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Fluchtgedanken - weg von mir

dark-desire


Kalter Morgen. Grauer Himmel. Alles schneebedeckt. Die Straßen verwandeln sich in grauen Matsch mit dreckigen Pfützen. Ich laufe mit sturem Schritt.
Schnee fällt auf mich. Es könnte genauso gut Regen sein. Und es wäre mir auch egal. Ich habe meine Kapuze aufgezogen. Die Luft schneidet mich kalt ins Gesicht. Ich ziehe meine Kapuze tiefer ins Gesicht und knöpfe meine Jacke ganz zu. Mein Gesicht ist kaum noch zu erahnen. Ich bin abgeschottet. Vor der Außenwelt. Aber es bringt mir nichts. Nun bin ich mit mir selbst gefangen. Ich hasse mich. Ich stelle mir immer so dumme Fragen. Finde nie eine Antwort darauf oder weiß es doch selbst besser. Ich rede so sehr auf mich ein. Bald kann ich es selbst nicht mehr hören. All diese Worte prasseln auf mich ein. Alle diese Gedanken und Fragen zerren an mir. Zweifel nagen an mir. Ich fühle mich zerrissen. Unverstanden, ungewollt, ungeliebt. Ich will weg. Einfach davon laufen. Weg von hier. An irgendeinen Ort. Wo ich noch nie zuvor war. Wo mich niemand kennt. Vielleicht kann ich mich dann auch vergessen. Ich will weg von mir. Ich mag mich nicht mehr. Ich bin schlecht, dumm, böse. Ich bekomme nichts auf die Reihe. Nichts läuft so wie ich es gerne hätte. Ich kann mich nicht ändern. Mein Ich nicht loslassen. Meine Erinnerungen holen mich immer wieder ein. Gedanken drängen sich auf. Vorsätze verlieren sich. Überlegungen werden unlogisch und wertlos. Stunden gehen verloren. Ein ewiger Kreislauf aus Vornehmen und Verwerfen. Sinnlosigkeit macht sich breit. Bestimmt mein Sein. Lass mich, hass mich und bitte, fass mich an. Lieb mich, schau mich nur an und du hast mich. Ich lieb dich, verehr dich und das zu vertuschen ist schwer für mich.
Der Schnee knirscht bei jedem Schritt unter meinen Schuhen. Meine Stiefel versinken immer ein wenig im Schnee. Ich schaue nur in die leere Gegend und stapfe weiter. Ich denke, dass ich in diesem Moment jedem die Füße küssen würde, der mir ein Lächeln, schenken würde, ein wenig Wärme in dieser kalten Zeit. Ich wäre zu allem bereit um mein Glück zu finden. Ich weiß, dass es nichts bringt, vernarrt danach zu suchen. Aber ich habe es satt zu warten. Ich halte es nicht mehr aus. Nicht hier. Du bist hier. Ganz nah. Und zugleich sind wir so fern. Du bist es was mich hier hält, genauso wie du der Grund für meine Fluchtgedanken bist.
Ich will weg. Habe keine Ahnung wohin. In eine große Stadt. Vielleicht im Norden, vielleicht im Osten, vielleicht im Westen, aber auf jeden Fall raus hier, weg vom Süden. Es ist hier alles so heimisch, so vertraut. Genau wie du es mir zu sein scheinst, obwohl du es wahrscheinlich gar nicht bist. Ich will in die Ferne, in die Fremde. Vielleicht werde ich mir dann wieder vertraut und du mir fremd. Ich will noch mal von neuem, noch mal von vorne anfangen. Vielleicht werden mich meine alten Verhaltensweisen nicht mehr einholen können. Du zu weit weg bist, als dass du mich noch in deinen Bann ziehen könntest. Ich will ein neues Leben beginnen und mein altes vergessen.
Und dann, wenn ich mal ein perfektes Leben führe. Also nach meinem Studium einen gesellschaftlich hoch angesehen, sehr gut bezahlten Job gefunden habe. Zudem mit einem gut aussehenden, gesellschaftlich beliebten und natürlich sehr reichen Mann verheiratet bin. Dann werd ich nach dir suchen. Ich werde meinen im Fitnessstudio gestählten und vielleicht zudem noch durch ein paar Schönheitsoperationen nahezu perfektionierten Körper in meine teuersten, edelsten und aufreizendsten Kleider hüllen, mein perfektes Make-up auflegen und meinen teuersten, aber trotzdem schlichten Schmuck anlegen. Und dann werd ich dir begegnen, ganz zufällig. Es wir total inszeniert und durchgeplant sein. Ein von mir selbst verfasstes Märchen, nur für dich. Ich werde nur eine einzige Angst haben. Dass du es schaffst mich zu durchschauen. Meine wunderschöne Fassade ansiehst und meine innere Leere die sich dahinter verbirgt erkennst.



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Eingereicht am 18. März 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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