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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Schrei aus der Todeszelle

Rudolf Gruber


Es ist Dienstag, der 5. Januar 1998, 8.00 Uhr, zwei Stunden nach Tagesanbruch. Seit nunmehr zwanzig Minuten sitze ich hier vor der Schreibmaschine und denke über den ersten Satz meiner Geschichte nach. Da ich im Augenblick eine schreckliche Leere in meiner Gedankenfabrik fühle, fällt es mir schwer, mich auf mein Vorhaben zu konzentrieren.
Vor den Mauern des Hochsicherheitstrakts scheint wahrscheinlich die Sonne. Selbst zu dieser frühen Morgenstunde ist die Hitze in diesem Bau unerträglich. Es herrscht dieselbe Geräuschkulisse wie jeden Tag. Das monotone Geklapper der harten Absätze. Die Wärterinnen wandern unablässig durch den Block. Dann und wann schließt sich irgendwo mit laut hallendem Getöse eine Zellentür. Die Stimme einer Beamtin ertönt in befehlsgewohntem Ton. Diese Geräusche sind mir so vertraut geworden, dass mein bewusster Verstand sie gar nicht mehr wahrnimmt.
Seit fünfzehn Jahren sitze ich hier in der Todeszelle und warte auf den letzten Tag meines Lebens. Am 3. Februar soll ich durch die Giftspritze in der Hinrichtungskammer sterben. Aber ich sehe diesem Tag nicht mit Furcht entgegen, denn ich weiß, dass Gott in meiner letzten Stunde bei mir sein wird. Vor langer Zeit bin ich ein anderer Mensch gewesen, voll von Angst vor den vielen Ungewissheiten des Lebens. Nun hat mich Gott davon befreit.
Da fällt mir ein, ich habe vergessen, mich vorzustellen. Mein Name ist Karla Faye Tucker, Tochter von Kyle Fitzgerald Tucker, Tochter von Joan Tucker, geb. Mandes, Mutter von Niemand. Ich habe im Jahre 1983 zwei Menschen mit einer Axt erschlagen und die Leichen anschließend zerstückelt. Noch am Tatort war ich in einem hellblauen Flanellkleid verhaftet worden. Blutbespritzte Wände, überall Leichenteile. Einer der Beamten war kreidebleich geworden und sein Abendessen war per Express hochgekommen.
Jerry Dean und dessen Freundin Deborah Thornton mussten sterben, weil ich ihnen keine Chance gab. Ihr Verbrechen war, dass sie zufällig anwesend waren, als Marty und ich ihrer Wohnung einen Besuch abstatteten. Sechs Monate später wurde mir der Prozess gemacht. Mir war von Anfang an klar, dass ich keine Chance hatte. Heute hoffe ich auf Begnadigung, obwohl es kaum noch eine Chance gibt. Doch vielleicht geschieht noch ein Wunder und das Herz des Gouverneurs wird erweicht.
Viele Menschen stehen hinter mir. Tausende haben für mich demonstriert. In Rom, Washington und Huston standen sie Mahnwache gegen die sinnlose, staatlich angeordnete Hinrichtung. Prominente Künstler setzten sich für mich ein. Selbst der Papst bat um Gnade. Den endgültig letzten Auftritt im Drama um Karla Faye Tucker aber würde der Mann in Schwarz am 3. Februar nach 18 Uhr haben. Doch noch immer ist irgendwo in mir ein winziger Funke Hoffnung. "Jene Karla Faye Tucker, die 1983 mit einer Hacke zwei Menschen erschlug und zerstückelte, gibt es nicht mehr", schrieb ich in mein Gnadengesuch an George W. Bush, Gouverneur des Staates Texas. Vierzehn Jahre in der Todeszelle machten aus der drogensüchtigen Prostituierten eine tiefgläubige Frau. Ich verdiene es nicht mehr, getötet zu werden. Die Verantwortlichen in Texas sind aber anderer Meinung. Vor etwas mehr als zwei Wochen lehnte der Berufungsausschuss mein Gnadengesuch mit sechzehn zu einer Stimme ab. Einen Tag später bestätigte der Oberste Gerichtshof die Entscheidung. Damit sollte es für mich keine Gnade mehr geben. Nur noch der republikanische Gouverneur George W. Bush könnte das Urteil um dreißig Tage aufschieben. Der aber wollte vor dem Wahlkampf in Texas Härte und Durchsetzungskraft beweisen: Immerhin befürworten 80 Prozent der Texaner die Todesstrafe. In einer Rede erklärte er: "Wir haben hier nur eine Frage zu stellen: Hat die Person ein Verbrechen begangen und wurden ihr alle Rechte des Staates Texas gewährt?"
Mein Anwalt, David Botsford, empörte sich in aller Öffentlichkeit: "In Wirklichkeit hatte sie nie eine Chance. Der Berufungsausschuss hat noch nie ein Gnadengesuch akzeptiert. Es gibt in Texas keine Gnade."
Die mehrheitlich konservativen Texaner wollen von Gnade nichts wissen. Wer hier als Politiker Erfolg haben will, muss für Law and Order stehen. Von den 38 US-Bundesstaaten, in denen Todesstrafen verhängt werden, wird in Texas am häufigsten exekutiert: 30 Prozent der Todeskandidaten wurden im vergangenen Jahr hingerichtet. Nach einer Studie der Universität Houston würde die Zustimmung der Bevölkerung zur Todesstrafe auf unter 40 Prozent sinken, wäre gewährleistet, dass lebenslang wirklich lebenslang bedeutet. Nach texanischem Recht aber werden langjährig Verurteilte nach spätestens 35 Jahren entlassen. Noch mehr Amerikaner würden es begrüßen, wenn die Täter arbeiten und das Geld in einen Fonds der Opfer einzahlen müssten. Dieses Szenario aber ist in Texas unbekannt.
Dass nun, zum ersten Mal nach dem Bürgerkrieg eine Frau hingerichtet werden soll, brachte bisher sogar einige Hardliner ins Wanken. Ich habe mit meinem offenen, gefassten Auftreten eine seltsame Allianz von linken Gegnern der Todesstrafe und ultrakonservativen religiösen Gruppen zustande gebracht. Selbst der rechte TV-Prediger Pat Robertson, ein Befürworter der Todesstrafe, trat für mich ein. Mein bisher letztes Interview gab ich für die Talkshow "The 700 Club" in Robertsons TV-Kanal CBN.
Nachdem zahlreiche Prominente sich in den Medien für mich eingesetzt haben, scheint die Stimmung zu kippen: Nur noch 50 Prozent der Texaner plädieren in letzten Umfragen für meine Hinrichtung - ein sensationelles Ergebnis in einem Staat wie Texas. Genützt hat es bisher nichts - vielleicht weil auf der anderen Seite auch die Urteilsverfechter in die Medien gingen. Vor allem der Witwer der Ermordeten Deborah Thornton will nicht verzeihen: "Tucker wurde zum Tod verurteilt, also muss sie sterben!"
Am 3. Februar wird es wahrscheinlich keine Gnade geben.
Man kann sich kaum vorstellen, was es bedeutet, jahrelang im Gefängnis zu sitzen, eingesperrt in eine Zelle, die gerade mal zehn Quadratmeter misst. Die Stunden werden zur Ewigkeit, und Zeit hat hier so wenig Bedeutung wie die Entfernung der Erde zum Himmelstrabanten namens Mond in der unendlich großen Weite des Universums. Der Gefangene versucht so gut wie möglich damit fertig zu werden. Aber manchem gelingt es nie. Es ist die Hoffnungslosigkeit, welche die Menschen hier zur Verzweiflung treibt. Die erste Nacht ist die schlimmste, wenn dir klar wird, dass du nicht mehr frei bist, eingesperrt wie ein Tier hinter unüberwindlichen Mauern. Du liegst stundenlang wach auf der harten Pritsche und beginnst zu zählen, bis deine Gedanken Flügel bekommen und dich irgendwohin an einen weit entfernten Ort tragen. Dann bist du frei. So frei wie ein Vogel. Doch das Erwachen ist dann um so schlimmer. Das Erwachen in die brutale Realität.
Die meisten Delinquenten warten jahrelang auf die Vollstreckung des Urteils, nur wenige werden begnadigt. Das Warten auf den Tag X ist das grausamste, was sich ein krankes Gehirn ausdenken kann. Hat ein Schwein Angst vor seiner Schlachtung? Ich weiß es nicht. Aber es spürt den nahenden Tod, kann ihn riechen, so wie auch ich weiß, dass ich nicht auf Gnade hoffen darf. Der Henker ist der Mann in Schwarz, der Mann ohne Gesicht, der mich durch meine schlimmsten Alpträume verfolgt.
Um hier Konversation zu üben ist man zumeist gezwungen, mit dem Zellennachbarn zu sprechen, doch diese Art von Unterhaltung hat, wie man sich vorstellen kann, nur wenig Informationsgehalt. Im Gefängnis lebt man, wenn man so will, wie auf einer einsamen Insel. Abgeschottet vom Rest der Welt und man beginnt sich zu fragen, ist man eingesperrt oder ausgesperrt. Sie meinen, da wäre kein Unterschied? Oh doch! Es gibt einen eminenten Unterschied.
Das Leben hat es nie gut mit mir gemeint. Damals war ich von meinem Schicksal einfach überfordert, ähnlich einem Stabhochspringer, dessen großes Ziel es ist, sich für die olympischen Spiele zu qualifizieren und der die bittere Wahrheit erkennt, dass er sich die Latte zu hoch gelegt hat.
Vor ein paar Tagen habe ich den Entschluss gefasst, eine Geschichte über mein Leben zu schreiben, über die Umstände, die zu der schrecklichen Tat geführt haben. Meine Kindheit, meine Jugend, die alles andere als schön war. Erwähnt werden muss, dass dieses authentische Werk ohne Vogues Hilfe niemals möglich geworden wäre. Vogue heißt in der Welt da draußen Vanessa Collins und ist Wärterin im Hochsicherheitstrakt. Sie ist etwa in meinem Alter und kann gut zuhören. Zwischen uns beiden hat sich in den letzten Jahren so etwas wie eine Freundschaft entwickelt.
Wie ein roter Faden zieht sich das Böse durch mein Leben und zerstörte mein verfahrenes Ka [Karma = Schicksal].
Es gibt Leute, die sind der Meinung, dass man seinem Schicksal nicht hilflos ausgeliefert ist, dass man es ändern kann, wenn sich die Chance dafür bietet. Das Ka ist eine Straße und man ist nicht dazu verdammt, bis ans Ende auf derselben zu bleiben. Der Highway meines Schicksals führt in 30 Tagen in die Hinrichtungskammer. Ich glaube, dass es nicht viele Möglichkeiten gab, eine Abzweigung zu nehmen - doch woher soll ich heute wissen, was mich am Ende jedes einzelnen Weges erwartet hätte. Es gibt keine Garantie für ein glückliches Leben und es gibt auch kein Rückgaberecht. Auch Empfänger unbekannt verzogen funktioniert hier nicht. In meiner Vergangenheit gab es zahlreiche Tage, an denen ich wünschte, ich wäre tot.
Ich lehne mich zurück und starre auf den eingespannten Bogen Papier. Die Seite ist beinahe vollgeschrieben. Die Finger schmerzen, deshalb beschließe ich, eine kleine Pause zu machen.
Auf einem kleinen Regal, in Form eines schlichten Brettes, das an der Zellenwand festgemacht ist, bewahre ich meine bescheidenen Habseligkeiten auf. Neben einer Zahnbürste und einer fast leeren Tube Zahnpaste hockt ein kleines Plüschtier. Zu einer Zeit als die Dinosaurier noch die Erde bevölkerten, gab es einen stattlichen Schlüsselanhänger ab. Dieses Prunkstück betrachte ich als meinen Glücksbringer. Es ist das einzige Andenken, das mich noch an meinen Freund Marty erinnert - er schenkte mir ihn zwei Wochen vor dem Mord. Schöner Glücksbringer.
Auch ein Päckchen Streichhölzer und eine Schachtel Lucky Strike befinden sich auf dem Brett. Ich nehme eine Zigarette aus der Schachtel und klemme sie zwischen meine Lippen.
Vor zehn Jahren begann ich wieder mit dem Rauchen, in der vagen Hoffnung, ich könnte an Lungenkrebs sterben und mir dadurch den Gang in die Hinrichtungskammer ersparen. Diese Hoffnung ist in letzter Zeit nur noch peripher vorhanden. Kein Anzeichen von Krebs. Ich bin gesund wie ein Leistungssportler es nur sein kann, abgesehen von der Erkältung, die ich vor etwa einer Woche eingefahren habe. Aber die bringt mich bestimmt nicht um.
Ich drehe die Zigarettenschachtel zwischen den Fingern meiner rechten Hand und betrachte die Aufschrift. Rauchen verursacht Krebs! Warum funktioniert es bei mir nicht? Weshalb Krebs? Wozu soll er sich die Mühe machen, wenn ich sowieso in 30 Tagen durch die Hand des Henkers sterbe. Er würde dem guten Mann nur den Spaß verderben und ihm die Gelegenheit nehmen, eine weitere Kerbe in seinen Kiefernholzstab zu schnitzen.
Warum habe ich aufgehört, Klavier zu spielen? Warum habe ich meinen Job aufgegeben, der mein Leben ausgefüllt hat und in dem ich glücklich war? Warum habe ich aufgehört, Partys zu schmeißen und voller Herzenslust zu tanzen? Diese oder ähnliche Fragen würden sich Frauen stellen, deren Leben prosaisch normal verläuft. Mir hingegen drängen sich andere brennende Fragen auf.
Warum habe ich angefangen, meinen Vater zu verleugnen? Warum habe ich angefangen, Drogen zu nehmen? Warum habe ich aufgehört, Eric Clapton zu hören? Und last but not least, warum habe ich zwei Menschen abgeschlachtet?
Wer soll mir auf diese Fragen eine Antwort geben, wenn ich es selbst nicht kann? Gott hat es abgelehnt, mir darauf zu antworten. Aber trotz allem halte ich an meinem Glauben fest. Erst in der Todeszelle mutierte ich zur überzeugten Christin. Vielleicht hat die Hoffnungslosigkeit meiner Lage ihren Teil dazu beigetragen.
Seit Jahren habe ich keinen Sonnenaufgang mehr gesehen. fünfzehn Jahre sind seither vergangen. Die matte Glühbirne an der Decke meiner Zelle, die sechzehn Stunden am Tag mein kleines zehn Quadratmeter großes Universum beleuchtet, ist ein Äquivalent dafür geworden.
Um mir selbst das Leben zu nehmen, fehlt mir die Courage, aber ich würde nicht zögern, per Zeitungsinserat einen Killer zu suchen, der mich um die Ecke bringt. Ich hätte das Schreckgespenst, das mein Ka auszeichnet und mich seit meiner Kindheit verfolgt, in die Unendlichkeit verbannen sollen, anstatt es aus dem Schrank zu lassen. Aber diese Welt schien mir damals wie ein Adyton, unbetretbar für das Schreckgespenst, das mir wie ein wildgewordener Pavian auf den Schultern hockte. Es war ein Krieg in dem ich nicht die geringste Chance hatte. Rien ne va plus - würde der Croupier des Spielkasinos in der " Death Row " sagen.
Es gibt Tage, da weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll, ich entscheide mich dann oft, gar nichts zu tun, einfach nur still dazusitzen und es über mich kommen zu lassen. Es ist ein herrliches Gefühl, sich treiben zu lassen. Wenn Zeit die Bedeutung verliert, dann ist es egal, niemand wird danach fragen. Es ist wie bei dem Golfspieler, der immer nur gegen sich selbst spielte. Niemand fragte je danach, ob er denn gewonnen oder verloren hätte.
Ich schließe für einen Moment die Augen und stelle mir vor, wie es wäre, irgendwo da draußen in dieser mir so fremden Welt zu sein. Ich würde gemütlich vor dem TV-Gerät sitzen und mir Familie Feuerstein reinziehen. Dazu ein Schlemmerjoghurt mit Erdbeerstückchen. Nach einer abgefrakten Dallas-Folge mit Larry Hagman als J. R. Ewing wäre mein Bauch so vollgefressen, dass jede Bewegung einer sportlichen Meisterleistung gleichkäme.
Minutenlang sitze ich regungslos da, schließlich entschließe ich mich, eine halbe Stunde Pause einzulegen. Ich lege mich auf die Pritsche, um mich zu entspannen. Eine Gänsehaut schüttelt meinen Körper durch. Das Geräusch des Zähneklapperns wird vom regen Betrieb, der um diese Zeit im Trakt herrscht, übertönt. Eine mürrische Stimme, die in regelmäßigen Abständen verkündet, dass Essenszeit ist, dazwischen mischt sich ein keifender Ton. Diese Aufseherin ist offensichtlich nicht sehr erbaut, dass sie Dienst schieben muss.
Na und. Ich zerspringe auch nicht gerade vor Begeisterung, dass ich nur noch 30 Tage zu leben habe. Ich hätte liebend gern ihre Sorgen. Ich würde lieber heute als morgen meine "Hotelsuite mit Ausblick auf den Pazifik" mit ihr tauschen. Haftnummer 777 schleppt bereits seit fünfzehn Jahren den Gestank des Todes mit sich herum. Ich würde alles darum geben, ihn loszuwerden. Er haftet in jeder Ecke dieser Zelle. Der Stuhl, der Tisch, mein Glücksbringer, ja selbst die Schreibmaschine, die jetzt wieder ihr Haifischgrinsen von vor zwei Stunden grinst, stinkt nach Tod.
Das Mittagessen habe ich schnell hinter mich gebracht. Eine geschmacklose Bohnensuppe. Ich habe gerne darauf verzichtet, a la Carte zu essen. Geschmacklos oder nicht, das ist mir doch egal. Mein Gaumen ist schon lange nicht mehr verwöhnt worden.
Marty und ich waren damals von Mr. Sowieso in ein piekfeines Restaurant eingeladen worden. Das Steak hatte vorzüglich geschmeckt. Beidseitig nur leicht angebraten und mit Käse überbacken. Der Genuss war eine wahre Freude. Mr. Sowieso hatte es als Geschäftsessen deklariert, da Marty ihm seit Jahren schon dieses Teufelsgras abnahm, zu einem äußerst delikatem Preis.
In den ersten Jahren war es nur Marihuana, (jeder fängt mal klein an) dann waren LSD und Heroin dazugekommen. Mit dem Leben anderer Leute lässt sich einiges Geld machen. Zum Format von Mr. Sowieso fehlte Marty einiges. Er war nur ein kleiner Fisch im großen Karpfenteich. Marty und ich konsumierten den meisten Stoff selbst, da blieb dann nicht mehr viel übrig, das wir zu harten Dollars machen konnten.
Nun, das Leben war hart, besonders mein Leben. Wir glaubten damals, dass das Glück uns auf halbem Weg entgegenkommen würde. Das war ein Irrtum gewesen. Mr. Sowieso fiel darauf nicht herein. Er war nicht so dumm, seinen Stoff selbst zu nehmen.
Es ist nur allzu leicht, die Schuld für mein Dilemma Mr. Sowieso in die Schuhe zu schieben. Niemand verlangte von mir, dass ich in der Nacht des 17. Juni 1983 Jerry Dean und seine um fünf Jahre ältere Freundin Deborah Thornton mit einer Axt erschlagen sollte.
"Jeder Hieb hat mich sexuell stimuliert", gab ich später zu Protokoll. Ich war drogensüchtig, was sicherlich seinen Teil zu dem Drama beitrug. Ich weiß, wie sich das anhört, wie eine Entschuldigung - soll es aber nicht. Für das, was ich getan habe, gibt es keine Entschuldigung. Doch ich weiß, dass mir Gott vergeben hat.
Als ich fast wie in einer Soap-Opera den Gefängnispriester heiratete, kam die Erleuchtung über mich. Durch die Mutation des blutrünstigen Junkies zur überzeugten Christin begann Amnesty International, die Todesurteile in den USA anzuprangern, und auch die mächtige Christian Koalition sich für mich einzusetzen.
"Tucker ist der lebende Beweis dafür, dass aus einer Mörderin eine Christin werden kann", ließ der berühmte Fernsehprediger Pat Robertson (Mastermind der ultrarechten Christian Koalition) theatralisch die Nation wissen. "Der Herr hat ihr vergeben, ich tue es auch..."
Es war an einem Freitag, als Bianca Jagger, Exfrau des Rolling-Stones-Bosses Mick Jagger, als Ehrenvorsitzende von Amnesty International höchstpersönlich in den Hochsicherheitstrakt des Frauengefängnisses Mountain View marschierte. Nach einem einstündigem Gespräch kam sie zu dem gleichen Ergebnis: "Diese Frau bereut zutiefst ihre Tat, hat ihren Frieden mit Gott gefunden - und wäre es wert, in die heutige Gesellschaft resozialisiert zu werden." Diese Überzeugung ließ sie über die Medien in den Staaten verkünden. Bislang haben alle Bemühungen nichts eingebracht.
Sogar in Washington kam es zu Demonstrationen, um Präsident Bill Clinton zum Intervenieren zu bringen. Zu Tausenden gingen die Leute auf die Straße und legten den Verkehr für mehrere Stunden lahm.
Wieder dieses Husten. Ein fürchterliches Kratzen im Hals. Vor einigen Tagen, als sich die Erkältung anmeldete, habe ich ihr nicht viel Bedeutung beigemessen. Am nächsten Tag war das Fieber dazugekommen. Ich habe mir keine Zeit genommen, um auszuruhen. Schließlich möchte ich vermeiden, dass meine Geschichte zur unvollendeten Symphonie wird. Ich habe Antibiotika genommen und das Kratzen in der Kehle wurde erträglicher. Aber ich bin noch nicht ganz auf dem Damm.
Immer dann, wenn ich die Motivation über Bord werfen will, bringen die kleinen Männchen in meiner Gedankenfabrik sie wieder auf Vordermann und rufen mir lauthals zu: "Klar Schiff zum Gefecht!"
In den Tagen meiner Erkrankung war mir das Durchschiffen dieses Ozeans, mit Wellen so hoch wie das World-Trade-Center, wie eine Reise durch das Cap Horn vorgekommen. Unvorstellbar unmenschlich. Trotz meiner Ignoranz, die ich der Krankheit tagelang entgegengebracht habe, ist meine Bärennatur nicht gebrochen.
Und das ist gut so. Es ist gut für den Mann in Schwarz, aber auch gut für meine verdammte Geschichte. Ich will sterben und ich will leben, es gleicht einer grotesken Gratwanderung zwischen Gut und Böse. Wieder einmal bin ich nahe daran zu glauben, dass dies nur eine Farce eines neuerlichen Alptraums ist, der alle bisher erdenklichen Grenzen sprengt, aus dem ich jeden Augenblick erwachen würde.
Aber zu meinem Entsetzen erwache ich nicht. Die Ironie des Schicksals veranlasst mich zu einem sarkastischen Grinsen. Schließlich bin ich nicht aufgrund eines Irrtums hier. Karla Faye Tucker war einst ein blutrünstiges Monster gewesen, aber dieses Monster ist längst tot.
Ich kann nicht sagen, was mich dazu bewogen hat, dies weiße Papier mit meinem Namen zu verunreinigen. Warum habe ich stattdessen nicht ein Pseudonym gewählt? Wie wäre es mit Cathrine Betty Davies! Würde doch gut klingen. Vermutlich will ich keinen unbescholtenen Namen mit meiner grauenhaften Tat beschmutzen.
Wenn ich in 30 Tagen meinen letzten Gang in die Todeskammer antrete, werde ich in guter Gesellschaft sein. Lana Smith, Christine Kingston, Laura Bourdon und Patricia Hamilton, um nur einige zu nennen, haben vor mir diese Kammer betreten. Willkommen im Klub. Willkommen in der Kammer des Todes. Es werden die letzten vier Wände sein, die ich in meinem Leben sehen werde.
Für einen Moment wende ich den Kopf und blicke durch die Gitterstäbe in die bedrohliche Welt da draußen.
Wie ich schon sagte, fühle ich mich etwas besser, doch ich spüre trotz allem noch eine deutliche Schwäche in meinen Gliedern.
Nur ein paar Sekunden träumen. Dann wende ich mich wieder der Schreibmaschine zu. Das kleine Wunderwerk der Technik hat sich nicht verändert. Ein Bogen weißes Papier ist eingespannt und die Schreibmaschine wartet geduldig darauf, dass meine Hände über die Tastatur schweben und die Finger in die Tasten hämmern.
"Komm schon!" scheint das Ding auf dem Tisch zu sagen. "Worauf wartest du?"
Das Ding aus Kunststoff und Blech ist bereit. Ich nicht. Es ist seltsam, aber diese Schreibmaschine, die ich vor einigen Tagen fast liebte, flößt mir jetzt Angst ein, obwohl sie eigentlich meine Verbündete hätte sein müssen. Das Schicksal dieses Dings scheint genau wie meines, bereits beschlossene Sache zu sein.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich Mr. Sowieso zum ersten Mal sah. Er war ein Drogenhändler und ohne ihn wären Marty und ich wahrscheinlich niemals drogensüchtig geworden. Marihuana, das verdammte Teufelsgras vielleicht, aber Heroin, das glaube ich nicht. Das Heroin hätte es fast geschafft, meinen Körper zu zerstören. Damals waren meine Arme wundgestochen als wäre ich von einem geisteskranken Junkie misshandelt worden. Ich hatte diesen Kerl mehr als hundertmal verflucht, obwohl ich weiß, dass ich nicht ihm die ganze Schuld aufbürden kann. Niemand kann dich dazu zwingen, Drogen zu nehmen. Es ist ganz einfach Ka!
Ist es denn richtig, auf einen Gnadenerlass zu hoffen? Ich habe mich niemals gefragt, ob es denn richtig sei, eine Fliege zu zerquetschen, nur weil sie das saftige Eiland meines verseuchten Körpers zu ihren Jagdgründen erkor. Auch sie ist ein Geschöpf Gottes und hat ein Recht zu leben. Wer es wagt, das Gegenteil zu behaupten, der soll sich die Zeit nehmen und sich in die Lage der Fliege versetzen.
Auf meiner Stirn bildet sich ein dünner Schweißfilm. Mir ist plötzlich heiß. Da sind gedämpfte Stimmen, dann das Trommeln von Absätzen auf dem steinernen Boden. Ich habe keine Ahnung wie spät es ist. Es ist mir auch gleichgültig. Zeit, was bedeutet hier drinnen schon Zeit?
Das sind sinnlose Überlegungen, die meine Gedankenfabrik durchpflügen, doch ich bin froh über jede Ablenkung, die mich die unerklärliche Beklemmung vergessen lässt. Von draußen dringt das Dröhnen laufender Motoren an meine Ohren.
Meine letzte Fahrt mit einem motorisierten Fahrzeug liegt fünfzehn Jahre zurück. Es war die Tour vom Untersuchungsgefängnis hierher in den Hochsicherheitstrakt Mountain View bei Gatesville - und einige Tage zuvor vom Gerichtsgebäude zurück in die U-Haft, das war nach meiner Verurteilung. Ich erinnere mich noch deutlich an die abschließenden Worte meines Verteidigers David Botsford
"Sicher gibt es keine Entschuldigung für die grauenvollen Morde in diesem Haus. Seit mehreren Wochen höre ich hier im Saal nichts anderes als den Schrei nach dem Henker. Muss man der breiten Masse der Bevölkerung unbedingt die Befriedigung geben und die Angeklagte zum Tod verurteilen? Bei diesen Gedanken drängt sich mir die Erinnerung an die Inquisition auf. Wenn die Angeklagte exekutiert wird, dann bedeutet das, dass ein Gericht gezwungen worden ist, sich dem Druck der Öffentlichkeit zu beugen. In seiner Rede, die an Grausamkeit nicht zu überbieten ist, hat der Staatsanwalt verlautbart, dass wir auf schuldig plädieren, weil wir Angst haben etwas anderes zu tun. Und das stimmt. Natürlich habe ich Angst, den Prozess von Geschworenen entscheiden zu lassen, deren Verantwortung durch zwölf geteilt wird. Euer Ehren, wenn die Angeklagte zum Tod verurteil werden soll, dann müssen Sie es tun. Es muss Ihre eigene wohlüberlegte Entscheidung sein."
Ein ausgezeichneter Verteidiger, dieser David Botsford. Er setzte sich bis zuletzt für mich ein, doch seine Bemühungen waren umsonst. Es sprach einfach zuviel gegen mich - alle stummen und sprechenden Zeugen. Er plädierte auf schuldig, weil er hoffte, dadurch das Todesurteil abwenden zu können. Die niederschmetternde Erkenntnis kam nicht einmal eine Sunde später. Ich wollte es erst nicht wahrhaben, war wie paralysiert. Ich habe nicht daran geglaubt, dass man mich zum Tod verurteilen würde, doch tief in den dunkelsten Winkeln meines Unterbewusstseins wusste ich es.
In der letzten Zeit habe ich manchmal das Gefühl, als würden die Wände zum Leben erwachen. Natürlich ist das Schwachsinn, aber ich frage mich, wie Dr. Freud diesen Fall interpretieren würde. Ich weiß nichts von Psychologie, deshalb hätte ich gern die Analyse eines Experten gehört. Ihm wäre es sicher möglich, ein Spektrum zu erkennen, das sich meinen sehenden Augen entzieht, und auch meinem Verstand. Oft sehe ich in den Wänden wirre, surreale Bilder, deren Perspektiven sich fortwährend verändern. Möglicherweise handelt es sich hier um die Auswirkungen des Fiebers, das in den letzten Tagen meinen Körper erhitzte und vielleicht liegt hier auch die Lösung der Träume über den Mann in Schwarz. Diese spleenigen Träume machen mich verrückt. Wen wundert das.
Mit Schaudern erinnere ich mich an meine Kindheit. Im zarten Alter von acht Jahren begann ich Marihuana zu rauchen, zwei Jahre später griff ich zu Heroin und es dauerte nicht lange, da saß mir der weiße Pavian auf den Schultern. In Milwaukee, in einer Wohnung des Hauses 131 Baker Street 2nd, erlebte ich im Jahre 1970 den Alptraum meines Lebens, das war der Tag, an dem der Großinquisitor (ein Mitglied des Drogenkartells meines Stiefvaters, der ihn Pino nannte. Aber ich bezweifle, dass es sich hierbei um seinen richtigen Namen handelt) zu meinem Entsetzen, vor meinen Augen starb. Anfangs dachte ich, es wäre ein Segen für mich, aber damals dauerte es nicht lange, bis ich herausfand, dass es besser gewesen wäre, wenn er am Leben geblieben wäre.
In 30 Tagen werde ich in die Todeskammer gehen, wo ich auf die Pritsche geschnallt werde. An beiden Unterarmen werden Kanülen und Nadeln befestigt. Die Vorhänge zu den Nebenräumen werden geöffnet, bevor ich meine letzten Worte sprechen darf. Etwa um 18.30 gibt der Henker in Folge drei giftige Substanzen frei: Thiopental Sodium, das nach fünfzehn Sekunden zur Bewusstlosigkeit führt, Pancuroniumbromid, das den Körper lähmt, und Potassiumchlorid, das den Herzstillstand auslöst. In der Folge wird das EKG beobachtet, bis alle Lebenszeichen aufhören zu existieren.
Und meine letzten Worte werden sein: "Ich liebe euch alle!"



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Eingereicht am 01. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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