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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Bizarre Liebe

Wilhelm Senk


Der Spätsommertag war beherrscht von regem Treiben.
Mein Dorf mutete menschenleer an, allesamt, ob jung oder alt, waren schon frühzeitig auf den Beinen und begaben sich auf den Weg zu ihren Feldern.
Für die Dorfbewohner war es bedeutend, beeilend, ihre im hohen Korn stehenden Felder abzuernten, selbst als Kind blieb mir dieser hektische Hochbetrieb nicht verborgen.
Zügiges Handeln war geboten, die Ernte musste in niederschlagsfreiem Zustand in die Scheunen eingebracht werden, der harte Arbeitstag brach aus diesem Grunde schon im Morgengrauen an.
Die meisten Bauern waren mit Traktoren und Mähdreschern unterwegs, ich konnte wie immer vorne auf der Sitzbank nahe meinem Großvater im letzten Moment einen Platz erhaschen.
Zwei prächtig aussehende Rappen zogen unser Gespann, die Fahrt auf den holprigen Feldwegen war schon eine arge Strapaze, andauernd wurden wir durchgeschüttelt, wahrlich, alles andere als ein Hochgenuss, andererseits noch immer passender, als auf dem Weg im Morgentau nasse Füße sich einhandeln.
Beeindruckt verfolgte ich das auffallende Treiben auf dem Felde.
Trotz mühseliger Arbeit auf dem Felde, ich war keine brauchbare Hilfe, vielmehr erwünschte man mich geräumig weg, die Gefahr durch Unbedachtsamkeit beim Herumlaufen in die Schnittmesser zu geraten, die Gefahr war doch andauernd gegenwärtig, so blieb nichts anderes übrig, als mir zwangsläufig die Zeit zu vertreiben.
Herrlich anzuschauen waren sie, die Getreidefelder mit ihren gedrängten Ähren, goldschimmernd in der Nachmittagssonne, zwischendrin gewöhnliche Wiesenblumen, rote, gelbe, violette, gleichfalls sah ich, wie Hasen vor den hurtig näher kommenden Mähmaschinen auf und davon tobten, sie hetzten um ihr Dasein.
Den Feldmäusen erging es nicht besser, sie huschten hin und her, ja nur nicht in die scharfen Messer der Schnitter zu laufen, oder gar unter die breiten Rädern der Mähdrescher zu geraten.
Liebliche Tierchen waren sie dennoch, ausnehmend die jungen, die waren eben noch recht unerfahren, einige von ihnen sah ich zerdrückt daliegen.
In den tiefliegenden Spuren, welche die voluminösen Räder der Mähdrescher verursacht haben, sichtete ich auch ab und zu ganz blutjunge Häschen.
Dieses Betrachten stimmte mich dann doch ganz und gar traurig, musste doch eigentlich das gefällige Getier wohl oder übel unerwartet die Anreise zum Regenbogen aufnehmen.
Bunte Schmetterlinge hüpften in mutigem Flug von Ähre zu Ähre, als wollten sie sich heimlich verabschieden.
Bienen tummelten sich vornehmlich um die blauen Kornblumen, als würden sie deren baldiges Ende ahnen.
Sie summten anders als sonst, sozusagen melancholisch, wie ein letzter Abschiedsgruß, oder bildete ich mir das alles nur ein.
Diese Impressionen waren schon überwältigend für eine junge Kinderseele, der Zwang sich jemand anzuvertrauen wurde in mir lebhaft, und so bummelte ich zu meinem Freund, ein nicht augenscheinlich hübsch aussehender Baum.
Er war der einzige Baum inmitten den Kornfeldern, obwohl er eher einer übergroßen Vogelscheuche glich, wirkte er auf mich faszinierend.
Warum er dort wurzelte, wusste niemand zu erklären, aber man duldete ihn.
Da ich alleine auf meine Füße gestellt war, die Erwachsenen ihre Feldarbeit ausübten, war er halt mein einziger Gesprächspartner, er musste sich schon allerhand gefallen lassen.
Mit meinem Taschenmesser schnitt ich Figuren in seine Rinde und verschiedenes mehr, plauderte mit ihm, fragte, was er den ganzen lieben Tag denkt, ja, so wurde er mein Freund, dem ich mich rundweg anvertrauen konnte.
Infantile Naivität, Spinnereien, weiß nicht, meine Phantasie war schon anno dazumal unerschöpflich, daran hat sich bis heute überhaupt nichts geändert.
Augenblicklich nach vielen, vielen Jahren spaziere ich wieder weltentrückt über Wald und Wiesewege, ausgebreitet vor mir die sanft hügeligen Felder, in der Ferne kleine Waldungen, alles ruht in harmonischer Übereinstimmung, all die Jahre erfüllte Mutter Erde ihre Aufgabe.
Überwältigt des beschaulichen Anblickes, tiefsinnig in Gedanken, zugeneigt der Natur und erhoben vor meinem Geist, da tauchten sie wieder auf, die Bilder aus Kindheitstagen, mit einemmal wurden Erinnerungen von neuem lebendig, die sonst immer verborgen waren, beglückt feststellend, nichts hat sich seit den Kindheitstagen verändert.
Solchermaßen in Hochstimmung versetzt besuchte ich auch meinen vertrauten Jugendfreund, meinen bizarren Baum.
Seit ich verstehen konnte, war er der einzige wild wuchernde Baum weit und breit, er bildete ein frappantes Zeichen, mittendrin in den Kornfeldern nahm er seinen Platz ein.
Bizarr wirkend, teilweise drohend stand er nun da, etwas unförmig gewachsen, wie seit eh und je, nichtsdestoweniger, mit einem Schlage war all meine Fröhlichkeit verflogen, sein Anblick stimmte mich unendlich traurig.
Hatte ich doch dereinst mit meinem Taschenmesser mich an seinem Stamm verewigt, Figuren in seine Rinde geritzt, Namen hinein graviert, von alledem war jetzt nichts mehr zu bemerken, die unzähligen Jahre hatten auch bei ihm tiefe Spuren hinterlassen.
Die Zeit geht eben bei niemandem spurlos vorbei, so kann es sich schon begeben, dass längst verloren geglaubte Erinnerungen mit einem Mal wieder greifbar werden, und mit meiner allezeit in mir wohnenden kindlichen Naivität und Phantasie fing ich wieder an, wie seinerzeit, mit meinem Baum zu sprechen.
"Was ist mit dir?", fragte ich ihn neugierig, "Du stehst all die Jahre noch immer da, jedoch lässt du deine Äste hängen, als wärst du so richtig verzagt und mutlos?"
"Bedrückt dich die Einsamkeit, macht dir das Alleinsein zu schaffen, hast du keinen Freund, wie ein trauriges Mahnmal in der weiten Einöde stehst du da?"
"Ach." Der traurige Baum fing hemmungslos an zu schluchzen. "Ich bin viel zu hässlich für einen tadellosen Baum! Schau doch nur! Gänzlich missgestaltet bin ich entwickelt, verwachsen rage ich aus der Erde, meine Äste sind so spindeldürr und zart, dass sich nicht ein einziges kleines Vögelchen auf sie niedersetzen mag. Und dabei hätte ich es so gerne, dass sich die Vögel, die aus dem Süden kommen und auf ihrer weiten Reise so viele Abenteuer erlebt haben, auf mich setzen und ein wenig verweilen, Rast machen und mir von ihrer ausgedehnten Reisen durch ferne Länder erzählen!"
Bestürzt des tiefen Schmerzes und Leidens, kauerte ich mich zu meinem bizarren Freund, lehnte mich mit meinem Rücken an seinem Stamm, der mit einer spröden, von Spuren tiefer Trostlosigkeit durchwachsener Rinde, ummantelt war.
Das Schwarz in den Einkerbungen, die aufgerissene Rinde, die wie erbarmungslos geschlagene Wunden aussahen, die man ihn im Laufe der Zeit zugefügt hatte, alles wirkte so, als würde er sich mit den letzten verzweifelten Kräften des Absterbens wehren.
Beinah zärtlich, wie man eben einen Liebsten berührt, ruhte meine Hand auf einer seiner Wurzeln, die teilweise aus dem Boden herausragte, und lauschte weiter seinen Worten.
"Hin und wieder legt ein Vögelchen eine kleine Ruhepause auf meinen Ästen ein und erzählt mir dann ein wenig von der großartigen weiten Welt."
"In den grandiosen Bäumen...", der bizarre Baum redet leise weiter. "In den großen buschigen Bäumen können sie sich im dichten Grün der Blätter verstecken, können ihre Nester bauen und viele kleine Vogelbabys auf ihre weite Reise im Herbst vorbereiten. Nur auf meinen dürren und beinah blattlosen Ästen werden sie nie landen und ich werde immer allein sein und nie Freunde haben."
Der einsame Baum fing bitterlich an zu weinen, mein Herz weinte mit ihm im Gleichklang, seine Äste hingen noch trauriger herab, als würden sie nun auch resignieren, als hätte ein Weiterexistieren gar keine Bedeutung mehr, selbst die paar grünen Blätter, die noch vereinzelt an den Enden der Verästelungen erkennbar waren, schienen auch geknickt zu sein.
Unendliche Traurigkeit schnürte mein Herz zusammen, wusste ich doch, er wird immer alleine sein, niemanden haben, mit dem er plaudern konnte.
Wie konnte ich ihm nur helfen, wohne doch nicht mehr in unserem idyllischem Dorf, sondern fern ab in der großen Stadt.
Er tat mir so leid, darum rückte ich noch dichter an ihn heran, streichelte seinen Stamm und sagte flüsternd "Ach, mein alter Freund, höre doch bitte auf zu weinen! Schau, ich bin doch Dein Freund, wenn du magst, besuche ich dich des öfteren, ich bringe dir dann auch meine Enkelkinder mit, wenn du sie siehst, dann wirst du dich an ihrem Anblick erfreuen, sie werden dir auch nette Worte in deine Rinde schnitzen, so hast du immer ein Andenken und spürst täglich, wie sehr wir dich alle lieb haben. Im Herbst könnten wir viele Drachen steigen lassen, und du kannst zusehen, wie lustig sie mit den Wolken tanzen. Meine Frau wird dir ein paar Schale stricken, und wenn der strenge Winter ins Land zieht, bringen wir dir die vielen bunten Schale und binden sie dir um dem Stamm, damit du nicht so frierst. Und im Frühling werden dir meine Enkelkinder die ersten Blumen vom Feldesrand pflücken und sie dir zu Füßen legen!"
Der einsame Baum trocknet sich verstohlen die Tränen von den Blättern und schaut auf. "Wirklich? Du willst mich mit deiner Familie immer besuchen? Und du bringst deine Enkelkinder mit, ich höre doch so gerne liebliches Kinderlachen, wirklich, das machst Du?"
Mein Freund begann zu strahlen.
Seine ohnehin wenigen Blätter, die eben noch traurig heruntergehangen haben, lachen vergnügt in der Sonne.
Wenn er gekonnt hätte, er mich bei den Händen genommen und mit mir getanzt.
So wackelt er vor Begeisterung mit seinen dürren Ästen, bis die Blätter fröhlich raschelten.
Das Herz meines Vertrauten quoll über vor Freude, die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus.
Seine Stimme hob deutlich an "Im Grunde genommen bin ich gerne an diesen einsamen Ort, eingebettet inmitten der Segen bringenden Kornfelder, tagsüber erfreuen mich die bunten Schmetterlinge, wie sie so umtriebig umherflattern. Manchmal, wenn der Nacht ein Sonnenuntergang voraus geht, die Sonne als riesiger, rötlich leuchtender Feuerball am Horizont verschwindet, dann bin ich immer entzückt, welch langen Schatten ich werfen kann. In klaren Nächten bestaune ich den Sternenhimmel, die ganze Galaxie liegt mir vor Augen und ich bewundere die überdeutliche Präsenz der Milchstraße. In solchen Sternstunden beginnt sich meine Unruhe völlig zu verlieren, für jeden geschenkten Tag bin ich meinem Schöpfer dankbar.
Am wundervollsten ist für mich die Winterszeit, wenn weiche Flocken ganz ruhig in gleichförmigem Fluge auf die Erde niedersinken, an meinen dürren Ästen als weiße Federblüten hängen bleiben, sich an meinen Stamm heften, wo ich die Formen ihrer Kristallsterne an meiner Rinde flimmern sehe.
Und wenn dann das Schweben in eine Hast übergeht, eine Unruhe entsteht, als würden die Flocken heftig aus dem grauen Wolkenbett verjagt, sie immer eiliger flattern und durcheinander taumeln, bis sie in tollem Wirbel mich völlig einhüllen.
Und die jetzt kahl, erdig und langweilig öde daliegenden Felder rund um mich herum binnen kurzer Zeit ein völlig anderes, geheimnisvoll prächtiges und doch trauliches Ansehen bekommen durch das schimmernde Weiß, das einen so kräftigen Gegensatz zu dem Braun der Erde und den schmutzig grauen Begrenzungssteinen bildet.
Sternenklare Nächte, die verzauberte Schneelandschaft, die Häuser im Dorf eingehüllt in weißen Mänteln, warmer Lichtschein aus ihren Fenstern auf die Strasse fällt, die Kirchturmspitze wie ein geflügeltes Wesen aussieht, wie ein weißbeschwingter Engel am Himmel, und wenn der Wind durch meine Äste fährt, es den Anschein hat, als würde ein Engel anmutig mir ein Lied summen, eine eigenartige und feierliche Stimmung mich umgibt, da merkte sogar ich, es muss wieder mal Heilig Abend sein.
Aufgeregt, wie kleine Kinder vor der Bescherung, kann ich es kaum erwarten, zur mitternächtlichen Stunde die Kirchenglocken läuten zu hören, und aus der Ferne ganz leise den Ton der Orgel und das Lied: Stille Nacht, Heilige Nacht, zu vernehmen."
In seiner Hingabe am Erzählen des Erlebten, begann auch ich mich zu erinnern, an so viel Vertrautes, und ich gab den bizarren Baum, meinem unvergesslichen Freund aus guten alten Zeiten, ein Versprechen: "Von diesem Tage an, will ich dich mein Freund, aufsuchen, im Herbst, im Winter, im Frühling, im besonderen freue ich mich schon auf den Sommer, wenn das Korn auf dem Felde wieder hoch steht, ich deine Äste schon von weitem über die Ähren hervorstechen sehe, und du mir sagst: "Schau mal, meine spindeldürren Äste sind schon kräftiger geworden, unzählige Blätter haben sich zwischen den Zweigen gebildet, bin ich nicht zu einem Prachtstück geworden?" So werde ich dir noch zahllose Jahre, so Gott es will, meine Besuche abstatten, viele Sommer und Winter, werde meine Familie mitbringen, sehr zu deiner Freude, werde dir einen Schal um deinen Stamm wickeln, wenn du dir einen mächtigen Schnupfen geholt hast, werde dir wie einst meine Sorgen und Träume anvertrauen, auch aus der großen Stadt berichten, und ich weiß, mein Freund, du mein bizarrer Baum, du wirst wieder meine Empfindungen teilen wie seinerzeit, als ich noch ein kleiner Knirps war, und du wirst mit mir lachen und mit mir weinen.
Und eines Tages werden aus meinen Enkelkindern junge Menschen, und sie werden dich weiterhin immer wiederkehrend besuchen, dir aus der großen Stadt erzählen, und du wirst ihren Stimmen lauschen, schützend dein dichtes Laub über sie halten und dich erfreuen, wenn sie da sind.
Und eines Tages werden sie vielleicht in deinem dicken Laub ein Vogelpärchen entdecken, die sich ein kleines rundes Nest gebaut haben, darin Eier gelegt wurden. Ganz still werden sie im Schatten Deines Stammes ausharren, wie ich es in meiner Kindheit so genoss, das lustige Treiben auf den Kornfeldern betrachten und dem Wind lauschen, der in deinen Blättern eine ruhige Musik spielt.
Und eines Tages, ganz leise, werden sie kleine Vogelbabys singen hören, die dir lieber Freund ihr Begrüßungslied vortragen. Vollkommen stolz wirst du dann sein, ganz und gar glückstrahlend, und du wirst fühlen, wie bedeutsam es ist, Freunde zu besitzen."



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Eingereicht am 05. März 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.