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Leben oder Sterben   1. Teil

Von Rudolf Gruber


Die Straße wand sich in engen Schlangenlinien durch den Wald. Das sanfte Dröhnen des Motors nahm der Mann hinter dem Steuer des Wagens nur vage wahr; er hatte die Musik etwas zu laut. Aus den Lautsprechern der teuren Anlage gab Elton John seinen Song Daniel zum Besten.
Larry Hammond war froh, nach der langen, anstrengenden Geschäftsreise endlich nach Hause zu kommen. Es konnte nicht mehr allzu weit sein. Die Reise hatte ihn nach London geführt, Gewisse Umstände hatten ihn dazu gezwungen. Nun, Larry Hammond handelte mit Lederwaren und allerlei Pelzen. Da gab es doch einige so eingebildete Tierschützer, die der Meinung waren, dass es nunmehr an der Zeit wäre, die Einfuhr von echten Pelzen ein für allemal zu unterbinden, Man könne nicht tatenlos zusehen, wie gewissenlose Geschäftemacher scharenweise Tiere abschlachten ließen, die auf diversen Farmen nur gezüchtet wurden, um ihrer Haut habhaft zu werden. Nicht auszudenken, wenn dieses Vorhaben gelungen wäre. Larry und sein Partner wäre ruiniert.
Der Mann drehte die Musik noch etwas lauter.
Diesmal würde seine Frau nicht behaupten können, er habe sich nur einen Vorwand gesucht, um verreisen zu können; sie hatte die Sache mit den Tierschützern im Radio gehört. Aber sie war dennoch misstrauisch gewesen. Daraufhin hatte er sie ersucht, ihn zu begleiten, sie hatte abgelehnt.
Vor etwa einem Monat hatte er einen Freund namens Chuck Conwell besucht, da dieser angesichts seiner todkranken Mutter in ernsthaften Schwierigkeiten steckte und dieser Umstand dringend Larrys Anwesenheit erforderte. Nur, dass sich der besagte Freund schließlich als äußerst attraktive Blondine entpuppte - und Chuck Conwell zur Zeit auf lbiza weilte, um sich einen schönen Urlaub zu machen, dessen Mutter sich bester Gesundheit erfreute.
- Larry wollte seine ohnehin schon ruinierte Ehe, die seit Jahren nur noch aus Trümmern bestand, nicht völlig zerstören. Er musste versuchen, die Bruchstücke sorgsam zu hüten, obwohl er nicht vorhatte, sie wieder zusammenzufügen. Er wollte nur sichergehen, dass keines der Bruchstücke verloren ging, schließlich würde ihn eine Scheidung die Hälfte seines beachtlichen Vermögens kosten. Und Larry war sicher, diese habgierige Person würde nicht davor zurückschrecken, ihn aus seinem eigenen Haus zu werfen.
Er wiegte den Kopf im Takt der Musik.
... Oh Daniel my brother, you are older than me, do you still feel the pain ...
Der Mann hatte den Wald hinter sich gelassen, als Elton Johns Daniel verklungen war und fuhr nun einen kleinen Hügel hinauf. Zu beiden Seiten der Straße türmten sich unter den Schneemaßen schwere Granitblöcke. Als er zum Seitenfenster hinausblickte, sah er einige Rehe vor dem malerischen Hintergrund einer verschneiten Landschaft. Da begannen die Hinterräder des Jaguars durchzudrehen. Larry nahm sofort etwas Gas weg und ließ den Wagen weiter klettern.
Bald führte die Straße wieder den Hügel hinab und er konnte die kleine Stadt Dark City bereits erkennen. Er war mit sich zufrieden. Aber irgendetwas verursachte in ihm ein unangenehmes Gefühl - es war ein Gefühl, dass er sich nicht erklären konnte und das schließlich so weit gesteigert wurde, dass seine Eingeweide sich zusammenzogen und er begann sich zu verkrampfen.
"Mach dich nicht verrückt!" sagte er zu sich selbst. "Was soll den schon passieren?"
Aber das Gefühl, dass etwas passieren würde, ließ ihn nicht los. Es lag etwas in der Luft... - Etwas schreckliches, etwas bedrohliches... - Und es würde bald geschehen, sehr bald...
Seine Hände hielten das Lenkrad umklammert, sie begannen zu zittern und er spürte den eiskalten Schweiß auf seiner Stirn. Er kannte diese Art von Schweiß - es war Angstschweiß! Ja, er hatte Angst - aber wovor? Er wusste keine Antwort.
Mit dem Handrücken wischte er sich über die Stirn.
Mein - Gott, dachte er, was ist bloß los mit mir?
Auch die Handflächen waren verschwitzt und seine Zähne schlugen klappernd aufeinander, obwohl es im Inneren des Wagens angenehm warm war.
Nur peripher war er sich bewusst, was geschah. Das vernünftigste in dieser Situation wäre gewesen, den Wagen am Straßenrand anzuhalten und zu versuchen, sich zu beruhigen - aber er tat es nicht. Er fuhr weiter mitten in das Verhängnis. Seine nervösen Finger tasteten nach einer Zigarette, er entzündete sie mit dem Anzünder im Cockpit. Tief sog er den Rauch in die Lungen. Das tat gut. Nur für einen Sekundenbruchteil starrte er auf die Zigarettenglut, da war es schon zu spät als er den Jungen sah, der vom Bürgersteig auf die Straße trat. Eiskalter Schreck durchfuhr ihn. Sein Adrenalinspiegel stieg in fast lebensbedrohende Höhe. Einen winzigen Moment blickte er in die geweiteten Augen, aus denen der Tod ihn anstarrte. Dann gab es ein hässliches Geräusch als der Körper aus Fleisch und Blut unter dem Jaguar verschwand. Schlitternd geriet der Wagen auf den Bürgersteig und stieß eine Mülltonne um. Larry wurde durchgerüttelt, stieß sich am Lenkrad den Kopf. Endlich kam der schwarze Wagen zum stehen.
Mit bebenden Fingern löste der Mann den Sicherheitsgurt, stieß den Wagenschlag auf und stieg aus. Er hatte Mühe auf den Beinen zu bleiben. Seine Knie waren weich wie Butter. Das Gesicht war so bleich wie das eines Toten. Sein Haar stand wirr am Kopf.
Ich habe einen kleinen Jungen angefahren. Dieser Gedanke drängte sich mit brutaler Gewalt in seinen Verstand. Was war passiert? Er hatte sich eine Zigarette angezündet, weil ihn etwas undefinierbares nervös gemacht hatte. Er hatte einen kleinen Jungen angefahren! Aber hatte er eine Chance gehabt, rechtzeitig anzuhalten? Er war nicht zu schnell gefahren. Oder etwa doch? Der Zweifel erzeugte in seinem Gehirn einen bohrenden Schmerz. Ganz gleich ob er eine Chance hatte, es konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Junge von seinem Wagen, den er, Larry Hammond, gelenkt hatte niedergestoßen worden war.
Er spürte, wie es warm seine Stirn hinabrann. Er war verletzt, doch das kümmerte ihn nicht. Er konnte in diesem Moment nur an den bedauernswerten Jungen denken, Larry begann zu beten.
Die ersten neugierigen Gaffer versammelten sich. Keiner von ihnen dachte auch nur daran, zu helfen.
Larry Hammond hatte den Jungen entdeckt. Es handelte sich um den zehnjährigen Julian Nicols, aber zu diesem Zeitpunkt wusste der Mann das noch nicht. Der Verletzte lag etwa fünfzig Meter von seinem Standort entfernt mitten auf der Straße und bewegte sich nicht. Wieder dachte Larry, der Junge wäre tot und dass jede Hilfe zu spät käme. Sein Blick wurde vom reglos daliegenden Körper wie magisch angezogen.
Mein Gott, lass ihn leben, wollte er schreien, doch aus seinem Mund drang nur ein heiseres Krächzen. Er setzte sich in Bewegung. Es kam ihm so vor als würde es eine Ewigkeit dauern, bis er die fünfzig Meter Entfernung zwischen sich und dem Jungen überbrückt hatte. In diesen Augenblicken fühlte er sich wie ein Vollstrecker wider Willen.
Der Mann ging neben Julian in die Knie. Als er die schrecklichen Verletzungen des Jungen sah, drohte sein Magen zu rebellieren und er musste sich zusammennehmen, um sich nicht zu übergeben. Ein Bein des Verletzten war unnatürlich abgewinkelt, ein blutiger Knochen ragte aus der zerrissenen Hose. Sein Kopf war blutverschmiert und der Mann konnte durch einen Riss die Gehirnmaße pulsieren sehen. Es war, als ob er durch ein Schaufenster auf eine glänzende Attraktion sah. Das Nasenbein schien ebenfalls gebrochen zu sein. Alles war voller Blut. Das rechte Auge war aus der Höhle gequollen und wurde nur noch durch die Nervenenden gehalten; es lag auf der Wange des Jungen und starrte Larry anklagend an, es schien ihm zuzuflüstern: "Warum hast du nicht rechtzeitig angehalten?"
Diese Worte hallten wie ein stummer Schrei in seinem Gehirn und ließen den Schädel vibrieren. Er konnte in die leere Augenhöhle blicken, wie in eine dunkle Grotte, und die Nervenenden an denen der Augapfel hing erschienen ihm wie dicke Stahlseile. Überall war Blut. Seine Kleidung hatte sich mit dem Blut des Jungen vollgesogen. Der süßliche Geruch des kostbaren Lebenssaftes umgab ihn wie eine Aura.
Als sich der Mann zu der gaffenden Menge umwandte lagen Tränen in seinen Augen. Der Junge tat ihm leid. Und er fühlte sich schuldig, obwohl ihm die Vernunft sagte, dass er ihm in den Wagen gelaufen war.
"Verdammt noch mal! Einen Arzt! Der arme Junge stirbt!" schrie er verzweifelt.
Jetzt erst geriet Bewegung in die Menge. Die Menschen begannen hysterisch zu kreischen, so als hätten sie erst jetzt begriffen was geschehen war, welch blutiges Drama sich hier abgespielte.
Larry Hammond wandte sich wieder dem Verletzten zu. Er sollte ihm den Kopf halten, wagte es aber nicht. Noch war der Junge am Leben. Aber Larry befürchtete, dass er sterben könnte, wenn er ihn unfachmännisch bewegte, und dieses Risiko wollte er nicht eingehen. Wiedereinmal sah er durch das Schaufenster auf das pulsierende Gehirn. Er konnte das Leben in diesem Denkapparat, der großen Maschinerie der Evolution förmlich spüren. Und da kam ihm plötzlich ein entsetzlicher Gedanke. Woher wusste er, dass der Junge noch am Leben war? Der kleine Körper war nach wie vor bewegungslos. Vielleicht, weil er das Gehirn noch in Aktion wähnte? Wie töricht der Gedanke doch war. Das eine hatte mit dem anderen nicht das geringste gemeinsam. Er wusste, dass das Gehirn, ein elektrochemisches Organ, bis zu zwanzig Minuten nach dem Eintreten des klinischen Todes noch arbeitet und erst dann, wenn ihm allmählich der Sauerstoff ausgeht, seine Funktion einstellt.
Vielleicht war der klinische Tod sofort eingetreten. Larry konnte nur Vermutungen anstellen, schließlich war er kein Arzt. Sein Blick hing immer noch wie gebannt auf dem langgezogenen Spalt im Schädel. Gott sei Dank trat keine Gehirnflüssigkeit aus, Ihm schien plötzlich, als wäre der Spalt breiter geworden, beinahe so breit wie der Grand Canyon. Kalte Schweißperlen hingen an der Stirn des Mannes und die Kleidung klebte trotz der Kälte an seinem Körper. Er schien die Kälte nicht zu spüren und nahm auch die sich immer mehr ausbreitende Hysterie um sich herum nicht wahr. Mit aller Energie die noch in seinem Körper wohnte war er Julian zugewandt.
Der Junge öffnete den Mund, ein Schwall Blut kam heraus und ergoss sich über sein Kinn. Larry zuckte wie elektrisiert zusammen, so als hätte er eben 380V berührt. Der Verletzte musste doch bewusstlos sein... er glaubte nicht, was er da sah.
Aber der Mund hatte sich geöffnet, kein Zweifel möglich? Doch Larry musste einer Halluzination erlegen sein. Aber die Bewegung der Kinnlade hatte dermaßen real ausgesehen, dass er nicht an eine Halluzination glauben konnte, sosehr er sich das auch wünschte.
Wieder bewegten sich die aufgerissenen Lippen. Der Junge versuchte zu sprechen. Zuerst war da nur ein Röcheln, kaum wahrnehmbar. Wieder ein Schwall Blut. Die Stimme des Jungen ertrank im eigenen Blut. Dann begannen die Lippen lautlos Worte zu formen. Einen Moment später konnte er den Verletzten hören.
"Daddy, bist du da?" flüsterte der Junge.
"Ja", sagte Larry benommen. Ich bin da. Bleib ruhig liegen, mein Junge."
Der Mann hätte am liebsten die ganze Qual seiner gepeinigten Seele hinaus geschrieen, stattdessen brach er erneut in Tränen aus. Wie hilflos er doch war, angesichts der gegebenen trostlosen Lage. Wie klein und bedeutungslos er sich vorkam, so bedeutungslos wie ein Tropfen Wasser im glutheißen Backofen der Bad Lands. Mit einem Mal schien ihm sein Leben sinnlos. Worüber hatte er sich Sorgen gemacht? Über seinen Beruf und über seine Frau, die ihm mehrmals gedroht hatte, sich scheiden zu lassen. Das alles zählte jetzt nicht mehr, er hatte jedes Format verloren. Was bedeutete schon der Verlust seines Vermögens gegen das Leben dieses Kindes?
Der dicke Schleier vor seinen Augen hatte sich sprichwörtlich gelichtet. Er sah ein, dass er vor diesem Unfall nie ein Problem hatte, um das zu sorgen es sich lohnte. Wie viele Menschen hatten so wie er noch vor wenigen Minuten das eigene Leben mit einer rosa Brille betrachtet? Zu viele! Es war endlich an der Zeit, dass jemand kam, der sie ihnen von der Nase riss und sie auf den steinigen Boden zertrat. Die Vagabunden waren da besser dran, sie machten sich keine Sorgen, der Rest der Welt würde sie schon ernähren. Die sogenannten zivilisierten Menschen sahen sie für Verrückte an, arme Irre die am Straßenrand die Nacht verbrachten, oder auf einer Bank, irgendwo auf einem Bahnhof. Die Wahrheit ist, dass diese Menschen die wirklich glücklichen sind. All die Bürokraten, Politiker, Künstler, Sportler usw. Alles Verrückte! Eine irrsinnige Gleichung kam ihm in den Sinn - normale Menschen + verrückte Menschen ergibt ein totales Chaos. Er brauchte sich nur umzusehen, ein Haufen blutrünstiger Vollidioten stand dort, denen das Leben dieses Jungen einen Dreck wert war. Bitterkeit erfasste ihn und schüttelte ihn gnadenlos durch. Was bedeutete für einen dieser Verrückten schon ein Menschenleben? Nichts, es war ihnen weniger wert als ihre beschissene Unterhose. In ihm wuchs die Verachtung für diese Menschen mit atemberaubender Geschwindigkeit.
"Daddy, was ist passiert?"
"Es kommt alles wieder in Ordnung", flüsterte Larry. "Du darfst dich nicht bewegen, mein Junge."
Der Junge senkte die Lider. Es war ein groteskes Bild, als sich das rechte Augenlid über der leeren Augenhöhle schloss, es war, als ob es die Absicht hätte, die Nervenenden zu durchtrennen. Die rotgeränderte Iris des freiliegenden Auges starrte ihn unverwandt an.
Larry kam sich vor wie einer der Hauptdarsteller im neuesten Horrorfilm von James Cameron. Aber er wusste, dass es kein Film war, sondern grausame Realität. In einem Film des Meisters würde der Junge wahrscheinlich sterben, um dann eines Tages als wiederkehrender Rächer ihn, Larry Hammond, auf bestialische Weise zu töten. Halbverwest würde der Junge mit dem übelerregenden Gestank von Moder und Verwesung unter seinem Bett liegen. Die Haut klebte eingefallen und brüchig an seiner Totenfratze, die Knochen beinahe durchscheinend. Die linke Augenhöhle leer, nur das rechte Auge war noch so wie zum Zeitpunkt des Todes, es lag auf der pergamentartigen Haut. Und dann würde er geduldig warten... bis zum passenden Moment.
Diese Vorstellung ließ den Mann erschaudern, krampfhaft versuchte er sie abzuschütteln. Als der Junge wieder zu ihm sprach, war er ihm fast dankbar, weil es ihn ablenkte, obwohl er hoffte, dass Gott der allmächtige den Verletzten mit einer gnädigen Ohnmacht übertünchen würde.
"Die Party..." sagte der Junge mit schwacher Stimme. "lch möchte zu Lukas' Geburtstagsparty..."
Als ihn Julian anhauchte war es ihm, als wehte ihm der Hauch des Todes entgegen.
Lange machst du es nicht mehr, - sagte eine Stimme in ihm - und er hätte die Worte beinahe laut ausgesprochen, er hätte es getan ohne es zu wollen. Darüber erschrak er so heftig, dass er drohte, selbst von einer Ohnmacht niedergemacht zu werden. Für einen Augenblick wurde ihm schwarz vor Augen.
Nicht ohnmächtig werden!
Es dauerte einige Sekunden, ehe er wieder klar denken konnte. Konnte er wahrhaftig noch klar denken? Stand nicht der personifizierte Wahnsinn bereits hinter ihm und grinste ihm über die Schulter?
"Natürlich kannst du zur Party gehen, mein Junge", sagte Larry. "Aber erst musst du dich ausruhen."
Der Junge bewegte den Kopf auf dem vereisten Asphalt etwas zur Seite. Larry sah, wie das Schaufenster breiter wurde und das Gehirn drohte herauszudrängen, noch war der Spalt nicht breit genug. Er hatte den Eindruck als drücke eine imaginäre Hand von unten gegen die Gehirnmasse. Bei der nächsten Bewegung des Schädels würde das pulsierende Gehirn herausquellen und bis zu seinem Hals heraufkriechen und ihm Mund und Nase verschließen, bis er erstickte.
"Nicht bewegen!" sagte Larry. "Sei ein braver Junge."
Die Lider des Verletzten öffneten sich erneut und Larry musste abermals in die leere Augenhöhle sehen. Jetzt kam es ihm vor, als hörte er in der dunklen Grotte Blut rauschen.
"Daddy?"
Das Schneetreiben hatte wieder eingesetzt.
"Ja, mein Junge", entgegnete der Mann.
"Daddy... " Der Junge röchelte, dann sagte er: "Ich habe dich lieb."
"Ich habe dich auch lieb."
Larry presste die Lippen zusammen. Ein heftiger Weinkrampf schüttelte ihn. Es war ihm nicht mehr möglich sich zu beherrschen. Einem Wolkenbruch gleich brach es aus ihm heraus.
"Daddy, warum... weinst du?" Julians Stimme kam stockend. War das ein Zeichen des nahenden Todes? Larrys verwirrter Verstand glaubte ein hohntriefendes Gelächter zu vernehmen, das aus einer fernen Dimension kam. Er öffnete den Mund, obwohl er nicht wusste, was er sagen sollte. Da erkannte er, dass der Junge endlich in eine gnädige Ohnmacht gefallen war. Die Lippen bewegten sich nicht mehr, im rechten Auge leuchtete noch der Glanz des Lebens.
Larry Hammond spürte die Berührung einer starken Hand. Er wandte sich um und blickte in das bärtige Gesicht eines Mannes. Der Arzt war gekommen.
Endlich! dachte Larry. Dem Himmel sei dank.
"Ich bin Dr. Anwil", sagte der Bärtige. "Würden Sie bitte zurücktreten."
Wortlos beeilte sich Larry der Aufforderung Folge zu leisten.
Der Arzt öffnete seine Tasche und leistete so gut es ging erste Hilfe. Larry beobachtete ihn dabei interessiert.
"Wird er durchkommen?" erkundigte er sich besorgt.
"Ich weiß es nicht", murmelte Dr. Anwil. "Um diese Frage zu beantworten, bedarf es einer gründlichen Untersuchung im Hospital. Es kommt darauf an, wie schwer seine inneren Verletzungen sind. Der Schädelbruch dürfte meines Erachtens kein allzu großes Problem darstellen, falls es keine unvorhergesehenen Komplikationen gibt. Sein Auge wird er verlieren."
Der Arzt wusste es nicht! Das war ja großartig. Für Larry war das kein Trost. Er nahm sich vor, solange in der Nähe des Jungen auszuharren, bis er Gewissheit hatte. Zuerst musste er aber die unangenehme Prozedur eines polizeilichen Verhörs auf sich nehmen.
Das Geheul einer näherkommenden Sirene übertönte das Stimmengewirr der neugierigen Menge. Es tat gut das Folgetonhorn zu hören, es war wie Musik in seinen Ohren. Larry klammerte sich wie an einen Strohhalm an die vage Hoffnung, dass der Junge mit dem Leben davonkommen könnte.
Der Rettungswagen hielt nur wenige Meter von dem Verletzten entfernt. Zwei Sanitäter sprangen aus dem Fahrzeug und öffneten die Flügeltür am Heck.
"Die harte Trage!" rief der Arzt ohne den Blick zu heben.
Die beiden Männer eilten mit der Trage an Ort und Stelle.
Dr. Anwil wandte sich an Larry Hammond und sagte: "Bitte gehen Sie jetzt. Sie können ohnehin nichts für den Jungen tun."
Larry nickte nur. Ein Polizeibeamter hatte sich vor ihm aufgebaut, Larry wurde einer gründlichen Musterung unterzogen, sehr zu seinem Missfallen. Er kam sich wie ein Schwerverbrecher vor. Dieser Mann erregte ganz und gar nicht seine Sympathie. Er kam ihm überheblich und arrogant vor; zu einem etwas späteren Zeitpunkt würde er hier noch eine unangenehme Eigenschaft hinzufügen.
"Würden Sie bitte mitkommen", sagte der Beamte sachlich. In seiner Stimme lag nicht die Spur von Mitgefühl für den kleinen Jungen. - Aus diesem Grund wusste Larry, dass sein erster Eindruck über diesen Kerl richtig war - er widerte ihn an. "Natürlich", erwiderte Larry niedergeschlagen und folgte dem Beamten zu dessen Dienstfahrzeug. Er nahm neben dem Fahrer Platz.
Langsam setzte sich der Wagen in Bewegung. Larry warf des öfteren einen verstohlenen Seitenblick in das versteinerte Antlitz des Polizisten. Aus dem Funkgerät drangen Stimmen, die ihn an die gutturalen Laute der Tiere in der Wildnis erinnerten. Er konnte keines der Worte verstehen. Es war ihm alles egal, wenn nur der Junge mit dem Leben davonkam. Er fühlte sich wie ein Mensch, der in der Todeszelle fristete und darauf wartete, dass sein verzweifelter Schrei nach Gerechtigkeit erhört wurde und ihn vom Tod auf dem elektrischen Stuhl befreite, wo 1700 Volt seinen Körper gnadenlos durchschütteln würden.
Er erinnerte sich an einen Film, den er vor nicht allzu langer Zeit gesehen hatte. Es war ein offiziell verbotener Film. Dieser Streifen zeigte den Tod mit grauenhafter Deutlichkeit und es wurde ihm vor Augen geführt, wie vergänglich er doch war. Nie zuvor hatte er den Tod so ernst genommen, er hatte ihn akzeptiert, ähnlich wie ein Schauspieler, ein großer Star, einen Statisten akzeptiert, aber er hatte nie an die Möglichkeit gedacht, dass er selbst auch eines Tages sterben würde. An eine Episode erinnerte er sich besonders deutlich. Ein Mann dessen Kopf kahl rasiert war, wurde auf dem elektrischen Stuhl festgeschnallt. An seinem Schädel befestigte man Elektroden. Das Gesicht des Todeskandidaten schien ausdruckslos, er hatte sich offenbar mit seinem grausigen Ende abgefunden. Aber wer wusste wirklich zu sagen, was in solchen Menschen in den letzten Minuten ihres Lebens vorging. Was fühlte dieser Mann? War es ihm tatsächlich egal auf diese Art zu sterben? Er konnte es sich nicht vorstellen. War er etwa nicht mehr in der Lage etwas zu fühlen? Larry wusste es nicht. Die Augen des Todgeweihten starrten ins Zeitlose. Es musste ihm egal sein, was mit ihm geschah. Als der Mann fachgerecht festgeschnallt war, verband man ihm die Augen. Man verstopfte ihm auch die Nase, den Mund, das Rektum, um das Blut aufzufangen. Das ganze Getue sollte die volle Grausamkeit der Szenerie verschleiern. Knisternde Spannung entstand. Larry war der Mund völlig ausgetrocknet, er griff nach dem Glas Wein, das halbvoll vor ihm stand und als er es wieder abstellte wurde der Schalter umgelegt und der Strom ließ den Körper des Mannes fünfzehn lange Sekunden erbeben.
Gemächlich ließ sich der Beamte auf dem Stuhl hinter dem Schreibtisch nieder, auf dem eine altmodische Schreibmaschine stand. Er zog eine Schublade heraus, starrte einen Augenblick auf den Inhalt, dann schloss er sie wieder und die nächste wurde geöffnet.
Larry Hammond gewann den Eindruck, als würde sich der kleine arrogante Spießer hier nicht gerade perfekt zurechtfinden. Wäre er unter anderen Umständen hier gewesen, so hätte ihn dieser Eindruck mit Genugtuung überschwemmt. Aber Larry war nur zur Hälfte anwesend seine Gedanken waren bei Julian Nicols. Er vermochte nicht, sich von der Sorge um den Jungen zu befreien.
Endlich war der Uniformierte fündig geworden. Er spannte das Unfallprotokoll in die Schreibmaschine, dabei würdigte er Larry keines Blickes. Diese Tatsache verstärkte bei ihm nur die Abneigung, die er empfand. Menschen dieses Schlages fand er zum Kotzen.
"Name!" bellte der Polizist und Larry zuckte zusammen.
"Lawson Hammond", erwiderte Larry. Unter anderen Umständen hätte er den ungehobelten Kerl zurechtgewiesen, er hätte ihm gesagt, dass er sich mäßigen und sich um einen anderen Ton bemühen sollte, ansonsten würde er sich an höherer Stelle beschweren. Aber in dieser Situation war er nicht in der Stimmung und ließ die Unfreundlichkeit über sich ergehen.
"Geboren am?"
"16. 8. 1948."
"Geburtsort?"
"Manchester."
"Wohnhaft?"
"Charter Street 81, Dark City."
"Beruf?"
"Pelzhändler."
"Verheiratet?"
Allmählich ging Larry die quälende Fragerei auf die Nerven. Er hatte schon genug damit zu tun, dass ihn ein permanentes Schuldgefühl plagte. Dass er hier wie eine Zitrone ausgequetscht werden sollte, war für ihn wie ein Trip durch die Hölle. Mit einemmal war seine Kehle wie ausgedörrt und die Zunge fühlte sich an wie ein trockenes Stück Holz.
"Hören Sie", brauste Larry auf, wobei sich seine Finger in die Armlehnen des Stuhles gruben. "Was soll das? Ich verstehe nicht, was das mit dem Unfall zu tun hat? Ob ich verheiratet bin oder nicht, ist doch völlig belanglos! Was, zum Teufel, ziehen Sie hier ab?"
Der Beamte hob den Kopf ein wenig und sah Larry missbilligend an, verzog jedoch keinen Muskel der über seine Stimmungslage Aufschluss gab, aber der Blick, der ihn traf war vernichtend.
"Verheiratet?" wiederholte der Uniformierte.
"Ich begreife das einfach nicht." Larry schüttelte verständnislos den Kopf. "Der Junge stirbt vielleicht, und Sie fragen mich, ob ich verheiratet bin. Gott bewahre die Weit vor mitleidlosen Polizisten, wie Sie einer sind."
"Mr. Hammond", sagte der Beamte drohend. "Ich warne Sie, werden Sie nicht beleidigend. Ich will Ihre Bemerkung der überaus großen Nervenanspannung zuschreiben. Ich möchte Ihnen aber raten, sich zu mäßigen. Ich tue hier nur meine Pflicht als Angestellter des Staates."
Larry war überrascht, wie gut sich der Kerl beherrschen konnte.
"Sind Sie verheiratet?"
"Ja, verdammt noch mal!" Larry wusste, dass seine Stimme wieder zu scharf war, doch er dachte nicht daran, sich dafür zu entschuldigen. Er zog eine zusammengedrückte Packung Marlboro aus der Jackentasche und zündete sich eine Zigarette an. Das Nikotin beruhigte seine angespannten Nerven.
"Schildern Sie den Unfallhergang."
Larry sog an seiner Zigarette und begann zu erzählen. Er durchlebte all die grauenvollen Momente noch einmal, sah zum zweiten Mal den Körper des Jungen unter seinem Wagen verschwinden. Es glich einer furchtbaren Tortur. - Abermals brach ihm der kalte Schweiß aus.
"Das war's", sagte der Uniformierte und zog den Bogen Papier aus der Schreibmaschine. "Sie können jetzt gehen."
Larry war erleichtert, stand auf und verließ das Polizeirevier. Er begab sich zur nächsten Telephonzelle gleich um die Ecke und bestellte ein Taxi. Man versicherte ihm, dass in den nächsten Minuten ein Wagen kommen würde. Er bedankte sich und hängte ein.
Vor der Telephonzelle wartend riss er eine neue Packung Marlboro auf und steckte sich einen Glimmstängel an.
"Ich werde mich noch zum Kettenraucher entwickeln, wenn das so weitergeht", sagte er zu sich selbst. Dann wanderten seine Gedanken wieder zu dem Jungen. Er wollte so schnell wie möglich ins Hospital um sich zu erkundigen, wie schwerwiegend die Verletzungen waren und wie man die Chancen beurteilte. Er rechnete kaum damit, dass man ihm schon etwas definitives sagen konnte. Die Operation, die zweifelsohne notwendig war, würde vermutlich mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Als er an den Moment dachte, in dem er den Eltern des Jungen gegenüber treten musste, umklammerte eine eisige Faust sein Herz.
Wie werden sie es aufnehmen?
Würden sie es ihm je verzeihen können, wenn ihr Sohn aufgrund des Unfalls sterben sollte. Die Eindrücke dieses schrecklichen Unfalls würden ihn sein ganzes Leben verfolgen. Mit seinem geistigen Auge sah er noch einmal durch das Schaufenster auf die graue, pulsierende Gehirnmasse und eine Gänsehaut schüttelte seinen Körper durch. Es erschien ihm unglaublich, aber der Junge richtete sich auf, der rechte Augapfel baumelte wie an einem Seil hängend und hinterließ auf der Wange blutige Spuren. Blut wurde in gleichmäßigem Rhythmus aus der leeren Augenhöhle gepresst.
"Du warst es!" zischte der Junge mit tiefer Grabesstimme. "Du hast mich getötet!" Blitzartig schossen die kleinen Hände vor, (sie kamen Larry unnatürlich groß vor) umklammerten seinen Hals und drückten erbarmungslos zu.
Larry schwankte. Sein Gesicht verlor jegliche Farbe; und urplötzlich riß die Atemnot ab und er konnte den lebensnotwendigen Sauerstoff wieder einsaugen. Seine Brust hob und senkte sich in rasend schneller Folge. Er suchte nach einer logischen Erklärung für seinen Anfall. So weit er sich erinnern konnte, war er nie ein Asthmatiker gewesen. So sehr er sich auch bemühte, er konnte keine zufriedenstellende Erklärung finden, also schrieb er es dem Unfall zu und der Sorge um den fremden Jungen. Das Ganze hatte ihn doch sehr mitgenommen.
Graham Nicols stand inmitten des Warteraumes und schien wie festgewachsen zu sein. Seine Knie zitterten und sein Herz war voller angst, dass sein jüngster Sohn Julian sterben könnte. Dr. Anwil hatte noch keine endgültige Diagnose vorweisen können, vorläufig hatte er nur erklärt, dass man mit allem rechnen musste. Schon diese Aussage allein war für Graham und seine Frau Cynthia niederschmetternd. Graham war zumute, als würde ein übermächtiger Dämon versuchen, ihm die Seele zu rauben. Julian war doch erst zehn Jahre alt; es durfte doch nicht sein, dass sein junges Leben schon zu Ende war. Er hatte von einem Augenzeugen gehört, wie sich der Unfall zugetragen hatte, daher wusste er, dass den Fahrer des schwarzen Wagens keine Schuld traf. Er war sicher, dass der Mann bald auftauchen würde. Wie würde er dann reagieren? Er musste versuchen, Herr über sein Tun und Lassen zu bleiben.
Graham hatte minutenlang die mit sterilem Weiß gestrichene Wand angestarrt, jetzt wandte er den Kopf und sein Blick fand Cynthia, die zusammengesunken in einer Ecke saß und zum Steinerweichen schluchzte. Er konnte ihre Tränen nicht sehen, doch er erkannte das durchnässte Taschentuch in ihren Händen. Es war eine Parallele zum Sommerbeginn des Jahres 1966, als sie die Nachricht erhalten hatten, dass Julians älterer Bruder Dale in Vietnam gefallen war. Auch damals hatte seine Frau viele Tränen vergossen. Dale war nur 21 Jahre alt geworden; viel zu jung um zu sterben. Man hatte Graham und Cynthia versichert, ihr Sohn wäre einen heldenhaften Tod gestorben und man hatte immer wieder beteuert, wie stolz Englands Königshaus war, über einen solch tapferen Sohn verfügt zu haben, man versicherte weiterhin, dass Dale Nicols auf ewige Zeiten unvergessen bliebe. Der tote Held wurde auch mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet, was zweifellos eine hohe Ehre war, aber trotz allem, all die Beteuerungen konnten den verlorenen Sohn nicht ins Leben zurückholen.
Dale hatte sich im März 1965 zur Fremdenlegion gemeldet und war schon zwei Monate später abberufen worden. Graham hatte bis zuletzt versucht, ihn von der Gefährlichkeit des waghalsigen Unternehmens zu überzeugen. Doch Dale war geblendet von der Möglichkeit in Vietnam unvorstellbaren Ruhm erlangen zu können und reiste schließlich ab. Selbst das beherzte Drängen seiner Mutter vermochte nicht, ihn von seinem Entschluss abzubringen. Willkommen in der Hölle von Vietnam, hieß es an seinem Ziel. Er war glücklich - doch das Glücksgefühl währte nicht lange. Schon bald erkannte er, dass seine Kameraden bei der Schilderung der Umstände nicht übertrieben hatten; das Überleben hier war verdammt hart. Er wurde der Kompanie C zugeteilt, eine Einheit für besondere Aufträge. Eines schicksalhaften Tages wurde die Kompanie C von Leutnant Krueger in den tiefsten Dschungel geführt. Dieser Marsch glich von Anfang an einem Himmelfahrtskommando. Am östlichen Ende des Dschungels sollte es ein Dorf geben, dessen Bevölkerung dem Vietkong (unfreiwillig) Unterschlupf gewährte. Die Männer die dort weilten, sollten im Besitz von geheimen Kriegsplänen sein. Die Legion wusste, dass es von kriegsentscheidender Wichtigkeit sein konnte, den Inhalt dieser Pläne zu kennen. Auf dem Weg zu dem besagten Dorf geriet die Kompanie C in einen Hinterhalt der Guerillakämpfer. Die Hälfte der Einheit wurde verwundet, sieben Männer getötet, der Rest gefangengenommen. Dale musste mit ansehen, wie einer seiner Kameraden von einer Mine förmlich zerfetzt wurde. Wie durch ein Wunder konnte Dale entkommen. Es gelang ihm, eine in unmittelbarer Nähe gelegene Höhle zu erreichen, er harrte dort aus bis sich die Lage etwas beruhigt hatte. In der Zwischenzeit überlegte er, was er tun konnte. Das Klügste wäre, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden. Aber diese Alternative zog er gar nicht in Erwägung.
Er hätte es nicht mehr gewagt, jemals wieder in die Zivilisation zurückzukehren wenn er seine Kameraden im Stich gelassen hätte. Also beschloss er, sie zu befreien, er wollte es zumindest versuchen - Dale wurde bei dem Versuch erschossen. Doch er hatte eines erreicht - er hatte seinen Kameraden die Flucht ermöglicht.
Graham ging mit schlurfenden Schritten zu seiner Frau, setzte sich seufzend neben sie, legte einen Arm um ihre Schultern und drückte sie sanft an sich um sie zu trösten, so gut er es eben zu tun vermochte.
"Julian wird überleben", flüsterte Graham. "Ich weiß es! Gott kann nicht wollen, dass er stirbt. Du musst nur fest daran glauben, dann hat er eine Chance."
"Es ist so furchtbar", erwiderte Cynthia. Mühsam zwang sie sich zu diesen Worten, ihre Stimme wurde fast von den Tränen erstickt. "Warum gerade unser Junge? Ich kann es nicht verstehen. War Dale nicht schon Opfer genug?"
Cynthia hatte Dale noch immer nicht vergessen. Wie sollte sie auch, sie hatte ihn geliebt, als ob er ihr leiblicher Sohn wäre. Graham hatte Dale in die Ehe mitgebracht. Als sie damals geheiratet hatten war Dale im zarten Alter von zwei Jahren gewesen. Cynthia hatte ihre helle Freude mit ihm. 1960 wurde sie schwanger; es war ihre erste Schwangerschaft. Und als dann Julian zur Welt kam war sie überglücklich. Sie hatte allerdings niemals einen Unterschied zwischen Dale und Julian gemacht, beide waren ihre Kinder und sie schenkte ihnen die Mutterliebe, die sie brauchten. Dale hatte nie erfahren, dass Cynthia nicht seine leibliche Mutter war, obwohl er sich oft gefragt hatte, woher es kam, dass er und Julian sich in gewisser Weise nur entfernt ähnlich waren, er hatte jedoch nie gewagt, seine Eltern danach zu fragen.
"Es wird alles gut", sagte Graham. Er spürte, wie sein Hemd feucht wurde. "Wenn Julian sterben sollte", schluchzte Cynthia, "dann weiß ich nicht, was mich noch am Leben halten sollte."
"Unser Junge wird nicht sterben", sagte Graham gegen seine Überzeugung, er spürte deutlich wie sich in seinen Augen Tränen bildeten. "Weine nicht, mein Liebling. Du machst es nur noch schlimmer. Versuche positiv zu denken."
Graham hauchte ihr einen Kuss auf die Wange, worauf sie den Kopf hob und ihn mit blutunterlaufenen Augen ansah.
"Wie kannst du so sicher sein. Du hast doch selbst gehört, wie der Arzt sagte: Es ist ein Wunder, dass er noch lebt."
"Aus diesem Grund wird er überleben. Ich sage dir, er wird noch große Dinge vollbringen."
"Was gäbe ich darum, wenn du Recht hättest." Sie war ohne jede Hoffnung.
Kurzes Schweigen.
"Weißt du noch", sagte Cynthia leise, "wie wir damals gelitten haben, als wir erfuhren, dass Dale tot ist? Zu Anfang wollten wir es nicht wahrhaben, wir vergruben uns in unseren vier Wänden. Ich glaube, wenn Julian nicht gewesen wäre, wären wir beide vor Kummer gestorben. Das Wissen, dass der kleine Julian uns brauchte, hielt uns am Leben und zwang uns durchzuhalten. Ich werde diese schreckliche Zeit niemals vergessen. Sie barg alles, was das Leben an negativen Seiten zu bieten hat."
Schritte näherten sich, die Absätze der Schuhe trommelten ein wildes Stakkato. Einen winzigen Moment war es still, dann wurde die Tür geöffnet und ein elegant gekleideter Mann mit zerzaustem Haar trat ein; er wirkte verstört und hatte ein kreidebleiches Gesicht. Instinktiv wusste Graham sofort, dass es sich um Larry Hammond handeln musste. Seine Ahnung wurde gleich darauf zur Gewissheit.
"Ich bin Larry Hammond", sagte der Mann und streckte Graham seine Hand entgegen. Grahams Händedruck, der ansonsten kräftig war, fiel diesmal schwach aus. "Es tut mir leid... Ihr Sohn ist... ist er..."
Graham erkannte, wie sehr der Mann mit sich zu kämpfen hatte. Larry Hammond kam ihm beinahe so mitgenommen vor, wie er sich selbst fühlte, deshalb schnitt er ihm das Wort ab. "Sie brauchen mir nichts zu erklären, ich weiß, dass Sie keine Schuld trifft. Mein Sohn ist Ihnen in den Wagen gelaufen. Sie konnten nichts tun."
"Wenn ich etwas für Sie tun kann", sagte Larry, "lassen Sie es mich wissen."
"Danke für das Angebot, aber es gibt nichts, was Sie tun könnten", versicherte Graham. "Sie können nur beten."
Graham drehte Larry den Rücken zu - und nach einer Schweigeminute sagte er: "Julian ist unser einziges Kind, das einzige das noch lebt. Im Jahre '66 wurde Dale, mein Sohn aus erster Ehe, in Vietnam erschossen. Es war ein furchtbarer Schlag für uns. Falls Julian sterben sollte, weiß ich nicht, ob es meine Frau überlebt. Es ist einfach niederschmetternd, das wir nichts tun können."
Larry fühlte mit diesen beiden Menschen. Er war betreten und wusste nicht, was er sagen sollte.
Das endlose Warten wurde zu einer wahren Folter. Die Zeit war erfüllt mit Bangen und Hoffen. Drei Menschen warteten auf die zweite Geburt des Julian Nicols. Die Männer wanderten unermüdlich auf und ab, warfen sich hin und wieder stumme Blicke zu. Worte waren überflüssig. Jeder kannte die Gedanken des anderen. Cynthia saß noch immer zusammengesunken in der Ecke und starrte ins Leere.
Endlich wurde die Tür geöffnet. Dr. Anwil trat in den Raum. Graham blickte auf und schritt auf ihn zu. "Wie geht es meinem Sohn?" fragte er.
Dr. Anwil rieb sich das Kinn. Auch Larry Hammond war aufmerksam geworden. Er hatte sich neben Graham aufgebaut und war sehr gespannt, was der Arzt zu sagen hatte.
"Wie soll ich es Ihnen sagen", begann Dr. Anwil. Es entstand eine kurze Pause. "Ich möchte mit der guten Nachricht beginnen. Die inneren Verletzungen sind nicht so schlimm, wie wir angenommen hatten, auch das gebrochene Bein kommt wieder in Ordnung. Und nun zur schlechten Nachricht. Das rechte Auge ist verloren, wir werden es durch ein Glasauge ersetzen müssen. Die Kopfverletzung bereitet uns Sorgen. Der Schädelbruch ist an sich nicht das Problem; es ist eine Fraktur der Hypophyse."
"Was reden Sie da, Doktor", sagte Graham erregt. "Ich verstehe kein Wort. Sagen Sie uns, ob Julian durchkommen wird!"
"Ich denke, er wir es schaffen.", antwortete der Arzt.
Erleichterung war in den Gesichtern der drei betroffenen Menschen zu sehen. Ihnen war zumute, als wären sie eben vom Schafott geholt worden. Julian würde überleben, er würde weiterhin zur Schule gehen können und später einmal selbst Kinder haben. Aber etwas schien noch im Raum zu schweben - etwas unausgesprochenes...
"Sie verheimlichen mir doch etwas?" forschte Graham.
Dr. Anwils Gesichtszüge waren unerforschlich. "Wenn Sie mit mir kommen wollen, werde ich es Ihnen näher erklären", sagte er und hielt die Tür auf.
Dr. Anwil ging schweigend voran, Graham und Cynthia Nicols, sowie Larry Hammond im Schlepptau führend. Sie gingen einen langen Korridor entlang, bis sie eine Tür erreichten, an der mit großen Lettern der Name Dr. Anwil prangte. Sie traten ein. Der Arzt führte die Besucher zu einer Reliefdarstellung des menschlichen Gehirns. Er griff nach einem Stab, wandte sich der Zeichnung zu und begann mit seiner Erklärung:
"Sie sehen hier einen Querschnitt des menschlichen Gehirns. Das dreieinige Gehirn des Menschen besteht aus dem sogenannten RKomplex, dem Neocortex und dem Limbischen System, und um letztgenanntes geht es. Im Limbischen System treffen Bewusstseinsinhalte aus dem Unterbewusstsein des RKomplexes ein und erzeugen starke Emotionen, die gewaltige Dimensionen annehmen können. Hier entstehen Liebe und Hass, Angst und Mut, Glücksgefühle und Depressionen. Es verfügt über ein eigenes Gedächtnis, das Kurzzeitgedächtnis. In diesem werden die vom sensorischen System des Körpers aufgenommenen Umweltinformationen und die vom Unterbewusstsein beispielsweise im Schlaf abgegebenen Bewusstseinsinhalte für kurze Zeit gespeichert, nach Wichtigkeit gefiltert und dann in das Langzeitgedächtnis des Neocortex zur endgültigen Speicherung übertragen. Das Limbische System stellt somit das verbindende Glied zwischen dem RKomplex und dem Neocortex dar - die Zone der stärksten bioenergetischen Wechselwirkung. Der wichtigste Bestandteil der Limbischen Region ist zweifellos die Hypophyse. Die Stimmungsschwankungen, die bei einem endokrinen Ungleichgewicht entstehen sind nicht kalkulierbar."
"Um das Kind beim Namen zu nennen, damit wollen Sie sagen, dass Julian, falls er jemals gesund werden sollte, nicht mehr alle sieben Sachen beisammen haben wird."
"Das wollte ich keinesfalls andeuten, aber so leid es mir tut, es ist in etwa das womit wir rechnen müssen. Über eine Fraktur der Hypophyse gibt es wenig medizinische Kenntnisse und kaum Präzedenzfälle, um mit Bestimmtheit voraussagen zu können, wie sein geistiger Zustand sein wird, Seien Sie versichert, dass wir alles nur erdenklich mögliche tun werden, um Ihrem Sohn zu helfen. Die Chancen dass er ein ganz normales Leben führen wird können, stehen nicht einmal so schlecht."
"Ein schöner Trost", sagte Graham Nicols der Verzweiflung nahe. "Wir wissen nicht, ob er überlebt und wir wissen auch nicht, ob er in Zukunft, falls er weiterleben wird, noch normal denken kann."
"Sie dürfen nicht so pessimistisch sein", sagte Dr. Anwil. "Versuchen Sie, positiv zu denken, damit helfen Sie ihrem Sohn, Ihrer Frau und sich selbst."
Graham nickte: "Ja, Sie haben recht, Doktor. Wir werden es versuchen - und wir werden für Julian beten. Der Junge darf nicht sterben."
Dr. Anwil ging zu seinem Schreibtisch und setzte sich. "Oh, bitte nehmen Sie doch Platz."
Niemand kam seiner Aufforderung nach. Durch Dr. Anwils Auskunft waren die Eltern des Jungen und auch Larry Hammond erleichtert und beunruhigt zugleich. Es war ein Gefühl, in dem keine der beiden beschwerten Waagschalen überwog.
Der Doktor meinte: "Falls eine psychische Veränderung eintritt, wäre es auch möglich, dass ihr Sohn destruktiv veranlagt sein wird..."
Er wollte noch weitersprechen, doch Graham schnitt ihm das Wort ab. "Warum vermeiden Sie immer wieder den Ausdruck Verrückt.? Wir wissen doch alle, wovon Sie sprechen."
"Wir Mediziner pflegen solche Begriffe zu vermeiden", erwiderte der Doktor. "Sie müssen wissen, dass nicht alle Menschen, die sich außerhalb der Normen benehmen, als geisteskrank einzustufen sind. Aber Sie haben mich unterbrochen. Wo sind wir stehen geblieben." - Er grübelte einige Sekunden und fuhr fort: "Es besteht auch die Möglichkeit, dass diese Form der psychischen Veränderung gar nicht eintritt. Genauso gut könnte er mit einer sensitiven Begabung in ihr Haus zurückkehren."
"Wenn ich Sie richtig verstehe", warf Graham gestikulierend ein, "dann wollen Sie damit zum Ausdruck bringen, dass Julian möglicherweise imstande sein wird, irgendwelche Möbelstücke oder andere Gegenstände durch den Raum fliegen zu lassen?"
"Sie meinen Telekinese?" fragte der Doktor. "Unsere Erwartungen müssen Telekinese bis hin zur Telepathie einbeziehen. Wir müssen aber auch damit rechnen, dass unsere.... nun sagen wir mal: Befürchtungen... noch übertroffen werden."
Die Worte des Arztes bohrten sich tief in Grahams Gehirnwindungen, dennoch fragte er sich, ob er auch richtig gehört hatte. Er konnte sich keine vergleichbare Situation in seinem Leben vorstellen. Die Angst saß ihm im Nacken. Die Aussicht, dass sein Sohn als Monster in sein Haus zurückkehren könnte, ließ ihn erschaudern.
Graham verspürte ein Rütteln, dann vernahm er eine Stimme.
"Graham, was ist mit dir?" fragte seine Frau besorgt. "Ist alles in Ordnung?"
Er drehte den Kopf in Cynthias Richtung. "Mir geht's ausgezeichnet. So ausgezeichnet, wie es einem Menschen gehen kann, der eben erfahren hat, dass sein Kind ..." Jetzt konnte er sich nicht mehr halten, er brach in Tränen aus. Niemand tröstete ihn. Worte waren überflüssig.
"Hoffen wir das Beste", sagte Dr. Anwil, "und beten Sie für den Jungen. Mehr können Sie im Moment nicht für ihn tun. Wenn sich sein Zustand verändern sollte, werde ich Sie persönlich davon informieren. Jetzt fahren Sie am besten nach Hause."
Dr. Anwil erhob sich. Nach erledigtem Händeschütteln verließen die vier Menschen den Raum.
Gedankenverloren stierte Graham Nicols auf den flimmernden Fernsehschirm. Es lief eine BBCDokumentation über das von den Chinesen besetzte Tibet. Alle Welt fragte sich, warum niemand etwas dagegen unternahm und den Chinesen Einhalt gebot; dabei war die Antwort so einfach - das Land war arm. Es gab überhaupt nichts zu holen, kein Erdöl, keine Mineralien - nichts. Die Weltmächte sahen ohne das geringste Interesse zu, wie das tibetische Volk grausam unterdrückt wurde. Nur wenigen gelang es ins Ausland zu fliehen. Vor einiger Zeit war einem jungen Mann die Flucht gelungen. Er berichtete den entsetzten Journalisten, wie einer seiner Landsleute vor seinen Augen von der chinesischen Miliz brutal gefoltert worden war. Man band ihm die Hände auf dem Rücken zusammen, zog ihn an den gebundenen Armen hoch und trat ihm mit unmenschlicher Gewalt in den Rücken, sodass das Schlüsselbein brach.
Graham war es unmöglich, sich auf die Dokumentation zu konzentrieren. Er hatte das Fernsehgerät eingeschaltet, in der Hoffnung, es könne Cynthia und ihn ein wenig ablenken, aber das tat es nicht. Es hatte vielmehr den Anschein, als starre er durch das Gerät hindurch. Man konnte beinahe glauben, er wäre tot, doch plötzlich bewegte er sich und griff nach der Dose Bier, die vor ihm auf dem Tisch stand, setzte sie an die Lippen - doch sie war leer. Er mühte sich auf die Beine und ging schlurfenden Schrittes zum Kühlschrank, während er darauf wartete, dass das Telefon klingeln würde und man ihm mitteilte, dass Julian soeben verstorben war. Jemand würde sagen, wie leid es ihnen tat. Mein aufrichtiges Mitgefühl, Mr. Nicols. Danach würde es losgehen alle Bekannten, Freunde und Verwandten würden anrufen und ebenfalls ihre Kondolation abgeben. Welch gottverdammte Heuchelei, wie er das hasste. Das erinnerte ihn wieder an Dale, es würde genauso sein wie damals. In Wirklichkeit war es doch so, dass all diese Leute, die sich Freunde nannten, keine Ahnung hatten wie Cynthia und ihm zumute war. Er selbst fühlte sich als hätte man ihm das Herz aus dem Leib gerissen.
Zuerst Dale und jetzt Julian!
Er öffnete die Kühlschranktür und griff nach einer Dose - die sechste, wenn er sich nicht verzählt hatte. Doch was soll's, fragte er sich. Es war ihm egal. Nach dem was geschehen war, spielte das keine Rolle.
Graham ging wieder zurück und ließ sich schwer auf die Couch fallen. Er war betrunken. Zum ersten Mal seit langen Jahren war er betrunken. Doch auch das kümmerte ihn nicht. Umständlich öffnete er die Dose und nahm einen kräftigen Schluck. Der Alkohol erleichterte vieles - doch er ist Gift, er vermag jeden der ihm verfällt mit seiner stählernen Faust zu Boden zu schmettern. Er scheint einem übermächtigen Gegner gleich, gegen den zu kämpfen es sich nicht lohnt. Jeder Schluck den man davon nimmt, ist ein Schlag auf den Punkt - und das wusste er. Er hatte den kritischen Punkt noch nicht überschritten, (aber er war nicht mehr weit davon entfernt) doch er wollte nicht aufhören, er wollte weitertrinken, seinen Schmerz im Alkohol ertränken. Es war ihm jedoch klar, dass er ihn so nicht besiegen konnte - er konnte ihn nur für einige Stunden verdrängen. Hernach würde er mit einem Kater aufwachen und mit einem Brummschädel durch das Haus laufen, eine kalte Dusche nehmen - und dann, ja dann würde ihn der Schmerz mit hemmungsloser Brachialgewalt abermals überfallen. Er würde feststellen, dass er ihn auf eine andere Art und Weise, die viel Ausdauer erforderte niederringen musste. Er wusste, dass der Weg den er im Begriff war einzuschlagen, der falsche war, trotzdem behielt er stur den eingeschlagenen Kurs bei.
Deutlich spürte er die benebelnde Wirkung. Aus dem Lautsprecher des Fernsehgerätes drangen nur noch verzerrte Stimmen an seine Ohren. Er konnte kein Wort mehr verstehen. Obendrein bekam er auch noch Schluckauf.
Sein eigenes Haus kam ihm wie ausgestorben vor, jeder menschlichen Stimme beraubt. Er vermisste Julians fröhliches Lachen. Ob er es je wieder hören würde? Julian hatte so gern seine Spielzeugautos über den Fußboden der Küche sausen lassen, wobei seine blauen Äuglein vor Begeisterung strahlten. Und plötzlich wusste er, Julian würde eines Tages zurückkehren. Er hatte keine Ahnung, woher er die Gewissheit nahm, er wusste es einfach. Aber die entscheidende Frage war, in welchem Zustand er zurückkommen würde?
Wie hatte doch Dr. Anwil gesagt, dieser neunmalkluge Quacksalber? Denken Sie positiv, Mr. Nicols! - Das waren doch seine Worte gewesen, nicht wahr? Richtig! Er erinnerte sich. Der Kerl hatte gut reden. Was wusste er schon, wie es in ihm aussah.
Graham erkannte in der Person des Dr. Anwil den typischen Karrieremenschen; die hatten weder Frau noch Kind, und somit fehlte ihnen auch das Einfühlungsvermögen um ermessen zu können, wie sich jemand fühlen musste, dessen Kind im Sterben lag, ja, das war genau der Kreis, wo er hingehörte. Er sah in ihm einen Mann, der mit seinem Beruf verheiratet war. Für diesen Arzt war Julian nichts anderes als ein Werkstück - wie das Werkstück eines Metallfacharbeiters; und es galt dieses Teil mit besonderer Sorgfalt zu behandeln, da es aus schwer zu bearbeitenden Stahl bestand und man über die Bearbeitungsmethoden relativ wenig Erfahrung hatte. Und falls dieses Teil aufgrund eines Fehlers verpfuscht werden sollte, so musste man eben versuchen, das Beste daraus zu machen.
Das war es auch, was der Arzt angesprochen hatte. Als andersartig würde Julian in sein Elternhaus zurückkehren - als Mutation. Bösartig. Julian würde ein Monster sein. Monster das war das Wort, das Dr. Anwil so geschickt vermieden hatte, es war jedoch deutlich auf seiner Stirn geschrieben gewesen - Graham hatte es gesehen, das wurde ihm jetzt deutlich. Bei diesem Gedanken überlief ihn ein kalter Schauer.
Er griff nach der Dose und trank, beinahe die Hälfte von dem Inhalt lief an seinem Kinn herab.
Eines Tages wird Julian kommen als Monster! schrie sein Verstand.
(Denken Sie positiv, Mr. Nicols!) ...als Ungeheuer. Wir werden dem Jungen nichts anmerken, doch eines nachts wird er In unser Schlafzimmer kommen, und dann wird er sein wahres Gesicht zeigen Es wird sein wie die Hölle auf Erden. Etwas ist hinter seinen Augen, etwas Böses...
(Denken Sie Positiv, Mr. Nicols!)
Graham leerte die Dose und schleuderte sie verzweifelt gegen die Wand.
"Schluss damit!" sagte er und starrte auf den flimmernden Bildschirm. "Es reicht. Wie komme ich nur auf solche Gedanken?"
Cynthia blickte noch immer wie in Trance ins Leere. Sie hatte den Gefühlsausbruch ihres Mannes nicht bemerkt.
Krampfhaft suchte Graham nach einem anderen Gedanken. Weihnachten - die letzten Weihnachten waren doch schön gewesen, unvergleichlich schön. Doch das dachte man wohl jedes Jahr aufs neue. Der Grund dafür mochte zweifelsohne darin liegen, dass die Erinnerung daran noch frisch war. Es war wie mit der Erinnerung an einen geliebten Menschen, die niemals verblüht.
Am Nachmittag hatte er gemeinsam mit seiner Frau den Weihnachtsbaum geschmückt. Das Unternehmen hatte einige Zeit in Anspruch genommen, aber es war gut gelungen, wie beide fanden. Zufrieden betrachteten sie ihr Werk, sie atmeten den Duft des Baumes ein - es war der Atem des Waldes, Sowohl Cynthia als auch Graham wussten, dass der Baum seinen Atem bald aushauchen würde, nur wenige Tage würde er anhalten - der Hauch der mit jeder Stunde schwächer wurde, wie der Atem eines Todgeweihten. Obwohl sie dies wussten, dachten sie in ihrer Euphorie auf das bevorstehende Weihnachtsfest nicht an diese bemerkenswerte Parallele, sie waren verzaubert vom Bann, den der geschmückte Tannenbaum verströmte, wie Tausende andere Menschen auch.
"Ist er nicht schön?" sagte Cynthia ergriffen.
"Ja, das ist er", antwortete Graham, ohne den Blick vom Baum zu trennen und legte einen Arm um die Schultern seiner Frau.
"Ich fühle mich zurückversetzt in meine Kindheit. Ergeht es dir nicht auch so?"
"Ja, es ist wie im Traum."
Als sie endlich aus ihrer Lethargie erwachten, begannen beide herzhaft zu lachen und drehten sich an den Händen haltend im Kreis.
"Graham, ich liebe dich!"
"Ich liebe dich auch!"
Es folgte ein leidenschaftlicher Kuss. Als sie sich wieder von einander lösten, sagte Cynthia: "Lass uns die Geschenke holen."
Graham nickte wortlos.
Wenige Stunden später war es dann soweit. Die Kerzen wurden angezündet, einige Wunderkerzen versprühten ihren Glanz. Noch war die Tür zum Wohnzimmer verschlossen. Julian konnte es nur mit Mühe erwarten. Dann endlich, nach einer ihm endlos erscheinenden Wartezeit, war es soweit; der Schlüssel wurde im Schloss gedreht und er stürmte begeistert in den Raum. Seine Neugier nur mit Mühe zügelnd, stand er vor dem hellerleuchteten Weihnachtsbaum. Graham fragte sich, ob der Junge das Märchen von Santa Claus noch schluckte oder ob er seine wahre Identität nicht schon längst erkannt hatte. Julian gab sich keine Blöße, doch Graham hatte seine Zweifel. Falls Julian doch noch an den Weihnachtsmann glauben sollte, wäre es dann nicht an der Zeit, ihm reinen Wein einzuschenken? Diese Überlegung endete wie jedes Jahr damit, dass er unschlüssig blieb und es bis auf weiteres aufschob.
Graham konnte unschwer erkennen, wie viel Selbstbeherrschung es Julian kostete, ruhig dazustehen und ein Weihnachtslied zu singen, anstatt sich sofort auf die Geschenke zu stürzen, die unter dem Baum ausgebreitet lagen. Er nahm diese Feststellung mit einem freudigen Grinsen zur Kenntnis. Würde dieser freudige Ausdruck jemals wieder auf dem Gesicht des Jungen erscheinen? Keine Macht der Welt war imstande ihm Antwort zu geben.
Warum? fragte sich Graham mit Tränen in den Augen. Warum bist du auf die Strasse gelaufen?
Da klingelte das Telephon. Das Klingeln riss ihn aus seinen vom Alkohol benebelten Wachträumen. Es ging also los. Die ersten Leute riefen an, (und sie würden beinahe so tun, als wäre Julian bereits gestorben) um ihnen zu kondolieren.
Flehend wandte sich Grahams Blick Cynthia zu, in der vagen Hoffnung, sie möge aufstehen um ans Telephon zu gehen, und ihn damit von dem Gang, der ihm wie der letzte beschwerliche Gang von Jesus Christus vorkam. Doch sie tat es nicht. Cynthia schien in sich verschlossen. Also stand er auf und machte sich bereit, mit dem Kreuz auf dem Rücken und der Dornenkrone tief in die Stirn gedrückt.
Nach dem sechsten oder siebten Klingeln fischte er den Hörer von der Gabel und dachte surrealistisch: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!
Wie konnte er nur die Worte des Herrn gebrauchen, die dieser aussprach, als er ans Kreuz geschlagen wurde? Dessen war er nicht würdig. Er wusste, dass er besser damit aufhören sollte vor Selbstmitleid zu zerspringen. Urplötzlich schoss ihm ein absurder Gedanke durch den Kopf.
Es wird Julian sein der am anderen Ende der Leitung ist und er wird sagen, dass er nach Hause kommt.
Sein Gesicht spiegelte dabei einen irren Ausdruck wider, der Schleier des Wahnsinns hatte sich über ihm ausgebreitet. Noch war es Zeit diesen Schleier zu heben und ihn wegzuschleudern, aber hierbei konnte ihm niemand helfen.
Graham fühlte, wie der Alkohol durch seine Adern peitschte. Es tat gut. Es gab ihm das Gefühl, in seinem schweren Kummer einen starken Verbündeten zu haben.
...denn sie wissen nicht, was sie tun!
Er preßte den Hörer gegen sein Ohr. "Nicols", murmelte er kaum hörbar.
"Ich bin es - Patricia!" tönte eine helle Frauenstimme aus der Muschel.
Patricia war die Frau seines um vier Jahre jüngeren Bruders Horace, sie hatten sich vor fünfzehn Jahren das Jawort gegeben. Als Horace damals (zwei Jahre vor seiner Hochzeit) Patricia Bleamount kennen und lieben lernte, war er überglücklich. Patricia war eine sagenhafte Frau, doch dann kam es doch zu diversen Zwistigkeiten, die in Graham den Verdacht bestätigten, dass die Geschichte von der perfekten Ehe wohl für immer eine Hypothese bleiben würde. Aber irgendwie gelang es den beiden dort zu schlichten, wo es nötig war und somit eine Trennung zu vermeiden. Horace sollte sich damals mit einer anderen Frau heimlich getroffen haben (offiziell war er natürlich in seiner Pokerrunde). Nicht, dass Patricia ihrem Mann bewusstes Misstrauen entgegenbrachte, ganz im Gegenteil - aber ausgerechnet an diesem Tag hatte ihre kleine Tochter einen unerklärlichen Anfall und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Natürlich wollte Patricia (als brave, liebende Ehefrau und Mutter) ihren Mann umgehend davon in Kenntnis setzen, also rief sie im Club an, wo sie erfahren musste, dass Horace durch Abwesenheit glänzte - er hatte sich bei seinen Freunden für sein Fernbleiben entschuldigt, mehr konnte man ihr nicht sagen. Wusste man wirklich nicht mehr? Jedenfalls hatte man ihr das gesagt, und es genügte in ihr den Verdacht zu schüren, dass Horace sie betrog. Daraufhin gab es einen fürchterlichen Krach, gefolgt von lastendem Schweigen. Horace hatte sich nicht die Mühe gemacht, den Vorwurf zu bestreiten, er hatte es aber auch nicht zugegeben. Graham hatte keine Ahnung, was wirklich passiert war, er war auch nicht erpicht darauf, es jemals zu erfahren. Er hatte nicht vor sich einzumischen, dabei war noch nie etwas gutes herausgekommen.
"Hallo, Patricia", murmelte Graham.
"Wie geht es Julian?"
"Wir wissen noch nicht, ob er durchkommt. Vor allem die Kopfverletzung bereitet den Ärzten Sorgen, sie haben keine Ahnung, welche Auswirkungen sie haben wird." Mühsam rang er sich die Worte ab, er musste sie förmlich herauswürgen wie einen großen Brocken Fleisch, der in seinem Hals steckte.
"Oh Graham, es tut mir so leid", sagte Patricia mit ehrlicher Anteilnahme. "Es muss schwer für euch sein."
"Ja, das ist es."
"Geht es dir und Cynthia gut?"
"Den Umständen entsprechend. Ich denke, ich werde mich für ein paar Tage krank melden. "
"Das dürfte das beste sein", meinte Patricia.
"Cynthia ist schwer gezeichnet, es wäre für mich unverantwortlich sie in diesem Zustand allein zu lassen."
"Ich mache mir wirklich Sorgen um euch. Du bist betrunken. Glaube mir, es ist keine Lösung im Alkohol Trost zu suchen. Dadurch wird alles nur noch schlimmer."
"Das weiß ich", antwortete Graham knapp. Am liebsten hätte er den Hörer eingehängt.
"Du solltest dich ins Bett legen und versuchen zu schlafen, das wird dir sicher helfen - und sag' Cynthia, sie soll das gleiche tun. Ihr werdet sehen, morgen wird vieles leichter sein."
"Danke für den Rat."
"Ihr dürft euch nicht gehen lassen - positives Denken, das ist das wichtigste in dieser Situation. "
Schon wieder dieser psychologische Quatsch!
"Positiv denken", sagte Graham. "Das sagte der Arzt auch schon. Wir werden es versuchen."
Eines Tages wird die Welt am Gerede mancher Leute ersticken, wenn dies Menschen glauben, mit ihren Weisheiten die Welt zu retten, dann wird bald nichts mehr von ihr übrig sein. Soll man nicht doch die Kinder an die Macht lassen, bevor die Affen eines Tages in die Städte einfallen und sie an sich reißen. Es ist höchste Zeit für uns zu gehen. Kinder an die Macht. Überall Kinder, an den wichtigsten Positionen, im Kreml, im Weißen Haus, usw. - nur vor den berühmten roten Telefonen sind die Plätze verwaist. Sie sind nicht mehr nötig, es gibt keine Waffen, mit denen man Kriege führen kann. Alle Waffen wurden vernichtet. Aus den riesigen Waffenarsenalen der ganzen Welt sind Kindergärten geworden. Der Gedanke an einen ernstzunehmenden Streit ist befremdender denn je. Alle Diktatoren sind verschwunden. Überall herrscht Redefreiheit und Mitspracherecht für alle. Eine Welt wie im Märchen.
"Graham, bist du noch da?" fragte Patricia.
"Ja, natürlich."
"Gott sei Dank. Ich dachte schon, du wärest ohnmächtig geworden, es hätte mich nicht gewundert. Wenn ihr etwas braucht, zögert bitte nicht uns anzurufen, wir helfen euch gern. "
"Das ist nett von euch. Danke."
"Du brauchst dich nicht zu bedanken, Graham. Einander zu helfen, dazu sind Freunde doch da. Und jetzt schlaft euch aus."
"Wir werden deinen Rat befolgen", versicherte er.
Als er ins Wohnzimmer zurückkehrte bemerkte er, dass der Fernsehapparat ausgeschaltet war und Cynthia langausgestreckt auf der Couch lag. Sie hatte die Augen geschlossen, es sah aus als schliefe sie.
"Wer hat angerufen?" wollte Cynthia wissen.
"Patricia. Sie fragte, wie es Julian geht."
"Wenn du etwas essen willst, ist Kühlschrank ist noch Rollbraten."
"Ich habe keinen Hunger." Graham nahm ihre Hand.
"Was würdest du davon halten, wenn wir ein wenig spazieren gehen, es wird uns beiden gut tun. Was meinst du dazu?"
Cynthia sah ihren Mann ungläubig an. "Durch die Stadt spazieren und mich von allen Leuten ansprechen lassen? Nein, danke. Nachdem was heute vorgefallen ist, entspricht das nicht gerade meinen Wünschen."
"Na schön, auch gut. Dann bleiben wir also hier um auf unser Ende zu warten."
"Ich sagte, ich werde nicht gehen, das schließt nicht aus, dass du nicht gehen sollst, Wenn du glaubst, dass es dir danach besser geht, dann geh. Ich bleibe hier. Was ist, wenn Dr. Anwil in der Zwischenzeit anruft, dann muss jemand hier sein, um den Anruf entgegenzunehmen."
"Du hast Recht."

Ende des 1. Teils



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Eingereicht am 30. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.