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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Abschied nehmen

Hannelore Sagorski


Seit über einem Jahr lebe ich jetzt bei Tante Anna, Onkel Hans und meiner Cousine Gerda in Kiel. Meine Mutter und meine Schwester Lena sind in der DDR zurück geblieben. Da sich über Nacht die Grenzen geschlossen hatten, und keiner mehr ausreisen durfte, konnte Onkel Hans meine Mutter und Lena nicht mehr nach Kiel holen, und ich konnte auch nicht mehr zurück. Da ich erst 14 bin, für mich eine schwere Zeit, aber ich habe mich damit abgefunden, mache mich im Haushalt nützlich, und bin Kindermädchen für meine acht Jahre alte Cousine Gerda. Im Sommer fahre ich fast jeden Tag mit Gerda auf dem Gepäckträger, und meiner Freundin Sabine per Fahrrad an die Ostsee zum Baden. An einem Donnerstag im August müssen wir den Bus nehmen, weil das Fahrrad kaputt ist. Onkel Hans kann es erst am Wochenende reparieren. Meine Freundin Sabine fährt auch mit uns. Am Abend sind wir einen Bus später dran, als wir eigentlich sollten. Wir steigen aus. Gerda schaut mich verschmitzt an und ruft," wer zuerst zu Hause ist." Sie rennt um den Bus, um die Straße zu überqueren. Ich höre ein schreckliches Reifenquietschen, zu spät, Gerda wird von einem Lastwagen erfasst, mehrere Meter durch die Luft geschleudert, und bleibt leblos liegen. Totenstille. Mein Herz hämmert wie ein Presslufthammer. Ich will schreien und zu Gerda laufen, aber ich kann nicht. Ich bin starr vor Schreck. Wie durch einen Schleier sehe ich, wie Leute zu Gerda auf die Straße laufen. Sabine schüttelt mich. "Ich hole Gerdas Mutter ," ruft sie und läuft los. Jetzt endlich komme ich zur Besinnung und laufe zu Gerda auf die Straße. Sie sieht schrecklich aus. Ihre Glieder sind verdreht und sie blutet aus Mund und Nase. Ich knie neben ihr nieder und stammel immer wieder ihren Namen. Ein Mann kommt angerannt, und sagt," Krankenwagen und Polizei sind verständigt." Es dauert einige Zeit, bis ich das Martinshorn vom Krankenwagen höre. Endlich kommt Hilfe. Ein Arzt steigt aus und schiebt die Leute zur Seite. Die Sanitäter bringen eine Trage und Gerda wird darauf gelegt. Jetzt wird sie erst mal vom Arzt versorgt, sie ist noch immer bewusstlos. " Wir müssen so schnell wie möglich ins Krankenhaus, da können wir sie dann gleich operieren," sagt der Arzt. Da kommt Sabine mit Tante Anna angerannt. " Ich fahre mit ins Krankenhaus ," ruft sie mir noch zu, und steigt mit in den Wagen. Das Martinshorn hallt mir noch lange in den Ohren. Sabine ist es schließlich, die mich von der Straße zieht. Mir wird erst jetzt bewusst, was eigentlich passiert ist, und bekomme schreckliche Angst. Hoffentlich wird Gerda wieder gesund. Ich hätte einfach besser aufpassen müssen. Sabine nimmt meine Sachen und bringt mich nach Hause. "Lass mich jetzt bitte nicht allein," schluchze ich. Sabine nimmt mich in den Arm und sagt," Gerda ist in guten Händen und es wird alles gut werden." Etwa eine halbe Stunde später kommt Onkel Hans von der Arbeit heim, und ich erzähle ihm heulend was passiert ist. Er wird ganz blass im Gesicht und setzt sich auf einen Stuhl. Schnell hat er sich wieder gefangen und sagt," ich gehe ins Krankenhaus, vielleicht kann ich dort etwas mehr erfahren. Ich schaue ihm hinterher, und denke , hoffentlich wird alles gut . Sabine ist inzwischen auch nach Hause gegangen, ich bin jetzt allein. Immer wieder sehe ich den Unfall vor meinen Augen ablaufen, wie hätte ich es verhindern können, frage ich mich immer wieder, und quäle mich mit Selbstvorwürfen. In meinen Gedanken hämmert es nur noch, du bist Schuld, du bist Schuld, und voller Ungeduld warte ich auf die Rückkehr von Onkel Hans und Tante Anna. Endlich, nach zwei endlosen Stunden kommen sie um die Ecke. Ich laufe ihnen entgegen, und rufe, "was ist mit Gerda?" Tante Anna antwortet nicht. Mit starrem Blick und Tränen im Gesicht geht sie an mir vorbei, auch Onkel Hans weint. Er legt seine Hände auf meine Schultern und sagt," Gerda kommt nicht mehr, sie ist im Krankenhaus gestorben." Gerda gestorben, ich kann es nicht glauben, wir haben heute Nachmittag noch am Strand herumgetobt, gespielt und in der Ostsee gebadet. Außerdem höre ich ihre Stimme ganz deutlich, und Tote können ja nicht sprechen. Es ist alles nur ein böser Traum. Onkel Hans reißt mich aus meinen Gedanken," Elsa ,wir werden jetzt eine sehr schwere Zeit vor uns haben, in den nächsten Tagen müssen wir uns um die Beerdigung kümmern." Wir gehen ins Haus. Tante Anna sitzt am Küchentisch , und weint hemmungslos. Onkel Hans versucht sie zu trösten, aber Trost, glaube ich, kann ihr im Moment niemand geben. Mich zieht es nach oben in meine Kammer, um allein zu sein. Immer wieder sage ich mir, ich hätte besser aufpassen müssen. Ich fühle mich hundeelend , und möchte weinen, aber ich kann nicht. In meiner Verzweiflung fallen mir Mamas Worte wieder ein, wenn du verzweifelt bist, und nicht mehr weiter weißt, schau in den Himmel und sprich mit mir, aber nicht einmal dafür reicht meine Kraft. Irgendwann schlafe ich ein. Am nächsten Morgen stehe ich sehr früh auf. Tante Anna sitzt am Küchentisch, als wäre sie überhaupt nicht aufgestanden. Onkel Hans sagt gerade zu ihr," wir müssen uns um die Beerdigung kümmern, da gibt es noch einiges zu erledigen." " Ich kann das nicht, mach du das allein." Onkel Hans merkt, dass es keinen Sinn hat mit Tante Anna zu reden. Er kommt zu mir und sagt," ich gehe nachher ins Beerdigungsinstitut um alle Formalitäten zu erledigen, anschließend gehe ich noch zum Pastor wegen der Trauerfeier. Du lässt Tante Anna am besten in Ruhe, sie muss selbst aus ihrer Trauer herausfinden." Ich gehe erst mal wieder in meine Kammer und schreibe einen Brief an Mama. Am Nachmittag kommt Sabine vorbei, um sich nach Gerda zu erkundigen. " Gerda ist tot, und ich bin schuld," sage ich. Es dauert einen Moment, bis Sabine begriffen hat, was ich gesagt habe. Dann fällt sie mir schluchzend um den Hals," das ist ja schrecklich, aber es war wirklich nicht deine Schuld, was hättest du denn machen sollen." " Du magst ja Recht haben, aber Tante Anna wird mir nie verzeihen." Sabine bleibt den ganzen Nachmittag bei mir, und wir reden nur über Gerda. Ich spüre, dass mir ihre Worte ein wenig bei meiner Trauer helfen. Onkel Hans ist fast den ganzen Tag unterwegs, er kommt erst gegen Abend zurück. Tante Anna sitzt immer noch am Tisch und spricht kein Wort. " Ich werde uns erst mal einen Tee machen, und dann legst du dich hin und versuchst zu schlafen. Außerdem habe ein paar Beruhigungspillen vom Doktor mitgebracht," sagt Onkel Hans zu Tante Anna. Tante Anna lässt alles mit sich geschehen. Mir wird richtig unheimlich bei ihrem Anblick. Dann bin ich mit Onkel Hans allein. Er erzählt mir, dass die Beerdigung am Montag, in der Kapelle, auf dem Friedhof stattfindet. " Das wird ein schwerer Weg für uns alle werden, aber wenn wir uns gegenseitig Mut machen, werden wir es schon schaffen. Nur um Tante Anna mache ich mir Sorgen," sagt er. " Ich werde versuchen, sie so gut wie möglich zu unterstützen," verspreche ich Onkel Hans.
Die nächsten Tage ziehen sich unendlich lang dahin. Ich bin froh, wenn alles vorbei ist. Dann kommt der Montag. Gegen Mittag machen wir uns alle fertig. Tante Anna bekommt noch ein paar Beruhigungspillen. Sie sieht schrecklich aus. Die Augen sind rot und verquollen vom weinen, und das Gesicht ist blass und eingefallen. Sie ist in dieser kurzen Zeit um Jahre gealtert, aber mir geht es auch nicht besser. Ich fühle mich erbärmlich. Auf dem Weg zur Kapelle sprechen wir kein einziges Wort, aber Onkel Hans hält meine Hand, das gibt mir etwas Kraft. Vor der Kapelle wartet schon der Pastor. Er drückt Tante Anna lange die Hand, und spricht ihr etwas Mut zu. links und rechts neben uns huschen ein paar Gestalten vorbei. Es sind Bekannte und Nachbarn, die auch an der Trauerfeier teilnehmen wollen. Dann gibt der Pastor uns ein Zeichen, ihm in die Kapelle zu folgen. Ich schaue Onkel Hans an, er nickt mir zu, drückt meine Hand noch fester und zieht mich mit. Die Orgel fängt an zu spielen. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Ganz vorne steht ein kleiner, weißer Kindersarg mit Blumen geschmückt. Ich möchte weglaufen, aber Onkel Hans zieht mich immer weiter mit. In der ersten Reihe setzen wir uns hin. Von der Ansprache des Pastors bekomme ich nicht viel mit. Ich denke an Gerda, und die Zeit, die wir zusammen verbracht haben. Alles um mich herum versinkt im Nebel. Ich komme erst wieder zu mir, als zwei Männer den Sarg aufnehmen und nach draußen tragen. Wir stehen auf und folgen dem Sarg bis zur Grabstelle. Dort ist ein tiefes Loch ausgehoben. Langsam wird der Sarg mit zwei Stricken nach unten gelassen. Als ich mir vorstelle, dass Gerda für immer in diesem Loch verschwinden wird, kann ich nicht mehr, ich drehe mich um und laufe davon. So schnell ich kann, laufe ich nach Hause und verkrieche mich im Stall. Hier haben Gerda und ich uns immer versteckt, wenn wir etwas ausgefressen hatten. Plötzlich wird mir bewusst, dass ich hier nie wieder mit ihr sitzen werde. Sie wurde nur acht Jahre alt. Allmählich löst sich meine Anspannung und ich kann nach Tagen wieder weinen. Ich weiß nicht, wie lange ich hier gesessen habe, aber dann fällt mir Mamas Ratschlag wieder ein. Wenn du verzweifelt bist, und nicht mehr weiter weißt, schau in den Himmel und sprich mit mir. Und ich schaue in den Himmel und rede mir alles von der Seele, und merke dabei, wie mir etwas leichter wird. Nach einiger Zeit sagt eine innere Stimme zu mir," es ist nicht deine Schuld, es war einfach nur ein Unfall. Die Trauer wird noch lange anhalten, aber lass dir von keinem Schuldgefühle einreden und schau nach vorn."
Es ist schon Abend, als ich den Stall verlasse und ins Haus gehe. Onkel Hans kommt auf mich zugeschossen, " wo warst du denn , ich habe mir schon Sorgen gemacht. " Ich habe mich an unserem Lieblingsplatz von Gerda verabschiedet, ich weiß jetzt, dass ich sie nie wiedersehen kann, aber ich werde sie für immer in meinem Herzen behalten."



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Eingereicht am 29. April 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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