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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Terror im Treppenhaus

Hannelore Sagorski


Bin gerade 18 Jahre alt geworden, und beziehe meine erste eigene Wohnung, 1- Zimmerapartment hört sich besser an. Mein Freund Jan ist total sauer, weil ich nicht zu ihm ziehe, aber ich will erst mal ganz alleine wohnen. Beim Umzug hilft er ja noch mit, aber dann verabschiedet er sich mit den Worten "Einräumen kannst du ja allein" dabei zieht er die Tür hinter sich ins Schloss. Nicht mal den üblichen Abschiedskuss bekomme ich. Er ist immer noch sauer, benimmt sich wie ein bockiges Kleinkind. Soll er doch, aber ich kann auch bockig sein, mal sehen wer den längeren Atem hat.
Meine gute Laune ist allerdings dahin. Um mich selbst ein wenig aufzuheitern schalte ich das Radio ein, um Musik zu hören. Mit der richtigen Musik geht mir das Einräumen viel leichter von der Hand. Als ich den Karton mit den Lebensmitteln einräume, fällt mir eine Flasche Sekt in die Hand . Mit dem Sekt wollte ich eigentlich mit Jan auf meine eigene Wohnung anstoßen. Sofort sind meine Gedanken wieder bei Jan, und ich ärgere mich über ihn. Jetzt sitzt er bestimmt zu Hause und wartet auf meinen Anruf. Darauf kann er lange warten, und den Sekt trinke ich auch alleine . Da ich die Sektgläser nicht so schnell finden kann, nehme ich einen Kaffeebecher, da passt auch mehr rein, dann brauche ich nicht so oft nachschenken. Richtig schön süffig schmeckt er, und mit zunehmenden Genuss steigere ich die Lautstärke meines Radios. Draußen wird es langsam dunkel, und der Alkohol steigt mir zu Kopf. Das Einräumen habe ich inzwischen aufgegeben. Ich liege nur noch auf dem Bett, und lasse mich von der Musik volldröhnen. Plötzlich klingelt es an meiner Tür. Das ist Jan, schießt es mir durch den Kopf. Schnell springe ich auf und reiße die Tür auf. Mein Blick verfinstert sich sofort. Vor mir steht ein schwankender Hüne mit zwei Bierdosen in der Hand. "Hallo", lallt er, "ich bin dein Nachbar, hab deine Musik gehört, da können wir ja auch zusammen feiern." Dabei streckt er mir eine Bierdose entgegen. Dreist setzt er einen Fuß in meine Tür. Schlagartig bekomme ich es mit der Angst zu tun, wie werde ich diesen Kerl schnell wieder los? Ohne lange zu überlegen gebe ich ihm einen kräftigen Stoß gegen die Brust. Gott sei Dank hat er schon soviel Alkohol konsumiert, dass er kaum noch stehen kann, und so torkelt er zurück auf den Flur, und fällt rücklings auf den Boden. Noch nie habe ich eine Tür so schnell verrammelt, wie in diesem Moment. Meine Knie zittern, und mein Herz rast. Wie konnte ich nur so blöd sein, und die Tür öffnen, ohne vorher durch den Spion zu schauen. Ein lautes Klopfen an der Tür, lässt mir den Schreck noch tiefer in die Glieder fahren. Voller Angst ziehe ich mir die Bettdecke über den Kopf, und höre den Kerl draußen herumpöbeln, dabei schlägt er immer wieder mit der Faust gegen meine Tür. Nach einiger Zeit werden seine Schläge leiser, und dann ist es auf einmal ruhig. Ich schalte das Radio aus, und achte auf jedes Geräusch. Es bleibt ruhig, und so schleiche ich zur Tür, und schaue durch den Spion. Kein Mensch ist mehr zu sehen, aber meine innere Unruhe bleibt. Am liebsten würde ich doch noch bei Jan anrufen und ihm von diesem Vorfall erzählen, aber dann würde ich ihn in seiner Meinung, was meine eigene Wohnung betrifft ja nur bestätigen, und diese Blöße will ich mir auf gar keinen Fall geben.
Die Nacht verläuft sehr unruhig, bei jedem Geräusch schrecke ich zusammen, und es dauert immer lange, bis ich wieder eingeschlafen bin. Am Morgen fühle ich mich wie gerädert, und der Morgen beginnt in diesem Wohnblock ziemlich früh. Ich bekomme einen Vorgeschmack, wie hellhörig es doch in diesem Haus ist. Über mir wird ausgiebig geduscht, und zu meiner rechten streitet ein Paar, ich kann zwar nicht jedes Wort verstehen, aber es geht recht heftig zur Sache. Erst ein lautes Tür knallen lässt wieder Ruhe einkehren, dafür klingelt es an meiner Wohnungstür. Ich zucke zusammen, sollte es vielleicht wieder der Wandschrank von gestern Abend sein? Am besten mach ich die Tür gar nicht erst auf. Da klingelt es auch schon zum zweiten Mal. Langsam schleiche ich zur Tür, und schaue durch den Spion. Gott sei Dank steht nur eine mir fremde Frau vor der Tür. Na ja, ziemlich vertrauenswürdig sieht sie nicht gerade aus, aber ich öffne meine Tür einen Spalt. "Hallo, ich bin Marlies, deine Nachbarin, kannst du mir vielleicht mit etwas Kaffe aushelfen?" Im ersten Moment will ich nein sagen, aber dann tut sie mir leid. Wie sie so dasteht, mit strähnigen Haaren, hängenden Schultern in ihrem viel zu großen Morgenmantel. Schnell hole ich ein Paket Kaffee, und drücke es ihr in die Hand. Sie bedankt sich mit einem Lächeln, und zeigt mir dabei, dass ihr ihre Schneidezähne auch schon vor einiger Zeit abhanden gekommen sind. Dort wo andere Leute ihre Beißerchen haben klafft eine große Lücke. Bei diesem Anblick überzieht eine Gänsehaut meinen Körper, und ich schließe schnell die Tür. Gleichzeitig mach ich mir aber Gedanken, ob sie vielleicht mit dem Kerl von gestern Abend zusammenlebt. Die beiden würden schon ganz gut zusammen passen. Er 1,90 groß, und fast genauso breit, der könnte gut Reklame für Ritter Sport machen, quadratisch, praktisch, gut. Im Stillen aber hoffe ich, dass sich der Typ von gestern an nichts mehr erinnern kann, denn der war so voll, dass er kaum alleine stehen konnte, sonst wäre es mir bestimmt nicht gelungen, ihn mit einem einzigen Stoß zu Fall zu bringen. Ein bisschen sauer bin ich aber auch auf Jan, hätte er gestern nicht die beleidigte Leberwurst gespielt, wäre der Abend ganz anders verlaufen.
An Schlafen ist heute morgen nicht mehr zu denken. Von allen Seiten werde ich mit undefinierbaren Geräuschen berieselt. Wenn das jeden Morgen so geht werde ich wohl noch zum Frühaufsteher, aber vielleicht bin ich heute auch nur besonders empfindlich. Ein starker Kaffee wird mich bestimmt etwas aufmuntern. Als ich die Kaffeefilter aus dem Schrank nehme, fällt mir ein, dass ich, großzügig wie ich nun mal bin, meinen Kaffee vor einigen Minuten meiner Nachbarin gegeben habe. Schöne Scheiße, jetzt muss ich auch noch auf meinen geliebten Kaffee verzichten. Ich glaube, diese Wohnung bringt mir kein Glück, erst die Nörgelei von Jan, und dann lässt er mich hier auch noch die erste Nacht allein. Ein bisschen bereue ich schon, dass ich unbedingt meinen Kopf durchsetzen musste, aber da muss ich jetzt durch, und schlimmer kann es eigentlich nicht mehr werden.
Auf Frühstück verzichte ich heute Morgen, ohne Kaffee würde mir sowieso nichts schmecken. Stattdessen räume ich meine restlichen Sachen ein. Das geht ruck zuck, und am Ende schlage ich noch einige Nägel in die Wand um ein paar Bilder aufzuhängen. Diese Arbeit dauert etwas länger, weil ich nämlich nur ganz sachte mit dem Hammer zuschlage, bei voller Wucht würde mein Hammer bestimmt in der Nachbarwohnung landen, so dünn schätze ich die Wände ein. Mit dem Ergebnis bin ich aber sehr zufrieden, durch die Bilder und Fotos wirkt mein kleines Reich jetzt richtig wohnlich, und etwas Freude, über meine erste eigene Wohnung kommt auch auf. Dafür meldet sich mein Magen, richtig Heißhunger habe ich, auf ein lecker belegtes Brötchen, und den Kaffee kann ich förmlich riechen. Ich will sowieso noch in die Stadt, da kann ich auch unterwegs etwas essen. Schnell noch mal Kassensturz gemacht, na ja, Reichtümer sind es ja gerade nicht, aber für ein paar neue Klamotten wird es schon reichen. Bevor ich meine Wohnung verlasse, und auf den Flur hinaustrete, schaue ich angespannt nach rechts und links, auf eine Begegnung mit irgendeinem Nachbarn ist mir nun wirklich nicht zumute. Die Luft ist rein, und so husche ich schnell über den Flur und springe die Eingangstreppe hinunter.
Gleich im ersten Stehcafe auf meinem Weg bestelle ich mir erst mal zwei belegte Brötchen und einen Pott Kaffe Einfach lecker so ein Frühstück, besonders, wenn man schon seine Wohnung in Ordnung gebracht hat. Der zweite Pott Kaffee weckt dann auch meine restlichen Lebensgeister, und ich mache mich gut gelaunt auf den Weg in die Innenstadt. Hier schlendere ich langsam durch die Einkaufspassagen, und kaufe mir ein paar richtig schöne Klamotten.
Auf dem Weg nach Hause beschleichen mich unangenehme Gedanken. Wenn ich an gestern Abend denke bekomme ich eine Gänsehaut. Meine Schritte werden immer kürzer und langsamer, aber irgendwann stehe ich doch vor meinem Wohnblock. Heute wirkt er irgendwie bedrohlich auf mich. Bevor ich die Treppe hinaufsteige schaue ich mich nach allen Seiten um und halte Ausschau nach einem großen, breiten Mann, dem möchte ich nämlich nicht gern begegnen. Vor der Eingangstür bleibe ich kurz stehen, mal sehen, ob der Hausmeister mein Türschild schon angebracht hat. Und richtig, ganz unten steht in kleinen Buchstaben "Tessa Laubinger." Für mich ist es schon ein komisches Gefühl, zum ersten Mal den eigenen Namen auf einem Türschild zu lesen. Gestern hätte ich mich noch darüber gefreut, aber heute wünsche ich mir, ich wäre bei Jan eingezogen. Aber es nützt alles nichts, meine Mutter hat immer gesagt: "Die Suppe, die man sich einbrockt, muss man auch auslöffeln", und das werde ich auch tun. Hastig biege ich um die Ecke vom Hausflur. Ein harter Aufprall bringt mich abrupt zum Stehen. Als ich nach oben schaue, erkenne ich den Typen von gestern Abend. Vor Schreck lasse ich sämtliche Einkaufstüten fallen und gehe drei Schritte zurück. "Kannst du nicht aufpassen, du blöde Gans", zischt er mich an, und stapft an mir vorbei. Es dauert einen Moment, aber dann raffe ich schnell meine Tüten zusammen, und laufe zu meiner Eingangstür. Vor Aufregung fällt mir noch der Wohnungsschlüssel aus der Hand, und es dauert eine Weile, bis ich mit meinen zittrigen Händen die Wohnung aufgeschlossen habe, dabei geht mein Blick ständig den Flur entlang, um zu sehen, ob der Typ mich noch verfolgt. Erst als ich von innen alles verrammelt und verriegelt habe werde ich etwas ruhiger, und kann meine Gedanken ordnen. Erkannt hat er mich anscheinend nicht, und meine Reaktion kommt mir ziemlich übertrieben vor. Wahrscheinlich schaue ich mir zu viele Krimis im Fernsehen an, aber zur Sicherheit werfe ich doch noch mal einen Blick unter mein Bett und in den Schrank, damit ich auch sicher bin, dass ich allein in meiner Wohnung bin. Wie vermutet, kein Mensch oder Monster hat sich in meine Wohnung verirrt. Langsam lasse ich mich auf den Sessel in der Ecke fallen, und lasse meinen Blick durch mein Zimmer streifen. Unzufriedenheit macht sich breit, gern hätte ich jemanden meine Einkäufe vorgeführt, aber ich bin allein. Das wird mir jetzt zum ersten Mal richtig bewusst. Welcher Teufel hat mich nur geritten, auf eine eigene Wohnung zu bestehen, und das, obwohl Jan eine schöne 3-Zimmerwohnung hat. Meine Augen werden ein wenig feucht, aber ich will jetzt nicht auch noch heulen und so schalte ich den Fernseher ein, um mich ein wenig abzulenken. Nützt aber nicht viel, mit meinen Gedanken bin ich immer wieder bei Jan. Wenigstens anrufen könnte er, aber das Telefon bleibt stumm. Vielleicht sollte ich ihn anrufen - aber nein, das würde ja aussehen wie zu Kreuze kriechen, das mach ich auf keinen Fall, lieber bleibe ich für den Rest meines Lebens allein.
Stunde um Stunde vergeht, und meine leise Hoffnung, Jan würde sich doch noch melden erfüllt sich nicht. Ablenkung ist jetzt das beste Rezept, und so krame ich meine Bücher aus dem Schrank, da müssten noch zwei oder drei dabei sein, die ich noch nicht gelesen habe. Als erstes fällt mir Stephan King in die Hände, Psycho- Krimi, ob das die richtige Lektüre ist? Aber Gaby Hauptmanns impotenter Mann reizt mich auch nicht gerade, und so versinke ich wenig später mit meinem Krimi in einer Traumwelt aus Rache Mord und Verfolgung. Das Buch ist so spannend, dass ich fast glaube, ich nehme selbst am Geschehen teil. Gerade als der Mörder zum fünften Mal zuschlägt den Arm hebt, um sein Opfer zu erstechen, klingelt das Telefon. Mir fährt der Schreck so in die Glieder, dass ich fast vom Bett falle. Augenblicklich bin ich zurück in der Wirklichkeit. Welcher Idiot ruft mich jetzt an? Es könnte Jan sein, aber mit dem will ich heute nicht mehr reden, und so lasse ich es klingeln. Es klingelt erneut in kurzen Abständen, und meine Ruhe zum Lesen ist vorbei. Genervt gehe ich zum Fenster und schaue hinaus. Draußen wird es langsam dunkel, es muss also schon etwas später sein. Ein Blick auf den Wecker sagt mir, dass es schon zehn Uhr durch ist. Da kann ich auch gleich schlafen gehen, aber vorher muss ich noch irgend etwas Essbares finden. Die Suche gestaltet sich schwierig, habe ich doch noch nicht richtig eingekauft. Meinen Kaffee habe ich Marlies überlassen, den werde ich wohl auch nicht wiedersehen. Am Ende bleibt nur die Wahl zwischen Knäcke und Tee oder Chips und Cola. Damit ich mich nicht noch großartig bewegen muss, entscheide ich mich für Chips und Cola. Schnell noch den Fernseher eingeschaltet, Cola und Chips stehen bereit, die Fernbedienung muss auch mit, schließlich will ich nicht mehr aufstehen, bevor ich einschlafe. Das Fernsehprogramm wird rauf und runter geschaltet, aber überall nur Müll, und als ich meine Chipstüte leer gemuffelt habe, drücke ich einfach die Aus-Taste. Eigentlich sollte ich mich noch waschen und Zähne putzen, aber wozu, mich küsst heute sowieso keiner mehr. Außerdem ist es heute so schön ruhig, da kann ich bestimmt gut einschlafen.
Die Ruhe ist aber nicht von langer Dauer. Ich bin gerade dabei ins Traumland abzugleiten, da dringt Gegröle und Gekicher vom Flur an mein Ohr. Oh ne, - nicht schon wieder, denke ich. Im Dunkeln taste ich mich vor zum Spion, und presse mein Auge ganz fest an das kleine Guckloch. Ein paar merkwürdige Gestalten stehen auf dem Flur, anscheinend wollen sie zu meinem Nachbarn, aber ich kann ja nicht um die Ecke gucken. Komische Typen, die sehen aus, als würden sie sonst auf der Parkbank übernachten. Jetzt wird ihnen auch noch aufgemacht, und sie verschwinden vom Flur. Ich gehe zurück in mein Zimmer und höre sie jetzt aus der Nebenwohnung. Ein unüberhörbares Stimmengewirr überschwemmt meinen Gehörgang, es nervt, und dabei soll man auch noch schlafen. Eine zeitlang versuche ich mich zusammenzureißen, aber es wird immer lauter. Am schlimmsten aber ist dieses Stühlerücken, und ständig wird mit irgendwelchen Gegenständen auf den Tisch geklopft, hört sich an wie Bierflaschen. Und dann wird auch noch der Plattenspieler angestellt. Ich höre zwar nicht mehr dieses Stimmengewirr, dafür muss ich mir Roy Black, Heino oder Tony Marschall anhören. Tony Marschall scheint ihr Lieblingsinterpret zu sein, alle zehn Minuten muss ich mir Schöne Maid anhören. Ich kannte den Text gar nicht, aber jetzt kann ich ihn schon mitsingen. Nach etwa einer Stunde ist meine Geduld am Ende, ich könnte mit dem Kopf gegen die Wand laufen. Wütend trommle ich mit der Faust gegen die Wand, während ich schreie: "Hoffentlich ist bald Ruhe da drüben, sonst hole ich die Bullen!" Die Stimmen sind auf einmal verstummt, dafür bricht Sekunden später dröhnendes Gelächter aus. Hätte ich mir gleich denken können, dass die mich nicht für voll nehmen, aber ich brauche erst mal etwas Ruhe, ziehe mich an, und verlasse die Wohnung. Wütend stapfe ich ein paar mal vorm Wohnblock auf und ab, und gehe dann Richtung U-Bahn Dort angekommen, frage ich mich, was ich hier eigentlich will. Ich laufe doch nicht vor so einem kleinen Problemchen davon. Sofort trete ich den Rückweg an. Diesmal gehe ich ziemlich langsam, in der leisen Hoffnung, dass sich mein Problem in der Zwischenzeit von alleine löst. Schon auf dem Flur höre ich, Tony Marschall ist immer noch auf der Suche nach seiner schönen Maid, aber irgendetwas ist anders als vorhin. In meinem Zimmer lege ich mein Ohr an die Wand, um zu horchen, und jetzt fällt es mir auf, ich höre keine Stimmen mehr, dafür scheint die Platte einen Sprung zu haben. Tony singt immer den einen Satz, schöne Maid, hast heut für mich Zeit, dann kommt ein Knacken, und alles geht von vorne los. Wenn das jetzt noch eine Stunde so weiter geht, bin ich reif für die Klapse, also greife ich zum Telefon und wähle 110. Ein freundlicher Beamter hört sich meine Beschwerde an und verspricht einen Streifenwagen zu schicken, kann allerdings eine Weile dauern. Etwas erleichtert lege ich den Hörer wieder auf, aber was heißt eigentlich eine Weile? Und was ist, wenn die Beamten kommen, und es ist mucksmäuschenstill in der Nachbarwohnung, da krieg ich eventuell noch ne Anzeige an den Hals wegen Falschaussage. Klar, dass ich mir jetzt wünsche, dass Tony auf keinen Fall aufhört zu singen.
Bei jedem Geräusch vom Flur schaue ich durch den Spion, aber die Beamten lassen auf sich warten. Endlich nach einer halben Stunde sehe ich zwei Weißmützen den Flur entlang kommen. Ich öffne kurz meine Tür, und deute auf die Nachbarwohnung. "Ist schon gut, gehen Sie bitte zurück in ihre Wohnung, wir machen das schon", sagt einer der Beamten. Typisch, jetzt wo es spannend wird, soll ich verschwinden. Beleidigt ziehe ich mich zurück, lasse die Tür einen ganz kleinen Spalt auf, schließlich will ich mitkriegen was hier jetzt abgeht. Die Beamten beginnen zu klingeln und klopfen, und mit dem üblichen Spruch "Machen sie die Tür auf, Polizei." Aber es dauert echt lange, bis endlich die Tür aufgeht. Kleines Wortgeplänkel, und dann verschwinden die beiden Beamten in der Wohnung. Einen Augenblick später ist es still, richtig unheimlich. Als ich noch mal auf den Flur hinaus schaue, sehe ich, wie die Beamten gerade das Haus verlassen. Inzwischen ist es drei Uhr vorbei, und ich ziemlich geschafft. Ich will nur noch schlafen, hoffentlich ist morgen früh wenigstens etwas Ruhe, und wenn es die nächsten Tage nicht ruhiger wird, werde ich bei Jan zu Kreuze kriechen.



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Eingereicht am 13. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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