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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Melodie

Anne Chlosta


Leise prasselt der Regen an die Fensterscheibe, wie ein Lied klingen seine Tropfen. Die Melodie des Wassers, wie es ans Glas klopft und langsam, gleitend, an ihm herunterfällt. Im Zimmer ist es warm, die Heizung steht auf der höchsten Stufe. Es ist ein kleines Zimmer, schmal und nicht sehr lang, aber dennoch sieht es groß aus. Das Bett, mitten im Raum stehend, sonst nichts. Ansonsten ist der Raum mit den Wänden, die aussehen, als habe jemand Blütenstaub über sie geblasen, vollkommen leer. Keine Bilder, die den Eindruck der Weite stören würden, keine Schränke oder Spiegel. Nur das Bett, das da steht. Die Decke ist sorgfältig über dem Bett ausgebreitet, straff gespanntes Weiß, so genau, dass man Angst hat, die kleinste Berührung möge es zerknittern, seine Unversehrtheit zerstören. Auch im Kissen lässt sich keine Falte erkennen. Makellos steht das Bett im Zimmer, umgeben von den Blütenstaubwänden, als erwarte es jemand. Gäste. Draußen stimmt ein Wind pfeifend in das Wasserlied mit ein, singt mit dem Regen ein Duett. Drinnen gibt die Heizung glucksende Geräusche von sich, sie ergänzt das Lied auf ihre Weise.
Da öffnet sich die Tür, sie geht nach innen auf. Ein Mann tritt ins Zimmer, mit weichen Schritten, vorsichtig auf dem Teppich auftretend. Er bleibt stehen und lauscht. Regungslos steht er neben dem Fußende des Bettes, versucht, so wenig wie möglich zu atmen, damit er die feine Melodie nicht unterbricht. Er lauscht dem Regen, dem Wind und dem Glucksen der Heizung. Der Melodie seines Zimmers. Zögernd gleitet ein Lächeln in seine Mundwinkel, es flackert ein wenig, als wüsste es nicht, ob es bleiben sollte. Dann verschwindet es, zieht in die Augen, in denen nun ein kleiner Funken glitzert. Der Mann summt, fast unmerklich, verschwindend leise, aber er summt. Mischt sich in den Chor der anderen Musiker. Der Regen, der Wind, die Heizung und er. Sie spielen ihr eigenes Lied, basteln sich eine eigene Melodie.
Immer weiter summend, lauschend, geht der Mann zur Tür zurück. Mit einer sanften Hand schließt er sie. Es klickt, als sie ins Schloss einrastet. Dann legt der Mann sich langsam auf das weiße Bett, sein Körper fließt in den weichen Stoff, ohne auch nur die kleinste Falte zu verursachen. Er legt seinen Kopf ins Kissen und blickt an die Decke. Auf der anderen Seite der Scheibe singt der Regen mit dem Wind. Das Glucksen der Heizung folgt ihrer Melodie. Bevor der Mann auf dem Bett die Augen schließt und summend einstimmt, wagt das Lächeln noch einen blitzschnellen Ausflug in seine Mundwinkel. Es huscht in die Augen zurück, man kann es sogar hinter den geschlossen Lidern erkennen. Die Welt ist verstummt, nur die Melodie des Zimmers ist zu hören. Sie vibriert.



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Eingereicht am 16. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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