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Das Leben ist nicht fair

Harald Hämmerle


Der Song ist bereits ein Klassiker und ein Satz daraus kommt mir immer wieder in den Sinn. Der Song "Mensch" von Herbert Grönemeyer und der Satz "Das Leben ist nicht fair " Fast jeder weiß woher dieser Satz bei Herbert Grönemeyer kam. Innerhalb einer Woche waren seine Frau und sein Bruder gestorben. Das Leben ist nicht fair - es kann schon brutal zuschlagen, das Leben - durch Krankheit, Tod oder Trennungen. Und je älter man wird, desto größer werden die Chancen, diese Brutalität des Lebens erfahren zu müssen. Im Leben oder Tod anderer oder im eigenen Leben. Und die Chance, diesem Satz zuzustimmen wird immer größer. Das Leben ist nicht fair. Ja, das kann man schon sagen, wenn's manche Leute einfach zu oft oder zu schwer trifft. Ihnen hilft es auch nicht, wenn man ihnen gut zureden möchte. Manchmal ist es einfach besser nur still zu sein, gar nichts zu sagen und nur da zu sein. Wenn jemand die Frau gestorben ist, wenn der Mann abgehauen, ein Kind sterbenskrank ist oder 40.000 Menschen durch ein Erdbeben umkommen. Da werde ich still, so still dass meine Fragen, meine Klagen in mir brüllen: Was soll das? Erklär mir das! Gibt es einen guten oder überhaupt irgendeinen Grund für so was? So ist das Leben wahrhaftig nicht fair.
Und wenn es lang genug in mir gebrüllt hat, dann kommt mir auch eine Art Sprache wieder. Keine Antwort, keine Lösung, aber vielleicht eine Möglichkeit, mit der manchmal brutalen Unfairness des Lebens umzugehen. Versuchen selbst fair zu sein. Fair, das kann heißen: da sein, still sein, warten, begleiten, helfen. Fair sein, das kann heißen: gerecht sein, mitfühlen, aushalten, hoffen und irgendwann vielleicht wieder ruhig, offen und zuversichtlich. Vielleicht, ja vielleicht. Irgendwann.
Ja, das Leben ist brutal! Gibt es eine andere Bezeichnung, für das Schicksal, dass den einen trifft, und den anderen verschont? Ich ging Woche für Woche zu Aktionen der Katholischen Jugend, ging in dir Kirche. Aber hat mir das geholfen, nein! Ich habe im Kolpinghaus in Bregenz gewohnt, vier Jahre lang. Habe dort alle möglichen Leute kennen gelernt, Alkoholiker, Drogenkranke. Ihr Schicksal hat mich immer tief getroffen. Nun ist das Schicksal gegen mich. Bei einer Bluttransfusion bin ich mit dem Aids Virus Infiziert worden. Dabei wollte ich doch nur helfen! Aber das Schicksal hat sich gegen mich gewendet. Was habe ich getan, dass sich das Schicksal so gegen mich wendet. Ich bin nicht schuldig, ich bin nicht unschuldig, ich versuche nur zu Überleben. Das Leben ist nicht fair - es hat brutal zugeschlagen.
Es gibt viele schöne und viele unangenehme Momente im Leben eines Menschen, die wohl bei jedem in unterschiedlicher Häufigkeit und Intensität auftreten. Es ist nur natürlich, dass man die tragischen und traurigen Momente im Leben am liebsten gar nicht erleben möchte, sondern sich nur nach den höchsten Glücksgefühlen sehnt. Diese Glücksgefühle lassen schnell einen Sinn in diesem Leben erkennen, der dieses Leben wertvoll macht. Jeder definiert diesen für sich selber, und strebt nach der höchstmöglichen Erfüllung. Ob es nun z.B. Reichtum, Erfahrung, Wissen oder Liebe ist, entscheidet jeder nach eigenem Befinden. Nun Frage ich mich wo der sinn ist, wenn der eine sich jeden Tag betrinkt, ohne zu wissen warum. Der andere tritt für Menschen ein, hilft ihnen, und dann trifft es ihn selber. Wo ist hier der Sinn. Was habe ich getan, dass mich das Leben so hart straft. Ich Denke immer mehr, hätte ich nicht geholfen, hätte ich keinen Kontakt gehabt, wäre mir das nicht passiert. Es ist wohl kaum möglich einen Sinn in Worte zu fassen, der für alle Menschen Gültigkeit besitzt. Natürlich könnte man an dieser Stelle denken, dass es die Liebe zwischen den Menschen sein muss, nach der Jeder bewusst oder zumindest unbewusst strebt. Aber aus meiner Erfahrung habe ich festgestellt, dass es etwas wie Liebe nicht gibt. Liebe unter den Menschen, eine reine Erfindung! Wenn man sich jedoch diese Welt betrachtet, muss man zugeben, dass die Liebe bzw. die Menschlichkeit kein allgemeingültiges Naturphänomen ist, welches in jeder Form des Erlebens auftaucht. Menschlichkeit, allein das Wort ist rassistisch, oder glaubt man tatsächlich, dass es nur Menschen auf diesem Planteten gibt. Es sind die tragischen, traurigen und gewaltvollen Momente des Lebens, die die Liebe als allgemeingültigen Sinn des Seins auszuschließen scheinen. Als bekannt wurde, dass ich Aids habe. Da haben mich alle angesehen wenn sie mich getroffen haben. So als wollten sie sagen, o Gott, da kommt der Mann mit Aids. Jedes Händeschütteln, jede Umarmung viel ihnen wieder ein! Jeder der mich ansah Fragt sich, mit wem hat er es getan, und wie hat er es getan? Er ist Schwul, eine kleine Tunte, ein Klappenstricher, ein warmer Bruder, dass höre ich hinter meinem Rücken immer wieder. Im Gerichtsaal oder vor Gott ist Justitia Blind gegenüber Weltanschauung, Religion oder Sexueller Orientierung. Nicht aber in den Augen der Menschen, mutwillige Diskriminierung ist hier an der Tagesordnung. Was wäre jedoch, wenn wir auf dieser Welt ohne Gewalt, ohne Angst, ohne Schmerzen und ohne Trauer leben würden? Würde uns die Bedeutung der Liebe bewusst sein? Wären wir in der Lage ein Glücksgefühl zu empfinden? Wären wir uns des schönen Augenblickes bewusst wenn wir nicht die Kehrseite kennen würden? Wir müssen diese Kehrseite nicht einmal erleben, es reicht allein das Bewusstsein, dass es diese Kehrseite gibt, um das Positive zu erkennen und wahrzunehmen. Wie könnte man das Gute als gut bezeichnen wenn man das Böse nicht kennt? Es gibt kein Oben ohne ein Unten, keinen Tag ohne eine Nacht. Wie sollte ich mich des Lebens freuen, ohne das Wissen, dass es den Tod gibt? Wie kann ich eine Person vermissen, die keine einzige Sekunde von mir entfernt ist? Wie soll ich das Schöne in etwas erkennen das ein Dauerzustand ist, in etwas das schon immer da war, immer da sein wird und unvergänglich ist? Dieser Zustand muss doch zumindest einmal gewonnen oder verloren werden um sich dessen Wert bewusst zu sein.
Die schmerzlichste Erfahrung des Lebens ist wohl der Verlust eines geliebten Menschen. Ein Mensch, ohne den man sich sein Leben nicht vorstellen kann und auch nicht vorstellen möchte. Ich glaube, es gibt keinen schmerzvolleren Moment als den Verlust des Lebenspartners. Das Meistgeliebte wird einem genommen, ohne Hoffnung auf ein erneutes Zusammentreffen in diesem Leben. Dieser Mensch ist gegangen und wird nicht mehr zurückkehren. Man kann nicht mehr mit ihm Reden, nicht mehr mit ihm Tanzen, nicht mehr mit ihm Träumen, nicht mehr mit ihm Lachen, nicht mehr mit ihm Weinen.
Ich glaube aber, dass genau dies der Augenblick ist, in dem man die Liebe so stark wie nie zuvor spüren kann. In diesem Augenblick des größten Schmerzes, wird einem die wahre Größe der gefühlten Liebe bewusst. Ausgerechnet in dem Augenblick, in dem mich der geliebte Mensch nicht mehr hören kann, nicht mehr meine Hand in seiner spüren kann, nicht mehr meinen Kuss erwidern kann, mir nichts mehr erzählen kann, nicht mehr sein Leben mit mir teilen kann. Genau diese Erkenntnis verstärkt die Qualen des Verlustes ins Unbegreifliche. Was würde man alles dafür geben um noch ein einziges Mal seine Umarmung spüren zu können? Was würde man geben um noch ein einziges Mal sein Lachen hören zu können? Was würde man geben, um ihm noch ein einziges Mal sagen zu können, wie sehr man ihn liebt? Ihm, dem Mensch, der nun für immer gegangen ist. Die Zeit ist gekommen. Die Zeit, in der die Seele des geliebten Menschen den Körper verlassen hat um seine letzte Reise anzutreten. Eine Reise in eine Welt, in der die Zeit nicht mehr existiert. In eine Welt, in der die Unendlichkeit herrscht. In eine Welt in der es keine Mauern gibt. In eine Welt ohne Grenzen. In eine Welt, in der das Leben ein Ende gefunden hat. In eine Welt, in der das Ende des Lebens, der Anfang der Unendlichkeit ist.
Und ich weiß, sollte ich irgendwann diese Unendlichkeit betreten, werden alle Menschen die ich liebe und vor mir gegangen bin, dort bereits auf mich warten. Sie werden mir ihre Hände entgegenstrecken und mich nach langer Zeit wieder in ihre Arme schließen. Alles was wir uns so lange sagen wollten, alles das, was wir noch zusammen machen wollten, können wir nun wieder tun. All der gespürte Schmerz und all die vergossenen Tränen des Lebens werden vergessen sein. Das was jedoch bleiben wird, ist die gespürte Liebe im Augenblick des Verlustes. Dieses höchste Gefühl der Liebe wird verschmelzen mit unseren Seelen und der herrschenden Unendlichkeit. Wir alle werden wieder vereint sein. Und ich bin mir sicher, dass dieser Moment der schönste meiner Existenz sein wird. Und genau dieser Moment wird niemals enden!
Nun der letzte Moment zögert sich unter Schmerzen hinaus. Die Ärzte, die den Kopf in den Sand stecken, weil sie machtlos sind. Die ehemaligen Freunde, die sich nicht mehr sehen lassen. Wenn ich einen auf der Straße treffe, hoffen sie, dass sie nicht mit mir sprechen müssen! Nun Schreibe ich das alles in der Hoffnung, dass ich so meine schmerzen besser aushalte. Und vielleicht gibt es den einen oder anderen, die meine letzten Zeilen liest, wenn ich sie fertiggestellt habe. Vielleicht werde ich, dass Ende des Buches nicht erleben!



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Eingereicht am 27. März 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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