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The Devils Chase - Teufelshatz (Auszug)

Christian Klinger


Giuliano war bei der letzten Sequenz angelangt. Er löschte die im Aschenbecher glosende Zigarette und nahm einen Schluck Kaffee. Der Kaffee war kalt und schmeckte bitter. Er rieb sich die Augen, die ihn nach dreizehn Stunden ununterbrochener Arbeit am Computer schmerzten. Er wusste nicht genau, welche Tageszeit gerade war, da er die Jalousien schon seit Wochen heruntergelassen hatte. Im Raum war der Geschmack von kaltem Rauch allgegenwärtig und vereinzelte Schwaden umspielten die nüchtern leuchtende Halogenlampe, die oberhalb des Computerbildschirmes angeknipst war. Der Raum wurde zwischendurch vom Blinken und Blitzen des Monitors erhellt.
Giuliano hämmerte wie ein Verrückter auf die Tastatur und generierte einen Code nach dem anderen. Immer nachdem er eine neue Phase abgeschlossen hatte, lud er die aktuellste Demoversion auf den zweiten Rechner und testete die Laufstabilität. Die Grafik war beeindruckend und überraschte selbst ihn als alten Spielefreak. Als man ihm den Auftrag vor drei Monaten angeboten hatte, wollte er noch ablehnen, da er sich die geforderten Effekte gar nicht zugetraut hätte. Nach seiner Einschätzung hätte man dazu ein Team, wo eben jeder seinen speziellen Part abdecken konnte, betrauen müssen, doch der Auftraggeber, mit dem er bislang nur über Mittelsmänner zu tun gehabt hatte, bestand auf die alleinige Ausführung durch Giuliano, da man die höchste Geheimhaltung sichern wollte. Dafür hatte man ihm einzelne Programmcodes schon fertig entwickelt zur Verfügung gestellt, die er nur mehr implementiert hatte.
Während er seine Zahlenreihen schrieb, traten bei jeder Tippbewegung die Knöchel seiner Hände hervor. Wie knöcherne Hügel ragten sie empor, einmal angehoben, dann wieder gesenkt, dazu der monotone Takt der Tastatur. Die Haut hing schlaff von den abgemagerten Fingern herab und besaß kaum mehr Spannkraft. Obwohl er sich regelmäßig über Internet beim Pizzaservice oder bei der Bar unten im Haus etwas kommen ließ, vergaß er dann das Bestellte zu sich zu nehmen. Überall im Raum stapelten sich schon die Kartons dieser Schnelldienste. Teilweise drang aus den Schachteln schon ein unangenehmer Geruch, der in der stickigen Atmosphäre des Raumes schon ein Vorbote baldiger Verwesung war. Irgendetwas zwang ihn dazu, Tag und Nacht an der Entwicklung dieses Spiels zu arbeiten. Er war richtig besessen davon, möglichst bald damit fertig zu werden. Sein Gesicht war unrasiert und an den Schläfen war er trotz seines jungen Alters schon ergraut. Die Haut war fahl und sein Körper erschien hager und schwach. Zum Schlafen war er wenig gekommen. Er fiel eher kurz in einen tranceähnlichen Fieberzustand, aus dem er von einem Albtraum nassgeschwitzt aufschreckte und sich dann sogleich wieder an die Arbeit machte. Obwohl er erst Mitte dreißig war, hatte sich sein Körper verbraucht wie der eines Siebzigjährigen. Seine Nachbarn hätten in ihm wohl kaum mehr den smarten, erfolgreichen Jungunternehmer erkannt, der sich schon ein Jahr nachdem er sich selbständig gemacht hatte, eine Wohnung in dem schicken Glaspalast in der Nähe der Mailänder Galleria im Zentrum der Stadt leisten konnte. Die Wohnung war seiner Karriere entsprechend mit wenigen, dafür teuren Designermöbeln ausgestattet und von dem kleinen Balkon aus konnte man sowohl auf die Scala als auch auf den Dom blicken. Im Schrank hingen Maßanzüge aus feinstem Tuch und in der Garage stand ein Sportwagen, die klassischen Symbole für Erfolg und guten Geschmack. Jetzt verließ er aber so gut wie kaum mehr das Haus, und wenn, dann nur, um eine Zeitung zu kaufen oder schnell auf einen Kaffee in die Bar unten im Haus zu gehen. Dabei trug er den alten grauen Jogginganzug aus seinen Tagen als Informatikstudent, der ihm von Tag zu Tag immer weiter am Körper hing. Aber auch diese Ausgänge reduzierte er, vor allem deswegen, weil es ihm auf die Nerven ging, ständig Fragen nach seiner Gesundheit zu beantworten. Er war sicher überarbeitet, aber der Auftrag war es wert. Wenn sein Kunde zufrieden war und ihm die volle Summe Geldes, die vereinbart war, bezahlte, könnte er sich sofort zur Ruhe setzen und das Leben in vollen Zügen genießen oder er vergrößerte ein Unternehmen, stellte Leute ein und ließ fortan nur mehr für sich arbeiten.
Er war soeben fertig geworden und hatte begonnen, die gewünschten Sicherungskopien zu erstellen, als es an der Tür läutete. Giuliano erhob sich mühsam von seinem Drehsessel und musste sich dabei auf die Tischplatte aufstützen. Seine Knie schmerzten und als er stand, spürte er einen leichten Schwindel. Das Zimmer drehte sich und ihm war schwarz vor Augen. Dieser Zustand dauerte aber nur einige Sekunden, dann hatte er sich wieder gefangen und schritt zur Türe, von wo das Geläute der Klingel immer eindringlicher auf ihn niederschmetterte. Der Ton war unerträglich geworden und er glaubte, das Dröhnen in seinem Kopf würde seinen Schädel zum Platzen bringen. Zwei dicke Tropfen Blutes traten aus beiden Ohrmuscheln aus und rannen heiß über seine linke und die rechte Wange und hinterließen dort ihre kirschrote Spur. Giuliano öffnete mit schmerzverzerrtem Gesicht die Türe.
"Was wollen Sie?" kam es mit schwacher Stimme über seine Lippen. Er betrachtete den Mann, der ihm gegenüberstand, die Augen mit einer dunklen Sonnenbrille verdeckt, etwas, das in Italien, noch dazu in der Modemetropole Mailand, auch im Winter kein ungewöhnlicher Anblick war. Seine Erscheinung war ansonsten imposant. Großgewachsen war er von schlanker, aber kräftiger Statur. Sein Gesicht war dennoch hager und die Backenknochen traten leicht hervor. Der Mund war schmal und thronte über einem Kinn, das spitz wie ein Felsvorsprung seinen Kopf noch stärker in die Länge zog. Trotz der abgedunkelten Brillengläser konnte Giuliano seinen stechenden Blick, der auf ihm, so wie der Blick des Greifvogels auf seiner Beute ruhte, wahrnehmen.
Der Fremde stellte sich vor. "Gestatten, mein Name ist Valenzio, Dottore Valenzio, ich komme von der Games Incorporated."
"Sehr erfreut, Dottore, kommen Sie doch herein. Verzeihen Sie bitte die Unordnung hier, aber ich bin in letzter Zeit kaum zu etwas anderem gekommen, als den Auftrag für Sie zu erledigen. Darf ich Ihnen etwas anbieten ?" Giuliano versuchte seine Angeschlagenheit mit der Rolle des guten Gastgebers zu überspielen. Dottore Valenzio schritt durch den Vorraum gleich in das Zimmer und blickte sich darin um, bis sein Blick auf den Computern hängen blieb.
"Wollen Sie nicht ablegen?" Giuliano deutete auf den schweren Mantel des Doktors, dieser machte aber eine verneinende Geste, bevor er sich an den Computertisch setzte. Er begann mit Maus und Tastatur Befehle in den Computer zu tippen, während er, diesem den Rücken zugewandt, zu Giuliano sprach: "Wir haben Kunde davon bekommen, dass Sie fertig sind. Sollten Sie sich nicht umgehend mit uns in Verbindung setzen, wenn es soweit ist?"
"Aber," antwortete Giuliano verlegen, "ich bin doch gerade eben erst fertig geworden. Ich wollte, zunächst darüber schlafen, was ich die letzten Wochen viel zu wenig gemacht habe und morgen dann ausgeruht einen kompletten Test durchführen. Außerdem bin ich noch in der Zeit."
"Ist schon in Ordnung," meinte der Dottore beschwichtigend. Doch in seiner Stimme lag keine Milde, was Giuliano beunruhigte. "Das mit dem Test können Sie sich sparen, das Spiel läuft stabil, ich werde es gleich mitnehmen. Wie viele Sicherungskopien haben Sie gemacht?"
"Fünf, wie vereinbart."
"Gut, ich muss auch die Festplatten Ihrer Computer ausbauen." Er zückte einen Schraubenzieher und verschwand unter der Arbeitsplatte des Computertisches. Ein Monitor nach dem anderen erlosch mit einem Lichtpunkt in der Mitte der Bildröhre. Zögerlich blickte Giuliano unter seinen Schreibtisch, wo er den Fremden nach dessen Lust und Laune gewähren ließ. Nach einigen Momenten des Schweigens rang er sich doch zu der Frage durch, die ihn schon seit dem Auftauchen des Fremden beschäftigte. "Wieso wussten Sie eigentlich, dass ich heute fertig geworden bin?"
Der Dottore kroch unter dem Tisch hervor, legte die Festplatten aufeinander geschlichtet ab und glättete sich seinen Mantel. "Das war einfach, da Sie ständig über diese Standleitung mit unserer EDV-Zentrale in Verbindung gestanden sind." Er deutete auf einen dünnen Draht, der von dem einen Computer weg zur Wand führte und dort verschwand. "Das Haus hier gehört einer unserer Tochtergesellschaften. Sie waren immer online, mein Freund. Jeder Ihrer Fortschritte ist bei uns dokumentiert worden und das Endergebnis Ihrer Bemühungen wird gerade vervielfältigt und geht morgen in den Vertrieb. Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Man muss der Konkurrenz immer einen Schritt voraus sein."
"Ich verstehe." Giuliano war verunsichert und es fröstelte ihn. Der Draht war ihm die ganze Zeit über nicht aufgefallen. Normalerweise ließ er nicht so mit sich umspringen, sonst wäre er nicht einer der Erfolgreichsten in seinem Metier geworden. Aber irgendetwas beunruhigte ihn bei seinem Besucher, was es ihm angebracht erscheinen ließ, besser nicht zu sehr auf Konfrontationskurs zu gehen. "Wozu brauchen Sie dann noch die Sicherungskopien und die Festplatten?"
"Reine Vorsichtsmaßnahme, das sollten Sie doch kennen."
"Ja natürlich. Und wenn ich fragen darf, wie sieht es jetzt mit der Bezahlung aus, wenn für Sie schon klar ist, dass das Produkt zu Ihrer Zufriedenheit läuft."
Jetzt begann der Dottore doch zu lächeln, obwohl es eher ein kaltes Lächeln, das mehr an hämisches Grinsen erinnerte, war. "Natürlich, keine Sorge, ich habe hier einen Scheck für Sie, den Sie ab morgen bei Ihrer Bank einlösen können. Wir geben allen, die für uns arbeiten, ihren gerechten Lohn. Auf Wiedersehen!"
Er packte die Festplatten und CD-Roms unter seinen Arm und ging zur Türe, die Giuliano bereits für ihn geöffnet hatte. Kaum war der Fremde weg, betrachtete Giuliano den Scheck. Dreihundert tausend Euro war die Summe, die eingesetzt war. Die vereinbarte Höchstsumme. Mit den fünfzigtausend Euro, die er bei Auftragserteilung in bar erhalten hatte, machte das eine schöne Stange Geld, mit der sich einiges anfangen ließ. Seine Auftraggeber waren mehr als großzügig gewesen, auch wenn ihm all die Mittelsmänner, die die Incorporated geschickt hatte, unheimlich gewesen waren. Er wollte ab heute wieder beginnen zu leben. Er merkte, wie sein Körper von der vielen Arbeit ausgelaugt war. Besser wäre es, sich unten in der Bar noch einen Drink und ein Tramezzino zu gönnen und dann zu Bett zu gehen und den versäumten Schlaf nachholen. Zur Stärkung wollte er sich aber vorweg einen Martini genehmigen. Die Räume gehörten dringend gelüftet und der ganze Müll entfernt, aber das konnte er auch noch später erledigen. Er schenkte sich ein Glas ein und leerte es in einem Zug. Er spürte, wie sich seine Lebensgeister rührten. Er wollte sich gerade nachschenken, als sein Blick auf der Arbeitsplatte seines Computertisches zum Ruhen kam. Da lag etwas, das vorher noch nicht da war, was der Fremde vergessen haben musste. Er machte einige Schritte näher und riss dann die Augen auf. Vor ihm lag ein Revolver. Er stellte die Flasche ab und ließ das Glas aus seinen Händen gleiten. Er nahm die Waffe in seine Hand und betrachtete sie aus der Nähe. Plötzlich verspürte er ein unendliches Glücksgefühl, das Gefühl der Erlösung. Er lächelte, hielt den Lauf der Waffe an seine Schläfe und löste den Abzug.



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Eingereicht am 07. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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