. Februar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.