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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Sprachlos wider Willen

Rudi Jagusch


Meine Hochzeit.
Seit Tagen schon das ultimative Thema in meiner Familie. Kein Wunder, da ich das Nesthäkchen bin und vermutlich meine Hochzeit die letzte für lange Zeit im Familienkreis sein wird. So sind diesmal auch meine alten Tanten und Onkels aufgeregt wie ein Bienenschwarm nach dem Honigklau. Es könnte schließlich ihre letzte Teilnahme an einem solchen Fest sein.
Alles muss bis ins kleinste Detail geplant, besprochen, diskutiert, beschlossen und wieder in Frage gestellt werden, um dann doch am Ende die Entscheidung zu vertagen.
Kaum zu glauben, wer sich alles bemüßigt fühlt, Ratschläge zu erteilen.
Natürlich kann ich es verstehen, wenn meine Eltern und meine Geschwister ihre Freizeit nur noch dafür verwenden, um mit mir das Brautkleid auszusuchen oder die Einladungsliste zu erstellen. Auch als sich meine Oma als ehemalige selbstständige Floristin einschaltete, um das Blumenbouquet zu entwerfen, hatte ich aus praktischen Gründen nichts dagegen einzuwenden. Aber was heute Nachmittag bei der Geburtstagsfeier meines Lieblingsonkels abgelaufen ist, das geht einfach zu weit.
Wir saßen alle in trauter Runde um den Gartentisch und ließen uns von der Sonne verwöhnen. Es waren hauptsächlich die Verwandten und Bekannten des älteren Semesters anwesend. Die jüngere Generation, bis auf meine Wenigkeit, glänzte durch Abwesenheit. Auch war mein Zukünftiger bei dieser herrlichen Kuchenschlacht nicht mit von der Partie, da er als leidenschaftlicher Läufer auf die Teilnahme an einem gleichzeitig stattfindenden Marathon nicht verzichten wollte. So stand ich also allein gegen die geballte Macht der überkommenden Ansichten. Tante Erna, mittlerweile gebrechliche Rollstuhlfahrerin, 91 Jahre, aber immer noch hell im Kopf wie eine Straßenlaterne, begann mit dem Reigen: "Also Kindchen, hast du schon mal über die Mitgift nachgedacht?"
Ich verschluckte mich überrascht an meinem Kaffee und hustete den braunen Sud über die weiße Tischdecke, was mir mein Lieblingsonkel aber sofort mit einem milden Lächeln verzieh. Nachdem ich das letzte Würgen unterdrückte fragte ich stammelnd nach: "Wie Mitgift? Heutzutage."
Dann war es aus. Dies waren die letzen Worte, die ich bis zu meinem ärgerlichen "Tschüss, ich bin dann jetzt mal weg" ausstoßen konnte.
Einvernehmlich wurde ich einfach zur sprachlosen Statistin degradiert.
"Ja, Kindchen", so bezeichnete mich Onkel Otto trotz meiner 32 Lenze immer noch, "was hat denn dein Vater so vorgesehen?"
Wie schon erwähnt, kam ich nicht zu einer Antwort. Onkel Uwe, ein Kriegsveteran, erzogen nach alter preußischer Sitte, teilte mit: "Also wir hatten ja damals nichts zu erwarten. Hatte ja keiner was übrig. Man konnte froh sein."
Ich verdrehte die Augen. Die alte "Wir hatten nichts"-Leier, die für alles herhalten musste, sei es auch noch so banal wie zum Beispiel Blähungen, die sich vom vielen Kohl einstellten. Insgeheim lächelnd stellte ich fest, dass sie ja zumindest davon damals genug hatten. Ich war Oma Hildegard, so nannten wir alle die Nachbarin meines Lieblingsonkels, fast dankbar für die rustikale Unterbrechung von Onkel Uwe beginnenden Vortrages: "Och, Uwe, lass gut sein. Ihr Vater wird die Sache schon schaukeln", bei diesen Worten zwinkerte sie mir verstehend zu, "Einige Handtücher, Tischdecken, etwas Geschirr und vielleicht auch die eine oder andere Mark wird da schon abfallen."
Ich hörte nur "Mark". Ja, wo leben diese Leute denn? Das ganze Thema war schon aus der Vergangenheit in die Jetztzeit herüber gezogen und dann haben sie auch nicht mitbekommen, dass es eine Währungsumstellung gegeben hat.
Irritiert fingerte ich mir noch ein Stück Sandkuchen auf den Teller. Die illustre Runde quasselte indes munter weiter. Die Frau von Onkel Uwe, eine pensioniert allwissende Lehrerin, dozierte zusammenhangslos und für mich unergründbar: "Dann hat sie auch was davon, wenn ihr Mann einmal stirbt."
Diese Erläuterung wurde sicherheitshalber einfach überhört. Die humorvollste Äußerung kam anschließend von meinem Lieblingsonkel: "Ich glaube nicht, dass es sich bei der Mitgift um Geschenke dreht. Ich denke, es geht dabei viel mehr um die endgültige Lösung eines Eheproblems. Mit Gift!", er sprach dabei die letzten zwei Wörter sehr betont aus, damit auch wirklich alle verstanden, auf was für einen Scherz er hinaus wollte.
Ich zwang mich zu einem höflichen Kichern genötigt.
Tante Erna ergriff mit einer überraschenden Äußerung das Wort: "Ich muss mal. Kann mich bitte jemand zur Toilette schieben?"
Welch wohlklingenden Worte für mich. Ich sprang sofort auf und erklärte mich bereit zu helfen. Insgeheim hoffte ich, dass meine Abwesenheit einen Themenwechsel nach sich zog. Nachdem aber Tante Erna ihr Geschäft erledigt hatte und wir gut eine viertel Stunde später wieder im Forum erschienen, machte gerade meine Tante Erna meine Hoffnungen mit einem "Wo waren wir stehen geblieben?" zunichte. Niedergeschlagen setzte ich mich wieder hin und ertränkte mein Kummer mit einer frisch gefüllten Tasse Kaffee.
"Manchmal stellt ja auch die ganze Familie die Mitgift", erläuterte Oma Hildegard. Dies stieß auf allgemeinen Unmut und die Frau von Onkel Uwe brachte es dann auch empört zum Ausdruck: "Wir können nichts abgeben! Wovon denn? Mit meiner kleinen Pension und dem bisschen, was Uwe noch an Rente dazu bekommt, können wir uns keine großen Sprünge erlauben!"
Onkel Uwe tätschelte beruhigend die Hand seiner Frau. Diese grunzte noch irgendetwas Unverständliches, ließ dann aber die Sache auf sich beruhen. Später am Nachmittag setzten die beiden sich in ihren nagelneuen BMW, düsten nach Hause um sich auf ihrer Designercouch auf die Karibikkreuzfahrt zu freuen, die im nächsten Monat ansteht.
So ging es dann noch eine gute Stunde weiter. Fast jeder der Anwesenden teilte mir noch mit, woraus seine Mitgift bestand. Was da für ein faszinierendes Warenlager zusammen kam. Von A wie Anzug, über P wie Pisspott und S wie Salmonellen, bis zum Z wie Zuckerrüben.
Die Zuckerrüben waren natürlich der Beitrag von "Wir hatten nichts"-Onkel Uwe.
Und die Salmonellen? Die weilten als verstecktes Geschenk in Tante Ernas Hochzeitstorte. Nach dem Genuss dieser Torte entschwanden zum frühen Abend hin ihre Hochzeitsgäste nach und nach mit grüner Gesichtsfarbe zur Toilette und erschienen irgendwann später reichlich ausgepumpt wieder. Nur sie selbst überstand das ganze Gebreche unbeschadet, da sie viel zu aufgeregt war, um überhaupt ein Bissen herunter zu bekommen.
Schließlich kam endlich der Zeitpunkt, an dem ich mich mit den bereits erwähnten Worten "Tschüss, ich bin dann jetzt mal weg" schleunigst verabschiedete und in mein Auto hechtete. Ein kurzer Wink noch zu meinem Lieblingsonkel hinüber, der ebenfalls winkend noch an der Haustüre stand und ab ging die Post.
Endlich zu Hause angekommen, versuchte ich mich durch beruhigende klassische Musik aus meiner "unvermitgifteten" neuen, mit selbstverdientem Geld gekauften, DVD-Surround-Anlage zu entspannen. Als ich so konzentriert auf dem Sofa lag knallte die Haustüre und mein Zukünftiger erschien frisch geduscht in der Wohnzimmertüre. Was sollte ich noch sagen, als er mich fragte: "War das heute anstrengend. Und wie war's bei dir?"



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Eingereicht am 18. April 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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