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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ohne Titel

Jens Staffel


Es war mal wieder ein beschissener Morgen. Wie jeden Sonntag. Doch ich lasse die Augen zu. Wie immer. Dann vernehmen meine Ohren das schlimme Geräusch. Ihre Stimme klingt wie eine Mischung aus einem alten Mofa und Daniel Küblböck. Ich soll meinen Arsch hochbewegen und Brötchen holen. Klar, wer sonst!? Doch dann passiert es. Ich hätte mir das Wettsaufen mit diesem fast 2 Meter großen, breitschultrigen und der unteren sozialen Schicht angehörigen Dortmund-Fan verkneifen sollen. Okay, bis zum achten Bier konnte ich mithalten, aber dann... Na ja, jedenfalls ist der Kater nicht ohne. Aber erst mal Zähneputzen. Ich bewege mich geschmeidig und anmutig Richtung Badezimmer. "Pissen ist Macht" steht über dem Klo. Sehr poetisch. Ich würge erst mal meine Königspython und relaxe. Dann der Schock: Ich blicke in den Spiegel. Entsetzt ist gar kein Ausdruck für meine momentane seelische Verfassung. Die ehemals leuchtenden Haare mit ihrem wunderschönen Glanz sind jetzt spröde und farblos, mein Gesicht gleicht eher einem Minenfeld und meine Nase erscheint mir noch ein wenig krummer als sonst. Aber ist ja auch egal, ich bin ja Optimist, schlimmer kann es ja wohl nicht kommen. Dachte ich. Wie, ihr wollt Schlittenfahren? Auch das noch. Klar, komme ich mit, gerne. Heucheln war schon immer eine meiner größten Stärken. Mein kleiner Bruder freut sich wie Oskar und beginnt wie ein Schimpanse auf Speed vor mir rumzuhüpfen. Dann soll ich meinen speziellen Schnee-Anzug anziehen. In Blau und Lila. Das ist uncool, versuche ich meinen Eltern klarzumachen. Nein, ich werde nicht frieren und nein, ich werde auch nicht nass werden. Okay, ich ziehe mir was Langes drunter. Puh, gerettet! Jetzt darf ich also den ganzen lieben langen Tag Babysitter für meinen Bruder spielen. Während meine Eltern also einen gemütlichen Spaziergang machen, muss ich Schlittenfahren. Ich blicke um mich. Da trifft mich der erste Schneeball. Toll. Ich liebe Schnee. Und ich werde das Kind töten, das dieses Geschoss auf mich abgefeuert hat. Doch es ist schnell, sehr schnell. Todesmutig hechte ich auf meinen Schlitten und verfolge das kleine Monster. Und wie ich es verfolge! Nach kaum 20 Sekunden habe ich das Kind. Mit meiner ganzen Schnee-Wasch-Erfahrung aus 15 Jahren bringe ich es schließlich zum Heulen. Ich fühle mich wie Christoph Daum mit ebensoviel Schnee vor seiner Nase wie das Baby in Übergröße im Maul hat. Dann kommt der Vater. Ob ich stolz auf mich bin, es einem kleinem fünfjährigen Mädchen gezeigt zu haben. Klar, antworte ich unerschrocken und denke gleichzeitig über Fluchtmöglichkeiten nach. Doch zu spät. Ich sehe den riesigen Körper des mutmaßlichen Ex-Sumoweltmeisters auf mich zufliegen. Im letzten Moment gelingt mir das Entkommen. Erst mal verschnaufen. Neue Kräfte tanken. Dann den Berg hoch. Es ist wie ein Spießrutenlauf. Fast geschafft, nur noch 5 Meter. Da passiert es. Eine ungestüme Oma in einem quietschgelben Overall kreuzt meine Bahn. Sie fährt so schnell, dass ihre Falten im Wind flattern. Ich kapituliere. Da kommt mein kleiner Bruder. Mit einer geradezu unmenschlicher Bewegung drängt er die Alte aus meiner Bahn, bremst in 3 Sekunden von 90 auf 0 km/h und kommt neben mir zum Stehen. Freak. Wie, eine Belohnung? Mit der alten Schachtel wäre ich auch ohne deine Hilfe zurechtgekommen. Notlügen sind meiner Meinung nach immer dann erlaubt, wenn mein kleiner Bruder eine so genannte Belohnung verlangt. Nein, ich kaufe dir keinen Döner. Auf den zugefrorenen See? Das geht ja noch! Also machen wir uns auf den Weg. Zwischenzeitlich wird mir kalt. Ich hätte doch den Schneeanzug anziehen sollen, wird mir jetzt klar. Meine Hose kann ich mittlerweile auswringen. Der See. Exakter: Der von Eis bedeckte See. Es gibt nur eine Sache, die ich mehr hasse als Schnee und zwar auf die Fresse zu fliegen. Also voooorsichtig... Es funktioniert, ganz zu meiner Überraschung. Ich bewege mich wie ein Fisch im Wasser, bin ein wahrer Panther auf dem Eis. Dann stehe ich auf. Eine schlechte Idee. Nach nicht einmal 2 Sekunden spüre ich, wie sich blaue Flecken an meinem Hinterteil bilden. Wie eine Robbe krieche ich zurück zum Festland. Ein letzten Mal wage ich den Blick zurück. Und sehe meinen Bruder. Wie eine Primaballerina tanzt er auf dem Eis. Ich fühle mich minderwertig. Egal, dafür wird er Abends verkloppt. Hähä. Da vernehme ich die Stimme meines Vaters. Es ist Zeit zu gehen und somit dem Schlachtfeld den Rücken zuzuwenden. Zum Abschluss steckt mir der Kurze noch Schnee in den Nacken. Meine Wut steigt. Im Auto werde ich gefragt, wie gut es war, mal wieder an die frische Luft zu kommen und Spaß zu haben. Ich komme mir schizophren vor, als ich antworte, dass es schöner nicht hätte sein können. Zu Hause angekommen ignoriere ich jegliche Rachegelüste gegenüber meinem Bruder und schmeiße mich einfach auf mein Bett. Der Montag kann kommen!



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Eingereicht am 05. März 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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