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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

In der Nacht

Sabine Thode


Vor ihr lag der See. Seine schwarze Oberfläche spiegelte silbrig das volle Licht des Mondes wieder, das die bei Tag so vertraute, lebendige Umgebung in ein rätselhaftes, fremdes Wunderland verwandelte. Der Wald, der sie und das kleine Gewässer umgab, untermalte die idyllische Szenerie mit einem leisen Rauschen seiner Blätter; Ab und zu ertönte ein kurzes Knacken oder Rascheln aus seiner Schwärze. Sie ließ das Bild auf sich wirken, das vor ihr lag. Das glatte Wasser, umrahmt von den in der nächtlichen Fahlheit bizarren Formen des Schilfes, das an seinen Ufern wuchs, wirkte friedlich und vollkommen, schien sie schweigend aufzufordern in seine Kühle einzutauchen. Sie strich die dünnen Träger ihres seidenen Nachthemdes über ihre Schultern. Geräuschlos fiel der zarte Stoff zu Boden, streifte ihre samtige Haut, landete als ein unordentliches Häuflein zu ihren bloßen Füßen. Nackt stand sie im fahlen Mondlicht, ihr Körper hell schimmernd vor der Dunkelheit des Waldes hinter ihr. Ein leiser Windhauch streifte ihre Haut, warm, weich, ließ ihr Haar ihren Nacken und ihre Schultern kitzeln. Zaghaft tat sie einige Schritte in Richtung des Ufers. Sie spürte das trockene Gras und die weiche Erde unter ihren Füßen. Sie erreichte den Rand des Sees, tauchte ihren Zeh hinein, zerstörte die Perfektion der spiegelglatten Oberfläche und erzeugte stattdessen eine neue, als das Wasser sich kräuselte und sich Ringe kleiner Wellen über das ganze Gewässer ausbreiteten. Mit leise platschenden Geräuschen glitt sie in das kühle Nass, ließ sich von seiner samtenen Vollkommenheit umhüllen und versank ganz darin, fühlte sich schwerelos, umgeben von der Fülle ihrer im dunklen Wasser unsichtbar um sie schwebenden Haare. Atemlos tauchte sie auf, durchbrach die Wasseroberfläche, um der plötzlichen Stille zu entkommen, die sie zu erdrücken drohte. Tief rang sie nach Luft.
Dann stieß sie sich vom Boden ab, schwamm, begleitet von sanftem Geplätscher, mit ruhigen Zügen. In der Mitte des Sees drehte sie sich, ließ sich auf dem Rücken treiben und lauschte den Geräuschen der Nacht. Der tiefe, langgezogene Ruf einer Eule ertönte, klagend, gruselig in der Dunkelheit. Das Rauschen der Blätter um sie herum schwoll an, als eine plötzliche Bö die Kronen der Bäume erfasste, dann verebbte es wieder, wurde zu einer leisen Kulisse. Hier und dort zirpte eine Grille, knackte ein Ast. Sie ließ die Einsamkeit der Nacht auf sich wirken, genoss den Frieden in der Natur. Dies war ihr Ort, ihre Zuflucht, der Platz an den sie floh, wenn der tägliche Trubel sie erfasste und der Druck und die Hektik sie einzuschnüren drohten. Zufrieden ließ sie ihre Gedanken wandern, nahm sich alle Zeit der Welt, um einmal ganz allein mit sich zu sein, träumte davon, für immer und ewig in der Stille der Nacht zu schweben. Als ihr die Kälte des Wassers in die Glieder kroch steuerte sie schließlich ihren treibenden Körper mit sanften Bewegungen ihrer Arme zurück zum Ufer. Als sie sich erhob, floss das Wasser in kleinen Bächen ihren Leib hinab, traf die Oberfläche des Wasser und erzeugte dort ein melodisches Plätschern, das in ein leises Tröpfeln überging, als die Rinnsale versiegten. Sie trat ans Ufer. Wieder streifte sie ein Windhauch, nicht mehr warm diesmal. Die kleinen Härchen auf ihrer nassen Haut stellten sich auf, ein Zittern durchlief sie. Schnell nahm sie ihr vorhin so achtlos fallengelassenes Nachthemd auf, zog es über ihren Kopf. Unter dem zarten Stoff zeichneten sich die Rundungen ihres feuchten Körpers ab, ihre Hüften, ihre Brüste, ihr Po. Fröstelnd schlang sie sich die Arme um den Oberkörper, um die klamme Kühle zu vertreiben. Bedauernd blickte sie noch einmal zurück auf ihr kleines nächtliches Paradies, noch nicht gewillt, den Frieden und die Ruhe, die sie hier fand, wieder zu verlassen. Doch wieder traf sie eine Brise, verstärkte das Zittern. Einen kurzen Moment noch zögerte sie, dann lief sie, von neuer Energie erfüllt, in Richtung des Pfades, der zu ihrem Heim und seiner einladenden Wärme führte. Das Tapsen ihrer Schritte veränderte sich, wurde lauter, als sie den Kiesweg betrat, entfernte sich. Und verklang schließlich ganz. Wieder durchdrang der Ruf einer Eule das Rauschen des Waldes. Diesmal verhallte er ungehört.



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Eingereicht am 28. April 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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