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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Früher Schlafen gehen

Anatufila


Anne hatte Schlafprobleme. Seit Jahren konnte sie schon nicht mehr richtig schlafen. Erst schlief sie nicht ein, dann wachte sie plötzlich wieder auf und danach konnte sie nicht wieder einschlafen. Wie gerädert wurde sie morgens von ihrem Wecker in der ersten und einzigen Tiefschlafphase brutal geweckt. Aber ihr inneres Empfinden, dass die Nacht gerade erst angefangen hatte, konnte den hellen Tag nicht täuschen, konnte keine Uhr zurückdrehen und kein Wochenende herbeizaubern. Es war Zeit aufzustehen! - Anne quälte sich aus dem Bett.
Blinzelnd geriet sie ins Badezimmer. Durch den Blick in den Spiegel geschockt, erfuhr sie von der fremden Frau in ihrer Wohnung, der, mit dem grauen Teint und den tiefen Schatten unter den Augen. - Und im Büro war sie dann wieder so was von fertig, dass sie alles unheimlich nervte.
Okay, okay. Anne wusste, dass ihre derzeitige Lebensführung sie unweigerlich in den Abgrund manövrierte. "Anne,", sagte sie sich "ab sofort gehst du früher ins Bett!" Gesagt, getan. Anne hätte beinah schon um zehn im Bett gelegen aber erstens musste sie noch die Hose bügeln, dann den Mantel entflusen und schon rief Doro an. "Mensch, so spät noch!", maulte Anne. Aber sie mussten eine ganze geschlagene Stunde miteinander reden, weil alles ganz wichtig und unaufschiebbar war. Um halbzwölf lag Anne endlich im Bett. "Das ist gut", lobte sie sich, "gestern war es halb eins!"
Um halb eins hatte sie dann aber doch noch nicht geschlafen. Sie hatte sich hin und her gedreht. Es gab einfach keine richtige Schlafposition. Entweder drückte was am Hals oder das Herz klopfte oder die Füße passten nicht unter die Decke. Und dann kam das mit der Reinigung. Irgendetwas musste sie noch in der Reinigung habe. Aber was? - Um eins stand sie auf. Sie machte Licht. Sie riss ihre Schranktüren auf. Sie durchfurchte Röcke, Kleider, Hosen, Blusen. "Was war in der Reinigung?" Sie kam einfach nicht drauf. - In der Küche kramte sie das Portemonnaie aus der Tasche. In keinem der Fächer war der Zettel von der Reinigung zu finden. Anne begann jetzt sämtliche Taschen zu durchwühlen. Irgendwo musste doch dieser verdammte Zettel sein.
Inzwischen war es dreiviertel zwei. Anne schrieb sich eine Notiz 'Reinigung', legte sie auf das Frühstücksbrettchen und ging zu Bett. Nicht ganz. Sie stand noch einmal auf. Die Blase drückte, so würde sie niemals schlafen können. Vorsichtshalber holte sie sich auf dem Rückweg vom Klo in der Küche ein Glas Wasser. Sie hatte noch viereinhalb Stunden bis zum Weckeralarm.
Um halb drei wusste sie, dass sie mal wieder eine der be...'sonderen Nächte erwischt hatte. Beim letzten mal hatte sie Kaffee probiert. In Annes Kaffeenacht hatte das nichts genutzt. Jetzt kam der nächste Trick. "Vielleicht bin ich unterzuckert?", dachte sie. Statt Sprudel trank Anne zwei Gläser Apfelsaft. Sie legte sich hin. Um drei Uhr war der Käse dran.
Anne hatte es auch schon mit Schlaftabletten probiert. Die Sache ging gewaltig schief. Sie wurde von den Dingern erst recht aufgedreht. Sie hatte das Gefühl, kaum Luft zu bekommen. In ihr kribbelte und krabbelte es. Schlaftabletten waren Mist, nichts für sie. Sie hatte zwei Kilo zugenommen, geschlafen hatte sie nicht.
Irgend so ein Gesundheitsapostel, dessen Name ihr gerade nicht einfallen wollte, hatte von den Römern erzählt. Römer aßen abends Salat um Schlafen zu können. Nicht einmal mit Römersalat hatte ihr dies als Schlafmittel genutzt. Und jetzt fragte sie sich, wie der Gesundheitsapostel hieß oder war es eine Frau?
Als Anne um halb vier die Schäfchen zählte, fiel ihr auf, wie wenig sie über Schafe bescheid wusste. Es gibt weiße, schwarze, braune. Gibt es auch scheckige? Heidschnucken waren schwarz-weiß, - und braun? Und die Hörner waren verschieden. - In Schottland lebten die Schafe das ganze Jahr über im Freien. Aber auch nicht alle, weil es Woll- und Fleischschafe gab. Anne merkte, dass sie unbedingt im Internet oder der Stadtbücherei über Schafe nachlesen müsste, am besten gleich morgen.
"Vier" bekam Anne nicht mit. - Sie war echt frustriert als der Wecker um 6:30 Uhr schrillte. Warum ihr das nur immer passierte? Im Spiegel begegnete ihr wie jeden Morgen die fremde Gestalt mit den dunklen Augenringen. - "Heute geh ich aber mal früher ins Bett!", dachte sie, zog die Wohnungstür zu und machte sich auf den Weg ins Büro.



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Eingereicht am 28. Februar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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