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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Kindheit

Wilhelm Senk


"Ich hatte eine schöne Kindheit" - sagen heute nur mehr die Erwachsenen, die nicht mehr Kinder sind, denen nur noch die Erinnerung blieb, oder auch nur ein Traum?
Wollte man zynisch sein, so könnte man vermuten, dass das zu Ende gehende 20. Jahrhundert geprägt war vom "Verschwinden der Kindheit", man versuchte die Differenz zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt zum Verschwinden zu bringen.
Vom sehr kleinen Kind sofort zum jungen Menschen, ohne jemals die Etappen einer Jugend durchlaufen zu haben - beinah übergangslos zu den Erwachsenen gezählt, ein viel zu früher Abschied von den Kinderfiguren, diese Figuren haben keinen Platz mehr auf dieser Erde der nüchternen Wirklichkeit!
Diese harte Realität markiert immer deutlicher das Ende der Kindheit oder gar - die Unmöglichkeit einer Kindheit in der Verelendung des Proletariats durch die industrielle Revolution.
Wir "Alten" kennen aber noch den etwas anderen Schauplatz, der immer in unserem wachen Bewusstsein existiert, als Reich der Märchen, des Traums, der Feen und Geister, die wir noch mit poetischer Intensität durchlebt haben.
Wir alten Säcke.......
Was wir alles durchgemacht haben..........
Scheint nicht so arg gewesen zu sein, wie sonst würde man sich erklären, dass bei einem Schülertreffen, nach einer kurzen Begrüßung und Anstandsgeplauder, stets eine weitere Konversation mit den Worten begann: "Du, kannst du dich noch erinnern, damals, na du weißt schon, wie wir......
Na, und dann kommt wieder alles hoch, ich kann mich erinnern, wie wir uns nachmittags getroffen haben, aber im Morgengrauen noch immer beisammen saßen.
Der Austausch der Kindheitserinnerungen wollte nie enden, muss schon was dran sein, warum wir so in den Jugenderlebnissen schwelgten.
In den Nachkriegsjahren geboren und aufgewachsen in einer ländlichen Idylle, einem Dorf mit vorwiegend bäuerlicher Struktur, ohne Luxus aber mit einer guten Portion Achtung vor Mensch, Tier und Umwelt.
Tja, so wurden wir erzogen. Zur damaligen Zeit hatte doch keiner wirklich etwas, gerade soviel zum Überleben, dazu reichte es.
Aber vielleicht war gerade dieser Umstand als "Geheimnis" zu bezeichnen, dass wir Kinder im Dorf so unbekümmert heranwuchsen.
Für die Elternteile war es natürlich ein mühevoller Alltag, von früh bis spät auf den Beinen, am Feld oder im Stall, ständig wurde ihre Kraft benötigt.
Uns Kindern war aber der Tag auch nicht zu lang, zu viele Phantasien plagten uns. Laufend heckten wir neue Abenteuer aus - nicht immer zur Freude der Eltern. Fernsehen gab es zwar in schwarz/weiß, aber einen Fernseher hatte nur der Wirt und der Kaufmann.
Na ja, Mittwoch durften wir uns Fury oder Lassy anschauen, ansonsten waren wir auf Bücher angewiesen, um unsere Phantasie anzuregen.
Lederstrumpf war eines meiner Lieblingsbücher, auch Karl May mit Winnetou und Old Shatterhand, aber ein Tom Sawyer war schon irgendwie mein Vorbild.
Derart inspiriert kam ich auf die Idee, man könne doch auch eine "Mississippi Fahrt" unternehmen und auf Entdeckungsreise gehen.
Dazu muss man bemerken, es war Hochsommer und schwere Gewitter gingen auf unser kleines Dorf nieder. Sehr zur meiner Freude, denn der Bach schwoll immer mehr zu einen reißenden Fluss an.
Meinen besten Freund, den ich natürlich Huckleberry Finn nannte, erzählte ich von dem herrlichen Plan, er war sofort Feuer und Flamme, aber wo nahmen wir ein Boot her?
Und damit war unser Traum, Helden eines großen Abenteuers zu werden, vorerst ausgeträumt. Aber so schnell gibt sich ein Tom Sawyer nicht geschlagen. Kam ihm doch die Idee, man könne ja auch einen Sautrog als Entdeckungsschiff verwenden. Gesagt, getan. Heimlich schlichen wir in unseren Schuppen und schnappten uns den Sautrog und ab gings zum Mississippi. Inzwischen hatte sich unser toller Plan auch im Dorf herumgesprochen, natürlich nur unter den Dorfkindern, so dass wir mit einer entsprechenden Verabschiedung rechnen konnten.
Mit stolz geschwellter Brust und um ein wenig zu imponieren, waren ja auch Mädchen anwesend, trugen wir nun den Sautrog zum "Mississippi."
Paddel hatten wir ja keine, dachten aber, es müssten auch zwei Holzlatten für jeden zur Steuerung des Entdeckungsschiffes ausreichen.
Inzwischen war der Bach immer mehr zu einem bedrohlich wirkenden Fluss angeschwollen, sehr zur unserer Freude, dachten wir doch, wir könnten so bis ans Ende der Welt auf Entdeckungsreise gehen.
So vorsichtig wir unser "Boot" ins Wasser setzten, so plötzlich riss uns der "Mississippi" mit.
Wie eine starke Hand, die unsere Nacken fest umklammert hielt, unsere Augen weit aufsperren ließ, starrten wir in den reißenden Fluss, der uns mit enormer Wucht mitriss.
Wie mit einer Nussschale auf hoher See getrieben, begleitet von einem rasenden Herzschlag, kaum noch vernehmend die Abschiedsworte unserer am Land zurückgebliebenen Fangemeinde, so schaukelten wir am "Mississippi dahin. Unfähig und mit Angst erfüllt konnte wir den Sautrog in keinster Weise steuern - wir waren hilflos dem weiterem Schicksal auf Gedeih oder Verderb ausgeliefert. Wir klammerten uns an das Boot, lagen als saßen mehr darinnen, und ließen nun beinah ohnmächtig zusehend die Dinge auf uns zukommen. Irgendwie begann uns zu frösteln, der kühle Wind trug sein übriges dazu bei, der "Entdeckergeist" und das wahre Abenteuer suchend, verschwand immer mehr aus unseren Köpfen.
Wir fühlten uns wie in schweren Ketten gelegte Gefangene, obwohl wir uns freiwillig in dieses Abenteuer stürzten.
Beinahe zu frei. Wir wollten in unserem Boot aufstehen, konnten es aber nicht, wir hatten das Gefühl, als schwebten wir nur so dahin. Die Umgebung nahmen wir nur mehr schimmernd wahr, so fremdartig kam uns alles vor, wo war die Welt? Das war sie doch nicht, die wir kannten.
Den kleinen Bach, wo wir noch mit bloßen Händen Fische gefangen haben, sie anschließend bei einem kleinen Lagerfeuer gegrillt und mit Vergnügen verzehrt hatten, in der Genugtuung, dass uns niemand erwischt hat.
Schemenhaft erkannten wir Bäume und Sträucher, Stellen, wo wir unsere berühmten Indianerspiele veranstalteten, mit Marterpfahl und Trommelwirbel, jetzt war alles still, unheimlich still, obwohl der "Mississippi" beängstigende Geräusche von sich gab.
Und irgendwie, wie von fremder Hand gesteuert, gabs einen abrupten Ruck, und unser Entdeckungsschiff landete an einem riesig aus dem Fluss ragenden Baumstumpf.
Huckleberry Finn wurde bei dem Anprall aus dem Sautrog geschleudert und landete Gott sei Dank am Ufer, mich rettete die Seitenwand des Troges, mit ein paar eingehandelten Blessuren sprang ich elegant vom "Mississippidampfer". Als meine nackten Füße den Boden berührten, fing ich augenblicklich zum schwanken an, das ungewöhnliche Ende der Entdeckungsreise schien nicht spurlos an meiner Psyche vorübergegangen zu sein. Der Raum um mich taumelte mehr und mehr, kurz bevor ich fiel, setzte ich mich auf den Boden, das Gefühl von einen festen Untergrund beruhigte mich dann doch wieder.
Der Raum hörte plötzlich auf zu vibrieren und zu pulsieren.
Zum ersten Mal sah ich mich um.
Der regenverhangene Himmel warf nur ein schwaches Licht ans Flussufer des "Mississippis", ich konnte auch erkennen, wo wir uns befanden.
Auch Huckleberry Finn erholte sich langsam von den Strapazen dieser abenteuerlichen Tour, es schien, er konnte sich auch erinnern, an Vertrautes, also so weit, wie ans Ende der Welt, dürfte unsere Reise dann doch nicht gegangen sein.
In unseren Gedanken versunken, war doch unser großer Traum so kläglich gescheitert, saßen wir nun da. Der Mississippidampfer war so ramponiert, dass er seine Aufgabe als "Sautrog" in seinem Leben nie wieder erfüllen wird können. Bei diesem Gedanken war mir wieder schwindlig zumute.
Man muss den "Mississippidampfer" einfach verschwinden lassen, so konnten wir den Sautrog nicht mehr in die Scheune zurückbringen.
So halfen wir bei der Versenkung des Sautroges kräftig mit, Bruchstücke aus Holz flogen umher, bis er letztlich völlig unseren Blicken entschwunden war. Man erschrak doch bei diesem Anblick, was werde man zu Hause erzählen, wenn es den Sautrog auf einmal nicht mehr gibt.
Werden die zurückgebliebenen Dorfkinder ihr Geheimnis für sich behalten, oder weiß es jetzt schon das ganze Dorf? Diese Gedanken plagten mich.
Die Welt hatte sich doch nicht verändert, alles ist noch immer gleich, uns ist Gott sei Dank kein Unheil zugestoßen, bloß gab es jetzt keinen Sautrog mehr.
Irgendwie fiel ich dann doch wieder ins Bodenlose, die Welt hat sich wieder nicht verändert, so voller Optimismus hatten wir die Reise angetreten.
Man spürt nun wieder die Kälte überall durch den Körper ziehen, die Enttäuschung, die große Welt nicht entdeckt zu haben, dazu der Sautrog weg, war wohl dann doch für eine Kinderseele zu viel.
Plötzlich tat sich ein Schatten vor uns auf und wir starrten in Verwunderung gen Himmel. Wir schwiegen verdattert für ein paar Augenblicke, als der Schatten sich in eine Silhouette verwandelte und in Folge man deutlich die Umrisse einiger unserer Dorfbewohner erkennen konnte.
Ein aufgeregtes Gemurmel, kaum ein Lachen zu erkennen, drang an unser Ohr.
"Da sind ja die Helden, wollten die große Welt entdecken und sitzen jetzt da wie ein Haufen Elend."
Das waren eines der schönsten Worte die mir je zu Ohren gekommen sind, obwohl die Welt wieder um uns zu versinken drohte, wussten die doch, dass der Sautrog im "Eimer" war.
Niemand von den Dorfbewohnern ergötzte sich an unseren vor Schreck weit aufgerissenen Augen, jeder war froh, dass wir heil aus dem Abenteuer rauskamen, und ein neuer Sautrog wird sich auch wieder finden lassen.
Solche unbekümmerte Kindheitserlebnisse, sie sind in der heutigen Zeit rar geworden, wenn ich davon meinen Kindern und Enkelkindern erzähle, dann ernte ich nur unglaubliches Staunen, es erweckt den Eindruck, ich komme von einem anderen Stern.
Und jetzt stelle ich mir die Frage: Warum ist die Jugend von "Heute" oftmals schon mit 15 Jahren so leer und ausgebrannt - warum raubt man ihnen die Kindheit?
Es wird soviel über die Erwachsenenwelt diskutiert und geschrieben - warum nimmt sich keiner unserer Kinder an???



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Eingereicht am 04. Februar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.