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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Kein Tag wie jeder andere

Kathrin Griesbach


Es dämmert, ich höre die Stimmen aus dem Kinderzimmer, ich drehe mich noch einmal auf die andere Seite, atme tief durch und denke: "Wie werde ich diesen Tag überstehen?"
Steffi kommt aus dem Kinderzimmer gelaufen, kriecht unter meine Decke, kuschelt sich an mich und fragt … "Mutti wann gibt es Frühstück?"
"Wie kann ich einem fünfjährigen Mädchen erklären, dass ich gar nicht in der Lage bin aufzustehen"?!
Aber diese Gedanken sind ganz schnell verflogen, da Andre und Sophie auch schon im Anmarsch sind! Alle vier tollen wir noch in meinem großen Bett, bis es nun doch Zeit ist. Ich gehe in die Küche und bereite das Frühstück vor, im Badezimmer ist lautes Gebrüll, Andre hält seine beiden Geschwister mit einem riesigem Wasserstrahl in Schach, was ihm sichtlich viel Freude bereitet, bis es an der Wohnungstür klingelt.
Ich stehe erschrocken in der Küche … "Oh, nicht schon wieder die Nachbarn … wo es kleine Kinder gibt, sind die …nicht belastbaren und eigene Jugend vergessenen Nachbarn nicht weit!"
Ich ziehe mir schnell einen Morgenmantel über, schicke die Kinder ins Zimmer zum Anziehen und öffne mit einem ungutem Gefühl die Tür.
Gott sei Dank, meine Schwester! Hätte ich aber in diesem Moment nur geahnt, was sie auf dem Herzen hat, hätte ich mich doch lieber mit den Nachbarn auseinandergesetzt.
"...Hallo Simone, was treibt dich denn so früh zu mir?"
"…Ich wollte mal sehen wie es dir geht"
Sie wusste, dass ich sehr krank war!
Ich hatte gerade eine schwere Lungenentzündung überstanden, Andre hatte mit seinen elf Jahren, den Drei-Weiber-Haushalt in die Hand genommen und sich rührend um mich und seine beiden Geschwister gekümmert. Er wollte nicht, dass die beiden Mädchen zur Verwandtschaft gebracht werden!
Ich schaue Simone an und sehe, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung ist,… "so früh schon unterwegs? ...Hast du denn schon gefrühstückt?"
Ich bekomme nur ein kurzes gequältes "Nein!"
"…dann setz dich, ich hohle noch ein Gedeck!"
Auf dem Weg in die Küche kommt mir Sophie entgegen, sie ist gerade drei Jahre alt!
In Unterwäsche steht sie vor mir, irgendwie alles ein bisschen falsch herum, mit einem Pullover kämpfend, will sie, dass ich ihr helfe. Ich muss lachen, es sieht so ulkig und unbeholfen aus! Ich nehme sie auf den Arm und drücke sie sanft an mich, ein warmes liebliches Gefühl mit etwas Herzklopfen geht durch meinen Körper,… "wie ich sie Liebe, alle drei!" Ich halte sie noch einen Augenblick, dann stelle ich sie wieder auf ihre kleinen Füße.
"…Kinder kommt ihr bitte Frühstücken! …habt ihr Simone schon begrüßt?"
"… Nein" kommt aus dem Kinderzimmer und schon rennen alle drei ins Wohnzimmer, Sophie klettert auf Simone, Stephanie schaltet das Radio ein und tanzt, was ihre Lieblingsbeschäftigung ist, Andre steht neben mir und möchte unbedingt nach dem Frühstück zu seinen Freunden. Es sind Ferien und wir haben für alles etwas Zeit!
"…jetzt aber an den Tisch, sonst kommen wir nie zum Essen!"
Wir sitzen am Tisch und ich frage Simone was sie trinken möchte, dabei sehe ich ihr ins Gesicht und wieder fällt mir auf, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung ist.
"…möchtest du Kaffee?"
Kaffee ist etwas, worauf ich morgens nie verzichten kann!
Sie verneint, steht auf und geht hinaus!
Als sie zurückkommt, wischt sie sich Tränen aus dem Gesicht und hält eine Zeitung in der Hand.
Ich gebe beiden Mädchen ein mit Marmelade belegtes Brötchen in die Hand, damit sie ihre kleinen Schnuten halten.
"… Was ist passiert?", frag ich Simone
"… Ich weiß nicht", sagt sie mit gequälter Stimme, "…vielleicht essen wir erst einmal!"
Sie legt die Zeitung auf den Stuhl und setzt sich darauf. Langsam schneidet sie sich ein Brötchen auf und belegt es mit Butter und Wurst.
Simone hat auch drei Kinder, ist sieben Jahre jünger als ich, eine kleine korpulente Person mit einem sehr stark ausgeprägten Mutterinstinkt und Gluckenverhalten, sie neigt dazu alles zu dramatisieren. Doch dieses Mal, sollte ich mich geirrt haben!
Ich frage sie noch einmal "… ist etwas mit den Kindern?" Sie winkt mit einer kurzen Handbewegung ab.
Ich merke, dass sie nicht im Beisein der Kinder darüber sprechen will.
"… wie geht es dir eigentlich?", fragt sie mich.
"… ich glaube ich habe das Schlimmste überstanden, mir ging es in der letzten Woche sehr schlecht! … Andre musste zweimal die Ärztin holen, mir ist heute Morgen das Aufstehen noch sehr schwer gefallen! Du weißt ja selber wie es ist, nach so einer Krankheit wieder auf die Beine zu kommen, die Kinder geben mir viel Kraft!"
"…hat sich Janosch mal gemeldet?"
Ich lache ihr, wohl eher etwas traurig, ins Gesicht.
"…er hat eine Neue, hat sich dafür entschuldigt und wünscht mir mit den Kindern noch viel Glück!"
"…mein Gott, was läuft da nur immer schief bei dir, ihr habt euch doch so lieb gehabt und mit den Kindern kam er doch auch gut klar?!"
"…die neue hat keine Kinder, da ist es doch einfacher, seine Träume zu verwirklichen!"
Während wir so reden, fällt Andre ein Glas Milch aus der Hand und alles läuft quer über den Tisch, Sophie tapst mit ihren kleinen Fingern im Marmeladenbrötchen herum.
Ich war wirklich mit meinen Gedanken einen Moment lang, in meiner verflossenen Beziehung abgetaucht.
Wir waren ein Jahr zusammen, das Öffnen der Grenzen hat ihn in die alten Bundesländer getrieben, wie so viele in dieser Zeit!
Ich spüre wieder, wie sehr ich ihn vermisse, die Traurigkeit und Enttäuschung.
Die Katastrophe am Tisch reißt mich aus den Gedanken, ich springe sofort auf und lauf in die Küche um ein Tuch zu hohlen, Simone bringt Sophie ins Badezimmer um sie zu waschen.
Andre hilft mir beim Abräumen, als Steffi mit der Zeitung unter dem Tisch hervor kommt, wir hatten es nicht bemerkt, dass sie darunter verschwunden war!
"… da ist Tante Regina!", rief sie
Ich blieb wie vom Blitz getroffen am Tisch stehen, …meine, unsere Schwester ganz groß auf der Titelseite einer Tageszeitung.
- Familiendrama -
"Mutter (38) versucht während eines Streites, Tochter (16 ) mit Messer zu töten"
Ein Bild von Ihr und der blutverschmierten Küche!
Einige Sekunden war es totenstill in der ganzen Wohnung, als hätten auch die Kinder sofort begriffen, dass etwas Schlimmes passiert ist.
Simone stand weinend in der Wohnzimmertür und rutschte in sich zusammen, ich sprang zu ihr, um sie zu halten und schieb sie auf den Sessel, der neben der Tür steht!
Ich setze mich auf einen Stuhl, tausend Bilder gehen mir durch den Kopf, die Gefühle die mich dabei begleiten, kann ich nicht in Worte fassen. Immer wieder schaue ich auf das Titelblatt und schüttle den Kopf, es ist unfassbar!
"…Was ist passiert?"
"…Wir müssen zur Polizei!"
Nach einigen Minuten der Stille fragt mich Andre, ob er den trotzdem zu seinen Freunden darf.
"… ja, natürlich kannst du gehen, ich werde die beiden Mädchen in den Kindergarten bringen und dann zur Polizei fahren!"
"…Simone kannst du mir helfen?"
Sie sitzt immer noch zusammengesunken und schluchzend im Sessel und rührt sich nicht.
Ich nehme sie an der Schulter und schüttle sie leicht,
"…bitte, es bringt uns nichts, wenn wir hier sitzen bleiben, wir müssen etwas tun! …hilf mir die Kinder anzuziehen, ich bringe sie in den Kindergarten, dann fahren wir zur Polizei!"
Regina hat zwei Töchter, Daniela 16 und Carmen 8. Der Umgang zwischen ihnen war wenig harmonisch, immer wieder kommt es zu Streitereien, was mich davon abgehalten hat einen engeren Kontakt zu halten, aber dass es eines Tages so eskaliert … nein, unvorstellbar!
Bei der Polizei angekommen, erfahren wir nur wenig über die Dinge die passiert sind, wichtig ist für uns erst einmal zu wissen, wo die beiden Mädchen sich befinden und wie es ihnen geht!
Carmen hat man zu einem Kindernotdienst gebracht und Daniela lag schwer verletzt in der Klinik.
Die Polizei setzt sich mit dem zuständigen Jugendamt in Verbindung, damit wir Carmen aus dem Heim abholen können.
Es dauert ca. zwei Stunden bevor uns das Jugendamt eine Auskunft erteilt, …wir müssen erst überprüft werden, in welchem Verwandtschaftsverhältnis wir zu ihr stehen.
Simone und ich sprachen kaum miteinander, eigentlich hatten wir beide Angst, keiner wusste so richtig was noch auf uns zu kommt.
Ein Polizist holte uns noch einmal in einen Raum, um ein Protokoll auf zu nehmen.
Einige Stunden, so kam es mir vor, sind vergangen bis wir in dem Kinderheim ankommen, vor uns steht ein kleines ängstliches und verstörtes Mädchen.
Die Betreuerin erzählt uns, dass Carmen den ganzen Tag nichts gegessen und auch kein Wort gesprochen hat!
Simone hielt sie ganz fest im Arm, ich packte die zwei drei Sachen ein, die die Polizei ihr in der Nacht mitgegeben hat, die Situation war so bedrückend… ich will nicht weinen, ich muss stark sein, stark für dieses Kind und stark für meine eigenen.
…Ich spürte sie wieder, alle drei, ich liebe sie…
…Ich werde ihnen ein Kind mit nach Hause bringen, was genau so viel Liebe verdient hat…und sie wird sie bekommen!
Stillschweigend verlassen wir das Heim und gehen zum Auto, wir setzen uns hinein, es dauert einige Sekunden bevor mich Simone erschöpft fragt: "…Was nun?"
"…fahr uns bitte nach Hause, Andre wird schon auf mich warten, er sollte die beiden Mädchen aus dem Kindergarten abholen, wenn ich nicht bis 17.00 Uhr zu Hause bin, es ist bereits 19.00 Uhr und er wird sich Gedanken machen!"
"…ich werde heute Abend noch, wegen Daniela, in der Klink anrufen damit wir morgen nicht wieder so viel Zeit vergeuden!"
Vor dem Haus angekommen, stieg ich mit Carmen aus und lauf noch einmal um das Auto, öffnete die Fahrertür und nehme Simone in den Arm "…mach dir bitte nicht mehr so viel Gedanken, wir werden morgen sehen, was wir noch tun können, fahre bitte vorsichtig nach Hause und ruf mich morgen früh an!"
Schon im Treppenhaus hörte ich das Geschrei aus der Wohnung, Andre ärgert wieder seine beiden Geschwister, es war fast wie am Morgen, nur dass sich mein Leben auf einen Schlag verändert hat, aus drei Kindern sind vier geworden und meine zukünftige Aufgabe war es, dieses verstörte und ängstliche Kind wieder etwas glücklich zu machen!
Die vier liegen im Bett, ich zieh die Kinderzimmertür hinter mir zu und gehe ins Wohnzimmer und lasse mich langsam auf das Sofa nieder, jetzt konnte ich weinen…jetzt konnte ich schwach sein!
Nein, es war kein Tag wie jeder andere!



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Eingereicht am 17. Februar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.