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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Unter der Birke

Stefanie Rafflenbeul


Als Karl zum Fenster hinausschaute wusste Ines, dass er ihre Frage ignorieren wollte wie ein langsam wirkendes Schlangengift.
Der graue Regen prasselte unermüdlich gegen die schmutzige Scheibe. Die bleichen Vorhänge verharrten reglos über den Gittern des Bettes. Auf der blauweißen Hygieneauflage der Matratze zogen sich getrocknete Spuren entlang. Gelbe Adern unter poröser Haut.
Ines nutzte die Zeit des Schweigens um die vom häufigen Waschen dünn gewordene Decke ganz zurückzuschlagen. Sie ging an die geräumige Schrankwand aus Kirschholz, die das Zimmer zu verschlingen drohte wie ein wuchernder Urwald einen kaum genutzten Fußpfad. Dabei fiel ihr Blick auf das verblichene Hochzeitsfoto, das Karl und seine verstorbene Frau zeigte. Der Rahmen war angelaufen. Er umspannte fleckiges Glas. Ob sie es noch schaffen würde, es zu reinigen? Mechanisch öffnete sie eines der unteren Fächer der Schrankwand und griff nach einer sauberen Auflage, die sie mit zwei kurzen Schritten am Fernseher vorbei zum Bett zurückbrachte. Karl regte sich nicht. Ihre Füße versuchten keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der hässliche braune Teppich verfolgte sie aus dem Wohnraum hinaus, in einen tunnelartigen Flur. Sie ging in das Badezimmer um die alte Auflage zu entsorgen. Als sie sich zum Müll hinabbeugte stieß sie sich das Knie an der Kloschüssel. Ihr Blick fiel verärgert auf die ebenerdige Dusche, die zwischen Waschbecken und Toilette den Raum füllte. Khakifarbene und moosgrüne Handtücher hingen von drei Deckenstangen über der Dusche herab. Auf der Ablage stand kein Duschbad. Die Zahnpasta neben dem gesprungenen, grauen Becher war bis zum letzten Rest ausgedrückt. Die Seife bedrohlich zusammengeschrumpft. Sie wusch sich die Hände und lief über den morastfarbenen Grund durch den Flur um Teewasser aufzusetzen. Angespannt sah sie auf ihre silberne Armbanduhr. Karl brauchte oft lange, eine Frage zu beantworten.
Noch bevor sie die Küche erreichen konnte konzentrierte sich der penetrante Geruch nach sauren Gurken und abgestandenem Kaffee. Mechanisch kontrollierte sie den Kühlschrank, notierte in kniender Haltung seine Leere. Sie schaltete den hell leuchtenden Knopf an der Kaffeemaschine mit energischem Fingerdruck aus und musterte die Unordnung auf dem Küchentisch. Benutzte Papierservietten lagen auf den fleckigen, violetten Unterlagen. Harte Stücke Brotrand warteten darauf von Schimmel befallen zu werden und das Essen von gestern Mittag stand ohne Abdeckung unter der Hängelampe. Neben dem Teller war ein helles Bastkörbchen ausgeleert worden. Kugelschreiber, Unterlagen und die Geldbörse lagen zwischen zuckerfreien Bonbons und geöffneten Einmachgläsern. Ines räumte das Körbchen sorgfältig ein, stellte es an seinen Jahrzehnte alten Platz auf dem wackeligen, beigefarbenen Walmarttisch. Das Essen war portionsweise auf der verkratzen Platte verspritzt worden. Nudeln hingen wie Lianen über den Tischrand in Richtung Fliesen. Tomatensoße war auf den Boden getropft. Ines seufzte, ehe sie mit den noch halbwegs sauberen Servietten die Reste zusammenschob und sie in den Mülleimer beförderte. Sie versuchte den Dreck aus den Ritzen des Tisches zu kratzen. Wie immer gelang es ihr nicht, die ursprüngliche Farbe wieder herzustellen. Als sie sich mit einem frisch riechenden Pfefferminztee zu Karl zurück in den Wohn- und Schlafraum tastete, fragte sie sich was sie tun sollte, falls Karl die Beantwortung ihrer Frage verweigerte.
Da hinten war der Bunker. Gleich hinter der regennassen Hecke. Er stand noch, für den nächsten Krieg. Karl musste daran denken, wie sie den Flugzeugen entgegen gerannt waren. Wie die ersten Flieger mit Schirmen die Häuser markierten. Dann waren sie gelaufen. Dann wussten sie, dass sie noch zwei Minuten hatten. Manchmal auch weniger. Seine Gedanken verirrten sich tiefer in der Zeit, führten ihn zu dem Barackenhaus, in dem er eingeschult worden war. Er hatte keinen Brezel bekommen. Wegen des Krieges. Seine Mutter hatte ihm eine Stulle gemacht, als er nach Hause kam. Eine gute Stulle mit viel Wurst. Eine Rarität im Haus seines Vaters. Seine Geschwister hatten ihn beneidet. Deshalb war er heimlich zum Waldrand am Bach ausgebüchst, an das klare Wasser in dem er so gerne den Forellen zusah. Alma war damals zu Besuch gewesen. Als er ihren hungrigen Blick sah, teilte er die Stulle und sie saßen Seite an Seite auf der Brücke über dem Bach, als sie aßen. Ihre Beine baumelten über das steinerne Geländer und sie hatten viel gelacht. Trotz des Kaisers Krieg.
"Karl." Ines Stimme wirbelte die Zeit durcheinander. "Was soll ich nun tun? Sie wissen genau, dass ich nur noch fünfzig Minuten habe."
Wie ein tief verwurzelter Baum fühlte er sich am Fenster. Knorrig, vom Wetter gezeichnet. Die eisgrauen Haare waren Fasern des Stammes. Es musste windig sein, denn er spürte, dass er schwankte.
"Karl", setzte die helle Frauenstimme erneut an. Dringlicher. Zum Teufel mit ihr. Sie sollte den Bäumen lauschen. Den Fischen zusehen. Er musste an seinen ersten Kuss mit Alma denken. An sein Unverständnis, warum sie ihm auf die Wange geküsst hatte, wo er doch lieber mit seinen Zinnsoldaten spielen wollte. Er lächelte, als ihm wieder einfiel, wie es später war. Unter der Birke.
"Karl ..."
"Als ich noch ein junger Kerl war, Ines. Da stand hier noch kein Haus. Das hier war der Waldrand. Es gab nur den Wiesenweg und den Eichengrund. Beide kreuzten sich dort, wo jetzt der HL steht, nicht weit von der Grundschule."
Der Stock in seiner Hand begann leicht zu zittern. Zog ein Sturm auf?
"Es war ein Tag wie heute. Der Krieg war vorüber. Aber es hat nicht geregnet, in diesem Januar. Nicht an dem Tag. Es hat geschneit. Große, weiße Flocken, die über das Land schwebten und Schutt und Trümmer zudeckten. Ein Zauberreich von Gottes Engeln berührt. Und auf der kahlen Birke an der Wegkreuzung, da war der Schnee hart und starr geworden. Ich kam gerade mit einem Handkarren voller Holz vom Hornbauern und traf meinen Schwager, den Johannes. Den Mann meiner jüngsten Schwester." Karl hielt kurz inne. "Sie ist schon zehn Jahre tot. Und Johannes starb vor ihr. Es muss vor dreizehn ... nein ... vor vierzehn Jahren gewesen sein. Ja. Er sah ganz ernst aus, in seinem schicken Mantel, der Johannes. Sein Hut hatte ein glänzendes schwarzes Band mit Stickerein. Der hatte noch was. Hat sich von den Nazis das Leder unter den Nagel gerissen. War ja alles Staatseigentum und dann gab's keinen Staat mehr. Kein Reich."
"Karl ..."
"Ich hab nie viel vom Hitler gehalten, auch wenn ich nicht sagen kann, dass ich was dagegen getan hätte. Ich war sogar traurig, dass sie mich nicht genommen haben, wegen meines Herzfehlers. Dumm waren wir damals. Aber das ist eine andere Geschichte, Ines. Ich wollte Ihnen von der Wegkreuzung erzählen. Als ich Johannes traf. Er grinste mich an und fragte, wann ich denn die Alma endlich fragen würde. Du kennst ja die Alma. Von den Bildern. Eine gute Seele. Sie hätte nie sterben dürfen. Sie hat treu für mich gesorgt. Immer."
Er sah wie Ines' Blick auf das schöne Hochzeitsbild fiel, das in einem goldenen Rahmen an der geblümten Tapete hing. Seine Alma und er, wie sie vor Johannes Apparat in die Zukunft lächelten.
Der Wind wurde so stark, dass er Schutz suchen wollte. Er ging fünf kleine Schritte zu dem schmalen Bett mit dem Galgen hinüber und setzte sich langsam, den Rücken zum Fenster. "Ich hab dem Johannes gesagt, dass ich meine Alma erst dann frage, wenn ich sie auch versorgen kann. Ein ordentliches Mädel braucht einen ordentlichen Kerl. Ich hab ihm gesagt, dass ich sie fragen würde, sobald ich Arbeit hätte. Da hat der Johannes angefangen zu lachen. Sein Hut hat gezittert und wäre ihm fast in den Schnee gesegelt. "Du, Karlchen", hat er gesagt. "Ich war grad auf der Suche nach dir. Ich brauch noch ‚nen Schreiberling für das Büro und deine Schwester meint, du wärst genau der Richtige. Du kannst morgen anfangen." Ach, ich war so glücklich, Ines. Ich wusste, dass es jetzt nie mehr so schlecht werden würde wie früher. Zwar hatten wir nichts, aber wir würden zu was kommen und es würde nicht mehr sein wie an den Tagen, als die Bomben über unseren Köpfen einschlugen. An dem Tag auf der Wegkreuzung, da glaubte ich, es sei alles möglich. Aber es war noch viel verrückter. Der Johannes hat mir die Hand gereicht. Sogar den Handschuh hat er ausgezogen, obwohl 's kalt war wie nix. "Wann willst du die Kleine denn fragen?", wollte er wissen. Und ich hab ihm gesagt: "Sobald ich sie treffe, Johannes." Da haben wir wieder gelacht. Und wie wir da standen und lachten, da kam die Alma vom Wiesengrund heraufgelaufen. Sie hatte Brot dabei. Nicht so ein Brot wie heute vom Supermarkt. Ein richtiges, gutes Brot. Keine zwei Stunden alt. Sie blieb am Stamm der Birke stehen, fünf Schritt entfernt. Da stand sie auf der Kreuzung und fragte: "Was lacht ihr denn wie irre gewordenen Derwische?" Da lachten wir noch mehr, bis unsere Bäuche schmerzten und dem Johannes das Wasser das Gesicht runter lief. Alma wollte wissen, ob wir den Verstand verloren hätten. Der Wind legte sich ein wenig und das Schneetreiben ließ nach. Der Johannes sah mich mit einem mal ernst an und ich wusste, was er meinte. Ein Mann steht zu seinem Wort, Ines. Als er sich umdrehte und den Eichengrund hinabschritt ging ich zu Alma, unter die Birke. Meine Holzscheite ließ ich stehen, in dem Karren hinter mir. Und so kniete ich mich in den Schnee und fragte, ob sie meine Frau werden will. Da ist ihr das Brot auf den Weg gepurzelt und sie war wie vom Donner gerührt. Ganz sprachlos stand sie da, wie ein Engel im Schnee, meine Alma. Und als sie genickt hat, waren ihre Wangen feucht. Von da ab, hat sie für mich gesorgt und ich für sie, obwohl ich ihr nicht viel zu bieten hatte. Ich hatte damals nichts, Ines. Ich war schlecht gekleidet, trug keinen Ring bei mir, den ich ihr geben konnte. Aber das war gleich, weil ich Stolz hatte und wusste, dass es nur besser werden konnte."
Sie sah auf ihre Uhr. Ihren Diktator. Wirkte angespannt. Gleich würde sie wieder Fragen stellen. Er drehte sich mühsam auf dem Bett, sah noch einmal hinaus. Zum Bunker.
Jetzt starrte er schon wieder in die grauen Regenschleier. Er kannte ihre Arbeitszeit. Er wusste, wie lange sie noch bleiben durfte. Mehr war bei Pflegestufe zwei nicht drin.
"Karl, geben Sie mir bitte das Geld und dann sagen Sie mir, was ich kaufen soll."
"Ihr macht sowieso was ihr wollt."
"Sie müssen mir das Geld freiwillig geben."
"Ich hab nur noch zehn Euro."
"Haben Sie den Beauftragten von der Stadt erreicht?"
"Die legen doch alle den Hörer zur Seite, Ines."
"Was soll ich einkaufen?"
"Haben Sie nicht selbst eine Liste gemacht? Sie machen immer eine Liste."
"Ja, aber ..."
"Haben Sie die Teekanne sauber bekommen?"
"Was? Welche Kanne?"
"In der Küche. Ich habe es versucht, aber ich komme mit den Händen nicht hinein. Ich kann es zwar nicht gut sehen, aber ich weiß, dass sie dunkel ist, innen, an der Wand. Ganz grün und schleimig. Da hängt alter Tee und niemand macht ihn weg."
Ines drehte sich wortlos um und ging in die Küche. Sie hörte, wie er sich hinter ihr schnaufend erhob und ihr in die Küche folgte. Der Stock bohrte sich dumpf seinen Weg durch den Flur. Er schleppte sich kurz nach ihr in das Reich der eingemachten Gurken.
Die weiße Kanne lag verkehrt herum im Spülbecken. Ines begutachtete das Innere und musste Karl recht geben. Nur ein gesunder Magen machte das lange mit. Sie öffnete die schmutzigbraune Türe unter der Spüle, holte die grüne Plastikflasche und einen frischen gelben Lappen hervor. Ihr Finger kreuzte den Wasserstrom, der aus dem aufgedrehten Hahn floss. Einmal, zweimal, beim vierten Mal war die Temperatur richtig. Sie nahm den rutschigen feuchten Henkel in die linke Hand, hielt den Lappen in den warmen Wasserstrahl und gab einige Tropfen Spülmittel darauf. Zögernd näherte sich ihre Hand der dunklen Öffnung. Sie spürte einen Widerwillen als würde man sie zwingen, den nackten Fuß in brackiges Sumpfwasser zu setzen.
Karl ließ sich schwerfällig auf den Küchenhocker vor dem beigefarbenen Tisch nieder. Seine grauen Hausschuhe lugten unter dem ockerfarbenen Bademantel hervor. Er machte den Eindruck eines verirrten Riesenmaikäfers.
"Ich weiß, was Sie mir kaufen können, Ines."
"Was denn?" Sie versuchte mit der Hand den Grund der Kanne zu erreichen, aber die Öffnung war zu dünn für ihren Daumen. Sie bekam nicht mehr als vier Finger hinein und erreichte den oberen Teil der Innenwand. Verbissen griff sie nach einer Gabel und stocherte mit den Zinken im Lappen herum. Der Druck war nicht stark genug, um den grünen Film zu beeindrucken.
"Lachs und Champagner."
"Ach, Karl, seien Sie vernünftig."
"Lachs und Champagner, Ines."
"Das gibt's nicht für zehn Euro."
"Vielleicht im Aldi?"
"Nicht mal da. Nicht beides."
Der Hocker gab ein quietschendes Geräusch von sich, als er über den Boden der Küche schrammte. Ines drehte sich hastig um. Die Kanne rutschte in ihrer Hand. Der letzte Sturz war schrecklich gewesen. Sein Stock schlug mit dem breiten Ende gegen die Fuge zweier Fliesen.
"Dann nur den Champagner. Und einen Strick."
"Karl!" Ines passte einen Moment nicht auf. Die Kanne entglitt ihren Händen, fiel krachend zu Boden. Eine große Scherbe platzte ab und stürzte umgeben von weiteren Scherbenstücken hinab. Einen Moment herrschte betretenes Schweigen. Dann erholte sie sich von dem Schrecken und Wut über ihre eigene Dummheit folgte. "Jetzt habe ich wegen ihnen die Kanne fallen gelassen!"
"Das macht nichts." Karl lächelte versonnen. "Ist ja meine Kanne, nicht Ihre."
Ines sah ihn böse an, dann seufzte sie. "Es tut mir leid. Aber Sie sollten nicht sagen, dass Sie sich einen Strick ..."
"Sie glauben mir ja doch nicht, dass ich mich umbringen will."
Ines sammelte die Scherben ein. Von der Öffnung war ein großes Stück abgeplatzt und jetzt wäre sie problemlos auf den Grund dieser blöden Kanne mit der schleimigen grünen Innenwand gekommen. Als sie sich Karl zuwandte sah sie, dass er seine Geldbörse zwischen dem halbgeöffneten Gurkenglas und dem kleinen Bastkörbchen mit Papieren und Bonbons hervorholte. Mit leicht zitternden Händen zog er einen Schein und zwei Zettel heraus. Eine sorgfältig beschriftete Einkaufsliste und das Rezept für das Herzmedikament und für die Tabletten zur Blutdrucksenkung.
Er streckte die Hand nach ihr aus. Ines trocknete sich rasch die Finger und kam ihm mit ihrer Hand entgegen. Das dünne Papier knisterte kaum hörbar als sich ihre Finger kreuzten. Einen kurzen Moment umschloss seine Hand die ihre mitsamt den Zetteln und dem Geld, dann ließ er los. Ines sah hinab auf den roten Schein. Nachdem er ihr die drei Dinge gegeben hatte, suchte sein Blick das Küchenfenster. Er starrte hinaus als könne er mehr sehen, als die verschiedenfarbigen Mülltonnen im Hinterhof, die vom Regen attackiert wurden. Sie atmete tief durch, sammelte Kraft für einen letzten Versuch.
"Wohin soll ich gehen, Karl? Zum Aldi, oder zur Apotheke?"



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Eingereicht am 18. April 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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