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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ein anderer Morgen!

Dieter Zeiml


Die Sonne taucht langsam über der Hügelkette auf und verschlingt mit ihren Strahlen den letzten Rest von Dunkelheit in Anders' kleinem Schlafzimmer. Wenn die ersten durch das Fenster einfallenden Strahlen am Fußende von Anders' Bett angelangt sind wird er aufwachen. Noch fehlen dazu aber ein paar Minuten. Anders schläft noch tief und fest in seinem großen Einzelbett bewacht von der typischen Ausstattung eines Singleschlafzimmers. Das einzig auffällige Detail in Anders Schlafzimmer ist das auf Rollen montierte Nachtkästchen am Fußende von Anders Bett. Da Anders es leid war, ständig von seinen Besuchern gefragt zu werden warum er denn verkehrt herum im Bett schliefe hat er Rollen am Nachtkästchen montiert um es praktisch hin und herschieben zu können wenn Besuch kommt. Das Bett für ihn verkehrt herum zu machen hat man ihm ohnehin schon als Kind angewöhnt. Wenn Anders also das Nachtkästchen ans andre Bettende rollt sieht sein Schlafzimmer völlig normal aus.
Die Sonne hat es bis ans Bettende geschafft. Die warmen Sonnenstrahlen zaubern ihm noch bevor er die Augen öffnen kann ein Lächeln ins Gesicht. Anders streckt sich kurz verschlafen und steht dann aber sofort auf um einen Blick aus dem Fenster zu werfen und den sonnigen Tag zu begrüßen. Für manche mag diese Bild komisch wirken wie ein erwachsener Man der verkehrt herum im Bett schläft da jetzt auf dem Bett steht und mit einem Lächeln den Blick aus dem Fenster genießt. Anders kümmert es aber mehr als wenig was andere Leute über ihn denken. Wie fast jeden Morgen bleibt er eine Weile auf dem Bett stehen und stellt sich vor wie schön es doch wäre wenn eine Frau Anders mit ihm auf dem Bett stehen würde. Anders glaubt fest daran, dass es dort draußen irgendwo eine Frau Anders für ihn gibt, er hat sie nur noch nicht gefunden. Deshalb verfällt er auch nicht in Trübsal während er vom Bett steigt. In seinen Gedanken versunken geht er seiner Morgenroutine nach. Bett machen, Waschen, Anziehen, Frühstücken, ... all diese Aufgaben erledigt Anders wie es ihm von Kind auf beigebracht wurde. Er spürt zwischendurch hin und wieder den Drang Kleinigkeiten anders zu machen aber jahrelange Beteuerungen, dass man dies und das so und so machen muss haben diesen Drang derart reduziert, dass er nur wenn er gerade mit den Gedanken wo anders ist automatisch von der Routine abschweift. So findet er sich manchmal plötzlich im Schneidersitz auf der Waschmaschine sitzend während er sich die Zähne putzt. Manchmal lächelt ihm auch sein verschwommenes Gesicht von der Chromabdeckung der Wasserleitung entgegen während er sich frisiert. Hin und wieder löffelt er ein Frühstücksei mit dem Messer oder beschmiert ein Brot mit der Gabel. Beim Check vor dem Spiegel bevor er seine Wohnung in Richtung Arbeit verlässt findet sich fast immer ein falsch herum angezogenes Kleidungsstück welches er durch jahrelanges Training aber sicher entdeckt und richtig herum anzieht. Außer die Socken, die hat er immer verkehrt herum an. Man hat ihm immer extra Socken mit einer Aufschrift für links und rechts gegeben als er noch klein war. Seit er sich aber die Socken selber kauft zieht er sie, ob mit oder ohne Aufschrift, verkehrt herum an. Das merkt sowieso keiner und auch bei Socken ohne Aufschrift beruhigt ihn die Gewissheit diese verkehrt anzuhaben obwohl man bei diesen ja nicht wirklich links und rechts unterscheiden kann.
Bevor es soweit ist und er die Wohnungstür hinter sich schließt schmeißt er noch wie immer die Werbesendungen die vor der Tür liegen in den Papierabfall direkt neben dem Eingang. Er wirft sie immer direkt weg ohne sie zu lesen aber er bringt es nicht übers Herz ein Schild anzubringen diese Sendungen zu unterlassen wie es andere Mieter in Anders Miethaus machen. Wenn sich die Leute schon die Mühe machen bis zu seiner Tür zu gehen, dann sollte man ihnen die Genugtuung nicht nehmen auch ihre Werbebotschaft loszuwerden.
Im Stiegenhaus sieht man Anders wie immer mit dem melancholisch freundlichen Blick den die anderen Mieter sehr schätzen da er etwas Positives, eine Art Hoffnung und Lebensfreude, ausstrahlt. Anders denkt dabei immer daran wie schön es doch wäre das Treppengeländer runterzurutschen oder sich im Stiegenhaus abzuseilen. Anders glaubt fest daran, dass er dies eines Tages machen kann ohne dass man mit dem Finger auf ihn zeigt und ihn als Spinner bezeichnet. Dieser Glaube spiegelt sich dann ebenfalls auf seinem Gesicht was den angenehmen Eindruck den die anderen Mieter von Anders haben erweckt. Heute trifft Anders keine Nachbarn im Stiegenhaus und auch auf dem Weg zum Auto benutzt niemand den Schleichweg den Anders immer als Abkürzung zu seinem Parkplatz benutzt. Anders liebt diesen Schleichweg. Ein ausgetretener Fußpfad der durch eine Öffnung in der Hecke zu Anders Parkplatz führt. Er mag diesen Weg nicht weil er für ihn so wie für die anderen eine Abkürzung bedeutet. Nein, er mag ihn weil ihm dieser Weg den asphaltierten rechtwinkelig angelegten Gehweg in Anders Wohnanlage erspart. Wie üblich bemerkt auch niemand, dass Anders durch die Beifahrertür in sein Auto einsteigt. Sein Parkplatz ist von Büschen abgeschottet und wenn ihn doch jemand zufällig sehen würde, würde man glauben er suche eben vorher etwas auf dem Beifahrersitz. Anders würde ja viel lieber durch den Kofferraum oder durch ein Sonnendach einsteigen. Ein Sonnendach hat sein Auto aber leider nicht und wenn er durch den Kofferraum einsteigen würde, würde man das sehr gut von den anderen Parkplätzen aus sehen. So begnügt er sich eben damit durch die Beifahrertür einzusteigen.
Die 20 Minuten Fahrt bis zur Firma in der Anders als Haustechniker arbeitet dauern für Anders auch heute wieder länger als eine halbe Stunde da er zum Leidwesen der hinter ihm fahrenden Autos ausnahmslos allen die in seine Fahrspur einbiegen wollen den Vorrang überlässt.
Auf dem Firmenparkplatz angelangt muss Anders durch die Fahrertür aussteigen, da auf dem Firmenparkplatz immer viel los ist und sein Parkplatz nicht verdeckt ist. Auf dem Weg in sein Büro erklimmt er wie fast jeden Morgen den etwa 6 Meter Erdhügel der von Bauarbeiten bei der Asphaltierung des Parkplatzes übrig geblieben ist. Auf der von ihm ausgetretenen Fläche oben auf dem Hügel verharrt er mit dem gleichen Lächeln wie am Morgen auf dem Bett stehend und überblickt das Firmengelände. Die ankommenden Leute strömen über das Firmengelände vom Parkplatz in die Firma. Anders überblickt von seiner Position das gesamte Firmengelände. Manche grüßen Anders im Vorbeigehen. Andere gehen zielstrebigen und raschen Schrittes an ihm vorbei ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Kaum jemand wundert sich darüber, dass Anders da oben einfach still steht und um sich blickt. Irgendjemand hat in der Firma das Gerücht aufgebracht, dass Anders von da oben aus auf Anweisung hin checken muss ob die Beleuchtung des Firmengeländes in Ordnung ist. Niemand weiß eigentlich, dass Anders nur da oben steht weil es ihm gefällt aus dem Strom auszubrechen und manche Dinge anders zu machen als das was die meisten Menschen als normal bezeichnen. Anders liebt es die Dinge und auch die Menschen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Man sieht einen Weg viel besser wenn man ihn von der Ferne betrachtet als wenn man auf ihm geht. Anders sieht von der Hügelposition was in den vorbeigehenden Menschen vorgeht. Würde er neben ihnen gehen würde er das nicht sehen. Er spürt da oben die Sonnenstrahlen und hört die Vögel zwitschern. Die Leute auf dem Weg in die Firma hören den Lärm der ankommenden Autos, nehmen keine Notiz von der Sonne und sind bemüht im Smalltalk die Erwartungen der Anderen zu erfüllen. Nicht jeden Tag kommt Anders so wie heute zur gleichen Zeit wie die meisten Leute. Da Anders mit dem Einbrechen des Tages aufsteht variiert die Uhrzeit um die er auf dem Erdhügel steht. Da fast alle immer zur gleichen Zeit zu arbeiten beginnen ist das Gelände auch oft verlassen wenn Anders auf dem Erdhügel steht. Anders steht da aber nicht oben um die Leute zu beobachten. Am ehesten könnte man dieses morgendliche Erklimmen des Hügels mit dem Drang eines Kindes vergleichen wenn es beispielsweise eine Schaukel sieht. Ohne genau zu wissen warum zieht es das Kind magisch zur Schaukel hin um zu schaukeln. Und wenn es niemand aufhält wird es auch zur Schaukel gehen und schaukeln ohne darüber nachzudenken warum ihm das jetzt gerade Spaß macht und innere Zufriedenheit gibt.
Als wäre es die normalste Sache der Welt steigt Anders auch heute nach 15 Minuten (manchmal sind es 30, manchmal nur 5) vom Hügel herunter und geht durch den Seiteneingang hinter dem sich auf der rechten Seite hinter der ersten Tür sein Büro befindet. Nach der Tür stempelt Anders wie jeden Tag ein um der Buchhaltung (mittlerweile elektronisch) bekannt zu geben, dass er jetzt in der Firma ist. Man fragt sich jetzt vielleicht wie geht das alles? Wie macht Anders das? Warum macht Anders Sachen die Andere nicht machen können?
Nun, eine Antwort darauf ist: Anders hat eine Gleitzeitregelung.



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Eingereicht am 18. März 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.