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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Dunkelblaues Erlebnis

Harald Bulling


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welch seltsamer Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte lange auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus. Zugleich lag jedoch im Spiel zwischen Schatten und Licht eine Unruhe, die in ihm beängstigende Gedanken aufkommen ließen. Der starke Wind, die hochstehende Sonne und die ab und zu auftauchenden Wolken waren die äußerliche Ursache dafür.
Innerlich versuchte er sich seine gegenwärtige Situation klar zu machen und die aufkommende panische Stimmung zu beseitigen. Er ging dabei in seinem engen Arbeitszimmer auf und ab, Zellenrundgang nannte er das scherzhaft. Die Zeit schien für Augenblicke stehen zu bleiben und er hatte sich schon längst innerlich auf den nahestehenden Feierabend eingestellt. Er setzte sich an seinen großen Schreibtisch und hielt mit einigen knappen Worten seine Gedanken auf einem Stück Papier fest. Neben den alltäglichen Routinearbeiten wie Einkauf von Druckerpatronen, Werkstatttermin und Radiobatterien notierte er sich den Termin für den Zahnarzt. Der Gedanke an seinen Backenzahn quälte in erneut, da war diese Mauer, das Alter.
Bildlich lief er wie ein Stier mit hängendem Kopf und nach oben abstehenden Hörnern gegen diese unsichtbare, graue Wand. Dabei veränderte dieses Bauwerk ständig seine Substanz. Mal Beton, dann wieder bemaltes Holz oder manchmal auch eine weiche, in sich aufnehmende Masse aus lichtgrauem Kunststoff. In Träumen versuchte er immer wieder eine Türe zu ertasten, durch die er endlich diesen öden Raum aus abgesessener Zeit verlassen konnte. Tagsüber spielte er in seinen Gedanken alle Möglichkeiten durch, wie man diese Mauer durchbrechen konnte, als Kampfstier bestimmt nicht, dazu war er zu besonnen. Auch jetzt schien ihm keine plausible Lösung in den Kopf zu kommen, er fühlte sich leer und bereitete sich nun auf einen Spaziergang um das alte Gemäuer vor.
Er tat dies gern an solch schönen Sommertagen, gerade wenn er aus miesen Gedanken fliehen wollte, setzte er sich nach einem kleinen Rundgang über den Marktplatz mit seiner alten Kirche gerne an einen Tisch im Freien vor das kleine Cafe, in dem sich zu dieser Jahreszeit immer viele Touristen mit Ansichtskarten, Stadtplänen und Fotoapparaten abquälten und oft nur den banalen Eindruck von Verzweiflung hinterließen. Er genoss dann auch den Umschwung seiner Stimmung in seiner Gedankenwelt, plötzlich entfaltete er in sich neue und schöne Fragmente seines Lebens, oder er spielte in seiner Phantasie mit der Möglichkeit der Reiseflucht. Einfach nach Hause fahren, Koffer packen und sich zum Flughafen absetzen, wie ein Verfolgter in einem Kriminalfilm. Keine Nachricht wollte er hinterlassen, einfach nur weg, für ein paar Tage.
Am Flughafen würde er aus dem Taxi steigen und sich an der Information die Abflüge der nächsten Flugzeuge geben lassen und sich einfach das nächste Ticket kaufen, das er ergattern konnte. Dann durch den Zufall sich an einen Ort fliegen lassen und für wenige, aber wichtige Tage in einer fremden Welt treiben lassen, ohne Fragen zu stellen nach Sinn und Zweck seines täglichen Seins.
Endlich Feierabend und er hatte es nun plötzlich eilig. Er nahm seine Jacke, die Tasche mit den für die Arbeit nicht geeigneten Utensilien und ging sofort zu dem kleinen Cafe. Mist, dachte er bei sich, warum habe ich die Sonnenbrille vergessen? Alle Tische im Cafe und davor waren belegt, seine Stimmung schien plötzlich wieder in eines dieser banalen Löcher aus Unzufriedenheit zu fallen. Doch plötzlich da, Glück muss der Mensch haben, wurde wenigstens ein Stuhl frei, wenn auch der Tisch dazu sehr klein war. Ein mit Kameras behängter Mann wuchtete sich mühsam aus seinem Korbstuhl und verließ das emsige Treiben. Die nette Bedienung um die Vierzig hetzte wie immer durch die viel zu engen Abstände zwischen den Stühlen und versuchte jedem Gast seinen Wunsch zu erfüllen. Alles was er von ihr wusste war, dass sie alleine lebte und sich um ihre zwei Kinder kümmerte. Sie arbeitete nicht, wie er meinte, sondern sie rackerte um der Zeit zu entfliehen. Ja, sie gehörte zu den Menschen, die Ihre Probleme im Stress ertrinken wollen. Ihr Mann hatte sich unauffindbar abgesetzt und sie mit den Schulden und den Kindern an diesem Ort einfach abgestellt, ohne je die Absicht zu haben, sich wieder mal zu melden. Dass er weg war, empfand sie jetzt mehr und mehr als Befreiung, ihr Hass galt nur dem Berg von Schulden, den sie nun alleine abarbeiten musste, Tag für Tag. Als kleine, rundlich Mama empfand sie Kinder zu erziehen als ihre Lebensaufgabe und fürchte sich jetzt nur noch vor dem Alleinsein.
Er gab daher bei jeder Bestellung schon im voraus immer 20% Trinkgeld, unterhielt sich nie mit ihr und gab nur in drei Worten seine Bestellung auf. So auch heute, als sie weg war, versuchte er sich an seine Gedanken an den Flughafen zu erinnern und diesen Tagtraum weiter zu spinnen. Doch plötzlich trat eine ganz neue Unruhe in seine Gefühlswelt, mächtig und anregend. Er wurde unruhig, rückte im Stuhl hin und her, suchte nach der Ursache und musterte dazu alle Anwesenden. Im ersten Moment fiel ihm nichts auf, doch dann war er sich nicht mehr sicher, hörte er es zuerst, oder sah er es. Da kam dieses unsagbare Wesen um die Ecke, hohe Stöckelschuhe, lange Beine und sich heftig bewegende Hüften. Es war wie in einem drittklassigen Film. Schnell versuchte er sich wieder mit seinem Tisch zu beschäftigen, angelte nervös nach den Zigaretten und? Doch da war diese enge Jacke, welche diesen schönen Körper weiter vollendete. Dass der Ausschnitt ihrer Bluse nie enden wollte, verstand sich bei dem Körper als selbstverständlich, wie auch die langen, umher wehenden, blonden Haare. Sie setzte sich gegenüber an den Tisch, so dass er ihr ins Gesicht schauen musste, zuvor hatte sie einen kleinen, dunkelblauen Koffer unter den Tisch gestellt, wobei sein Blick in ihrem Ausschnitt fast ertrank. Er musste tief Luft holen, so als würde er gerade von einem langen Tauchvorgang wieder an die Oberfläche kommen.
Die Szene wiederholte sich so in jedem zweiten Film, ob Fernsehen oder Kino, und er wollte schon alles ignorieren und suchte immer noch nach diesem elenden Päckchen Zigaretten, während er plötzlich lächeln musste, denn als nächstes, so war nun dieses Ritual durch alle Filme bestimmt, würde sie den Stuhl etwas nach hinten rücken, sich zuvor umdrehen, nach links und rechts einen kurzen und prüfenden Blick werfen, um dann ihre langen Beine übereinander zu schlagen, so dass dabei der Minirock nur noch zu einem Strich gestaucht wurde. Dann würde sie elegant die Bestellkarte nehmen, diese gleich wieder hinlegen und zuerst ihre langen Haare mit beiden Händen nach hinten streichen, um zuerst mal Ausschau nach der Bedienung mit ihren großen blauen Augen zu halten, wobei man bei ihr lange nach den Augenbraunen suchen musste, jedoch zugleich diese langen Wimpern wegen der schwarzen Farbe fand. Nicht zu erwähnen braucht man dann diesen vollen, roten Mund, in dem jede Lippe wie auf einem Digitalfoto Pixel für Pixel glänzte, einfach vollmundig. Er hatte nun endlich eine Zigarette gefunden und war sich sicher, dass er nun in Ruhe zuerst mal den Kern in dieser Szene erfassen konnte.
Mit den Händen suchte er in Jacke, Hemd und Hosen nach Feuer und hielt sie dabei in seinem Blick gefangen. Er fand das dunkelblaue Feuerzeug, es passte in fast magischer Weise zufällig zu ihrem Rock und der Jacke, dann zündete er sich genüsslich die Zigarette an, zog einmal tief und schloss beim Ausatmen des Rauches die Augen, Entspannung nennt man so etwas. Die emsige Kellnerin, ihr gängiger Spitzname für ihn war "Tütelmama", nahm ihre Bestellung auf. Als Tütelmama ging, griff sie nach ihrem Koffer, öffnete ihn und nahm eine weinrote Schachtel Zigaretten heraus. Nun wusste er schon die gängige nächste Szene, er musste nun aufstehen und ihr Feuer anbieten und kam so ins Gespräch, denn Streichhölzer hat so ein Modell nie und das Feuerzeug findet sie bestimmt auch nicht.
Als er aufstehen wollte, das Feuerzeug in der Hand lässig und spielerisch drehend, bekam er einen Schubs von hinten, denn zur gleichen Zeit hatte sich eine kräftige Touristin mit dicken Wanderschuhen und herabgelassen Wollstrümpfen unterhalb der Knickerbocker mit einer ungelenken Bewegung erhoben, ihren Stuhl dabei nach hinten weggestoßen hat und ihn damit fast über seinen Tisch befördert hätte. Das Feuerzeug fiel dabei in das vor ihm stehende Glas mit Eiskaffee und war somit einfach weg, während er sich dem Stoß entgegen stellen wollte. Die blonde Dame lächelte während dieser Szene nur etwas gelangweilt und sah sich nach einem anderen Feuerzeug um, als Tütelmama ihr einen Eistee brachte, in ihre Schürzentasche fasste und ein Heftchen mit Zündhölzern hervorzauberte und es der Dame vor ihr gab.
Die dickleibige Frau hinter ihm sagte nur schwer verständlich Entschuldigung und versuchte unter dem Unverständnis ihrer Tischpartnerinnen über diese makabere Aufführung auf die Toilette zu flüchten. Landmädchen haben es immer schwer, dachte er bei sich und setzte sich plötzlich mit einer inneren Ruhe wieder hin, um an der Situation nach einer Prüfung der Lage eine Rettung vorzunehmen. Das Feuerzeug versuchte er nun mit einem langen Kaffeelöffel aus dem Glas zu fischen, als schon Tütelmama eifrig auf seinen Tisch zu kam und begann, mit einem Tuch den Tisch, das Glas und Feuerzeug, welches sie eifrig aus seiner Hand nahm, zu säubern. Er lehnte sich dabei etwas zurück, so das die Kellnerin ihren ganzen Oberkörper über den Tisch schwingen konnte. Sie wischte und wischte fast endlos, gab ihm dann endlich das Feuerzeug zurück, nahm bestimmend den Aschenbecher und das Glas mit und sagte nebenbei: "Ich werde Ihnen ein neues Glas auf Kosten des Hauses bringen. Kann ja mal vorkommen, aber wenigstens den Eiskaffee könnte sie bezahlen" und ging dann in Richtung Tresen im Inneren des Cafes. Dabei begegnete sie der sehr ungelenkig wirkenden Touristin, die mit schamhaftem Blick den Fußboden zu säubern schien, während Tütelmama einen giftigen Blick an sie von Kopf bis Fuß nicht vermeiden konnte.
Das blonde Modell rauchte gelangweilt, nippte ab und zu vom Eistee und schaute öfters auf ihre goldene Armbanduhr. Er angelte sich eine neue Zigarette und versuchte nun krampfhaft das Feuerzeug in Betrieb zu nehmen, als plötzlich rechts von ihm eine rauchige Frauenstimme sagte: "Darf ich Ihnen Feuer anbieten?". Sie nahm ein Streichholz und rieb es ruckartig über die Zündfläche des Heftchens und hielt ihm dann die Flamme an die Zigarette. Er hätte sich fast beim ersten Zug verschluckt, als er sich selbst sagen hörte: "Oh ja, gerne. Wollen Sie nicht Platz an meinem Tisch nehmen?" Dabei ließ er den ersten Qualm langsam durch die Nasenlöcher entweichen. "Ich hole nur meine Sachen schnell, Augenblick", und dann war sie schon auf dem Weg zu Ihrem Tisch. Tütelmama hat immer alles im Auge und war blitzschnell am Ort des Geschehens und half ihr mit dem Eisglas während sie selber den Koffer unter dem Tisch hervorholte. Beide kamen auf in zu, die Kellnerin stellte das Glas ab und verschwand, sie setze sich und stellte den Koffer wiederum unter den Tisch und ließ dann für die Männerwelt ihre Beine das ewig gleiche Spiel verrichten.
"Christine von Talheim ist mein Name und Sie sind Karl Schreiber", eröffnete sie kurz und trocken die Smalltalkrunde. "Ja ich kenne sie, denn ich war bei Ihnen schon öfters in der Verwaltung gegenüber. Was heißt hier öfters, ich gehe da ein und aus seit Jahren, da kennt mal selbst die, die einen nicht kennen. Mein Geschäftspartner Michael Krone und ich sind in der Veredelungsbranche für Früchte tätig, daher sind wir auch ständig auf dem Gesundheitsamt und bei Ihnen somit im Hause. Ich habe mich um halb vier mit ihm hier verabredet und nun ist es schon 10 vor und er ist nicht da. Ich wollte ihm nur die Dokumente für ein neues Projekt zur Kirschveredelung übergeben"; dabei wurde sie zunehmend nervöser und trommelte mit ihren langen, roten Fingernägel auf dem Eisteeglas herum.
Er kam nicht zu Wort und war nur von dieser Frau und dem Aussehen völlig angetan und ja, ehrlich gesagt, erregt. Sie schien seine Gedanken zu lesen, was ihn noch tiefer verwirrte, sie setzte das Gespräch fort, nachdem sie zuvor langsam die Zungenspitze von der linken zur rechten Seite ihren Lippen gleiten ließ. Nun war er auch innerlich sprachlos.
"Ich muss noch heute zum Flughafen, ja, eigentlich schon seit 20 Minuten und er ist immer noch nicht da. Ich kann den Termin nicht verschieben, verstehen Sie?" Sie schaute ihn dabei mit ihren blauen Augen an, als könnte er durch die geöffneten Augenlider direkt in ihr Schlafzimmer fallen. Einfacher kann ein Blick nicht sein und doch zugleich 2000 Sachen auf einmal sagen. "Ich kann den Termin nicht verschieben", zog ihr Handy und wählte selbstsicher eine Nummer. "Ja, können Sie bitte ein Taxi zum Cafe Turm schicken, gegenüber dem Marktplatz, dringend bitte, ich muss dann zum Flughafen", und schaute ihn immer noch mit diesem Blick an, wobei sie jetzt noch ein verlegenes und teilweise fragendes Lächeln auf ihre Lippen legte. "Ja, danke", sagte sie und widmete sich ihm alleine wieder ganz.
Er verspürte nur die Trockenheit in seinem Hals und nahm sonst nur noch sie war. "Wenn Sie meinem Mann den Koffer aushändigen könnten, er kennt Sie! Sie müssen nichts machen, nur etwas warten. Er kommt bestimmt, Sie können mir vertrauen und würden mir den größten Gefallen machen, denn dann könnte ich jetzt mit dem Taxi, das dort hinten auf den Marktplatz einbiegt, zum Flughafen fahren. Ich bezahle Ihnen auch die Getränke".
Sie erhob sich, wollte mit beiden Händen ihren Rock zu recht ziehen, als sie diesen zuerst noch etwas nach oben schob und erst dann nach unten. Er war mit seinen Augen ihren Händen gefolgt, willenlos wie ein Kaninchen, doch er konnte noch immer nicht alles nachvollziehen, es ging zu schnell für ihn. Sie legt zehn Euro auf den Tisch, beugte sich zu ihm hinab und gab ihm jeweils einen Kuss auf beide Wangen, drehte sich um und ging mit raschem Schritt, was dem Rhythmus der wiegenden Hüften nur noch verstärkte auf das Taxi zu. Öffnete die Türe, sagte etwas zu dem Fahrer, drehte sich zu ihm, winkende freundlich und setze sich auf den Rücksitz, wobei sie die Beine zuletzt elegant in das Fahrzeug schwang. Der Fahrer gab Gas und das Taxi rollte vom Marktplatz.
Ruhe, lähmende Ruhe! Er hatte den Mund noch immer etwas erstaunt offen und ertappte sich dabei, wie er zuerst einmal tief Luft holte und husten musste, denn sein Hals war trocken wie ein Sandkasten. Er nahm einen Schluck von dem neu servierten Eiskaffee und nahm dazu noch extra etwas von der Kugel Vanilleeis mit dem Löffel. Er schluckte kräftig und schaute zuerst einmal ungläubig in die Runde, niemand nahm jedoch Notiz von ihm, alle gingen ihren Wünschen nach, blätterten in Stadtführern oder hielten sich Postkarten unter die Nase, auf denen oft nur ein paar Worte standen.
Was war das nun, versuchte er sich klar zu machen. Er warf einen Blick unter den Tisch, wobei er den Oberkörper nach rechts beugen musste und den Kopf nach vorne strecken. Da stand ein blauer, neuer Aktenkoffer, doch es war eben nur einer von Tausenden! Kein Ticken einer Uhr etwa, doch etwas löste plötzlich Angst in ihm aus. Er rückte seinen Körper auf dem Stuhl zurecht und versuchte möglichst belanglos in die Runde zu schauen.
Ein Koffer, von ihr und sie hieß Christa? Nein, Christine von Talheim, doch eine Visitenkarte hatte sie ihm nicht gegeben, das fiel ihm jetzt plötzlich auf. Da hörte er das Heranbrausen eines oder mehrerer Autos auf den Marktplatz und als er dorthin sah, stellte er fest, es waren zwei Fahrzeuge; ein dunkler Mercedes und ein Polizeiauto und sie kamen auf das Turmkaffee zu. Seine Knie wurden butterweich, die Gesichtsfarbe fahl und gelblich wie die Galle eines Tieres. Die Türen der Autos öffneten sich und Männer in schwarzen Lederjacken und dunklen Brillen oder in Uniform stiegen aus. Schweißperlen setzen sich an seiner Stirn fest. Er glaubte zu spüren, wie seine Haare sich nass auf dem Kopf festklebten, so als würde jemand beim Tapezieren ihm aus Versehen Kleister auf die Haare tropfen lassen. Er versuchte aufzustehen, während die Männer die Gäste sich einzeln und genau aus der kurzen Distanz ansahen, einer oder zwei schienen sogar ein Foto in der Hand zu halten. Er musste sich aus dem Stuhl wuchten, stützte sich dabei unbeholfen auf den Lehnen des Bistrostuhls ab und stand dann schwankend da, bevor er sich Schritt für Schritt und mit einem Brennen im Bauch in Richtung der Toilette auf den Weg machte.
Koffer, Christine von Talheim, so wunderschöne Beine, blauer Koffer, Flughafen, Termin, die Worte drehten sich immer schneller in seinem Kopf und ergänzten sich plötzlich, während er endlich die Toilette erreichte. Koffer, Flughafen, Kokain, Falschgeld, Beweise, er öffnete die Türe und verschwand in der Kabine, sein Hemd war nass, so schien es ihm; Schweiß floss überall, sein Kopf schien zu bersten, bombenartig schlugen diese Worte immer wieder auf ihn ein: Flughafen, Blondine, Wann(?), Koffer, Dunkelblau, Wieso(?), Kokain, Heroin, Wann(?) und... und... und ..., die Tischlampe schien seine Augen zu verbrennen. Wie verhält man sich bei einem Verhör? Klar, keine Aussagen machen und sofort nach einem Anwalt verlangen.
Nicht sitzen bleiben oder verstecken, das hat keinen Sinn, schon gar nicht auf der Toilette, doch was sollte er jetzt tun? Es klopfte stürmisch an die Türe. "Ich muss auch mal", rief eine gehetzte Stimme. Langsam zwängte er sich in dem engen Raum an dem Drängelnden vorbei und suchte nach dem Waschbecken. Wie konnte mir das nur passieren, fragte er sich immer wieder, wusch sich Hände und Gesicht und kämmte sich die Haare.
Er ging mit bleiernen Beinen aus der Toilette und versuchte sich von dem Geschehen vor dem Cafe einen Überblick zu bekommen. "Die Jungs brauchen auch mal was Kühles bei der Hitze", sagte Tütelmama, "Eis hilft da am besten". "Mit Ihnen alles okay", fragte sie. "Ja, ja" brummelte er vor sich dahin. Was geschieht jetzt? Er kam auf den Tischen vor dem Cafe an, viele Gäste brachen auf oder waren schon gegangen. Er steuerte auf seinen Tisch zu, die Autos waren weg! Er verstand nichts mehr. Nachdem er sich gesetzt hatte, kam Tütelmama zu ihm an den Tisch: "Solls noch was sein, oder zahlen?" Sie wollte dabei sich mir einer Hand auf den Tisch lehnen und die Beine verschränken, als sie dabei mit dem linken Fuß ziemlich schmerzhaft gegen diesen Koffer stieß. Der war immer noch da, nahm er etwas verwundert zur Notiz.
"Nervenmaria! Armes Kind. Kommt immer einmal im Monat von der Anstalt hierher und erzählt jedem die gleiche Geschichte. Zum Glück wissen die Taxifahrer schon Bescheid und fahren sie dann immer wieder ins Heim. Sie ist noch so jung und schön, wie konnte so einem Mädchen so ein Missgeschick zustoßen. Die Eltern sind doch so reich und doch auch wiederum so arm dran, das einzige Kind und dann so was". Die Kellnerin ging und nahm die zehn Euro für die Rechnung mit. "Ihres ziehe ich gleich davon ab", sagte Tütelmama tatkräftig und nahm noch den Koffer mit. In Karls Kopf bildeten sich Tropfsteine aus Gips, er erhob sich und ging fassungslos über den alten Marktplatz. Die Turmuhr schlug die volle Stunde an, wie schon die vielen Jahrzehnte zuvor.



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Eingereicht am 14. März 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.