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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Tarot - die Karten lügen nicht

Torsten Houben


"Ziehen Sie die Karten mit der linken Hand. Ich brauche zehn davon um Ihnen die Frage zu beantworten", wisperte die alte Frau heiser. Sie trug offensichtlich eine Perücke, denn ihr Haar war unnatürlich rot und lockig. Ein Turban sowie ein glitzerndes Kleid, das geradezu grotesk an ihr aussah, komplettierte die Verkleidung.
Max glaubte an solchen Hokuspokus überhaupt nicht, aber an diesem Abend hatte er schon das ein oder andere Kirmesbier getrunken und der klapprige Wohnwagen mit dem schlecht gemalten Werbeplakat hatte ihn angezogen. Mal sehen, dachte er sich, ob nicht doch ein überraschender Geldsegen kommt.
Zügig, ohne lange darüber nachzudenken, welche der mit dem Rücken nach oben vor ihm ausgebreiteten Karten er nehmen sollte, griff er so lange immer wieder zu, bis er zehn Stück abgezählt hatte. Dieses Päckchen reichte er der Wahrsagerin. "Madame Luna" - wie sie sich nannte - deckte die Bilder nach und nach auf und legte sie in einem kreuzförmigen Muster vor sich auf den Tisch. Bei der letzten Karte zuckte die Alte zusammen.
"Und? Was sehen Sie in den Dingern?", sagte Max mit schwerer Zunge. Das letzte Bier war eines zu viel gewesen.
"Zeige Respekt dem Tarot gegenüber. Du wirst das Geld bekommen, doch sehe ich große Einsamkeit." Die Frau zeigte auf eine Karte, auf der ein alter Mann mit grauer Kutte und einer Laterne in der Hand zu sehen war. "Der Eremit" war darauf zu lesen.
"Einsamkeit? Warum? Ich habe jede Menge Kumpel, also einsam werde ich nie sein."
Die Kartenlegerin deutete auf ein weiteres Bild und murmelte: "Der Mond scheint für dich. Es ist nicht die Sonne, ist nicht der Stern. Der Mond bedeutet Gefahr."
"Ja klar. Und der Sensenmann heißt, dass ich bald sterbe", lachte Max und nahm die Karte mit eben jenem Bild in die Hand. "Der Tod" stand dort in schlichten Buchstaben aufgedruckt.
"Nein. Nicht du. Du bist nur der Bote."
Max stand auf und legte der Alten eine Fünf-Euro-Schein auf den Tisch.
"Mehr ist Ihre Spinnerei ja wohl nicht wert. Von der Kohle hätte ich besser noch einen gehoben." Damit verließ er den Wohnwagen und die Kartenlegerin blieb allein.
"Geizhals", brummte sie und warf den Fünfer in die schwarz angelaufene Silberschale, die ihr als Kasse diente.
Max ging zwei Stunden später mit ziemlicher Schräglage in Richtung seiner Wohnung. Kirmes war ein seltenes Ereignis in der kleinen Stadt und musste entsprechend begossen werden, was er dann auch ordentlich getan hatte. Einige Passanten drehten sich kopfschüttelnd nach ihm um. Der junge Mann warf eine leere Zigarettenschachtel auf den Boden und kickte sie wütend die Straße entlang. Die letzte Kippe war längst aufgeraucht. Kleingeld für den Automaten, der den begehrten Suchtstoff ausspucken sollten, hatte Max auch nicht mehr. Fluchend setzte er sich in einen Hauseingang und schlief wenig später ein.
Trude Klein zog sich um, hängte ihr Glitzerkleid in den Schrank, steckte den Geldbeutel in ihre Einkaufstasche und schloss die Türe hinter sich ab. Feierabend. Ein langer Arbeitstag war zu Ende. Nicht viele Kunden hatten sich heute zu ihr verirrt. Es war ein schrecklicher Tag gewesen. Sogar bestohlen hatte man sie. Eine Sekunde Unachtsamkeit und es war zu spät. Ihr Werkzeug, Quelle ihres Wissen, war nicht mehr komplett. Nun machte Trude sich auf den Weg zum Nachttresor der Bank, um ihre Tageseinnahmen abzugeben. Keine Menschenseele war in den dunklen Straßen zu sehen. Die Frau verdoppelte die Geschwindigkeit ihrer Schritte. Nur schnell zur Bank und dann nach Hause. Nach Hause? Das wäre schön. Seit Jahrzehnten reiste sie von Ort zu Ort um ein wenig Geld mit ihrer Kunst zu verdienen. Ein eigenes kleines Häuschen, davon träumte sie schon lange, aber es würde wohl ein Traum bleiben.
Trude stolperte und konnte sich gerade noch fangen, sonst wäre sie auf den harten Beton gefallen.
"Hey, Oma! Pass doch auf wo du hinrennst", keifte ein offenbar betrunkener Mann, dessen Beine Trude den Weg versperrt hatten.
Couragiert wie sie war, sagte die dem Kerl die Meinung: "Sie sollten nach Hause gehen junger Mann. Warum liegen Sie auch hier auf der Straße? Sie sollten sich schämen."
"Oma.", der junge Mann stand auf, und überragte die Frau um knapp einen halben Meter. "Wenn du hier Ärger machen willst, dann bist du bei mir richtig. Gib mal Kohle für Kippen her. Du hast doch sicher Kleingeld dabei."
"Wollen Sie mir drohen?", Trude wich einen Schritt zurück.
Max baute sich bedrohlich vor der Alten auf. Ihr Gesicht kam ihm bekannt vor, doch er erinnerte sich nicht woher.
"Rück Kohle raus!", schrie er nun. Er spürte immer noch den Alkohol in sich, aber er betäubte ihn nun nicht mehr, sondern machte ihn aggressiv. Er ballte seine Hand zur Faust und schlug sie der Frau ins Gesicht.
Trude spürte nur den Schmerz. Woher er kam, hatte sie so schnell nicht mitbekommen. Sie fiel nach hinten, versuchte sich an ihrem Gegenüber festzuhalten, doch der wich aus und die Frau prallte mit dem Kopf auf die Treppenstufe eines Häusereingangs.
Max beachtete die Frau nicht. Auch entging es ihm, dass sie sich nicht mehr regte. Er griff in die Einkaufstasche und durchsuchte sie.
"Geil! 120 Euro! Nicht schlecht. Aber kein Kleingeld", sagte er zu sich selbst.
Er stieß Trude mit dem Fuß an.
"Hey. Wach auf! Kleingeld - ich brauche Münzen für Kippen, Mann!"
Die Haustür, in der die Frau mit blutverschmiertem Kinn lag, öffnete sich, eine junge Frau im Nachthemd trat heraus und stieß einen schrillen Schrei aus. Ihr Mann lief schnell dazu und packte den verdutzten Max.
"Das wirst du wohl der Polizei erklären müssen", sagte er.
Max vergrub eine Hand in seine Manteltasche. Er spürte etwas zwischen seinen Fingern. Schlagartig war er nüchtern, als er auf die Tarotkarte sah, die er aus dem Mantel zog.
"Der Tod".
Wegen Straftat in Verbindung mit Alkohol fiel die Haftstrafe überraschend gering aus, doch Max war für einige Jahre sehr, sehr einsam in seiner Zelle. Nur der Mond, der durch die Gitter schien, leistete ihm in den Nächten Gesellschaft.
Und doch konnte Max ein Lachen manchmal nicht unterdrücken. Die Wärter wunderten sich über den seltsamen Burschen, der immer wieder die selben Worte herunterleierte: "Geld - Eremit - Mond - Tod. Die Frau war mehr wert als fünf Euro."



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Eingereicht am 26. April 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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