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Das verrückte Huhn

Von Kornelia Jäger


Es ist allgemein bekannt, das jede Familie ein schwarzes Schaf hat. Wer das bei Krügers ist kann man nicht genau sagen, aber diese Familie hat mit Sicherheit ein verrücktes Huhn. Und das ist Mona. Es ist weder so, dass sie immer einen Scherz auf den Lippen hätte, noch dass ihr extravagantes Äußeres auf die Bezeichnung verrücktes Huhn Rückschlüsse ziehen ließe. Zu dem Titel verrücktes Huhn kam Mona wohl eher, da des öfteren mit ihr die Phantasie Durchging und Sie dieses dann immer zum Leid ihrer Mitbewohner Kund tat .
Im Alter von zehn Jahren beglückte klein Mona Ihre fünf Jahre ältere Schwerster, die mit Ihr ein Zimmer teilen musste, am Abend mit selbsterdachten Seemannsliedern. Warum gerade Seemannslieder? Keine Ahnung! Wo sie doch niemals über die Grenzen des Ruhrgebietes hinausgekommen war, ihr Vater täglich auf Zeche "Heinrich Robert" Einfuhr und weder Sie noch ihre Mutter schwimmen konnten. Denn das einzige größere Gewässer mit dem Mona in Kontakt kam war das wöchentliche Badewasser in der heimischen Zinkwanne. Woher auch immer, die Worte fielen Ihr nur so zu und Sie schmetterte aus voller Kehle. Es machte riesigen Spaß und siehe da SIE FÜHLTE SICH GUT!
Mit dreizehn hatte Mona die Seefahrt längst hinter sich gelassen und ein Jammertal der Gefühle bestimmte Ihr Leben. Keiner hörte Ihr zu, Keiner nahm Sie ernst, Keiner liebte Sie.
Um sich dem Teddybären anzuvertrauen, wie es Kinder tun, war Sie zu alt. Um sich Ihrem Friseur anzuvertrauen , wie es Frauen tun, war Sie zu jung. So vertraute sich das hormongestörte verrückte Huhn dem Papier an. Das Papier war so geduldig . Mit glasigen Augen schrieb Mona:
Am Tag musst du Lachen damit keiner sieht,
was mit dir los ist was wirklich geschieht.
Doch dann kommt der Abend, nun bist du allein.
Die Tränen sie fließen ins Dunkel hinein!
Oder aber....
Aus der Schule kommst du bald,
alles um einen wirkt so kalt.
Du hörst nur wird endlich Erwachsen, hart wie Stein.
Doch ist es so schlimm noch ein Kind zu sein?
Oh ja, alles was Sie bewegte verfasste Sie in herzzerreißende Reime. Für den Kenner wohl weniger etwas fürs Herz, und wohl eher was zu zerreißen, aber egal. Danach ging es Mona viel, viel besser. Der Kummer war verflogen und siehe da SIE FÜHLTE SICH GUT!
Die Jahre vergingen. Auch Mona überlebte wie so viele andere die Pubertät, Sie verliebte sich, heiratete und bekam Kinder. Da war der Haushalt, der Mann, 24 Stunden lang die lieben Kleinen. Also der "ganz normale Wahnsinn". Der Alltag verlangte Ihr einiges an Nervenstärke ab. Es gab kein Ich mehr, nur noch ein Ihr. Am Abend konnte Sie nicht mehr phantasieren. Völlig erschöpft fiel Mona ins Bett. Mit der Phantasie verschwand auch Ihre lebensfrohe, schöpferische Leidenschaft. Aus Mona musste Monika werden. Kein Platz für Lob und Träume. Nur Kritik und Aufopferung.
Dann als die Kinder Älter geworden waren hatte Monika auf einmal wieder etwas mehr Zeit. Zeit für sich. Doch mit dieser Zeit musste Sie erst wieder lernen umzugehen. Zu Beginn dachte Sie du kannst nichts Anfangen, jeden Moment werden die Kinder dich wieder brauchen. Irrtum! Die Gebrauchsabstände wurden immer länger. Mit den längeren Gebrauchsabständen kam endlich Ihre Phantasie wieder zurück. Monika träumte die romantischsten Augenblicke, die spannendesten Abenteuer und die lustigsten Erlebnisse. Nach und nach fing Sie an wieder etwas zu Papier zu bringen. Obwohl einen klitzekleinen Haken hatte die Sache. Sie schrieb nur Kindergeschichten. Man löst sich eben doch nicht so schnell als Mutter. Es hatte aber einen wundervollen Vorteil. SIE FÜHLTE SICH SEIT LANGER ZEIT SO RICHTIG GUT!
Heute ist Monika vierzig Jahre alt oder jung, das kann man sehen wie man will. Der Alltag ist nicht mehr Stressig, sondern Interessant geworden. Ständig nervt Sie Ihre Kinder, die noch immer eine Wohnung mit Ihr teilen müssen mit banalen Tageserlebnissen, wovon Sie behauptet "davon könnte man ein Buch schreiben! Ich habe auch schon einen Titel". Der Wunsch ein Buch zu schreiben wird stärker und stärker. An Ideen mangelt es nicht. Sie hat so viel heiße Luft in sich und braucht nur noch ein Ventil das Ihr hilft diese heraus zu lassen. Aber irgendwann wird Monika auch dieses finden. Und dann- Wer weiß wird aus dem verrückten Huhn irgendwann einmal ein stolzer Schwan!



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Eingereicht am 10. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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