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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die Fahrt

Andrea Schmid


Manchmal bin ich so in meine Gedanken vertieft, dass ich hoch schrecke, wenn ich einem Auto zu weit auf seiner Spur entgegen komme. An manchen Tagen erschrecke ich auch, wenn ich plötzlich an meinem Ziel angekommen bin und mich nicht mehr an die Fahrt erinnern kann.
Irgendwie genieße ich diese Zeit, die ich ganz alleine für mich habe. Leider kommt es auch oft vor, dass ich anfange zu weinen und bevor ich aussteige muss ich aufpassen, dass niemand merkt was für eine Heulsuse ich bin.
In meinem Kopf führe ich dann diese Unterhaltungen, die ich mich sonst nicht zu führen wage.
Ich rede mit meiner Mutter. Ich erzähle wie weh sie mir getan hat und dass ich ihr nicht verzeihen kann, weil sie mich nie akzeptiert hat und immer getan hat als wäre ich an allem Schuld. Sie hat sich dafür nie entschuldigt. Nicht einmal als sie diese Therapie gemacht hat. Sie war sich nie bewusst, wie weh sie mir getan hat.
Wenn ich in meinem Auto sitze und ihr sage, dass ich ausziehen werde, kann sie mich leider nicht hören. "Mama, ich werde ausziehen weil ich diesen Druck nicht länger ertrage. Ich muss mein eigenes Leben führen und es ist nicht fair von dir die ganze Verantwortung auf mich abzuladen indem du sagst, dass du wieder anfängst zu trinken wenn ich ausziehe."
Ich wünschte sie könnte mich hören.
Ich weine, aber niemand kann mich sehen außer der Typ, der an der Ampel neben mir steht und der mich vergisst sobald die Ampel auf Grün schaltet. So fahren viele an mir vorbei ohne meine Tränen zu beachten.
Ich habe dieses flaue Gefühl in der Magengrube, weil meine Phantasie wieder einmal mit mir durchgeht.
Dann bin ich in Gedanken schon daheim und sehe Mutter auf dem Boden liegen - ganz ruhig. Ich sehe mich wie ich sie schüttele doch sie wacht nicht auf.
Und wenn ich an das Haus fahre, kommt diese Stimme in mir hoch die sagt "Alles ist in Ordnung, nichts ist passiert", und immer wieder bete ich, dass diese Stimme Recht hat. Bis jetzt hatte sie Recht. Nur wie lange noch? Ich kann kein Risiko mehr eingehen. Ich will dieses Gefühl nicht mehr spüren. Ich habe es satt diese Gespräche mit niemandem zu führen.
Viele würden sagen: "Gib ihr eine zweite Chance, du kannst sie jetzt nicht im Stich lassen." Doch diejenigen die das sagen, kennen dieses Gefühl nicht. Sie wissen nicht wie weh es tut. Sie wissen es einfach nicht.
Und dann komme ich zu Hause an. Steige aus als wäre auf der Fahrt nichts gewesen. Ist es auch nicht, oder?
Ich schließe die Tür auf und trete leise ein. Meine Ohren konzentrieren sich auf das kleinste Geräusch. Diese Stimme sagt: "Es ist alles in Ordnung, keine Sorge."
Ich stelle leise meine Tasche ab und gehe die Treppe hoch ins Esszimmer.
Und da sitzt sie und schaut fern als wäre nichts geschehen. Ist es auch nicht, oder?
Ich sage ein kurzes "Hallo". Sie dreht sich nicht nach mir um, nimmt mich kaum war und sagt "Hallo".
Ich gehe die Treppe wieder hinunter und verschließe die Tür hinter mir und wünsche mir, dass ich sie nie wieder öffnen muss. Ich schalte den Fernseher ein, schalte die Lautstärke auf Stufe acht um ihr Husten nicht zu hören.
Wenn es poltert horche ich auf. Versuche zu erkennen woher das Poltern kam. Wenn ich danach gar nichts mehr höre, werde ich unruhig. Ich zwinge mich aufzustehen, schleiche die Treppen nach oben und gehe ins Esszimmer. Da sitzt sie immer noch. Nichts ist passiert. Also gehe ich wie zufällig zum Kühlschrank. Ich öffne ihn und schließe ihn wieder ohne etwas heraus zu nehmen. Mein flaues Gefühl im Magen sagt mir, dass ich mich übergeben muss sobald ich etwas esse.
Also gehe ich wieder nach unten und starre auf den Fernseher bis zum nächsten Geräusch.
Am nächsten Morgen wache ich auf und habe den Alptraum noch in Erinnerung. Ich lausche ob sie wach ist. Gehe kurz nach oben und dann zur Arbeit.
Wenn ich in mein Auto steige finde ich Zeit meine Gefühle zu ordnen. Tränen steigen mir in die Augen. Ich denke darüber nach wie es wäre, wenn ich einfach nicht zur Arbeit fahren würde sondern viel weiter. Einfach fort, weg von diesem Gefühl das in meinem Bauch ist und nicht weg geht.
In der Arbeit merkt niemand etwas. Ich rede viel wie immer, lache viel. Versuche normal zu sein ohne dass jemand merkt, dass es mir nicht gut geht.
Auf dem Heimweg habe ich Angst. Ich führe wieder Gespräche die niemand hört und komme an ohne mich an den Weg zu erinnern.
Während ich die Treppe hoch gehe, wünsche ich mir, die Fahrt wäre nie zu Ende gegangen.



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Eingereicht am 28. März 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.