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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Klassenprimus

Dirk Christofczik


"Als bester seines Jahrgangs hat Markus Malente die Hochschulreife erlangt! Bitte Markus, kommen Sie zu mir!"
Als er seinen Namen aus dem Mund des Direktors hörte, fühlte Markus nichts, absolut nichts. Kein Funken irgendeines Gefühles regte sich in seinem Bauch, nicht einmal sein hochgelobtes Gehirn zeigte irgendeine Reaktion. Niemand bemerkte seinen starren Blick, als seine Mutter ihren Ellbogen in seine Niere rammte und ihm irgendetwas ins Ohr zischte. Er verstand sie nicht, aber es interessierte ihn auch nicht, denn er wusste auch so, was sie wollte; er sollte aufstehen, nach vorn gehen und den wohlerzogenen Musterschüler spielen. Er sollte den Schein wahren, das war das Einzige was für seine Mutter zählte. Sie würde hinterher jedem das Zeugnis zeigen, ob derjenige es wollte oder nicht würde keine Rolle spielen. Dann würden Onkel Hans und Tante Frieda kommen, ihm fünf Euro geben und wie einem Grundschüler auf die Schulter klopfen. Wie sehr er doch diese verlogene Welt hasste, in die er sich bisher anstandslos fügte. Er sollte seine Mutter dafür hassen, dass sie ihm alles verwehrte, was die anderen so selbstverständlich zu ihrem Leben zählten. Er durfte keine Musik hören, geschweige denn in die Disco gehen, Kino war passé und Freunde gab es nicht. Wer freundet sich schon mit dem Klassenprimus an? Niemand, es sei denn, jemand interessiert sich dafür, den ganzen Tag mit dem Kopf in Matheheften oder Physikbüchern zu stecken. Einmal, erinnerte sich Markus, brachte er wagemutig Philip mit nach Hause. Philip, ja Philip, der war in Ordnung, dachte Markus wehmütig. Doch Mutter passte es nicht, dass er sich mit ihm verstand. Warum auch immer, und deshalb sprach sie allein mit ihm in der Küche. Fünf Minuten später war Philip weg und hat nie wieder ein Wort mit ihm gewechselt. Er fragte seine Mutter nicht, was sie zu Philip gesagt hat, sie hätte sowieso nicht geantwortet. Das wäre vielleicht der ideale Punkt gewesen, um gegen sie zu rebellieren, doch er tat es nicht, sondern kuschte, genau wie immer. Doch er hasste sie nicht, nein, er fühlte trotzdem diese einmalige Bande, die man nur zu einer Mutter spürt. Er liebte sie, zwar nicht so, wie andere ihre Mütter liebten, aber er liebte sie, das stand fest. Markus nahm es einfach hin, dass sie anders war, dass sie ihm Dinge antat, die man seinem Sohn nicht antun sollte. Demütigungen, Schläge, Essensentzug waren nur die harmlosen Varianten, mit denen Mutter ihn bestrafte, wenn er mal eine 2 statt einer 1 mit nach Hause brachte. Dies kam allerdings sowieso sehr selten vor, denn er war darauf getrimmt, nicht zu versagen. Viel schlimmer waren diese ewigen Gebete, zu jeder Tages- und Nachtzeit und ihre Anfälle, wenn sie meinte Jesus Christus würde neben ihr auf der Couch sitzen, obwohl es nur die alten Kissen mit den verbleichten Brokatüberzügen waren. Das waren die Momente, als er nicht nur grenzenlose Ehrfurcht vor ihr hatte, sondern Angst, pure Angst. In solchen Phasen ging sie tagelang nicht aus dem Haus, die Vorhänge waren zugezogen und sie saß regungslos vor dem kleinen Marienschrein, den sie sich in der kleinen Abstellkammer im Korridor eingerichtet hatte. Sie murmelte Gebete vor sich hin, ihre grauen Haare, die sonst zu einem strengen Dutt gesteckt waren, hingen dann wirr von ihrem Kopf herab. In dieser Zeit aß sie so gut wie nichts, nur ein Zwieback oder eine trockene Schnitte Brot pro Tag, dazu trank sie ein paar Schlucke Wasser aus dem Kocher in der kleinen Pantry Küche. Nur ab und zu stand sie von dem alten Holzstuhl auf und verrichtete ihre Notdurft auf der Toilette. Während dieser Zeit sprach sie niemals ein Wort, nur das Gemurmel ihrer Gebete war zu hören. Dies konnte tagelang so gehen: Beten, Beten, Beten.
"Markus! Nun geh schon nach vorn!", herrschte ihn seine Mutter nun an. Sie sprach zwar leise genug um nicht auffallen, doch in ihrer Stimme lag dieser unüberhörbare Oberlehrerton, der von oben herab auf ihn herabprallte und wie ein Stempel seine Seele verformte.
"Ja, Mutter!", antwortete er, so wie er immer antwortete. Markus schaute sich um und blickte in die Gesichter seiner gelangweilten Mitschüler, die neben ihren frisch frisierten Müttern und stolzen Vätern in dunklen Anzügen saßen und mit stechenden Blicken darauf warteten, dass er hinüber zur festlich geschmückten Bühne ging. Väter?, dachte Markus. Er dachte oft an seinen Vater, denn als er für immer ging, kam die Hölle in Gestalt seiner Mutter zu ihm. Es war Vaters Tod, der Mutter so sehr veränderte und sie in diese geistige Sackgasse trieb. Als Vater noch lebte, da waren sie eine Familie, eine normale Familie, so normal wie all diese Familien, die hier in dieser Aula saßen und ihre Söhne und Töchter feierten.
"Geh! Steh auf und lass uns endlich gehen!", zischte sie ihm ins Ohr und rammte ihren Ellbogen erneut in seine Niere! Markus drehte sich um und schaute seine Mutter mit großen Augen an.
"Du brauchst gar nicht so zu gucken! Ich komm natürlich mit!", flüsterte sie leise, aber giftig wie eine grüne Mamba. Markus stockte der Atem, und sein Mund war trocken wie ein alter Schwamm. Dann entspannte er sich, setzte ein Lächeln auf und nahm die Hand seiner Mutter.
"Natürlich Mama, natürlich kommst du mit!", antwortete er sanft, dann stand er langsam von seinem Stuhl auf. Hand in Hand tippelten Markus und seine Mutter aus der Stuhlreihe heraus, vorbei an seinen Mitschülern und deren Eltern, die sie mit Argusaugen beobachteten. Am Ende der Reihe traten sie in den schmalen Gang zwischen den Stuhlreihen, blieben einen Moment stehen und schauten auf die stierende Masse in der Aula. Schließlich spuckte seine Mutter auf ihre Finger und rieb ihm mit dem Daumen über die Wange. Die ganze Gesellschaft in der Aula, fing mit einem Mal an lauthals zu lachen. Sie bogen sich vor lachen und zeigten mit den Fingern auf ihn. Von der Empore schrie irgendjemand etwas hinunter, worauf die Menge noch lauter schrie und wie eine Horde Hennen gackerte. Markus drehte sich um und starrte in das Gesicht seiner Mutter, das sich mittlerweile zu einer bösen Grimasse verzerrt hatte. Sie taxierte mit ihren Augen, die sich zu Schlitzen verengt hatten, nicht etwa die schallend lachende Menge, sondern ihr drohender Blick heftete sich an Markus fest. Ihre Hände waren immer noch ineinander gefaltet, aber nicht liebevoll, sondern verkrampft und mit dicken Adern auf dem Handrücken. Nach einer Weile erstarb das tosende Lachen im Saal zu einer beängstigenden Stille und als Markus sich zu der Menge drehte, da waren alle Stühle in der Aula leer. Auf der Empore stand kein grölender Schüler mehr, und die bunten Kreppgirlanden, die an der Verkleidung des Balkons hingen, waren genauso verschwunden, wie der Direktor, der noch vor einigen Sekunden wartend auf der Bühne stand. Sonnenstrahlen zwängten sich durch die verstaubten Buntglasfenster der Aula und fielen genau auf das einzelne Blatt Papier, das wie ein Papierflugzeug langsam von der Decke des Saales zu Boden segelte. Markus verfolgte das Blatt mit den Augen, bis es zum Greifen nahe war, dann griff er es behäbig und musterte es konzentriert.
"Mutter, sieh nur!", sagte er nach einer Weile und hielt ihr das Papier entgegen.
"Mein Zeugnis, es ist mein Zeugnis!" Doch es war nicht Markus' Mutter, die neben ihm stand und immer noch seine Hand hielt. Es war nicht mal eine Frau, sondern ein Mann mit Glatze, gehüllt in einem schneeweißen Anzug.
"Markus? Hören Sie mich Markus? Kommen Sie wieder zu sich!", sagte der Mann zu ihm, wobei er ganz nah herankam und Markus tief in die Augen schaute. Der Mann ließ seine Hand aus Markus Fingern gleiten und tätschelte ihm damit auf die Wange. Dann drückte er dem verwirrten Markus irgendetwas in die Hand und nickte kaum merkbar. Markus schaute mit einem kurzen Blick in seine Hand, dann wanderten seine Augen zu dem Mann mit der Glatze, dann zurück zu der blauen Pille auf seinem Handteller. Er war desorientiert, er wusste nicht mehr, wo er war, denn die alte Schulaula sah bei weitem auch nicht mehr so aus, wie noch vor wenigen Sekunden. Die bunten Girlanden hatten sich zu einer weißen Raufasertapete gewandelt, die Stuhlreihen waren verschwunden und die abgewetzten, alten Holzbohlen waren zu einem glänzenden Linoleumboden mutiert. Die großen Buntglasfenster, die sonst das Sonnenlicht in allen Farben in den Saal warfen, waren nun einfache quadratische Fenster, vor denen Gitter die Aussicht wie eine milchige Linse trübten. Schüchtern, fast ängstlich traf Markus Blick nun wieder auf den des Mannes, der schweigend neben ihm stand.
"Was ist das?" Markus deutete dabei mit einem kurzen Nicken auf die Tablette in seiner Hand. Bevor der Mann antworten konnte, fragte Markus: "Wer sind Sie? Und wo ist Mutter?" Man merkte deutlich, wie der Mann mit der Glatze und dem weißen Anzug die Zähne zusammenbiss. Dann legte er eine Hand auf Markus Schulter, der daraufhin ein Schritt zurückwich.
"Ich bin es, Markus! Doktor de Lura! Und das da ist deine Medizin!", antwortete der Mann leise, so als wolle er Markus nicht erschrecken. Emotionslos, ohne eine sichtbare Reaktion auf die Worte, starrte Markus regungslos durch den Doktor hindurch. Er ging ein paar Schritte nach vorn, dann blieb er stehen und schaute den Doktor fragend an.
"Wo ist meine Mutter? Sie war doch gerade noch da?", fragte er und blickte dann suchend durch den Raum.
"Markus!", erwiderte de Lura nun etwas lauter. Er schien ihn nicht zu hören, zumindest reagierte Markus nicht auf den Doktor.
"Markus!", schrie er jetzt, dann packte er ihn erneut an der Schulter, diesmal kräftig und riss ihn herum.
"Deine Mutter ist tot, das weißt du doch!"
Markus schaute perplex, so als wäre er von einem ausschlagenden Glockenklöppel am Kopf getroffen worden. Er schien allmählich zu verstehen, und die Mine des Doktors hellte sich auf.
"Tot?, tot!, tot?, die Mutter die ist tot?", wiederholte er immer wieder, wie einen Kinderreim.
"Ja, Markus, sie ist tot! Du hast sie getötet!"
"Ich habe sie getötet?", fragte er, dabei begann er ganz leicht, mit dem Kopf zu schütteln.
"Ja!", sagte Dr. de Lura.
"Vor über 20 Jahren hast du sie getötet, und seitdem bist du hier bei uns im Sanatorium."
Markus schüttelte immer heftiger mit dem Kopf, dabei begann er vorsichtig zu grinsen, bis sich ein breites Lachen über sein Gesicht erstreckte. Mit einem Mal stoppte er das Kopfschütteln, hörte auf zu lachen und löste sich vom Blick des Arztes. Markus drehte seinen Kopf zur Seite, schaute mit großen Augen zur Seite und sagte: "Hast du gehört Mutter? Ich soll dich umgebracht haben!" Dann lachte er wieder, immer lauter, bis seine Stimme zu einem irren Kreischen wurde und durch die Flure des Sanatoriums hallte.



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Eingereicht am 31. März 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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