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Mut

Nicolaus Kessener


Sabrina ist 19 Jahre alt und stammt aus einem gutsituiertem Elternhaus. Die Eltern sind tolerant und aufgeschlossen; der Vater ist gut verdienender Architekt. Die Mutter hauptsächlich Hausfrau mit sozialem Engagement. Sabrina ist Einzelkind. Sabrina lebt sorg- und problemlos. Die Pubertät hat sie hinter sich gebracht und nun soll "das Leben" beginnen.
Doch plötzlich, von heute auf morgen, ist nichts mehr so, wie es vorher einmal war. Lag es vielleicht an Hans? Eine Liebelei mit Hans, einem jungen Mann aus der Nachbarschaft, wird von diesem beendet. Die Beziehung "bringe ihm nichts mehr", teilt er Sabrina lapidar am Sonntagmorgen mit. Eigentlich war diese Beziehung Sabrina wirklich nicht so wichtig, weshalb sie zwar gekränkt, aber nicht wirklich traurig ist.
Abends hat Sabrina erstmals Depressionen. Übergangslos beginnt die Attacke. Sabrina spürt die Macht und den Sog dieses Gefühls. Sie fühlt sich hilflos. Mit ihren Eltern könnte sie sprechen, tut es aber nicht. Sabrina hat das Gefühl, nicht wahrgenommen zu werden, minderwertig zu sein. Sie weiß nicht, wie sie sich helfen soll. Sie hat das Gefühl, dass sie völlig allein ist auf der Welt und keine Hilfe erwarten darf.
Auf ihrem Nachttisch steht ein Glas Saft und es liegen einige Utensilien herum. Sabrina liegt im Bett, hört Musik und stößt unabsichtlich gegen das Glas, das herunterfällt. Beim Aufsammeln der Scherben schneidet sie sich und betrachtet fasziniert, wie das rote Blut rinnt und läuft. Die Schmerzen dringen nicht in ihr Bewusstsein. Etwas anderes macht sich dort breit und schafft sich Raum: Ein Gedanke ist es zunächst, der sich dann zu einem mächtigen Gefühl auswächst.
Was würde geschehen, wenn ich mir jetzt mit dieser Scherbe ein Mal in meinen Körper ritzte? Wäre ich dann auch für andere wahrnehmbar? Wäre ich dann akzeptiert? ETWAS WERT? Einen Versuch ist es allemal wert!!
Ich muss aufpassen, dass ich es richtig mache. Ich will nicht versagen bei dieser wichtigen Aufgabe. Ich muss unbedingt das richtige Teil zum Schneiden finden. Ich weiß, es ist diese Scherbe. Vorsichtig ansetzen. Oh ja, ich höre, wie die Haut sich teilt; es klingt wie zerreißendes Papier. Ich muss vorsichtig sein und es gut machen...Es soll ein magisches Mal sein. Es wird mich beschützen und mir helfen. Ich muss vorsichtig sein....
Sie ritzt sich einen Davidstern in den Oberschenkel. Das Blut läuft und die erst später einsetzenden Schmerzen vermitteln ihr ein wohliges Gefühl von Sicherheit und Selbstbewusstsein und zugleich das Gefühl, etwas Verbotenes getan zu haben.
Der Schulalltag macht ihr zunehmend Probleme. Das angestrebte Abitur erscheint Sabrina völlig sinnlos; sie sieht keine Perspektive. Der Kontakt zu ihrer besten Freundin Melanie reißt in der Folgezeit ab, weil Melanie sich um ihren Freund kümmert.
Sabrina vernachlässigt sich zusehends, den Eltern bleibt ihre Wesensänderung nicht verborgen. Einer Aussprache entzieht sich Sabrina, indem sie Liebeskummer vortäuscht. Sie weiß, dass ihre Eltern diese Ausrede akzeptieren und sie in Ruhe lassen werden.
Eine Schulfreundin (Tanja) lädt sie zu einer Party ein und da ihre Eltern miteinander befreundet sind, geht sie dorthin, um sich nicht wieder rechtfertigen zu müssen. Die Party ist ausgelassen. Ein junger Mann, Thomas, 21 Jahre alt, Automechaniker von Beruf, beobachtet Sabrina vom Türrahmen. Sie will ihren beginnenden Depressionen entfliehen und möchte die Party verlassen.
Thomas: Warum sieht sie nur so traurig und blass aus? Ist sie vielleicht krank? Aber diese Traurigkeit ist so beherrschend an ihr. Sie ist ganz anders als alle anderen Mädchen. Sie ist besonders!
Sabrina: Hoffentlich will der nichts von mir! Ich will nur nach Hause, ins Bett und schlafen. Ich will Ruhe, nichts als Ruhe.
Thomas: Ich werde sie fragen, ob ich sie nach Hause bringen soll, wenn es ihr nicht gut geht.
Sabrina: Nach Hause bringen? Danke, das ist sehr nett von dir und genau das, was ich jetzt brauche. Danke...
Es entwickelt sich langsam eine Beziehung zwischen der scheuen und verwirrten Sabrina und dem burschikosen Thomas.
Sabrina erfährt am Abend des 3. Advent von ihrer Mutter, dass sie ein Adoptivkind ist. - Ihre Mutter ist nicht mit der Freundschaft zu Thomas einverstanden und glaubt, durch das Bekenntnis die Nähe ihrer Adoptivtochter wieder zurück zu gewinnen. - Sabrina fühlt sich betrogen, gedemütigt, erniedrigt und missachtet. In ihrem Kopf dröhnt es: "Also doch! Also doch! Nun tu' es endlich. Du hast lange genug gewartet!"
Sie erklärt ihrer Mutter, nicht mehr am Familienleben teilnehmen zu wollen. Sie müsse jetzt erst einmal schlafen und über alles nachdenken. Die Adoptivmutter ist verständnisvoll und will Sabrina in den Arm nehmen, doch Sabrina bleibt regungslos stehen. Dann wendet sie sich um und geht langsam in ihr Zimmer.
Jetzt muss ich es tun. Es muss ein Ende haben. Ich habe mich nicht getäuscht. Ich bin nichts wert. Nicht einmal meine Mutter wollte mich. Niemand will mich; ich bin unnütz.
Sie holt die Rasierklingen aus dem Versteck, als ihr Handy klingelt. Es ist Thomas, der ihr atemlos von seinem Motorradunfall berichtet und sie bittet, ins Krankenhaus zu kommen.
Sabrina fährt ins Krankenhaus und verschiebt ihren Entschluss.
Thomas wird gerade operiert, als Sabrina ins Krankenhaus kommt. Nach langen zwei Stunden wird ihr erklärt, dass Thomas' linkes Bein amputiert werden musste. Er wacht nur kurz aus der Narkose auf, lächelt Sabrina an und flüstert: Bitte, hilf mir!
Da muss sie ihren Entschluss weiter verschieben. Aber die Zeit bis zum Vollenden muss genutzt werden!
Ich will wissen, wer meine Eltern sind! Ich muss wissen, ob meine Mutter noch lebt
Sabrina findet schnell einen Hinweis auf ihre Mutter; ihr Vater ist nicht ermittelt worden und könnte nur von ihrer Mutter preisgegeben werden. Ihre Mutter hat wahrscheinlich ihrem Vater die Geburt von Sabrina vorenthalten. Weil sie selber nicht in der Lage war, das Kind aufzuziehen, hat sie es zur Adoption freigegeben. Ihre Mutter ist Jüdin, Sabrina "das Ergebnis" eines Seitensprungs ihrer Mutter mit einem bekannten jüdisch-deutschen Unternehmer.
Als sie ihrer Mutter gegenübersteht, ist Sabrina von der Gefühlskälte und Bitterkeit der Frau überrascht. Sie bittet ihre Mutter um Einen Grund! Es muss doch einen Grund geben dafür, dass du mich weggegeben hast. Was hast du gefühlt dabei? Hast du an mich gedacht? Was hat mein Vater dazu gesagt?
Dein Vater? Nichts, er wusste es nicht. Ich hatte mich schon längst von ihm getrennt. Als bekannter Unternehmer wäre ein außereheliches Kind eine Katastrophe für seine Karriere gewesen. Denk doch einmal an den Skandal! Nein, das wollte ich ihm und mir nicht zumuten!
Aber du hast m i r das alles zugemutet !
Die Frau, die ihre Mutter ist, schweigt mit erhobenem Kopf, als wolle sie sagen: "Na und? Was ist dabei?"
Immerhin, jetzt hat Sabrina den Namen des Vaters.
Thomas wird von ihr ermutigt. Sabrina unterstützt den Genesungsprozess und wenn Thomas sich unnütz und überflüssig vorkommt, liebt sie ihn; da ist sie ganz sicher. Zusammen gehen sie auf die Suche nach ihrem Vater und werden schnell fündig. In München lebt er. Also nach München.
Gib mir die Kraft für diese Begegnung, Thomas. Ich muss jetzt alles wissen. Es reicht nicht, für eine große Entscheidung nur wenig zu wissen. Eine große Entscheidung muss wohl begründet sein.
Ich helfe dir, wie du mir auch geholfen hast und ganz besonders, weil ich dich liebe...
Der Vater ist überglücklich, überrascht und sehr froh, Sabrina zu sehen. Er hatte nichts von der Schwangerschaft seiner damalige Geliebten gewusst und so ist er völlig überrascht, plötzlich eine 19jährige Tochter zu haben. Er begegnet Sabrina und Thomas verständnisvoll und mit echtem Interesse. Schlägt vor, eine Reise nach Israel zu unternehmen, ins Land der Väter. Er ist nicht zornig, nicht nachtragend oder verbittert. Er freut sich an seiner Tochter, möchte sie kennen lernen.
Was ist dir wichtig, Sabrina? Wie siehst du die Welt?
Sabrina verschiebt ihren großen Entschluss nicht. Sie revidiert ihn. Sie möchte wissen, fühlen und lieben. Dazu braucht sie Zeit und Energie. Thomas bemerkt es als erster: Aus Sabrinas Augen strahlt ein Leuchten, das er vorher noch nicht an seiner Freundin bemerkt hatte. Dieses Leuchten, der liebevolle Händedruck und das freundliche Lächeln von Sabrinas Vater machen auch dem gehandicapten jungen Mann Mut.



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Eingereicht am 20. März 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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