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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Messias

Evelyn Safian


Immer wenn Leon an jenen unvergesslichen Tag denkt, erinnert er sich an ihre schwarzen, nach Hilfe schreienden Augen und ihr beinahe durchsichtiges, vom langen, regennassen Haar eingerahmtes Gesicht. Er fand Anna damals auf der untersten Stufe im Treppenhaus; sie und ihr Baby, das sie stillte, eingehüllt in ihre blaue Daunenjacke. Höchstens 15 war sie.
Als Streetworker sah es Leon als seine Pflicht, dem gestrandeten Mädchen zu helfen. Ohne ein Wort zu sagen, setzte er sich neben sie. Wartete. Sie ignorierte ihn.
"Ein süßes Baby hast du", sagte er nach einer Weile.
Sie schwieg.
"Wie heißt es?"
Sie schwieg.
Leon schwieg auch und wartete. Eine halbe Stunde bestimmt. Es spielte keine Rolle, Leon hatte Zeit. Dann begann Anna ihm ihre Geschichte zu erzählen. Ohne, dass er sie darum gebeten hatte. Monoton, atemlos, in die Leere starrend: "Das Baby ist von einem der Jungs aus meiner Clique...Ich habe noch vier Geschwister...Das letzte ist ein Jahr alt... Jetzt hat meine Mutter zwei Mäuler mehr zu füttern... Sie hat bis jetzt auf mein Kind aufgepasst, wenn ich in der Schule war...Doch es gab so viel Streit... da bin ich abgehauen..."
"Wie heißt dein Kind?", wiederholte Leon seine Frage.
"Es hat keinen Namen", antwortete Anna unwillig.
"Warum hast du ihm keinen gegeben?", wunderte sich Leon.
"Weil ich es nicht behalten will."
"Aber es liebt dich. Es hat an deinem Busen gesogen. Du darfst es nicht weggeben. Du könntest in ein Mutter-Kind-Heim gehen. Ich gebe dir eine Adresse."
Mit zusammengekniffenen Augen schüttelte Anna heftig den Kopf. "Ich will es nicht behalten", presste sie hervor. Dann stand sie wortlos auf, stolperte zur Tür, das Kind fest an sich gepresst und wankte in den Novembernebel hinaus. "Die können dir in so einem Heim wirklich helfen", hörte sie ihn hinter sich her rufen. Ach, zum Teufel mit ihm...
Nicht weit entfernt lag das Schwabinger Krankenhaus. Dort würde sie ihr Kind in die Daunenjacke gehüllt vor dem Eingang liegen lassen. Sicher würde jemand den kleinen Wurm bald abholen und sich um ihn kümmern.
Doch bevor Anna das Krankenhaus betreten und ihr Vorhaben ausführen konnte, wurde sie abgelenkt: Eine ekstatische Bassstimme tönte durch den dichten Nebel. Eine Menschenmenge scharrte sich um einen Prediger. Anna stellte sich dazu. Sein Haar war kraus, Schläfenlocken hingen ungepflegt wie Filz herunter und die Quasten seines Gebetshemdes ragten hervor. Ein orthodoxer Jude. Bald reckte er die Arme nach oben bald breitete er sie aus. "Der Messias wird kommen! Er wird euer Retter sein!"
Auf einmal hielt er inne. Er starrte Anna an. "Du...", dröhnte aus seinem Mund eine verheißungsvoll grollende Stimme: "Du!"
Anna wich zurück. Durch die Menge ging ein Raunen. Der Prediger bewegte sich auf Anna zu und blickte sie mit schief gelegtem Kopf und geweiteten, irren Augen an, entriss ihr das schreiende Kind. "Du bist die Auserwählte! Dein Kind ist der Messias, Jehoshua!" Mit ausgestreckten Armen zeigte er Annas Kind herum und ließ jeden es berühren. "Die Zeit ist gekommen! Frohlocket!" Sein Geicht war verzückt.
Anna schrie gellend. "Mein Kind!" Ununterbrochen wiederholte sie die Worte wimmernd.
"Herr Bodheimer", unterbrach plötzlich ein strenger Ruf die schaurige Szene
"Wo ist er schon wieder?"
"Da hinten!", sagte eine andere Stimme. Köpfe wandten sich um, Hälse reckten sich.
Zwei Männer eilten herbei und bahnten sich den Weg durch die Menge. Der eine kreuzte energisch die Arme des Predigers auf dem Rücken, der andere nahm ihm das Baby ab und gab es Anna zurück. Während sie ihn abführten, sagte der eine entschuldigend: "Der Mann hält sich für Jesaja. Der hat den Messias angekündigt. Wir bringen ihn ins Krankenhaus zurück. Keine Angst, junge Frau..."
Messias! So irre der Typ doch war - das Wort hatte einen süßen Klang in Annas Ohren. Sie rannte zurück zu dem Haus in dem sie Leon getroffen hatte. Ihre Angst war plötzlich dem Gefühl der Verheißung auf etwas Großes gewichen.
Leon wartete noch immer. Irgend etwas war mit ihr geschehen. Verklärt sah sie aus. Ihre Augen leuchteten, als sie stolzverkündete: "Ich werde mein Kind behalten. Es heißt Joshua."
"Joshua?", fragte er ungläubig.



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Eingereicht am 25. Februar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.