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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ich bin gerne doof

Kornelia Jäger


Ich bin Wilma. Wilma, das sagt eigentlich alles. W wie weiblich, i wie intelligent, l wie liebenswert, m wie mollig und a wie andauernd auf der Suche. Auf der Suche nach Doofen.
Das Schreckliche am alt werden ist nicht die Tatsache, das man alt wird, sondern dass sich die Zeiten und die Menschen ändern. Aus Gemütlichkeit wird Stress, aus Liebe wird ein Terminkalender, aus Freundschaft wird Nützlichkeit und aus Familie Zweckgemeinschaft.
Ich höre Mütter sagen: "Meine Tochter spielt nicht mit diesem Mädchen, die ist nicht so schön angezogen!", obwohl sie Geldsorgen hat, da sie in Boutiquen einkauft.
Ich höre Väter sagen. "Mein Sohn spielt nicht mit diesem Jungen, der ist nicht so sportlich wie meiner!", obwohl er selber nie Sport getrieben hat.
Ich höre Söhne sagen: "Mein Vater ist nicht standesgemäß, er hat eine kleine Rente!", obwohl dieser sich krumm legte um dessen Studium zu finanzieren.
Ich höre Töchter sagen: "Meine Mutter ist egoistisch. Sie betreut meine Kinder während ich Karriere mache nicht!", obwohl die Mutter Entbehrungen hatte, um ihre Töchter immer umsorgen zu können.
Ich höre Nachbarn sagen: "Wir ziehen den Zaun höher, das sind Zugereiste!", obwohl sie selber zurück gekommen sind , da sie Heimweh hatten in der fremden Stadt, wo sie keinen Kontakt zu den Einheimischen fanden.
Man hört so viele Gemeinheiten, obwohl jeder, wenn er nur kurz nachdächte, merken würde, dass er auch schon der Dumme war.
Ich war auch schon die Dumme. Ganz deutlich wurde es im Jahr 1986. Ein sogenanntes Pechjahr. Ich kann zwar nicht behaupten, dass es Schicksalsschläge waren, aber es waren richtige Tiefschläge. Jeder dieser Tiefschläge hinterließ eine Wunde auf meinem Herzen. Da die Tiefschläge in diesem Jahr sehr kurz aufeinander folgten kam es, dass die ersten Wunden noch nicht verheilt waren, als die nächsten schon wieder verursacht wurden. In solchen Lebensphasen bekommen Freunde und Familie eine ganz besondere Bedeutung. In dieser Beziehung hatte ich ausnahmsweise riesiges Glück. Meine zufälligen Verwandten, das heißt die Geschwister meines Mannes Tom und dessen Angetraute, waren gleichzeitig meine besten Freunde. Ich freute mich immer auf das wöchentliche Treffen mit ihnen. Während die Männer Karten spielten, tratschten die Frauen. Leider wurde es auf einmal immer persönlicher und die Gehässigkeiten hinter dem Rücken der anderen größer. Ich versuchte neutral zu bleiben, versuchte zu beruhigen. Doch es war nur eine Frage der Zeit, da entbrannte auch schon ein Riesenstreit zwischen den drei Schwägerinnen. Wutschnaubend rannten alle auseinander.
Eine Zeitlang kamen sie einzeln, wohlbemerkt einzeln, zu Tom und mir. Jede von ihnen schaffte es noch ein bisschen ekelhafter über die andere herzuziehen als die andere. Tom hörte zu, ich versuchte zu vermitteln. Ohne Erfolg!
Um dem Streit ein offizielles Ende zu bereiten, wurde ein Familientreffen von und bei meinen Schwiegereltern angeordnet.
Alle kamen. Toms ältester Bruder und dessen Frau Brigitte, sein zweiter Bruder und dessen Frau Gerda, seine Schwester Gundula und dessen Mann, seine Eltern, die ja schließlich die Ausrichter waren, und wir natürlich.
Der Streitpunkt lag eigentlich zwischen Gundula gegen Brigitte und Gerda. Die Aussprache hätte man mit dem Spiel lügen und betrügen vergleichen können. Das Ende vom Spiel war, dass Toms Vater das Wort ergriff. Er sprach einige rührende Sätze, bei denen den Anwesenden die Tränen in die Augen traten und beendete seine Rede mit den Worten: "Es gibt jemanden in unserer Familie, der die Familie entzweien will. Ich weiß auch wer derjenige ist!" In diesem Moment zeigte er drohend auf mich.
Mir stockte der Atem. Es traf mich mal wieder mitten ins verletzte Herz. Alle starrten mich an. Die ganze Zeit über hatte ich versucht zu schlichten und nun so etwas. Ich hätte mich daran halten sollen. Wenn drei sich streiten, halt du dich da raus.
Mein Blick wanderte zu Tom. Du kennst die Wahrheit, steh mir um Himmelswillen bei, steh zu mir! Keine Reaktion, als wäre er taubstumm. Auch Brigitte, Gerda und Gundula sagten nichts. Für einen Augenblick wollte ich davonlaufen, doch ich spürte, Tom würde mir nicht folgen. Dieses wäre ein Triumph seiner Familie, meiner Freunde gewesen und etwas was ich ihm nie hätte verzeihen können. Deshalb lächelte ich nur überheblich, um meine riesengroße Enttäuschung zu verbergen. Was nun folgte war eine Versöhnungsinszenierung zwischen Gundula, Brigitte und Gerda. Man drückte und umarmte sich. Den Schlussakt bildete eine Kettenreaktion von Judasküssen. Als ich aufgefordert wurde, mich dem Zeremoniell anzuschließen, entlockte es mir nur ein "Alles klar." Dieses "Alles klar" sagte auch alles klar. Nach diesem Abend zog ich mich von diesen Laienschauspielern zurück.
So kam es, dass ich an einem Abend Freunde, Familie und das Vertrauen in meinen Mann verlor.
Irgendwann würde ich ihm verzeihen, das wusste ich genau, doch zu der Zeit war mein Seelenfrieden eben nicht auf dem Höhepunkt. Ich wollte allein sein. Ich verließ unsere Wohnung. Ich ging und ging. Ich irrte Ziellos durch die Stadt. Wollte nachdenken. Meine Gedanken liefen wirr durcheinander. Erst als mir jemand zum wiederholten Male auf die Schulter tippte, kam ich zu mir. Mein Blick klarte auf. Ein Fremder lächelte mich besorgt an: "Ist Ihnen nicht gut? Kann ich Ihnen helfen?"
Ich musste wohl fürchterlich aussehen in meiner Wut und Verzweiflung. "Danke, .. ja, Danke nein.. ", stammelte ich und schlich verschämt davon.
Mensch Meier, da gab es tatsächlich jemanden, der wissen wollte, wie es mir geht. Ein absolut Fremder interessierte mein Wohlbefinden. Ich war völlig irritiert.
Dieser schöne Schock räumte mit meinem Gedankengewirr auf. Ich hatte immer versucht, es allen recht zu machen. Ich machte mir einfach zu viele Gedanken über andere Menschen. Ich war total doof. Das Schlimme daran ist, dass ich mich fast verändert hätte. Auch ich wollte gleichgültig und egoistisch werden, wie so viele, viele andere. Da muss mir erst ein doofer Fremder begegnen, damit ich es begreife. Es ist nicht wichtig, Menschen gerecht zu werden, die oberflächlich und zweckbezogen sind. Es ist viel wichtiger, Menschen gerecht zu werden , denen man etwas als Mensch und nicht als Funktion bedeutet. Endlich habe ich ein Motto fürs Leben gefunden. ICH BIN GERNE DOOF!
Gewiss, es gibt nicht mehr viele Doofe, aber wenn ich die Augen noch etwas offener halte, werde ich hier und da bestimmt noch ein Exemplar finden, und das gibt Hoffnung!



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Eingereicht am 21. April 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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