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Lunae Lumen

Von Tina Scholz


Seufzend legte sie ihr Buch weg und schaute zum Himmel. Vollmond. Sie konnte ihn heute Nacht in all seiner Schönheit bewundern. Es gab ihr Kraft. Nur wie, das wusste sie nicht. Langsam ließ sie ihren Blick über ihr Umfeld schweifen. Bäume. Ein kleiner Waldbach. Die alte Hütte. Eine Lichtung. Eine kleine Gruppe Rehe. Der Gesang der Nachtigall. Und da war sie wieder: die alte Hütte. Schon sehr lange fragte sie sich, wie sie wohl von innen aussehen möge. Der Wind zauberte eine Gänsehaut auf ihren Körper. Es war August und ungewöhnlich frisch. Auf einmal sah sie dunkle schwere Wolken im Westen aufziehen. Schon begann es zu regnen. Zuerst nur leicht, aber die dicken Tropfen setzten sich durch und durchnässten ihr dünnes Kleid, das nun schon wie eine zweite Haut an ihrem Körper klebte. Jetzt hatte sie endlich einen Grund, in die alte Hütte zu flüchten. Flüchten. Wovor wollte sie eigentlich flüchten? Sie wusste es nicht, sie wusste aber, dass es richtig war. Und schließlich zählte nur das. Im Gewand des Regens fing sie an zur Hütte zu laufen. Bevor sie das Gartentor erreicht hatte, sah sie, dass die Tür aufstand. Zögernd ging sie den Steinweg durch den Vorgarten zum Eingang. Über ihm stand geschrieben :

"Nicht alle Sterne lernen wir durch Aufblicken kennen.
Mit manchen sind wir schon lange auf Du und Du.
Bis wir erkennen, dass es Sterne sind."

Die Buchstaben waren schon fast verwittert und doch sah sie sie wie eine flammende Schnur vor sich. Aus der Hütte drang ein angenehmer unbekannter Geruch. Durch diesen angelockt, betrat sie die Hütte. Der Mond schien hell über ihre Schulter und sie sah eine Fackel und eine Packung Streichhölzer auf einem kreisrunden Tisch zu ihrer Linken liegen. Zitternd vor Kälte zündete sie die Fackel an und leuchtete damit den Raum vor ihr aus. Ihr Blick fiel wieder auf die Streichholzschachtel. 1951. Schon lange musste hier niemand mehr gewesen sein. Der Staub lag in einer dunklen Schicht auf allen Gegenständen, die im Raum standen. Mit sicheren Schritten ging sie an einer Kommode vorbei. Plötzlich tauchte vor ihr eine alte Tür auf. Innerlich musste sie lächeln. Alt war ja alles hier. Aber diese Tür... Sie flößte ihr Ehrfurcht ein. Aus ihren Gedanken zurückkehrend gab sie sich einen Ruck und drückte den Türknauf hinunter. Verblüfft stellte sie fest, dass die Tür abgeschlossen war. Nach kurzem Überlegen ließ sie das Licht der Fackel durch den Raum gleiten. Da sah sie es. Eine Statue, an der ein Schlüssel hing. Ein schneller Handgriff und schon lag der gusseiserne Schlüssel in ihrer Hand. Interessiert betrachtete sie ihn. Eine kleine Inschrift im Schlüsselschaft erregte ihre Aufmerksamkeit: "Lunae Lumen". Automatisch glitt ihr Blick zur noch halb geöffneten Tür. Der Regen hatte aufgehört. Sie hätte zurückkehren können. Fest entschlossen steckte sie den Schlüssel in das Türschloss und drehte ihn mit einem Ruck um. Mit leisem Knarren öffnete sich die Tür. Ihr Griff schloss sich fester um die Fackel und sie trat ein. Ein lautes Klappen schallte durch das Haus und sie fuhr erschrocken auf. Erleichtert sah sie, dass es nur die Tür war, die zurück ins Türschloss gefallen war. Neugierig leuchtete sie mit der Fackel an der Wand entlang und entdeckte weitere Fackeln, die noch unbenützt in dunklen Behältern von den Wänden abstanden. Gekonnt zündete sie alle der Reihe nach an. Durch die neue Beleuchtung sah sie alles viel klarer. Der Raum war sehr groß und zu ihrer Überraschung oval. Auf der linken Seite führte eine Treppe ins obere Geschoss. In der Mitte des Raumes stand ein großer Tisch mit 13 Stühlen. Die Wände waren mit Wandteppichen behangen. Am Kopfende des Tisches lag etwas Helles. Langsam ging sie darauf zu, unter sich das Knarren des alten Holzes. Nachdem sie die Kerze, die auf dem Tisch stand, angezündet hatte, setzte sie sich an den Tisch und las die Worte, die auf dem Papier standen. Es war ihr Name. Erschrocken über diese Tatsache, fragte sie sich, ob sie das Siegel erbrechen und den Brief lesen sollte, oder, ob es nicht doch besser war, einfach wieder zu gehen. Nun ja, da die Tür geschlossen war, erbrach sie das Siegel und begann zu lesen. Die Schrift war verblasst und das Papier vergilbt, so dass sie nur 5 Worte entziffern konnte :
"Dies alles sein nun dein."
Dies alles sein nun dein. Was das wohl zu bedeuten hatte?
Vorsichtig blickte sie sich um. Nachdem sie eine Weile vor sich hin gestarrt hatte, beschloss sie ihrer Neugierde nachzugeben und das Haus zu erkunden. Zweifelnd waren ihre Schritte, die sie zur Treppe trugen. Da alles sehr niedrig gebaut war, musste sie sich bücken als sie die letzten Stufen passierte, um nicht an die Decke zu stoßen. Oben angekommen hielt sie inne. Etwas Seltsames lag in der Luft. Etwas Ungewöhnliches. Langsam stieg ihr der unbekannte Geruch zu Kopf und sie sah sich nach einer Sitzgelegenheit um. Torkelnd stolperte sie den oberen Flur entlang. Am Ende schwebte ein sanftes Licht zwischen dem Türrahmen hin und her und warf einen leichten Schatten auf den Boden. Es zog sie an. Mit unsicherem Schritt näherte sie sich vorsichtig dem Licht. Als sie den Raum betrat, durchfuhr sie ein Schauer. Sie war schon einmal hier gewesen. Nur wann? Erwartungsvoll schritt sie zu einem verstaubten Spiegel, der an der Wand lehnte. Ihre Hand fuhr über ihn und sie sah ihr Gesicht klar vor sich. Sie musste lächeln.. Ihr letzter Frisörbesuch war schon lange her und so kringelten sich ihre Spitzen in kleinen Löckchen auf ihrer Schulter. Plötzlich sah sie es ... "Lunae Lumen" ... Schon wieder diese Inschrift. Automatisch glitt ihr Blick zum Fenster. Der Mond zeichnete sich verschwommen hinter den düsteren Vorhängen ab. Etwas vor dem Fenster erregte ihr Neugier. Mit zweifelndem Blick wandelte sie auf das alte Becken zu. Eine alte Waschschüssel? Mit der Zeit wurde ihr alles zu unheimlich. Sie war hier. Aber warum? Auf einmal schallte ein Klirren durch das Haus. Sie erstarrte. Sie stand wie gefesselt am Fenster und traute sich nicht, einen Ton von sich zu geben. Ein Windzug erfasste ihr Haar und blies es ihr aus dem Gesicht. Irritiert überlegte sie, was sie nun tun sollte. Sie fing an zu rennen. Raus aus dem Haus. Zurück nach Hause. In ihrer Verwirrtheit wusste sie nicht mehr, wo der Ausgang war und lief gradewegs in den nächsten Raum. Der Schock überkam sie wie eine Welle. Und sie fiel in Ohnmacht.
Ihr Kopf tat weh, sie fror, alle ihr Glieder schmerzten. Langsam öffnete sie die Augen. Sie lag in einem großen Bett. Wie sie dort hingelangt war, konnte sie sich beim besten Willen nicht erklären. Nachdem sie einige tiefe Atemzüge getan hatte, schwang sie ihre Beine aus dem Bett und schlüpfte in die blutroten Schuhe, die vor ihrem Bett standen. Merkwürdig, denn sie konnte sich nicht erinnern, dass sie je so ein Paar Schuhe besessen hatte. Ein Blick in den Wandspiegel, der dem Bett gegenüber hing, ließ sie erkennen, dass sie auf einmal ein dunkles Kleid trug, dessen Farbe nicht zu definieren war. Es gefiel ihr. Es hatte etwas Düsteres. Sie spürte, dass es ihr gehörte. Mal abgesehen davon, dass es passte wie angegossen. Mit neuem Mut und unsicheren Schritten setzte sie ihren Rundgang durch das Haus fort. Sie hätte sich niemals träumen lassen, dass sie nach ihrer Hochzeit noch mal ein solch aufwendig gearbeitetes Kleid tragen würde. Langsam fielen ihr kleine Gemeinsamkeiten auf. Lang, dunkel, Trompetenärmel. Ein leises Lächeln zauberte sich von selbst auf ihr Gesicht. Irgendwie erinnerte es sie an ihre Schwester. Ihren Gedanken nachhängend führten ihre Schritte sie durch das Haus und plötzlich stand sie wieder in der großen Halle. Die Kerze war weiter herunter gebrannt, aber der Brief lag noch wie zuvor auf dem Platz, wo sie gesessen hatte. Aus einem Impuls heraus setzte sie sich wieder hin und nahm ihn zur Hand. Die Worte standen in einer klaren flammenden Schrift auf dem zuvor noch vergilbten Papier. Sie las laut:

"Liebe Lunae Lumen,
ja, meine Liebe, dies ist dein Name. Vielleicht nicht der, der in deinem Ausweis steht, aber es ist der deine, sowie auch der meine. Lass mich dir etwas erklären. Lunae Lumen bedeutet "Licht des Mondes" und steht mit uns allen in Verbindung. Es ist der Name, der unsere Berufung kennzeichnet. Vor vielen Jahren hat unsere Familie diesen Namen für sich entdeckt. Wir fühlen uns alle mit ihm verbunden und ich hoffe, du weißt, dass er zu dir gehört. Das Annehmen unserer Berufung war der wichtigste Schritt, den wir je getan haben. Dein Weg wird ein sehr schwerer sein, so wie jeder Weg, den wir gegangen sind, ein sehr schwerer war. Aber, mein Schatz, du wirst ihn gehen und kämpfen. Und gewinnen. Du magst vielleicht denken, dass es zu viele Probleme aufwirft, zuzugeben wer du bist, aber dem ist nicht so! Jedenfalls hat meine Ururgroßmutter sich hier ihr kleines Reich aufgebaut und es wurde von Generation zu Generation weiter vererbt. Es soll für dich ein Art Zufluchtsort sein. Wovor auch immer du flüchtest. Nach meiner Wenigkeit geht dies alles hier nämlich nun an dich. Dies alles sei nun dein. Finde deinen Weg und gehe ihn. Egal was kommt. Egal was war. In Liebe, Deine Mama."

Sie ließ den Brief sinken und sah zu wie die Worte langsam verblassten. Ihre Mutter? Sie konnte es nicht glauben. Eine Tradition. Ein Name. Alles in ihrem Kopf drehte sich. Lunae Lumen. Ja, es stimmte. Sie fühlte sich mit dem Namen verbunden. Aber warum? Sie konnte es sich nicht erklären. Sie hasste Unklarheiten. Aber sie liebte ihre Mutter. Vor 3 Jahren war sie gestorben. Autounfall. Sie hatte nicht mal die Chance gehabt sich von ihr zu verabschieden. Aus ihren Gedanken heraus breitete sich Nervosität aus. Was war das für ein Haus? Während sie nachdachte, bemerkte sie nicht, dass ihre Umgebung sich veränderte. Der Staub löste sich auf. Die Wandbehänge und Teppiche strahlten wie neu. Erst als sich ihr Kleid in einen blassgrünen Ton wandelte, wurde sie stutzig. Mit aufmerksamen Blick streifte sie durch den Raum. Sie fühlte sich zu Hause. Es war jetzt ihr Reich. Ihre Berufung. Gegenüber der, jetzt weiten und mit rotem Samtteppich belegten, Treppe zog eine Tür ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie ging zu ihr, drückte den Türknauf hinunter und schon sprang die Tür auf. Der Geruch von Thymian stieg in ihr auf. Langsam setzte sie den ersten Fuß auf die steil herab führende Steintreppe. Ein altes Geländer gab ihr Schutz. Auf der letzten Stufe angekommen, hielt sie inne. Sie spürte etwas. Zögernd tat sie den letzten Schritt und stand plötzlich in einer ganz anderen Welt. Der Raum strahlte für sie eine Vertrautheit aus, die sie nur zu gern durch ihren Körper fließen ließ. Interessiert blickte sie sich im Raum um und betrachtete die Details. Ein Kamin spendete dem Raum Licht und Wärme. Von der Decke hingen viele verschiedene Kräuter. Das war also der wohltuende Geruch, der sie in der Halle umgeben hatte. Am Ende des Raumes befand sich eine kleine Tür durch deren Türschlitz ein kleiner Lichtschimmer schwebte. Als sie vor der Tür stand, erblickte sie es. Mit einem Mal fiel ihr ein, woher sie Lunae Lumen kannte. In leichter Panik zog sie ihren Ring vom Finger und drehte ihn im Schein der Flamme. Lunae Lumen. Dort stand es. Seit vielen Jahren trug sie diesen Ring und legte ihn nur äußerst selten ab. Lächelnd betrat sie den Raum und blieb erstarrt stehen. Der ganze Raum war mit Büchern vollgestopft. In der Mitte stand ein Kessel auf einer Feuerstelle, neben ihm befand sich ein Pult mit einem uralten Buch. Über einem kleinen Halbmondfenster hing IHR Portrait. Das Portrait der Göttin. Sie schlug das Buch auf und das die erste Seite : " Dies ist das Grimoire der Hexenfamilie Lunae Lumen. "
Sie erschrak aus ihrem Traum.
Ihr Name ist der meinige. Und dies ist meine Geschichte...




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Eingereicht am 02. Februar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.