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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der blinde Komponist

Uldo Posch


"Soll ich Ihnen mal was erzählen? Etwas Lustiges vielleicht? Etwas zum Nachdenken oder eher was zum Heulen?
Ach so, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Gestatten, Sebastian Thalbach, der blinde Thalbach wie die Leute sagen. Meine Eltern starben vor einem Jahr bei einem Verkehrsunfall. Sie waren hochverschuldet, Hypothek für das Haus, und an der Börse verspekuliert, verstehen Sie. Mum sagte immer zu mir: "Junge, aus dir wird eines Tages noch ein großer Komponist." Dachte ich auch, als dann dieser schreckliche Unfall passierte. Die Bank nahm uns Haus und Hof, das große Anwesen direkt neben der Dorfkirche inmitten der Stadt und alles was dazu gehörte. Mein Studium beendete ich vor zwei Jahren und nun komponiere ich manchmal einige Stücke für meinen Kirchenchor und schreibe sie dann auch in Blindennotenschrift auf. Leben kann man davon nicht. Mein Vater leitete in Donaueschingen eine Brauerei. Nach seinem Tod zerbrach die Firma und musste Konkurs anmelden. Von meiner Begabung und der Ausbildung mal abgesehen, bleibt da nicht viel, um über die Runden zu kommen. Privatunterricht für Klavierschüler, Überarbeitungen verschiedener Arrangements von Songs der lokalen Musikgrößen. Das hält mich finanziell über Wasser.
Nach dem Unfall meiner Eltern kamen Freunde selten zu Besuch. Ich lebe zurückgezogen, um mich meiner Arbeit zu widmen, höre klassische Musik, studiere Kompositionen und tauche in die Welt der großen Meister ein. Denn ich suche einen Auftraggeber, will Filmmusik komponieren und eines Tages soll mein Namen in einem Atemzug mit so großen Künstlern wie Jerry Goldsmith, Henry Mancini, Ennio Morricone oder Craig Armstrong genannt werden. Ein steiniger Weg, aber das ist mein Ziel, übrigens bin ich von Geburt an blind. Doch für Blinde kann man sich nur schwer erwärmen. Weshalb die Leute immer noch glauben, dass wir nicht in der Lage dazu seien, genauso gut zu komponieren wie Sehende, ist mir unverständlich. Das hat mit blind sein oder nicht, doch gar nichts zu tun. Für die Übertragung meiner Noten in Schwarzdruck musste ich bis jetzt zwar immer ein "Sehauge" bemühen, doch nun habe ich endlich ein Programm gefunden, das mit Windows für Blinde nutzbar ist. Damit kann ich Noten über Codes eingeben, also über die Tastatur. Ein speziell entwickeltes Notenprogramm, das mir dabei helfen soll, mein eigenes Geld zu verdienen. Und glauben Sie mir, ich bin nicht mehr wählerisch. Bei so vielen Absagen, die ich erhalten habe, darf man das nicht sein. Vor fünf Monaten, wurde ich 28 Jahre alt und habe mir das schönste Geschenk selbst gemacht. Ein ehemaliger Kommilitone vom Prager Konservatorium der Künste, gab mir den entscheidenden Hinweis. Heute arbeitet Harald Kammhausen als Dozent in Schwenningen an der Musikhochschule Seine Studenten erlernen dort die Prinzipien und grundlegenden Fertigkeiten der klassischen Stimmbildung. Er erzählte mir von der Internetanzeige eines Produzenten aus München, der einen Komponisten suchte, um einen Film zu vertonen und gab mir dessen Telefonnummer. Ich rief ihn am nächsten Tag an. "Einen Pornofilm, verstehen Sie", gab er mir zur Antwort und fügte hinzu, "Sie sind doch nicht taub, oder?." "Nein, nur blind", antwortete ich, darauf er: "Na, Humor haben Sie ja offensichtlich, also wollen Sie den Job nun oder nicht?" Ich wollte. "Gut, dann schicke ich Ihnen morgen eine Arbeitsprobe des Films zum Vertonen von eins, zwei Sequenzen zu. Dann reden wir weiter, einverstanden?" Das war ich. Sein Name? Bogislav Blok, der vor zehn Jahren aus dem Herzen Russlands nach München ging, um sich dort zu etablieren. Die sexuellen Eskapaden seiner Helden spielen sich stets vor dem Hintergrund der schönsten Denkmäler und Gebäude in St. Petersburg ab. Eherner Reiter, Isaak-Kathedrale, Schlossufer, die Atlanten an der Neuen Eremitage sind unabdingbare Statisten seiner Streifen. So viel verriet er mir am Telefon. Ich sollte mir vorab mal ein Bild über den künstlerischen Anspruch seiner Werke verschaffen. Leicht gesagt für jemand, der nicht zuhört, wie ich fand, doch was soll ich Ihnen sagen? Als junger Komponist und knapp bei Kasse nahm ich natürlich dieses Angebot an. Gibt es eigentlich Pornos zum Hören? Für mich schon, grins. Nun, absagen konnte ich immer noch. Zwei Tage später fand ich im Briefkasten ein Videoband. Ich brauchte Haralds Hilfe, rief ihn an und bat ihn, einen Videorekorder mitzubringen. Als er wenig später erschien, übergab ich ihm den beigelegten Brief von Bogislav Blok und sagte zu ihm: "Dein Tipp mit diesem Typ aus München war nicht schlecht. Es gibt da nur ein kleines Problem", woraufhin er entgegnete, "wohl eher ein großes, Basti." Nachdem ich ihm die Situation geschildert hatte, öffnete er den Brief und las vor:

Sehr geehrter Herr Thalbach,

bezugnehmend auf das Telefonat von o.a. Datum, übersenden wir Ihnen eine Arbeitsprobe mit Ausschnitten aus unserer neuen Produktion. Da wir auch dieses Mal vor der Kulisse von Sankt Petersburg und deren Denkmäler drehen werden, benötigen wir für verschiedene Szenen eine Eigenkomposition klassischer Musik. Die Gesamtlänge muss 45 Minuten betragen. Bitte unterbreiten Sie uns Ihre Vorschläge und übersenden Sie uns eine Hörprobe innerhalb von vierzehn Tagen.

Mit freundlichen Grüßen,
Bogislav Blok
B&B Filmproduktion
München
---
Anlage
1 Videoband, Titel: "Heiße Nächte in St. Petersburg"

Verwundert meinte Harald: "Ist das dein Ernst?" "Klar", antwortete ich, "was denn sonst." "Das Geld liegt doch nicht auf der Straße, selbst wenn, ich sähe es zuletzt, haha. Außerdem kann ich deine Hilfe gut gebrauchen. Meine finanzielle Situation kennst du ja." Harald ließ sich erweichen und machte einen Vorschlag. "Ich komme morgen nach der Vorlesung vorbei und wir machen das gemeinsam. Einfach wird das aber nicht werden, Kollege. Ich habe so was noch nie vorher gemacht." "Ja denkst du ich vielleicht. Ohne dich geht es aber nicht", sagte ich. "Schon gut... schon gut, Basti, wir sehen uns dann morgen." Sehen ist gut, hören vielleicht, scherzte ich zum Abschied noch einmal.
Harald kam und installierte den Rekorder, legte das Band ein und drückte auf die Abspieltaste. Die ganze Sequenz hatte keinen Ton, es gab nur bewegte Bilder und nur allzu gerne verstand ich Haralds Schweigen. Los, komm erzähl schon, was siehst du?" "Äh, also, das Schlossufer in St. Petersburg. Die Kamera schwenkt und es ist Nacht, die Schlossfassade ist hell erleuchtet und ein Pärchen geht spazieren. Sie setzen sich auf eine Bank und er öffnet Ihre Bluse. In Hintergrund ein anderes Pärchen, das vorübergeht." "Ja... und weiter?" "Nun sie haben Sex im Stehen. Er nimmt sie sich von hinten."
"Schnitt - Neue Szene Basti, vorm ehernen Reiter, glaube ich. Ein halbnackter Kerl auf einem Schimmel reitet heran und eine Frau in einem weißen Neglige geht auf ihn zu. Ihr makelloser Körper schimmert durch den Stoff. Sie steigt zu ihm aufs Pferd. Sie küssen sich. Er zieht sie sich auf seinen Schoß und sie haben..." "Sex auf´m Pferd?" Ich fiel Harald ins Wort. "Ja, das ist doch ein Pornofilm, Basti, was sollen sie denn sonst tun? Schnitt - Neue Szene. Hier es geht weiter, pass auf. Diesmal Frauen in einem Innenhof, die sich um einen Brunnen herum versammelt haben und gegenseitig verwöhnen, die Hauswände sind meterhoch mit langen transparenten und farbigen Tüchern abgehängt. Sie werden von Scheinwerfern in Szene gesetzt, tolle Bilder." "Ja, bloß kein Ton", seufzte ich laut vor mich hin.
So beschrieb mir Harald eine Einstellung nach der anderen. In den Filmausschnitten war einiges zu sehen, was zum Thema Porno überhaupt möglich ist. Lesbische Szenen, Gruppensex, Sadismus, Masochismus.
Ich hatte genug gehört, um eine Vorstellung dessen zu bekommen, was ich eigentlich bearbeiten sollte. Ich gebe zu, auch Harald hätte gerne die Stimmen der Protagonisten gehört, doch erklärte man mir, dass so was ebenfalls nachvertont wird. Wie schade! Ich rief Bogislav Blok, am nächsten Tag an und klärte verschiedene Dinge. Vor allem die Bezahlung. Ein Pornofilm zu vertonen würde auch Zeit in Anspruch nehmen und B&B in München verlangte von mir eine durchgehende Komposition abzuliefern. Wir einigten uns hinsichtlich Dauer, Vorgehensweise und der Berücksichtigung seiner Wünsche. Meine Arbeit sollte gut entlohnt werden.
Ich setzte mich an meinen Computer und schrieb mit dem neuen Programm Probestücke und schickte sie nach München. Sie fanden Gefallen und schon zwei Tage später begann ich mit der eigentlichen Arbeit.
Es dauerte fast zwei Monate, bis ich meine erste Filmmusik geschrieben hatte. Für einen Pornofilm! Das aber, war mir egal. Als der Film vertont, fertig geschnitten ins Kino kam, fuhren Harald und ich in die Stadt. Wir wollten uns das Werk anschauen oder besser gesagt die Musik hören. Ein schummriges Kino, wie Harald feststellte. Wir nahmen Platz. Ich kann sagen, das die Handlung des Films mir völlig egal war. Ich lauschte nur meiner Musik. Nach einer Weile drehte sich Harald zu einem Mann um, der hinter uns saß. "Ist die Musik nicht großartig?", fragte er hoffnungsvoll. Der Mann antwortete nur: "Was interessiert mich die Musik, ich bin doch nur hier, um meine Ex-Frau zu sehen!"
Fortsetzung folgt...............



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Eingereicht am 03. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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