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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Essen ist schwul

derda


Holger hat noch keinen Hunger. Petra ist es noch zu früh. Emma würde lieber kochen. Iwan macht es viel zu dick. Rosi hat jetzt nicht das Geld. Detlef findet all das Scheiße. Sagt aber nichts. Das geht eine Weile so weiter, und als dann im Fernsehen auch nichts kommt, einigt man sich auf die Pizzeria an der Ecke. Petra hilft Emma in die Jacke, Emma macht es ihr nach, und als Holger es auch nachmacht, da machen es alle nach. Holger freut sich, und als alle ihre Jacken an haben, muss Petra aufs Klo. "Man kann ja nie wissen", erklärt sie sich, "und sicher ist sicher." Iwan glaubt zu beobachten, dass die Bemerkung bei Emma und Rosi und sogar bei Holger Nervosität auslöst. "Es ist nicht weit", beruhigt er sie "und dort gibt es sicherlich auch ein Klo." Die drei nicken. "Wenn ich mal ein Kind wo habe", stellt Holger klar, "und ich gehe mit dem aus der Tür, na dann wird das Klo das letzte sein, was mir in den Mund kommt." Iwan nickt zurück, auch wenn er die Formulierung für reichlich verunglückt hält. Er ist gebürtiger Ukrainer und hat die deutsche Sprache zu seiner Lebensaufgabe gemacht, wenn er nicht gerade mit seinem Großvater am Chornogorasee angelt. Jetzt spielt er mit dem Reißverschluss seiner Jacke, bis Petra zurück kommt. Das Geräusch ist es, was ihm Freude macht. Er zieht den Verschluss von ganz oben nach ganz unten und wieder zurück. Petra ist fertig, und die Freunde machen sich auf den Weg. Es ist Winter. Draußen liegt eine feste Schneedecke.
Zehn Minuten später sitzen sie am Tisch. "Ich habe doch gesagt, dass es nicht weit ist", sagt Iwan und winkt den Kellner heran. Sie bestellen Bier und fragen nach den Menükarten. Weitere zehn Minuten später schickt Detlef den Kellner mit den Worten "Essen ist schwul" in die Küche. Die anderen haben Pizza bestellt. "Du kannst bei mir mitessen!" versucht es Rosi. Sie begreift zu dem Zeitpunkt nicht, dass Detlef es ernst meint. "Wo du doch kein Geld hast!" beschwert sich Petra, "nein, dann iss lieber bei mir mit!" Sie schiebt Detlef ihren Teller entgegen. "Essen ist schwul!" wiederholt er sich und nickt dazu bekräftigend. Petra zieht ihren Teller zurück. Emma wirft ihm einen missbilligenden Blick zu. "Also wenn überhaupt mein Lieber, dann macht Essen schwul, aber wie um alles in der Welt kann Essen eine, eine ..." "... geschlechtliche Neigung haben?" hilft ihr Iwan. "Genau!" bestätigt Emma, "Wie um alles in der Welt kann ein paniertes Schnitzel schwul sein?!" "Woher überhaupt willst du das wissen?" mischt Rosi sich ein und macht eine wegwerfende Handbewegung. "Selbst die Schimpansen ficken einander in den Arsch." "Womit wir beim Thema wären!" freut sich eine Frau, die mit dem Rücken zur Bar auf einem Barhocker sitzt, den Tisch beobachtet und unter ihrem Rock nichts weiter trägt als die Spirale. Schimpansen, denkt Iwan, lateinisch Pan troglodytes, aber wen interessiert das schon. "Schwul", mischt auch er sich jetzt ein, "ist ein Adjektiv, das sich verselbstständigt hat, und das somit universal verwendbar ist." Er hält die Luft an und lässt das Gesagte wirken. Die Freunde gucken an die Decke oder ins Bierglas. "Ihr elendigen Wortfiesler", sagt Detlef schließlich, "das verfickte Essen ist schwul." Der Kellner kommt mit den Pizzas. Bis die verteilt sind, herrscht erneutes Schweigen. Der Kellner entfernt sich. Sie prosten sich zu. "Na eins kann ich dir sagen, mein Lieber ...", sagt Emma und nähert sich mit ihrer Nase einer Sardelle und atmet extra tief durch. Dann hebt sie ihren Blick und wirft ihn in die Runde. "... homo ist sie nicht." Das finden plötzlich alle so lustig, dass sie gemeinsam lachen, ja selbst Detlef lacht mit, und die Stimmung erreicht ihren Höhepunkt. "Also Mahlzeit", verkündet Holger, "jetzt habe sogar ich Hunger."
Während die anderen ihre Pizzas essen, trinkt Detlef vier weitere Biere. Iwan beobachtet ihn. Er holt die Kapern von seiner Pizza und legt sie an den Tellerrand, eine neben die andere. Detlef hat zwar einen Grund für eine Magersucht gefunden, überlegt Iwan, aber vor dem Verhungern wird ihn das nicht retten. Iwan ist der einzige am Tisch, der die Entschlossenheit des Freundes erkennt. Denn wer nichts isst, der stirbt, überlegt er weiter, und reduziert somit die Sachlage auf eine simple Formel. Er mag simple Formeln, in der Kunst, der Wissenschaft, dem Angelgerät und überhaupt, auch wenn seine Ausdrucksweise selten darauf schließen lässt. Er ist mit seiner Pizza fertig und nimmt eine Kaper zwischen Daumen und Zeigefinger. Bier macht auch satt, überlegt Iwan, aber es macht auch noch ganz andere Dinge. Er wirft sich die Kaper in den Mund und zerkaut sie zu Brei. Das Beste zum Schluss, überlegt er weiter und wirft die restlichen Kapern, eine nach der anderen, hinterher.



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Eingereicht am 13. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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