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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Baby als Hauptgewinn

Britta Dubber


Seit zwei Stunden stand Darby vor ihrem Kleiderschrank und probierte ein Outfit nach dem anderen an.
Das blaue Kleid saß perfekt, hatte jedoch einen Fleck, der sich vermutlich ohne eine chemische Reinigung nicht entfernen ließ.
Die hellgrüne Bluse, die ihr Mann George so an ihr mochte, passte zu keinem ihrer Röcke.
Sie hätte eine schwarze Stoffhose anziehen können, aber Darby wollte so gut wie möglich aussehen, und das hieß für sie, entweder einen Rock oder ein Kleid zu tragen.
"Schatz, bist du bald fertig?" George hatte seinen Kopf ins Zimmer gesteckt.
"Moment noch", sagte sie, zog die grüne Bluse aus und streifte sich ein hellrotes Sommerkleid über.
"Es geht heute abend nicht um Schönheit, Schatz."
Darby bedachte ihren Mann mit einem missbilligend Blick. Er hatte gut reden, sah er doch in Allem einfach fantastisch aus.
"Nimm doch das grüne Kleid, das mit den Fransen."
Darby verzog die Mundwinkel nach unten, drehte sich vor dem Spiegel und betrachtete sich von allen Seiten.
"Rot ist wohl zu... aufdringlich, was meinst du?"
Ohne eine Antwort abzuwarten, zog sie das Kleid über den Kopf und schlüpfte anschließend in ein hellgelbes Etuikleid.
"Wir müssen langsam los", meinte George und zeigte auf seine Armbanduhr.
Darby nickte, entschied das Kleid anzubehalten und folgte ihren Mann in den Flur.
"Ich bin so aufgeregt", sagte Darby, als sie in ihre Pumps schlüpfte.
"Wir schaffen es", sagte George und umarmte seine Frau. "Wir sind soweit gekommen, der Rest wird ein Klacks."
Darby lächelte ihren Mann an. Zu gerne wollte sie ihm glauben, aber sie wusste, dass die Konkurrenz groß war.
Eine halbe Stunde später waren sie im Studio angekommen.
Die anderen zwei Paare saßen bei den Erfrischungen.
Kelly Larson, eine große rothaarige Anwältin, sah sehr entspannt aus, als ob es an diesem Abend um nichts Bedeutendes ginge. Vielleicht war sie sich auch des Sieges sicher. Ihr Mann wirkte dagegen sehr abgespannt und genervt.
Das andere Pärchen, Fran und Brad Hunter schien nervös. Darby fand, dass Fran wie eine dieser Hausfrauen aus den Fünfzigern aussah, mit ihrer braven Frisur, den rosa Wangen und der etwas korpulenteren Figur. Brad hingegen war klein, glatzköpfig und hatte einen ziemlichen Bauchansatz. Er war Steuerberater und genau das hätte Darby auch getippt, wenn sie es nicht vorher gewusst hätte.
Der Regieassistent kam vorbei gelaufen und gab den Kameramännern kurze Anweisungen, dann begrüßte er alle Pärchen.
Ted war einfach nur hektisch. Er redete zu schnell, er ging zu schnell und wenn er mal auf einer Stelle stehen musste, tippelte er unruhig mit den Füßen. Aber das war wahrscheinlich normal, wenn man beim Fernsehen arbeitete.
Kurze Zeit später wurde es Ernst.
Shelly, das hochschwangere sechszehnjährige Mädchen wurde von einer Assistentin ins Studio geführt und an ihren Sitzplatz gebracht.
Sie sah müde aus, lächelte aber dennoch tapfer, als die Kamera auf sie gerichtet wurde und die Show anfing.
Alle drei Paare mussten verschiedene Tests bestehen. Es war die Endrunde und die Fragen und Aufgaben wurden immer kniffliger.
Am Ende des Wissenstests schieden Fran und Brad aus. Nach der Werbung startete dann das alles entscheidende Duell. Es wurden auschließlich Fragen zur Kindererziehung gestellt und dieses Mal ging es nicht um richtig oder falsch, sondern um Sympathie, denn es war an Shelly, das Siegerpärchen zu ermitteln. Das Paar, das ihr ungeborenes Baby adoptieren sollte.
Darby wusste, dass Shelly aus einfachen Verhältnissen kam. Ihr Vater war Automechaniker, ihre Mutter Hausfrau. Sie konnte sich denken, dass es Leute wie die Larsons waren, von denen sie in der Regel herablassend behandelt wurde. Erfolgreiche Harvard Absolventen, die in einem schicken Vorort lebten und Urlaub auf den Caymans verbrachten.
Deshalb war sie auch nicht überrascht, als Shelly am Ende der Show Darby und George den silbernen Schnuller überreichte, der den Sieg symbolisierten sollte.
Mit Tränen in den Augen fiel Darby der jungen werdenden Mutter um den Hals.
Sie konnte ihr Glück noch gar nicht fassen.
So lange hatten ihr Mann und sie versucht ein Kind zu bekommen. Vergeblich. Und in ein paar Wochen sollte ihr Traum nun endlich wahr werden.
Shellys Kind, eine Tochter, kam zwei Wochen später auf die Welt. Darby und George waren informiert worden, als bei Shelly die Wehen eingesetzte hatten. Sie saßen in der Wartezone und hofften, dass Shelly ihren Entschluss nicht ändern würde. Darby hatte große Angst davor, dass Shelly, überwältigt von Muttergefühlen, sich entschließen könnte, das Kind doch zu behalten.
Ihre Sorge war unbegründet. Als Shelly ihre Unterschrift auf die Adoptionspapiere gesetzt hatte, liefen Darby Tränen über das Gesicht. Auch Georges Augen waren feucht, wie sie feststellte. George, der normalerweise nichts für Sentimentalitäten übrig hatte.
Darby und George tauften das Mädchen Hope - Hoffnung.
Die beiden waren ganz hingerissen von ihr, konnten ihr stundenlang zusehen, wie sie in ihrem Bettchen lag und schlief.
Nachts schlief sie leider weniger. Sie wurde immer kurz nach Mitternacht wach und schrie dann bis in die frühen Morgenstunden - ununterbrochen.
Nach einer Woche fühlte sich Darby so gerädert, dass sie morgens kaum noch aus dem Bett kam. Sie entschied, mit der Kleinen zum Arzt zu gehen.
Sie wurde untersucht und es wurden einige Tests gemacht, mit dem Ergebnis, dass sie kerngesund war.
"Mrs. Peters, einige Kinder sind ruhiger, andere hingegen sind das genaue Gegenteil. Aber das wird sich schon bald geben", versicherte ihr der Arzt.
Frustriert fuhr Darby nach Hause.
"Wäre es dir lieber gewesen, sie sei krank?", fragte George abends verständnislos, als Darby ihm unter Tränen berichtete, dass Hope völlig gesund war,
"Natürlich nicht. Ich weiß nur nicht, warum sie so viel schreit."
George zuckte mit den Achseln und legte sich ins Bett. Auch bei ihm hinterließen die nächtlichen Ruhestörungen allmählich Spuren. Er bekam tagsüber kaum einen Bissen hinunter und wurde immer gereizter.
"Wir wissen eigentlich gar nichts über den Vater", sagte Darby, als sie sich neben ihren Mann ins Bett legte.
"Wie meinst du das?", fragte George im Halbschlaf.
"Er könnte irgendein geisteskranker Krimineller sein, der seine schlechten Gene an Hope vererbt hat. Er könnte auch irgendwelche Erbkrankheiten haben.. oh, meine Güte.. Was ist, wenn er alkoholkrank ist oder schizophren? Ich habe gelesen, dass in ..."
"Hör auf dich wahnsinnig zu machen." George hatte sich aufgerichtet und starrte seine Frau entgeistert an.
"Sie ist jetzt unsere Tochter und sie wird sich prima entwickeln."
Darby wollte darauf ein müdes Ja erwidern, aber das Baby schrie und übertönte ihre Antwort.
Sie blickt George an, doch der drehte sich auf die Seite und knipste das Licht aus.
Wütend stand Darby auf und ging ins Kinderzimmer. Nach einer Minute kam sie ins Schlafzimmer gelaufen, auf dem Arm das schreiende Baby.
"Wir müssen ins Krankenhaus, George, sie hat hohes Fieber!"
"Aber ich habe sie doch gerade erst untersuchen lassen. Der Arzt versicherte mir, dass alles in Ordnung sei."
Der junge Arzt schob seine Brille zurück und zuckte mit den Schultern.
"Er hat vermutlich nicht gründlich genug untersucht. Vielleicht hat er sie auch für eine dieser übertriebenen, hysterischen Mütter gehalten. Das habe ich schon öfter erlebt."
"Aber sie wird doch wieder gesund, ja?" , fragte George besorgt.
"Ihr Zustand ist nicht kritisch, aber es ist eine längere Geschichte. Sie sollten sich schon einmal darauf einstellen; auf mehrere Operationen und Krankenhausaufenthalte in den nächsten Jahren." Mit diesen Worten ließ der Arzt die beiden alleine.
"Die nächsten Jahre?!", rief Darby.
George wollte seine Frau tröstend in die Arme nehmen, doch sie stieß ihn beiseite.
"Ich kann das nicht, George. Ich meine... ich habe noch nicht einmal einen Bezug zu diesem Kind aufbauen können."
George blickte sie verständnislos an.
"Wie... Sie ist unsere Tochter!", sagte er.
"Ja, auf dem Papier. Aber nicht von meinem Gefühl. Herrje, sie hat ja nur geschrien, und jetzt ist sie krank und muss operiert werden. Chronisch krank auch noch! Wie soll ich denn da mütterliche Gefühle entwickeln", schrie sie nun in einer Lautstärke, die das Personal am Empfang aufblicken ließ.
"Ich dachte, die hätten sich während der Show entwickelt", sagte George und blickte traurig zu Boden.



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Eingereicht am 05. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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