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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Bestatter

Martin Schilling


Es ist 18 Uhr 27, am 23. Dezember. Georg hat Bereitschaft. Diese Nacht, den morgigen Tag und wenn es ganz schlimm kommt noch den halben Übermorgen. Georg mag seinen Beruf, denn ohne ihn würden viele nicht wissen was sie machen sollten. Seine Auftraggeber begrüßen ihn jedoch weder mit einem Lächeln, noch mit einer Tasse Tee und einem Stück Gebäck. Georg ist Bestatter. Georg kümmert sich um ehemalige Menschen.
Bei einem Glas Bier gönnt er sich eine Auszeit und ein paar Minuten Ruhe, in einer Bar. Leben und Lebendigkeit kriegen nirgendwo mehr Bedeutung als in einer Bar. Gerade jetzt zur Weihnachtszeit. Es wird gelacht, getrunken, geredet und vor allem geatmet. Ohne zynisch zu werden weiß Georg, dass der ein oder andere früher oder später auch mal zu seiner Kundschaft gehören wird. Die meisten ganz unfreiwillig und völlig überrascht, doch andere wiederum sehen darin eine Erlösung und einen Ausweg. Gerade jetzt zur Weihnachtszeit.
Er schaut aus dem Fenster, erfreut sich an den Schneeflocken, spielenden Kindern und der damit verbundenen Hektik und Fürsorge junger Mütter.
Plötzlich klingelt sein Handy ... es ist dienstlich.
Georg: " Ja, Bachmann?"
Noch Unbekannt: "Eentschuldigen Sie bitte, bbin ich verbunden mit <Institut Abschied>?"
Georg: "Ja das ist richtig. Kann ich Ihnen helfen ?"
Noch Unbekannt: unter tränen "Mein Sohn. <Schluchz> Mein Sohn. Ich glaube mein Sohn ist tot."
Georg: "Verstehe. Ich bin sofort bei Ihnen. Geben Sie mir bitte ihre Adresse und ihren Namen durch."
Noch Unbekannt: "Ja natürlich. <Schluchz> Kurt-Beck-Allee 120. Maria Rubert."
Georg: "Vielen Dank. Ich bin unterwegs."
Georg leerte sein Glas. Hinterlegte einen 5-Euro-Schein an der Theke und bekämpfte den Biergeruch mit einem Kaugummi. Alkohol war ja eigentlich während der Arbeitszeit verboten, aber nun ja, manche Bilder und Ereignisse werden mit einem Bier erträglicher. Nach 10-minütiger Autofahrt erreichte er die Kurt-Beck-Allee. Gott sei Dank war sie nicht so weit weg. 10 Minuten können lange andauern, wenn man eine Wohnung oder sogar einen Raum mit einer Leiche teilt. Für Frau Rubert war es die Ewigkeit. Erfahrungsgemäß wird die gute Frau kurz vor einem Zusammenbruch stehen, er musste also behutsam auf sie einreden. Georg spuckte den Kaugummi aus, kontrollierte noch einmal seinen Atem, holte tief Luft und klingelte dann bei Rubert.
Frau Rubert: verzweifelt "Ja?"
Georg: "Institut Abschied. Herr Bachmann."
Frau Rubert: "Einen Moment ich mache Ihnen auf."
Die Tür öffnete sich. Frau Rubert wohnte im dritten Stock. Die Kurt-Beck-Allee war ein Neubaukomplex. Stickige Luft, schimmlige Wände, ein kaputter Fahrstuhl und das Geräusch wenn man die einzelnen Stufen der Treppe passierte hörte sich so an als wenn die Gestapo zu Besuch kommt. Frau Rubert stand am Geländer. Ihr Gesicht war ein wenig verquollen von ihrem Weinen. Da stand sie also, wie eine zerbrochene Elfin. Zierlich und dünn in ihrer Gestalt. Gebeutelt durch den Schicksalsschlag der ihr Herz zerfleischte und sie belastete wie eine Tonne Stahl, führte sie Georg in ihre Wohnung. Der Weihnachtsbaum war geschmückt. Zimtgeruch lag in der Luft, Gebäck und Wallnüsse auf den Tischen und die Fensterscheiben feierlich geschmückt. Nur eine Tür war geschlossen. Frau Bachmann bewegte sich auf die Tür zu, 2 Schritt vor ihr blieb sie dann stehen und drehte sich zu Georg um.
Frau Rubert: in tränen ausgebrochen "Dort drinnen."
Georg ging leichtfüßig in Richtung Tür und öffnete sie so weit, dass er in das Zimmer gelangen konnte. Hinter sich machte er die Tür wieder zu. Sein Klient baumelte an einem Seil, das an einem recht stabilen Lampenschirm befestigt wurde, 30cm über dem Fußboden. Vor seinen starren Füßen lag ein umgekippter Stuhl. Das Gesicht hatte einen leichten Blauton, der Mund weit offen und die Augen starrten entgeistert ins Leere. Er war höchstens 10 Jahre alt gewesen. Tote Kinder sehen furchtbar aus. Georg ging zu ihm hin, nahm ein Messer heraus und schnitt ihn ab. Der Oberkörper des Kindes fiel über seine Schultern. Behutsam legte er das Kind auf eine Trage und bedeckte es mit einer geruchsneutralen Plane. Danach verließ Georg den Raum. Frau Rubert kniete im Flur und weinte sich die Augen aus dem Kopf. Kein ungewöhnliches Bild in Georgs Berufsalltag, aber daran wird er sich wohl nie gewöhnen. Er legte ihr leicht seine rechte Hand auf ihre linke Schulter um gleichzeitig mit seiner Linken das Handy zu zücken um einen Kollegen zu kontaktieren, der ihm dann half den Leichnam aus der Wohnung in sein Auto zu transportieren als Frau Rubert plötzlich äußerte...
Frau Rubert: "Ach, Herr Bachmann. Eine Frage habe ich noch?!"
Georg: "Ja?!"
Frau Rubert: "Haben Sie Bier getrunken?!"
Georg: empört und nervös "Nein natürlich nicht"
Frau Rubert: laut und hysterisch "Oh doch DAS HABEN SIE. BESITZEN SIE NICHT DEN GERINGSTEN ANSTAND ? SIE STINKEN ERBÄRMLICH !!!!! WAS FÄLLT IHNEN EIGENTLICH EIN?"
Ruckartig nahm sie eine Vase, die sich auf einer Kommode rechts von ihr befand und warf sie mit voller Wucht in Georgs Richtung. Er konnte dem Wurfgeschoss gerade noch so ausweichen. Die Vase zerbarst an der Wand. Tannenzweige fielen zu Boden und das Wasser hinterließ ein paar Flecken auf der weißen Tapete und dem grauen Teppich.
Georg: mit vorgehaltenen Händen "Frau Rubert, bitte beruhigen Sie sich!"
Frau Rubert: hysterisch und heiser "Beruhigen?! BERUHIGEN?! Ich soll mich beruhigen? Mein Sohn ist tot! Morgen ist Weihnachten und Sie widerwärtiges Schwein tauchen hier mit einer Bierfahne auf. SIE UNMENSCH!!!"
Frau Rubert wuchtete sich in Georgs Richtung und schlug auf ihn ein. Georg versuchte sie festzuhalten. Schließlich ging Frau Rubert unter Schreien und unter Tränen zu Boden.
Georg: "Frau Rubert, ich weiß, es ist hart für Sie. Aber bitte beruhigen Sie sich."
Frau Rubert: "RAUS HIER!"
Georg ließ Frau Rubert mit gesenkten Kopf zurück. Die ganze Sache war ihm so was von unangenehm und peinlich. Georg war schlecht, richtig schlecht. Wie kann er so etwas bloß tun ?! Professionalität wird von ihm erwartet und die schließt mit Sicherheit keine Bierfahne ein. Sollte er lieber auf Wein umsteigen ? Er hasste seine zynischen Gedanken und verfluchte seine durchsickernde Labilität. Gesellschaftliche Anerkennung sucht er in seinem Job vergeblich, doch irgendwie waren die Leute ihm doch dankbar?!



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Eingereicht am 03. April 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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