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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Festgefahren

Nicole


Sie hatten es jahrelang ausgeschwiegen. Doch als auch der Zwangssex nur noch Pflichterfüllung war, und das noch nicht mal immer befriedigend, da war endgültig der Punkt für sie erreicht, wo ein Gespräch fällig war. In der Nacht zuvor lag Elke schlaflos im Bett neben ihrem Mann und versuchte, sich die Worte und Situation vorzustellen. Sie reichte ihm ein Brot und könnte so etwas sagen wie: "Lass es dir schmecken Schatz. Ach, was ich dich fragen wollte, findest du unser Sexleben nicht auch schrecklich langweilig?" Oh, nein, das war viel zu direkt. Vielleicht eher humoristisch: "Wo ich gerade dein dunkles Hemd sehe. Unser Sexleben ist gestorben." Das ging auch auf keinen Fall. Aber irgendwas musste passieren. Sie liebte ihren Mann und Elke war sich sicher, dass es bei Heiner auch so war. Nun ja nach so vielen gemeinsamen Jahren war es etwas ruhiger geworden. Nur in den letzten Monaten eindeutig zu ruhig.
Irgendwann schlief sie schließlich ohne konkrete Vorstellung, wie sie das Thema beginnen sollte, ein und wälzte sich unruhig durch den Rest der Nacht. "Du siehst müde aus, hast ganz schön unruhig geschlafen letzte Nacht. Ist alles in Ordnung?" Wenn das nicht ein Zeichen war, ihre Chance. Die Situation war da. Das Frühstück, Heiner und sie, allein. Die Kinder jeweils bei Freunden. Sie hatten Zeit, es war Samstag und Heiner musste nicht ins Büro. Jetzt oder nie.
Elke schüttelte den Kopf und reichte Heiner eine Brotscheibe. "Wir müssen wirklich reden Heiner", sie schaute kurz von ihrer Beschäftigung, ihr Brot zu bestreichen auf, und erkannte sofort Sorge in seinem Gesicht. "Ist was mit den Kindern?" Wieder schüttelte Elke den Kopf: " Nein, den Jungs geht's gut. Heiner es geht um uns." Hurra es war raus, jubelte sie innerlich. Heiners Mimik wechselte von Sorge in Unverständnis. "Ich meine unser Sexleben. Unser kaum vorhandenes Sexleben, Heiner." Unbewusst hielt Elke die Luft an. "Ach so, das", meinte Heiner leise und hörte ebenfalls auf, sein Brot zu bearbeiten. Das war letztes Wochenende gewesen und jetzt saßen sie allein im Wartezimmer von Dr. Martin Schuster. Dr. Schuster war Paartherapeut. Heiners Vorschlag nach langem hin und her war eine Therapie gewesen. "Warum nicht? Schließlich wissen die, wovon die reden. Lass es uns damit versuchen." Also saßen sie jetzt hier. Elke war sichtlich nervös, Heiner schien locker zu sein spielte aber unentwegt mit seinem Ehering. Dann wurden sie von einem zu jungen, dunkelbelockten Mann mit Nickelbrille und freundlichem Lächeln gebeten, in den angrenzenden Raum zu kommen. Trotz Elkes Vorbehalten war Dr. Martin Schuster ein guter Therapeut und nach anfänglichen Hemmungen konnte Elke sich immer mehr öffnen.
Fazit aus fünf Sitzungen a jeweils eineinhalb Stunden war, dass solche Probleme durchaus nicht selten und als relativ normal einzustufen waren. Dr. Schuster hatte auch einige Vorschläge, die zur Verbesserung der Situation beitragen sollten. Sex an anderen Orten oder in anderen Stellungen sollten hilfreich sein. Auch Rollenspiele könnten durchaus eine anregende Wirkung haben. Dr. Schuster fand auch den Einsatz von verschiedener Sexspielzeuge als denkbar. Mit diesen Ratschlägen und ihrem durchgesprochenem Ehe- und Sexleben im Gepäck, konnte und sollte das Projekt "besserer Sex" starten. Merkwürdig fand Elke nur, dass sie zwar vor und mit Dr. Schuster über ihre Probleme sprachen, aber zu Hause das Thema nie aufgriffen. Heiner schien ehrlich bemüht, denn er hatte den Durchschnitt ihrer Sexualität in den letzten Wochen stark hochgerissen. Es war auch wirklich schön gewesen aber Elke, und sie glaubte auch Heiner, waren durch Dr. Schusters Anregungen auf Ideen gebracht worden. Ideen, die Elke aufregend fand. Andererseits fragte sie sich auch, ob sie diese Ideen umsetzen konnte. Alles langsam angehen lassen, sagte sie sich selber. Schließlich musste sie sich ja nicht in ein Sexmonster verwandeln. Alles nach und nach, wie es gerade passte. Sie hatte nicht vor, das Kamasutra durchzuarbeiten und wollte auch nicht an unmöglichen Orten Sex, aber ein bisschen mehr Anregung durfte es schon sein. Elke war zwar keine zwanzig mehr aber auch noch längst kein Trockenobst.
Eines abends, die Jungs waren für die Nacht bei den Großeltern, überraschte Heiner Elke. Sie waren auf dem Weg, vom Abendessen mit Freunden, nach Hause als Heiner den Wagen in einem Waldweg lenkte. Elke musste schmunzeln, sie ahnte bereits den Grund dieses Abstechers. Nachdem der Wagen geparkt war drehte sich Heiner grinsend zu Elke und hob schelmisch die Augenbraue: "Wie in alten Zeiten, oder?" Dann beugte er sich zu seiner Frau und küsste sie innig. Der Rest gestaltete sich allerdings weniger romantisch. Heiner und Elke erkannten bald die Grenzen ihrer körperlichen Fähigkeiten. Ständig war irgendwas im Weg, drückte oder störte. Nach zehnminütigem wildem Gerangel konnte Elke einfach nicht mehr an sich halten und prustete vor Lachen. Auch Heiner schaffte es nicht lange, ernst zu bleiben. Nachdem sie sich ausgeschüttet hatten vor Lachen und ihre Kleidung wieder gerichtet war, saßen sie noch eine ganze Weile im Auto und unterhielten sich über alles mögliche. Zum Schluss holten sie die missglückte Gelegenheit zu Hause in ihrem Bett nach. Beide waren sich einig, dass dies der schönste Abend seit langem war.
Nach diesem Abend war das Eis, was die experimentelle Phase anging, gebrochen. Jetzt fand Elke, dass sie an der Reihe war, mal etwas Neues anzugehen. Sie verabredete sich mit Monika, ihrer Freundin, in der Stadt. Monika war seit zwei Jahren geschieden und genoss seither ihr Singleleben in vollen Zügen und ließ Elke oftmals rege daran teilhaben. Deshalb fand Elke, war Monika auch die beste Begleitung für diesen Ausflug. Monika nannte es Projekt Sexshop mit dem Untertitel "Elke im Wunderland". Nach den gestrigen Telefonat hatte Elke doch kurz daran gezweifelt ob Monika eine gute Wahl war. Doch allzu viele Alternativen hatte sie nicht. Keine ihrer anderen Freundinnen war so offen wie Moni. Schließlich war es auch für Elke eine absolute Premiere. Sie hatte Heiner nichts erzählt, sie wollte ihn überraschen. Jetzt stand sie mit klopfendem Herzen, schwitzigen Händen und einer plappernden Moni vor dem Shop und rang mit sich. Doch eh sie selbst zu einer Entscheidung kam, wurde Elke resolut von Monika durch die Tür gedrückt. "Los Elke, ab ins Wunderland!" Die Tür, ein schwerer Vorhang und schon standen sie in dem Laden. Noch ehe sich Elke verschüchtert einen Überblick verschaffen konnte, übernahm ihre temperamentvolle Freundin die Führung und zog sie zu einer Regalwand. Frauenträume nannte Moni die Auswahl vor ihnen. Dildos, Vibratoren in vielen Formen, Größen, Farben und sogar Geschmacksrichtungen. Während Monika ein wirklich großes Stück bewunderte, fragte Elke sich, wo denn nur der gute alte Massagestab aus dem Otto Katalog geblieben war. Zaghaft untersuchte sie einige der prächtigen Exemplare und ganz kurz verglich sie sogar mit ihrem Echtexemplar zu Hause. Moni war hellauf begeistert und pries verschiedene Dinge an wie eine Starverkäuferin. Wenn Elke es nicht besser gewusst hätte, hätte sie meinen können Monika bekäme Provisionen.
Letztendlich verbrachten sie gute zwei Stunden in dem Shop. Elke ließ sich, anfänglich noch zögerlich, später immer begeisterter, von der Auswahl anregen und inspirieren. Sie sah Dinge, die sie nicht mal aussprechen konnte ohne rot zu werden oder gar gewusst zu haben, dass es sie gab. Monika erwies sich als Kennerin und konnte wirklich so ziemlich alles auf- und erklären ohne allerdings zu verraten woher sie dieses Wissen hatte. Sie knipste nur mit dem Auge und grinste frech. Das Ergebnis konnte sich wirklich sehen lassen. Zwei volle Tüten schleppte Elke nach Hause. Jetzt war eine Strategie erforderlich. Sie wollte Heiner nicht überfordern oder gar verschrecken. Am besten und am aufregendsten wäre es wohl, wenn sie nach und nach die erstandenen Dinge ins Spiel brachte. Während sie die ausgebreitete Beute über ihr ihrem Bett begutachtete und abwog, welches sie heute einsetzen wollte, hörte sie im Flur Heiner. "Überraschung! Schatz, bist du da?" Noch ehe Elke reagieren konnte um ihre Errungenschaften einzuräumen, stand er auch schon hinter ihr. "Da bist du. Ich hab heute früher Schluss gemacht und eine kleine Überraschung mitgebracht." Er küsste sie und bemerkte dann die ausgebreiteten Sachen auf dem Bett. Mit einem Schmunzeln hielt er Elke die kleine weiße Tüte hin, die er mitgebracht hatte. Dann setzte er sich auf die Bettkante und schaute sich alles interessiert an. Elke betrachtete etwas peinlich berührt ihren Mann und dann die kleine Tüte. Es war genau das kleinere Gegenstück zu ihren zwei Tüten und Elke dämmerte langsam wo ihr Mann eingekauft hatte. Das war auch der Grund warum Heiner ein Dauergrinsen im Gesicht hatte. Er war auch auf Shoppingtour gewesen, zwar nicht ganz so ausgiebig wie sie aber im gleichen Geschäft. Heiner untersuchte verschiedene Dinge intensiver. Elke setzte sich zu ihm aufs Bett und betrachtete perplex sein Mitbringsel, dann fingen beide an zu lachen.
"Hast du die Regalwand mit den Dildos gesehen? Ich sag dir, als Mann geht man da mit Komplexen raus." Elke lächelte. Sie erzählten sich gegenseitig von ihren Eindrücken und konnten sich manchmal kaum halten vor Lachen. Am Abend beim Abendessen war die Stimmung knisternd und verheißungsvoll. Selbst die beiden Jungs fragten sich was mit ihren Eltern los war.
Noch vor ein paar Wochen sah alles ganz anders aus, dachte Elke. Schon lange hatten sie und Heiner nicht mehr so viel miteinander gelacht, geredet und geschlafen. Elke wäre nie auf die Idee gekommen, einen Sexshop zu betreten, geschweige denn mit zwei Tüten Inhalt wieder heraus zu kommen. Auch Heiner war offener und experimentierfreudiger geworden. Mit Dankbarkeit dachte sie an Dr. Schuster und freute sich auf später.

Dr. Martin Schuster
Paartherapeut
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Eingereicht am 21. April 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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