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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die Spinne

Gaby Schumacher


Eines Abends passierte es! Schon zu Bett, ging mein Blick zur Zimmerdecke, wie man eben manchmal an den Wänden eines Raumes entlang sieht. In Gedanken versunken und gar nicht ganz da! Die Realität holte mich eines bestimmten Umstandes wegen auf ziemlich rücksichtslose Weise wieder ein. Meine Augen starrten ungläubig auf einen kleinen, schwarzen Flecken dort oben. Kurz überlegte ich, ob der denn eigentlich schon länger zum Inventar meines Zimmers gehörte. Aufgefallen war er mir bisher doch nie! Ohne Brille sah ich doch wirklich nur diesen winzigen Punkt. Doch fühlte ich mich unsicher, weil ich ihn nicht richtig deuten konnte. Also robbte ich mich (bin stolze Besitzerin einer steil-schrägen Zimmerdecke direkt über'm Bett!) vorsichtshalber an das unbekannte Objekt heran. So tat ich - und prompt lief mir in den nächsten Sekunden ein Gänseschauer den Rücken. Denn, was ich bei der eingehenderen optischen Untersuchung dieses schwarzen Etwasses feststellte, trug keinesfalls zu meiner Beruhigung bei. Der Fleck entpuppte sich nämlich nicht etwa als ein versehentlicher Bleistiftstipps (wie sollte der denn auch an die Decke geraten sein!?), sondern hatte bei näherem Hinsehen doch tatsächlich acht dünne Striche ringsum. Zu meinem Entsetzen gelangte ich zu der Einsicht, dass ich dieses Ding zu der Gattung der Spinnentiere zu zählen hatte. Mit einem Schlag wurde mir klar, in welcher Lebensgefahr ich die ganze Zeit geschwebt hatte und immer noch schwebte. Spinnen sind nun mal Fleischfresser, die mit Hilfe kunstvoll gewebter Netze ihre Opfer reinlegen und diese dann anschließend genüsslich verspeisen. Bei dem Gedanken, dieses absolut entzückende Vieh könnte zwar nicht Appetit auf meine 98 % Wasser, dafür aber umso mehr auf die restlichen 2 % Fleisch entwickeln, lief mir der bereits zweite Kälteschauer über den Rücken. Meine Angst steigerte sich ins Unermessliche. Ich verlor völlig den Blick für die wirkliche Größe des ungebetenen Gastes. Dies etwa halbstecknadelkopfgroße Etwas erschien mir wie ein furchtgebietendes Überbleibsel aus der Urzeit. Was, um Himmels willen, geschähe, wenn dieses Monstrum sich wohlmöglich von der Stelle bewegte?? Per hypnotisierenden Blickes versuchte ich verzweifelt, die Spinne auf ihrem dortigen Platz festzunageln. Ich wagte es weder, mich unter ihr auf meinem Bett noch zu bewegen, geschweige denn, meiner Schlafstatt mit einem todesmutigem Sprung zu entfliehen. Garantiert beobachtete die dann meinen Fluchtversuch, missbilligte ihn und spurtete dann mit tollen Rachegelüsten hinter mir her. Und jeder von uns weiß ja, wie sich diese liebenswerten Geschöpfe fortbewegen. Nicht etwa deutlich hörbar und/oder wenigstens nur im Schneckentempo, so dass die Geschwindigkeit ihres Herannahens vorher berechenbar wäre! Sondern sie huschen mit ihren acht Beinen quer über die Wände. Und zwar irre fix! Oder sie lassen sich an einem selbstgesponnenen Faden zwecks Verfolgung ihres Opfers sogar einfach direkt senkrecht hinunter. Für mich hieße es dann, eventuell noch durch blitzschnelles Wegziehen meines Kopfes eine mögliche Landung dieses Untieres zu verhindern. Sonst dürfte ich das sehr zweifelhafte Vergnügen auf mich nehmen, das krabbelnde Ding in meinem Haar zu suchen. Das aber brächte mich an den Rand des Wahnsinns!! Doch Spinnchen verharrte regungslos an seinem Platz. Wahrscheinlich mit noch mehr Bibbern im Herzen als ich. Ich hatte bestimmt in diesem Tierchen die Vorstellung von einem Tyrannosaurus Rex wach gerufen. (Wenn das fähig gewesen wäre, zu ahnen...!). Garantiert bedachte es mit keinem Fäserchen seines Herzens die Möglichkeit einer extrem opulenten Mahlzeit. Die allerdings wäre, gemessen an der "enormen" Größe dieses Winzlings, auch zur Aufgabe für fast ein ganzes Jahr geworden. Spinnchen war offensichtlich eine relativ intelligente Ausgabe, die sich sehr zutreffend sagte, die einzige Überlebenschance bestünde darin, sich tot zu stellen. So verharrte sie sicherheitshalber da, wo sie war. Krabbeln konnte sie ja immer noch, wenn ich endlich mein Licht gelöscht hätte. Doch selbst dann noch empfahl sich ein deutlicher Sicherheitsabstand. Am klügsten war es, sich dann in einer gemütlichen, dunklen Ecke hinter dem Kleiderschrank zu verkriechen. Dort traf sie dann mit viel Glück sogar einen bis dann unentdeckten Artgenossen. Doch da war ich mir sicher: Sie wäre gar nicht so froh darüber gewesen, denn - Spinnen sind Einzelgänger! Ich gehörte zu den tierliebenden Menschen und versuchte mir dringlichst einzureden, wie zierlich und von eigentlich graziler Schönheit dieses Spinnchen doch sei. Starr den Blick auf das Tierchen gerichtet, startete ich sogar den Versuch, Sympathie für den Winzling zu entwickeln. Aber damit hatte ich beträchtliche, um ehrlich zu sein, praktisch unüberwindbare Schwierigkeiten. Ich redete mir gut zu: "Stell dich nicht so doof an! Guck' mal' lieber, wie klein die doch ist! Wie kannst du ihretwegen ein solches Theater abziehen?" Immer wieder hielt ich mir vor Augen, dass meine Angst ja wohl totaler Humbug war. Aber nutzen tat mir das auch nicht viel. Verkrampfte Überlegungen folgten, was ich zu meiner Rettung unternehmen könnte. Töten wollte ich sie auf keinen Fall. Nur endgültig bitte loswerden! Einfach den Raum zu verlassen und ihn erst wieder zu betreten, wenn das Spinnchen per Zufall den Ausgang durchs offene Fenster gefunden hätte, erschien mir dann doch als zu lächerlich. Unwillkürlich gedachte ich meiner Nachbarin, die tatsächlich solche und noch ganz anders dicke schwarze Kellerbewohnerinnen mit Hilfe irgendwelcher Behältnisse einfing und diese Ungetüme dann doch auch noch eigenhändig nach draußen in die Freiheit trug. Allein bei dem Gedanken daran hatte ich ein äußerst mulmiges Gefühl in der Magengegend. Trost für mich: Ausgerechnet deren Mann (man bedenke, ein Mann!) litt unter einer ähnlichen Furcht vor Spinnen wie ich. Vor ihr brauchte ich mich deswegen also wirklich nicht zu schämen. Na, wer sagt's denn? Meine ganzer mehr oder weniger vernünftiger Gedankenwust führte dazu, dass ich den Todessprung aus meinem Bett wagte, um dann mutig mein Zimmer zu verlassen und mir ein entsprechendes Gefäß aus der Küche zu holen. Ich hastete zurück in mein Zimmer, dann den Blick starr auf die Stelle richtend, an der dieses Horrorgeschöpf gottlob noch immer unbeweglich saß. Mit Hilfe eines dreifach gefalteten Küchentuches stupste ich Spinnchen in meinen Behälter. Körperkontakt wollte ich eigentlich trotzdem nicht so gerne! Eiligst presste ich den zugehörigen Deckel drauf, damit mir dieses Ungetüm nicht etwa in letzter Sekunde über den Handrücken krabbelte. Draußen wanderte ich dann mit zitternden Knien unsere Straße entlang bis zur großen Wiese, auf der ich meinem kleinen ungebetenen Gast dann die Freiheit wiedergab. Als Spinnchen sich endlich entschlossen hatte, sein komfortables Gefängnis zu verlassen, traute ich mich fast nicht, dieses wieder aufzunehmen, Das Tierchen könnte ja noch irgendwo am Gefäßrand hocken, um dann keck doch noch auf meinen Finger hinüber zu wechseln. Schnell dachte ich konzentriert an etwas Anderes, sonst wäre mir garantiert schon wieder schlecht geworden! Doch Spinnchen, froh, wieder in Freiheit zu sein, hatte aus Dankbarkeit ein Einsehen und huschte glücklich seines Weges durch das hohe Gras davon. Langsam meine innere Ruhe wiederfindend, marschierte ich schleunigst zurück ins Bett. In der Annahme, in dieser Nacht ganz bestimmt unwahrscheinlich angenehm zu träumen. Wahrscheinlich hatte mich aber dieser Scheinkampf Mensch-Spinnchen so mitgenommen, dass ich wider Erwarten ohne auch nur einen einzigen Spinnentraum bis zum nächsten Morgen durchschlief. Doch beim Aufwachen wanderten meine Augen sofort wieder zur jetzt leeren Stelle an der Decke. Aufatmend stellte ich fest, dass die nach wie vor leer war. Und somit wieder alles seine Ordnung hatte. Uff, das hatte ich "ungefressen" überstanden!!



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Eingereicht am 30. März 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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