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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Condor kreist nicht mehr

Paul Wohlgensinger


Luciana lag, den Kopf auf den verschränkten Armen, im kurzen Moosgras des Altiplano von Huacapi, einem Dorf im Departement Ayacucho, und blinzelte in die untergehende Sonne. Die pechschwarzen Haare klebten an ihrem tiefbraunen, schmutzigen Gesicht. Ihre acht Geschwister zwischen drei und zwanzig Jahren schliefen in der nahen Hütte oder klaubten die steinharten Kartoffeln aus der trockenen Erde eines kleinen Ackers. Die achtjährige Luciana entwischte in dem Augenblick, als ihre Mutter eine Portion neue Kokainblätter holte. Die betäubende Wirkung ihres Saftes ließ sie die traurige Bekümmertheit ihres Daseins und ihren Hunger vorübergehend vergessen. Ihr Mann war Rondero gewesen und vor einem Jahr in klammdunkler Nacht von den Senderisten aus seiner Behausung geholt und auf der Plaza de armas zusammen mit anderen Campesinos im "Namen des Volkes" des Verrates bezichtigt und erschossen worden.
Wo mochte nur der Condor bleiben, der regelmäßig vor Sonnenuntergang im hohen Himmel seine Kreise zog? Luciana seufzte aus ihrem geschundenen Herzen. Die Tränen waren seit jener schrecklichen Nacht versiegt.
"Was träumst du hier, du kleines Luder, während deine Geschwister für dich das Essen aus der Erde holen?" Die scharfe Stimme ihrer Mutter holte sie schmerzlich in die andere Wirklichkeit zurück. Sicher war ihr Condor über die Berge davongesegelt in die Dörfer, wo die Kinder glücklich waren. So wie sie, bevor die Männer mit den Gewehren und ihrem "Viva el presidente Gonzalo" auftauchten. Sie stand auf und kehrte auf den Acker zurück.
Die schrillen Schreie ängstigten den Condor, viele Hände griffen nach ihm. Die Dorfbewohner hatten ihn oben im Horst erwischt und er sollte nun am großen Fest mit dem Stier kämpfen. Zuerst zollte er den Peinigern mit seinen Schnabelhieben und seinen scharfen Krallen noch Respekt. Doch nun, ermüdet und kraftlos, bewegungslos wurde er auf den Boden gepresst, während ihm eine schwarze Kappe über den Kopf gestülpt wurde. Der Condor wehrte sich nicht mehr, das waren nicht seine Gefilde, der sonnige Himmel mit seinen starken Windströmungen und die schroffen Felskanten mit den knappen Landeplätzen. Er war verloren, seiner Herrschaft, seiner Freiheit und damit seiner Kraft beraubt.
Luciana dachte viel nach, litt und spürte, dass sie anders war als die anderen Kinder, die nicht fragten und nichts wussten. Sie lernte von den steifen Gräsern, dem knurrenden Magen und dem Tod ihres Vaters. Ihre älteren Geschwister hatten in der Dorfschule lesen und schreiben gelernt. Die Mädchen verließen später ihre Familie, um in Lima tagsüber als Empleada bei einer Señora zu dienen und nachts die Sekundarschule zu besuchen. Das war nun vorbei, die Schule war verraucht, von Mitgliedern des "Leuchtenden Pfades" in die Luft gejagt. Der Presidente Gonzalo wollte keine Kinder, die kapitalistisches Gedankengut lernten. Und die Polizei und die Soldaten waren froh, wieder in die Kasernen von Ayacucho zurückzukehren anstatt die Schule unter steter Bedrohung neu aufzubauen. Aber Luciana wollte lesen und schreiben lernen. Sie hatte zu viel von den glücklichen Kindern gehört, sie hatte sich schon lange entschieden. Sie wollte nicht eines Nachts von Terroristen erschlagen, vergewaltigt oder verschleppt werden, unwissend und ohne die richtige Welt erlebt zu haben.
In der nächsten hellen Mondnacht machte sie sich mit nichts als einem schwarzen Poncho über ihrem dürftigen Kleidchen und ein paar elenden Kartoffeln in einem bunten Hanfsäcklein Richtung Ayacucho auf, wo sie ein Camion nach Lima mitnehmen würde.
Die Bevölkerung des ganzen Pueblos schrie und klatschte dem uralten Schauspiel zu, dem Kampf zwischen dem Stier und dem festgekrallten Condor auf seinem Rücken. Mit blutigem Schaum vor dem Maul brüllte die gemarterte Kreatur in ihrer Qual und versuchte den schrecklichen Plagegeist auf seinem Rücken abzuschütteln. Der von seiner Kapuze befreite Condor war ob dem Gekreische völlig verwirrt und hackte wuchtig in den Widerrist des Toros. Unbarmherzig wühlte er im Rücken und riss die Fleischfetzen heraus.
Luciana trippelte leichtfüßig auf der steinigen Strasse voran. "Ich werde Bücher lesen, schreiben, ich werde glücklich sein", stammelte sie vor sich hin.
Eine Wegstunde vor Ayacucho hielt einer dieser kolossalen Volvolastwagen und ein schwerer Mann in einem dicken Alpacapullover zog sie neben sich auf den abgeschlissenen Führersitz hinauf.
Bei Tagesanbruch fand eine zurückkehrende Ronderospatrouille ein geschändetes kleines Mädchen mit Würgemalen am Hals tot im steifen Gras neben der Straße nach Ayacucho. Der schwarze Poncho daneben konnte nicht aussagen. Wenige Meter entfernt sah ein Condor sich seiner Beute betrogen, die er gerade aufgespürt hatte. Sein linker lahmer Flügel verhinderte ein Aufschwingen in die Lüfte, wo er der Alleinherrscher gewesen war, bevor er auserwählt wurde, den Stier zu töten.



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Eingereicht am 26. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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